Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

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  • Angelika
    Forum-Teilnehmer
    • 24.01.2011
    • 49

    #76
    AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

    Hallo Christa

    Schön deine Geschichte hier zulesen,so bringst du mir die Heimat meines Vaters und seiner Familie wieder ein stückchen näher.Man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen,da für uns alles so selbstverständlich geworden ist.Freue mich auf weitere,du schreibst so schön!

    Liebe Grüße, Angelika

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    • Hansgeorg Bark
      Forum-Teilnehmer
      • 22.10.2009
      • 61

      #77
      AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

      Danke Christa fuer diesen Beitrag.Danzig wurde bevor 19/39 durch den Zoll ,die Luft abgedrickt Gruss Hansgeorg und Hannelore

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      • buddhaah
        Forum-Teilnehmer
        • 08.09.2010
        • 275

        #78
        AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

        Es würde mich interessierem, wie restriktiv (falls überhaupt) die Politik des polnischen Zolls gegenüber Danzig (zu Freistadtzeiten war).

        Gruss,

        Michael

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        • H.Kulling
          Forum-Teilnehmer
          • 21.05.2010
          • 8

          #79
          AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

          Hallo Hans Georg. Ich kenne Lauental nicht, aber meine Cousine Irene Kitek geb. Senger.
          Durch ihre Bekannte die in Danzig wohnt, wird sie veranlassen, herzliche Grüße an Lauental
          von Dir und Frau auszurichten.

          Da Du sehr mit Lauental verbunden bist, möchte ich Dir das Buch meiner Cousine
          empfehlen. Sie schreibt von ihrer Familie, von Lauental, Danzig und Umgebung.

          Titel:
          "Ruf des Herzens-Tränen der Sehnsucht
          Chronik der Familie Kulling und Kowalewski
          aus Danzig-Westpreußen"
          von Irene Kitek

          Bestellen kannst Du unter Weltbild.de, Amazon,de und allen anderen Anbietern im Internet.
          Auch mein Großvater Hermann Julius Kulling und Frau aus Danzig-Brösen / Kurhausbesitzer,
          in Danzig-Brösen sind in dem Buch aufgeführt. Ich bin überzeugt, dass Du und Deine Frau
          die Kullingstraße gekannt hattet. Wenn Du Lust hast, schau vorbei auf meine Homepage
          www.h-kulling repage 7

          Herzliche Grüße, auch von meiner Cousine
          H. Kulling
          Herzlichen Gruß
          Hermann Kulling

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          • Rudolf
            Forum-Teilnehmer
            • 22.06.2008
            • 335

            #80
            AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

            Hallo Christa ,
            habe Deinen Beitrag mit großem Interesse gelesen . In unserer Familie sah es sehr ähnlich aus wie bei Euch . Meine Eltern heirateten 1925 . Vater entstammte einer Danziger Familie mit 8 Kindern und Mutter kam aus einer langeingesessenen Heubuder Familie mit 4 Kindern .
            Wir waren zu Hause 3 Kinder und wohnten in einem hölzernen Mehrfamilienhaus (insgesamt 5 Wohnparteien ) in der Dammstraße 28b . Es gab Außen-Klos für alle und eine Pumpe auf dem Grundstück zur Wasserversorgung . Mein Vater - Klempner von Beruf - war auch öfter arbeitslos und so mußte die Mutter oft die Familie ernähren , meist mit Waschen in Heubuder Hotels und Pensionen - natürlich wie damals normal - in Waschzubern von Hand und das in zugigen und naßkalten Waschküchen , was ihr später große gesundheitliche Probleme einbrachte . Ich erinnere mich , daß meine Eltern auch von zeitweiser Arbeitslosenunterstützung sprachen . Diese war zeitlich sehr begrenzt und in der Höhe sehr knapp . Sie wurde auch nur gezahlt , wenn der Empfänger bestimmte Arbeiten im allgemeinen Interesse durchführte . So mußte mein Vater z.B. im Sommer früh um 03.30 Uhr am Strand erscheinen , um mit anderen den Strand zu säubern . Wer nicht oder zu spät erschien , dem wurde die Unterstützung gestrichen . Auch war mein Vater in der Freistaatzeit einmal für einige Monate in Deutschland zur Arbeit , ich glaube es war beim Bau der Autobahn . 1938 oder 1939 bekam er eine Festanstellung als Hausmeister und damit besserte sich unsere Lage . Mir ist es bis heute ein Rätsel , wie meine Eltern das alles so fertig brachten , um unter diesen sehr schwierigen Verhältnissen uns Kinder immer ordentlich zu ernähren und zu kleiden und auch vernünftig zu erziehen .
            Natürlich mußten wir auch Pflichten übernehmen . Eine , an der ich besonders gern teilnahm . war im Herbst und Frühjahr nach Stürmen das Einsammeln von Steinkohle am Heubuder Strand , denn auch dies trug wesentlich zur Entlastung der Haushaltskasse bei . Diese Kohlen waren durch Wasser und Wellen völlig blank poliert . Wir zogen dann mit Handwagen und Säcken an den Strand und sammelten die angespülten Kohlen ein . Diese Kohlen stammten aus der damals noch nicht lange zurückliegenden Zeit , als die Schiffe mit Kohlefeuerung betrieben wurden . Bevor die Versorgung der Schiffe im Danziger Hafen wieder mit neuer Kohle erfolgte , hatte man die fast leeren Kohlebunker auf den Schiffen zumeist auf See - d.h. in der Danziger Bucht - von den Restbeständen befreit , diese wurden einfach über Bord entsorgt .
            In der Schule wurde ich nicht gemobbt , obwohl ich gute schulische Leistungen erzielte . Das lag vermutlich daran , daß die Wohn- und Lebensverhältnisse bei meinen Schulkameraden gleich oder ähnlich waren und so kaum Veranlassung zum Mobbing bestand .
            Auf jeden Fall war das Leben in "der guten alten Zeit" nicht immer gut und schon garnicht einfach , sondern für viele der damaligen Generationen von schwerer und harter Arbeit geprägt .
            Alle einen freundlichen Gruß vom Heubuder Rudi

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            • Christkind
              Forum-Teilnehmer
              • 10.02.2008
              • 1568

              #81
              AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

              Rudi, unsere Lebensgeschichten werden wohl selten in schlauen Büchern stehen, die sind einfach zu normal. Und trotzdem, wer sich für das Leben in Danzig interessiert, der muss dies auch erfahren, nicht nur die hohe Politik.
              Michael,wie genau die Repressalien sich bemerkbar machten, weiß ich nicht, darüber gibt es sicher einige, die Auskunft geben könnten.Zumindest, wie Hansgeorg es ausdrückte,es war wie eine Klammer um Danzig.Ende der Dreißiger war es, dass mein Vater an der Zollstation Renneberg Dienst tat. Hier kamen dann die katholischen Polen,Bauern auf ihren Pferdewagen, die in die Kirche in Oliva wollten, und mein Vater drückte ein Auge zu. Als Dank gab es dann ein Stück Butter oder Eier.War so die Einstellung meines Vaters, Beten muss erlaubt sein.Geholfen hat es außerdem.
              Beim Simmelieren kommt noch so manches Erlebnis wieder an die Oberfläche. So die Tauben meines Bruders. Überhaupt müssen wohl alle Danziger Lorbasse Tauben gehabt haben. Die wurden auf dem Dachboden gehalten.Ab und an kroch ich auch mal in die Dachkammer.Ein Geflatter, Staub und Dreck!Kann ja auch sein, dass es nur eine besondere Auszeichnung war, wenn ich das durfte.Zumindest bekam ich dann mit, was die Bengels für Kunststückchen vollbrachten. Der Boden hatte zwei nebeneinander stehende Fenster zum Hof hin.Nun kletterte der eine Bruder aus dem einen Fenster raus und in das andere Fenster wieder rein.Das war so schaurig schön anzusehen.Mir wurde eingebläut, ja nichts der Mama zu erzählen.Tat ich auch nicht. Irgendwann musste mein Bruder mit den Defferts umziehen, weil der Hausbesitzer sich über den Dreck beschwerte. Danach hielt er die Tauben am Renneberg bei den Freunden meiner Eltern.Hier war dann "seine "Welt, mit Tauben und Karnickel.-

              Noch eine Erinnerung an Danzig: Ich gehe in einen Laden in dem Ort, in den wir eingewiesen waren nach unserer Ausweisung.Alles fremd, alles ungewohnt.Am Fenster hängt eine Gardine, ich gucke und staune und rufe laut: "So ein Kleid hatte meine Schwester zu Hause."
              Ja, ich sehe es noch vor mir, blaue Blümchen auf weißem Stoff.
              Zu Hause.... Es war so weit weg.Und am Fenster hängt die Erinnerung.
              _____
              Schöne Grüße, Christa
              Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
              (M. Gandhi)

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              • jonny810
                Forum-Teilnehmer
                • 10.02.2008
                • 2423

                #82
                AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                Hallo Michael (Wenzkauer) und an alle, die es interessiert.

                Du fragst, wie es auf dem Land zuging. Dazu kann ich folgendes sagen, obwohl ich ja ein "Echter - Recht - Städter" bin.

                Im Herbst 1943 hiess es plötzlich Koffer packen, wir werden evakuiert. Es würde in der Stadt zu gefährlich werden. Wir hatten ja den Krieg-Zustand. Der Vater war 1941 von unserem "Neuen Führer" an seine Pflichten erinnert. Man versuchte aus ihm einen deutschen Soldaten und Heimat-Verteidiger zu machen.
                Das gelang mehr schlecht als recht. Denn er war schon im 41.ten Lebensjahr. Es langte nur zum Wach-Soldaten.

                Für meine Mutter bedeutete das jedenfalls, alles selbst zu regeln und zu organisieren. Irgendwie gelangten wir jedenfalls per Bahn, nach NEUTEICH. Mutter mit 4 Söhnen.

                Am Bahnhof wurden wir von Bruno Bergmann, einem Groß-Bauern aus Neuteich - Abbau fast wortlos in Empfang genommen.
                Unser Gepäck wurde, genau wie wir auf einem Pferdewagen verfrachtet und ab ging die Post, aufs Land.
                Für uns Jungen aus der Stadt natürlich ein tolles Erlebnis. Das erste mal, schwitzende Pferde zu riechen. Sie hatten es auch nicht leicht, denn, nach dem wir aus der Stadt waren, gab es nur noch einen nassen Feldweg mit schwerem Boden.
                Rechts und links von alten Weiden-Bäumen gesäumt. Über diese Bäume werde ich noch etwas zu sagen haben.

                Ich schätze, es waren etwas mehr als 2 Km. Dann gelangten wir zum Bauernhof. Ich muss sagen, es hatte schon besser gerochen, als dort.
                Wir Jungen inspizierten als Erstes natürlich das Gehöft, mit all seinen Einrichtungen.
                Da gab es z.B. eine Schmiede. Da wurden die ca. 50 Arbeits-Pferde beschlagen und auch das Gerät repariert.
                Dann sahen wir die Hof-Eigene Stellmacherei. Die Sattlerei mit all den interessanten Geschirren und Werkzeugen. Man kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

                Uns fiel auf, dass all das, was mit Pferden zu tun hatte, von englischen Kriegsgefangenen erledigt wurde. Ebenso die Schmiede. Der Sattler war ein deutscher.
                Für die Rindviecher und die Schweine waren es die polnischen und russischen Gefangenen.
                Um die Sicherheit der Hofbesitzer zu gewährleisten, befand sich ein deutscher, bewaffneter Soldat auf dem Hof. Der hatte sein Zimmer auf der gleichen Etage, wir das Bauern-Ehepaar.
                Na und dann kam der erste Schultag.
                Wir Prenter mussten jeden Morgen nach Neuteich. Aber per Pedes. Bis wir in der Stadt waren, hatten wir nasse-kalte Füsse in den aufgeweichten Schuhen.
                Und dann waren da noch diese oben erwähnten Bäume, vor denen man im Morgen-Nebel natürlich grossen Respekt, um nicht zu sagen Angst hatte. Für die Angst haben die grösseren Brüder gesorgt.
                Man sagte nämlich, da könnten Geister hinter stehen. Wie viele Tode ich anfänglich gestorben bin, weiss ich nicht mehr. Ich war damals, Erst-Klässler, wie man heute sagt.

                In der Schule war alles ok. am Anfang jedenfalls. Nachdem man ausgefragt war, ging das Mobbing los.
                Neuteich war eine Stadt und ich kam jetzt vom Bauernhof. Schlimm kann ich euch sagen, was man da so mitmacht.

                Dann kam der beschwerliche Heimweg. Wieder durch die alte Matsche.
                Nach dem Mittag Schularbeiten erledigen, und ruck-zuck war es dunkel. TV oder Radio wie heute, Fehlanzeige. Es wurden Lieder mit der Mutter und den Brüdern gesungen, oder Karten gespielt. Leider war es Spätherbst und dem entsprechend früh dunkel.
                Zu zweit in einem Bett. Anders ging das nicht. Erstens war nicht mehr Platz und zweitens wärmte man sich gegenseitig.
                So vergingen die Monate. Im Frühjahr wurde dann in der INST-KATE eine Wohnung frei. Schon wieder mal ein Umzug. Zwar nur ca. 200 Meter weit, aber wieder etwas Anderes.
                Nun hatten wir die Kleinbahn in der Nähe des Hauses. Diese hatte die Aufgabe, in der Erntezeit den Ertrag zum Bahnhof- Neuteich zu transportieren. Gäbe es die nur morgens !!!

                Bis dahin hatten wir noch nie einen, oder mehrere Waggons voller Mohrrüben oder Kartoffeln gesehen. Nun lagen wir darauf und fuhren unbemerkt vom Lok-Führer ein Stück mit. Ebenso Raps. Waggonweise? unvorstellbar. Oder auch Schlachtvieh. Was das alles zu Sehen gab, auf dem Land.
                Vielleicht wollte er uns auch nicht gesehen haben. Gott hab ihn selig.

                Wer nun glaubt es ging uns auf dem Land gut, den muss ich enttäuschen. Wenn wir als Bengels nicht ein paar mal geruschelt hätten, müssten wir nur von den zugeteilten Rationen leben. Die Mutter musste bis zur Stadt. Ebenfalls zu fuss. Petroleum nicht vergessen...

                Anstatt am Schalter knipsen, wie heute, wurde erst einmal der Zylinder der Petroleumlampe geputzt. Wehe der geht kaputt, dann.... usw.
                Danach wurde das stinkende Ding von Lampe befüllt und so roch es herrlich nach Petroleum, was denn sonst. Da kam der Duft der Bratkartoffeln nicht gegen an.

                Es gibt sicher nicht mehr viele von euch, die Bratkartoffeln anstatt mit Fett, mit schwarzem Kaffee gebraten haben. Heute lässt man den Italiener kommen, oder so.
                Vor allem schimpfen, wie schlecht es sich in Deutschland leben lässt. Ihr Ahnungslosen, möchte man da sagen. Ich tu es aber nicht. Soll jeder seine eigenen Erfahrungen machen.

                Irgend wann hiess es dann, Klamotten packen, wir müssen zurück nach Danzig. Auf dem Lande ist es zu gefährlich. Die Russen rücken näher.

                Dort haben wir dann einige Wochen nur noch im Bunker verbracht. Dort wo heute das Hevelius steht, war einmal die Baumgartsche Gasse - Ecke Pfefferstadt.
                Da befand sich unser Bunker. 2 Etagen unter der Erde sassen wir auf Hockern oder auf der Erde. Bis uns dann die eingepumpten Rauchschwaden zwangen, den Bunker über Sprossen in der Wand eines Not-Schachtes zu verlassen. Die Bunker-Treppe gibt es übrigens heute noch.
                Ich hoffe, es war für viele etwas dabei.
                Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                "Nec Temere - Nec Timide"
                Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                Kommentar

                • Rahmenbauer14, + 1.11.2021
                  Forum-Teilnehmer
                  • 01.01.2009
                  • 1434

                  #83
                  AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                  Vielen, vielen Dank Christa und Erhart für eure Erlebnisse.
                  Ich, mit meinen max. 5 Jahren, kann mich fast an nichts erinnern.
                  Nur der Geruch von verbrannten Häusern kommt mir manchmal
                  in die Nase.

                  Herzliche Grüße
                  Rainer
                  "In einem freien Staat kann jederman denken,
                  was er will, und sagen, was er denkt"
                  (Spinoza)

                  Kommentar

                  • buddhaah
                    Forum-Teilnehmer
                    • 08.09.2010
                    • 275

                    #84
                    AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                    Erhart: wow. Da bin ich nun wohl etwas baff...

                    Gruss,

                    Michael

                    Kommentar

                    • jonny810
                      Forum-Teilnehmer
                      • 10.02.2008
                      • 2423

                      #85
                      AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                      Michael, was macht dich baff?

                      Machst mich neugierig.
                      Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                      "Nec Temere - Nec Timide"
                      Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                      Kommentar

                      • wenzkauer
                        Forum-Teilnehmer
                        • 26.10.2008
                        • 203

                        #86
                        AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                        Danke Christa, Erhart und Rudi !
                        Wenn doch meine Eltern und Großeltern so erzählt hätten, müßten wir "Nachgeborenen" euch nicht fragen.
                        Bitte schreibt mehr aus dem ganz normalen Leben dieser Zeit. Wenn es auch schwer fällt, wir sind nun mal die einzigen, die es weitertragen können.
                        Meine Kinder fragen schon, Papa wo kommt dein Name her. Ich brauche auch darauf antworten und kann auf eure Erzählungen zurückgreifen.
                        Viele Grüße Michael Wenzkauer

                        Kommentar

                        • Christkind
                          Forum-Teilnehmer
                          • 10.02.2008
                          • 1568

                          #87
                          AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                          Ist doch schön, wenn deine Kinder fragen, Michael.
                          Als ich diese Woche mit meinem Mann beim Arzt war, fiel ihm der Name der Assistentin ins Auge. - ski. Wo kommen Sie denn her? - Irgendwo aus Polen sind meine Großeltern gekommen.ABER! Es waren Deutsche! Soso, aus Polen. Mein Mann sagte darauf: Ich bin aus Schlesien.Ach, ja, jetzt fällt mir der Name wieder ein,die waren auch aus Schlesien.-
                          Wenn nicht gefragt wird,ist auch selten Bereitschaft da, sich die Zeit zu nehmen, um Erinnerungen aufzuschreiben.
                          Gestern blieben meine Gedanken am Fensterkreuz im Taubenschlag und an der Gardinenstange hängen.
                          Erhart brachte mich wieder in eine andere Richtung.
                          Erhart, du schriebst von eurer zeitweisen Evakuierung aus dem unsicheren Danzig.
                          Ich habe eine Ansichtskarte, die meine Schwester von Danzig an meinen Onkel nach Duisburg schickte.Die Tante und Kusine waren bei uns zu Besuch. Vorn der Giebel der Trinitatiskirche. Meine Schwester schrieb:
                          Danzig, d. 7.7. 43
                          Lieber Onkel Johann!
                          Muß Dir doch auch ein paar Zeilen schreiben.Wir haben hier wunderbares Wetter. Jeden Tag sind wir wo anders.Na ja, die 14 Tage sind bald um.Wie geht es Dir.Natürlich prima.Also es grüßt Dich Deine Nichte Eva.
                          Meine Mutter fügte hinzu:
                          Lieber Bruder!
                          Wie fühlst Du Dich nun als Strohwitwer? Hoffentlich wirst Du gut fertig, denn wir wollen Franziska das halbe Jahr behalten, damit sie sich gut erholt. Hat der Tommy Euch jetzt in Ruhe gelassen? Es ist ja furchtbar, was Ihr dort habt, sag mal,willst Du auch nicht lieber nach hier her kommen? Wir würden uns sehr freuen.
                          Es grüßt Dich, lieber Bruder,Deine Schwester Lene,Erich und Kinder.
                          _____
                          Ja, das war also im Jahr 1943.Da fühlten sich wohl die Danziger noch sicherer als im übrigen Deutschland.
                          Schöne Grüße von Christa
                          Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                          (M. Gandhi)

                          Kommentar

                          • Rudolf
                            Forum-Teilnehmer
                            • 22.06.2008
                            • 335

                            #88
                            AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                            Hier noch eine kleine Ergänzung von mir aus meinen Aufzeichnungen über meine in Danzig erlebte Jugendzeit . Dies deshalb , weil sich am heutigen 1. April vor 66 Jahren für mich das Ende dieses verbrecherischen Krieges ergab .
                            " Am späten Nachmittag des 31. März erschienen in unserem Keller ( im Haus Dampfbootstraße 3 in Heubude ) einige Soldaten der Waffen-SS und forderten die Zivilisten auf , den Keller zu verlassen , weil das Haus wegen seiner Lage als Stützpunkt dienen sollte . Alle Zivilisten protestierten und die Soldaten zogen ab , stellten aber in der über dem Keller liegenden Wohnung der Fam. Bieschke ein Maschinengewehr auf , welches ab und zu feuerte .
                            Am Ostersonntag , dem 1. April , hörte man schon in den frühen Morgenstunden , daß in unmittelbarer Nähe des Hauses gekämpft wurde . Aus der über dem Keller liegenden Wohnung , die am Vortag als MG-Stützpunkt eingerichtet wurde , war jetzt ein ununterbrochenes Schießen aus dem Maschinengewehr zu hören . Mein Vater meinte , daß die Russen das Haus bestimmt unter Artilleriebeschuß nehmen werden . Hierzu kam es jedoch nicht , denn am frühen Vormittag hörte man laute deutsche Rufe und plötzlich verstummte das MG .
                            Nach wenigen Minuten kam dann vom Hintereingang des Hauses ein lautes "Doitsche rraus" . Mit bangen Gesichtern traten wir den Gang nach draußen an , zuerst mein Vater mit zwei Koffern in den Händen . Oben angekommen , hielt ihm ein junger Sowjetsoldat eine Maschinenpistole mit Trommelmagazin vor die Brust und sagte mit grinsendem Gesicht "Kamerad , wie spät ?" . Mein Vater hatte sofort die beiden Koffer fallengelassen und die Hände erhoben . Er wollte die Zeit seiner Armbanduhr sagen , doch blitzschnell war sie schon "Beutegut" . Danach wurde er abgetastet und ein verdächtiger Gegenstand aus seiner Manteltasche geholt , es war ein kleiner viereckiger Reisewecker . Dieser verschwand schnell im Rucksack des Russen und zwar mit einem gekonnten Wurf nach hinten . Diese Rucksäcke waren sehr merkwürdig geformt und sie bekamen später von uns den Spitznamen "Dawai-Beutel" , weil die Russen immer , wenn sie den Deutschen etwas abnahmen , zuvor "dawai" ( bedeutet "los" , aber auch "her damit" ) sagten . Auf der Rückseite des Hauses Dampfbootstraße 3 stand in geringem Abstand zum Haus ein langgezogener gemauerter Schuppen . Entlang dieses Schuppens standen mehrere sowjetische Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett , die uns Zivilisten fast belustigt beobachteten und ich glaube , daß alle wegen unserer ängstlichen Gesichter ein Grinsen oder Lächeln im Gesicht hatten . Mir fiel dabei auf , daß an ihren Mützen nicht rote Sterne befestigt waren - wie man es von den Propagandaplakaten kannte - sondern einfache Sterne aus Weißblech und zudem waren ihre Stiefel nicht aus Leder , sondern aus geteertem Segeltuch , was ich als Junge trotz der Situation als militärisch sehr unpassend fand .
                            Nach der ersten Abnahme von Schmuck und Wertsachen wurde uns bedeutet , daß wir in Richtung Danzig zu gehen haben . Wir gingen in Richtung Dammstraße , wo wir zunächst einmal halten mußten . Der Grund war eine große Gruppe von Sowjetsoldaten , die , bewaffnet mit Maschinenpistolen und aufgepflanztem Bajonett , zu beiden Seiten der Dammstraße vorsichtig , aber in zügigem Tempo , in Richtung des in östlicher Richtung weitergezogenen Kampfgebietes ging . Als wir dort standen , hörten wir auf deutsch nach einem Sanitäter rufen . Es kam von einem offenbar schwer verwundeten deutschen Soldaten , der neben dem Haus der Familie von Aschenraden ( Dammstraße 24 ) lag . Natürlich traute sich niemand von uns zu ihm hin , denn wir wurden aufmerksam von einigen Sowjetsoldaten beobachtet . Nach diesem Halt ging es weiter in Richtung Danzig-Troyl . Unterwegs mußten wir mehrmals halten und in Deckung gehen , sowohl weil deutsche Artillerie jetzt in Richtung Danzig schoß und die Granaten links und rechts des Weges meist in den Gärten einschlugen , aber auch , weil sowjetische Panzer und Artillerie in Richtung der nahen Frontlinie fuhren .
                            Vereinzelt sah man tote deutsche Soldaten auf der Straße und in den Gärten liegen . von toten sowjetischen Soldaten war jedoch nichts zu sehen . Jahre später erfuhr ich , daß in der Sowjetarmee unweit des Kampfgebietes eigene tote Soldaten sofort zu Sammelpunkten geschafft wurden ..... Auf der anderen Seite der Breitenbachbrücke - dem einzigen Übergang über die Weichsel - war gegenüber der Schule Althof die erste große Kontrollstelle . Alle ankommenden Deutschen wurden hier getrennt , Frauen und Kinder nach links , Männer nach rechts . Frauen und Kinder wurden hier eigentlich nur nach Schmuck und Wertgegnständen durchsucht . Männliche Personen etwa zwischen 14/15 und 60 Jahren wurden ohne Ausnahme festgehalten . Man hatte keine Möglichkeit mehr , sich zu verabschieden oder auch nur noch etwas auszutauschen. Meine Mutter und ich blieben einen Moment stehen und wollten meinem Vater zuwinken , aber er hatte keine Möglichkeit mehr , sich noch einmal umzudrehen . Wir konnten nur noch sehen , wie meinem Vater die beiden Koffer abgenommen wurden und von den Russen auf einen schon stark beladenen LKW gepackt wurden .
                            Es sollte mehr als 3 Jahre dauern , bis mein Vater wieder bei uns war ."
                            Auch dies gehört zu meiner Kindheit , wie für viele andere der noch lebenden "Erlebnisgeneration" .
                            Ich wünsche allen ein schönes Wochenende - Rudi

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                            • Angelika
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                              • 24.01.2011
                              • 49

                              #89
                              AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                              Hallo Michael

                              Dem kann ich nur zustimmen!

                              Viele Grüße Angelika

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                              • jonny810
                                Forum-Teilnehmer
                                • 10.02.2008
                                • 2423

                                #90
                                AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                                Drachen steigen lassen.

                                Vater baute mit uns einen Drachen. Das war nicht so unkompliziert wie heute. Meistens gehen die Jungen heute ins Geschäft, um so ein Gerät zu kaufen, oder es wird einer mit- bestellt, wenn etwas per Internet gekauft wird.

                                Vater Otto ging mit seinen Söhnen, auf die er ganz schön stolz war, ein paar Leisten kaufen. Haben wir nicht- kam die lakonische aber gewohnte Antwort des Verkäufers.
                                Das war dann schon eine grössere Aktion, bis das bisschen Holz, und die Rolle Bott, zur Verfügung stand. Pergament-Papier gab es nicht, also wurde Zeitung-Papier genommen.
                                Mit einem heissen Nagel aus der Glut im Ofen, wurden die nötigen Löcher in das Holz gebrannt. Bohrer hatte Vater nicht. Nicht mit Kleber aus der Tube, sondern mit Kleber aus Mehl (Kartoffelmehl)? wurde das Kunstwerk verleimt.
                                Wir Jungen schnitten schon einmal die Streifen Papier, die zur Fertigung des Schwanzes benötigt wurden.
                                Ein stolzer Blick in die Runde, das Werk war vollbracht.
                                Dann gab es Mittag. Wir hatten plötzlich gar nicht so viel Hunger. Es hatte nämlich geheissen, nach dem Mittag gehen wir zum Hagelsberg.
                                Der Hagelsberg war übrigens im Winter auch unsere Rodelbahn.

                                Dann ging die Post ab. Jeder der Jungen wollte natürlich das tolle Stück tragen. Das war doch etwas, um anzugeben. Man gehörte dazu.

                                Vom Schüsseldamm Richtung Schichau-Werft. Vorbei am Hansa-Platz. Dann über die Zug-Brücke. So erreichten wir den Hagelsberg. (Richtung-Langfuhr)
                                Um etwas Wind zu erhaschen, mussten wir natürlich ein Stück bergan marschieren.
                                Dann kam der spannende Moment.
                                Auch Otto war gespannt, ob das Flug,- oder das Absturzgerät funktioniert. Das Fluggerät funktionierte.
                                Hans-Joachim, der älteste Bruder nahm den Drachen und ging damit ein Stück bergab.
                                Auf Vaters Kommando liess er los, und der Drachen stieg empor.
                                Nachdem die Startphase erfolgreich war, wollten natürlich alle Anderen auch einmal das Vergnügen geniessen, und die Schnur, an der eine Leiste befestigt war, halten.
                                Das war ein Sonntags-Vergnügen der besonderen Art.
                                So verging ein in Erinnerung gebliebener Herbst-Sonntag. Das ist nun bald siebzig Jahre her.

                                Der stolze Vater mit dreien seine vier glücklichen Söhnen im Schlepptau zog wieder nach Hause.
                                Muttchen hatte in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, sich etwas auf dem Chaissolongue auszuruhen. So, oder ähnlich nannte man ein Sofa damals.


                                Resümee: Ich glaube mit Sicherheit, dass diese Art von Umgang, Eltern-Kinder, in vielen Menschen der damaligen Zeit, ein Familien-Bewusstsein erzeugt hat, welches es
                                kaum noch gibt.
                                Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                                "Nec Temere - Nec Timide"
                                Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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