Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

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  • Christkind
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 1568

    #61
    AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

    Zu meinem letzten Beirag gestern möchte ich noch etwas anmerken.
    Es soll nun nicht der Eindruck entstehen, dass doch eigentlich "alles nicht so schlimm war." Zumindest möchte ich den Eindruck nicht erwecken.
    Es konnten Nischen gefunden werden, in die man sich zurückzog.Aber es waren die Ausnahmen, nicht die Regel. Genau so wie Namensänderungen oft mit Druck durchgeführt wurden, und doch nicht alle betroffen waren.Bei uns war immer die Kirche die Nische.
    Eine DDR- Nostalgie verwischt die Tatbestände ebenso.
    Keiner von uns Geschwistern war bei den Pionieren. An Ferienspiele kann ich mich erinnern.Da wurde für uns Kinder Beschäftigungen und Mittagessen geboten.Sehr gern ging ich da auch nicht hin, ich weiß nicht, warum.Als Jugendliche wurden wir gar nicht mehr gefragt. Ich zumindest nicht.Ich war am IfL Magdeburg,wir bekamen unsere Blauhemden, das Halstuch und wir waren FDJ- Mitglieder.Hatten aufzumarschieren, wenn Anlass war.
    Im Chor aufzutreten ohne Blauhemd??? Wie das ? Fähnchen schwingen inbegriffen.
    Dass ich kein Parteimitglied war, wundert mich heute noch.Vielleicht war ich bisschen stur, oder zu uninteressant als Agitprop.Ich habe mich immer herauswinden können, wenn ich gefragt wurde.
    Und letztendlich entzog ich mich dem allen durch Flucht.
    Einen guten Tag wünscht
    Christa
    Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
    (M. Gandhi)

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    • buddhaah
      Forum-Teilnehmer
      • 08.09.2010
      • 275

      #62
      AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

      Ich möchte mich bei euch bedanken für diesen Diskussionsstrang. Finde ich sehr informativ.

      Gruss,

      Michael

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      • Wolfgang
        Forumbetreiber
        • 10.02.2008
        • 11623

        #63
        AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

        Schönen guten Abend,

        danke, Michael, für Deinen letzten Beitrag.

        Das Thema ist interessant, aufwühlend, emotional eingefärbt, und im Rückblick würde ich vielleicht die eine oder andere Formulierung in einem früheren Beitrag etwas anders ausdrücken. Vielleicht. In meinen Beiträgen liebe ich Klartext, auch spontan, selbst dann, wenn sie manchmal undiplomatisch klingen, selbst dann, wenn der/die Eine oder Andere es in die falsche Kehle bekommt. Wenn dies der Fall ist, bitte ich um Verständnis - mir geht es um Diskussionen, die uns weiterbringen, nicht um Diskussionen zum Thema "Friede, Freude, Eierkuchen".

        Es gibt kein Stigma im oder vor dem Krieg geboren zu sein. Genauso wenig wie es eine "Gnade der späten Geburt" (ein Kohl'scher Ausdruck) gibt. Statt dessen: Es gibt eine gemeinsame Verantwortung und eine gemeinsame Geschichte. Generationenübergreifend. Und darum geht es mir.

        Eigene Erfahrung, eigene Erlebnisse, prägen uns alle bis zu unserem Ende. Natürlich -und damit komme ich zu unserem Thementitel zurück- stimmt das (glückliche?) Schicksal vieler Nachkommen alter Danziger "Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen".

        Nur -und da entzündet sich offensichtlich so manche Meinungsverschiedenheit-, was ist darunter zu verstehen, welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus oder sollten daraus gezogen werden?

        Ich weiß, dass mein Vater, hochgebildet, -er ist vielen Punkten mein Vorbild- ein geschichtliches Bild Danzigs in sich trug, das dort wo er es aufgrund persönlicher Erlebnisse erfuhr absolut korrekt war, aber in so manchen historisch vermeintlichen Fakten eine gewisse Schieflage aufwies. Wir haben, zu seinen Lebzeiten, mitunter darüber gestritten. Und er war stets bereit, dort wo die Faktenlage keine anderen Schlüsse zuließ, seine Ansichten zu revidieren. Er gestand mir zu, dass ich über Unterlagen, Dokumente, Bücher (Hans-Jörg, das ist eine meine wesentlichen Quellen) und Erkenntnisse verfüge, die in sich schlüssig sind. Trotzdem: Wir alle sind Suchende, oder sollten es zumindest sein. Eine Aussage, man glaube nur das, was man selber gesehen oder erlebt habe, ist nicht immer hilfreich. Jeder Staatsanwalt, jeder Richter, wird bestätigen, dass zehn Zeugen eines Sachverhalts zehn verschiedene Schilderungen geben können.

        Kommen wir auf Danzig zurück! Wir wollen erfahren, wie es war. Wir möchten Erlebnisse und Schilderungen aus der Jugend alter Danziger hören. Wir müssen uns damit abfinden, dass die wenigen Zeitzeugen langsam verstummen. Was aber ein wenig sprachlos macht ist, wenn uns bei der Suche nach diesen Zeugenberichten, wortreich klar gemacht wird, dass wir, die Suchenden, ja gar keine Ahnung von Danzig haben. Eine zielorientierte Antwort wäre da hilfreicher.

        Übrigens, eine weitere vielleicht etwas provozierende Frage: Wenn den Nachkriegsgeborenen vorgeworfen wird, sie hätten keine Ahnung von dem tatsächlichen Geschehen, dann möchte ich gerne wissen, worauf sich das Wissen der noch im alten Danzig Geborenen beruht über die Zeiten in denen sie noch nicht geboren waren... - Erzählungen? Bücher? Überlieferungen? National eingefärbtes (Schul-) Wissen?

        Über all das verfügen viele aus den nachgeborenen Generationen auch... - jedoch ohne den belastenden "Ballast" nationalsozialistischer Propaganda der seinerzeit in den Schulen vermittelt wurde.
        Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
        Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
        Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

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        • Hans-Joerg +, Ehrenmitglied
          Forum-Teilnehmer
          • 10.02.2008
          • 5206

          #64
          AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

          Hallo Wolfgang
          Und ganz wichtig ist nun einmal .... das läßt sich nicht aufhalten ( die Zeit !!!! ).... bald wird es
          niemand mehr geben der persönlich das " alte " Danzig erlebt hat !!!!!!!!!

          Viele Grüße
          Hans-Jörg

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          • Heinzhst
            Forum-Teilnehmer
            • 10.02.2008
            • 450

            #65
            AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

            Karl-Heinz Tepper schrieb:

            Danzig gibt es nicht mehr.-----
            Danzig und Gdansk muss etwas besser sortiert werden, sonst
            denken die jungen Leute wenn Sie zu Besuch dort hinfahren:
            sie sind wirklich in Danzig. Alleine die fremden Leute überall,
            wo kommen die alle her?

            Vor 66 Jahren , Ende März 1945, wurde Danzig in Gdansk
            umbenannt und die Danziger gegen Gdansker Bevölkerung
            ausgetauscht.

            Betrachtet das mal aus dieser Sichtweite, vielleicht wird man
            dann K. H. Tepper besser verstehen.


            Schönen Abend oder Gute Nacht wünscht
            Heinz S.
            Ich glaube nur das,was ich gesehen und erlebt habe.
            A.G.

            Kommentar

            • Wolfgang
              Forumbetreiber
              • 10.02.2008
              • 11623

              #66
              AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

              Schönen guten Abend,
              hallo Heinz,

              Danzig wurde zwar 1945 aus deutscher Sicht in Gdansk umbenannt, nicht jedoch aus polnischer Sicht. Im Polnischen heißt Danzig schon seit langen Zeiten Gdansk. In deutscher Sprache heißt es dagegen auch in Polen heute "Danzig".

              Die frühere Bevölkerung starb, flüchtete, wurde vertrieben, ausgesiedelt oder musste in Danzig bleiben. Danzig aber blieb. Zerstört, zerbombt, verbrannt, aber die Stadt selber und deren Geschichte sind nicht untergegangen. Danzig, auch das alte Danzig, lebt weiter. In Erinnerungen, überliefert, schriftlich festgehalten, in unserem Forum, in Zeitungen, anderen Dokumenten, festgehalten in vielen Kapiteln im Buch der Geschichte.

              Die heute in Danzig lebenden Danziger -ich verwende in der deutschen Sprache bewusst nicht das Wort "Gdansker" da es häufig ausgrenzend verwendet wird- haben das alte Danzig, auch das deutsche, als verpflichtendes Erbe angenommen.

              Danzig ist nicht untergegangen. Es ist ein Kapitel abgeschlossen. Das Kapitel in der Geschichte Danzigs, in der die Geschicke der Stadt weitgehend deutsch bestimmt und geprägt waren. 1945 wurde im Buch der Geschichte der Stadt Danzig ist ein neues Kapitel aufgeschlagen, es ist polnisch, aber es handelt nach wie vor von Danzig.
              Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
              Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
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              • Marc Malbork
                Forum-Teilnehmer
                • 23.02.2008
                • 1050

                #67
                AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                1945 war ein Identitätsabbruch des deutschen und der Neubeginn des rein polnischen Danzig.

                Jedenfalls seit dem Sturz des Kommunismus haben überall in den ehemaligen deutschen Ostgebieten die heute dort lebenden Polen aber die deutsche Geschichte als originäre Regionalgeschichte sich zu eigen gemacht (rezipiert). Die Identität des 1945 "zerbrochenen" Danzig ist von daher wieder zusammengewachsen oder mindestens im Zusammenwachsen begriffen. Dieser zum Teil erstaunliche bis berührende Prozess kann ruhig ablaufen, weil auch in Deutschland kein ernst zu abnehmender Mensch mehr die Grenzen Polens und damit z. B. die Zugehörigkeit Danzigs zu Polen bestreitet.

                Jeder weiß heute, das Danzig zu Polen gehört. Und wer sich für Geschichte interessiert weiß zudem, dass man dort deutsches Kulturerbe findet und eine gemeinsame deutsch-polnische Verantwortung für das gemeinsame Geschichtserbe besteht.

                Mein, dein, unser, euer Danzig ? Verstehe ich nicht. Danzigs Gegenwart und Zukunft ist polnisch, die Geschichte vor '45 war deutsch-polnisch und zum besseren Verständnis sind die persönlichen Erinnerungen alter Danziger deutscher oder polnischer Muttersprache unverzichtbar.

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                • Heibuder
                  Forum-Teilnehmer
                  • 10.02.2008
                  • 751

                  #68
                  AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                  Sehr gut ausgedrückt, Rüdiger!
                  Ich könnte es nicht besser. So denke ich auch.

                  Das ist doch tröstend und versöhnlich.
                  So kann man (als Gegenbeispiel) über Königsberg/Kaliningrad ja leider nicht denken.
                  Ich habe nicht vernommen, dass sich die Kaliningrader mit dem alten Königsberg so geschichtsbewahrend indentifizieren.
                  Es grüßt der Heibuder!

                  "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

                  Kommentar

                  • Uwe
                    Forum-Teilnehmer
                    • 10.08.2008
                    • 1961

                    #69
                    AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                    Hallo Rüdiger,

                    ich finde auch Du hast es gut ausgedrückt, in einem bin ich aber anderer Meinung, die Zukunft Danzigs ist europäisch. Denke die Zeiten der Nationalstaaten ist in Europa vorbei. In ein paar Jahren werden wir wissen wer von uns näher an der Wirklichkeit ist, also warten wir es ab ...

                    Herzliche Grüße

                    Uwe
                    Geschichte kann man nicht ändern ... aber man kann aus ihr lernen!

                    Suche Informationen zu den Familiennamen Block, Gehrt, Kirschke, Kirsch, Haak, Happke, Hoffmann, Makowski, Namowicz, Patzer, Rehberg, Tolk(e) und Vierling aus Danzig

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                    • Angelika
                      Forum-Teilnehmer
                      • 24.01.2011
                      • 49

                      #70
                      AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                      ....auch ich nicht.Eigentlich finde ich diese Diskusion gar nicht schlecht,aber meiner meinung nach am Thema vorbei.Erzählt doch lieber den" Nachgeborenen" wie es war.Viele von uns können es nicht kennen,weil nichts erzählt wurde , man vielleicht gar nicht zugehört hat oder weil man zu klein war.

                      Arme und Reiche gab und wird es immer geben,auch heute noch,überall auf der Welt.

                      Was ich heute ganz genau weiß,mein Vater hat seine Heimat geliebt.Wie ich jetzt erfahren habe,hat er aus dem Gedächtnis eine Kirche und von einem Fensterbild davon die Mutter Gottes mit Jesuskind gemalt,was unser Pfarrer in seiner neuen Heimat ihm immer abkaufen wollte und obwohl es uns auch nicht so rosig ging,es war unverkäuflich.Dann war da noch ein Bild,wo man von ausgehen kann,das es der "Karlsberg"war.Oh ja,mein Vater konnte wohl wunderbar zeichnen.Und wenn ich bei Google maps die Bilder sehe ,von seiner alten Heimat und wo er später mit seiner Familie ein Haus baute,in BW,es gibt keine großen Unterschiede."Heimat",nicht mit dem Herzen,aber mit den Augen.

                      So, und nun erzählt uns vom Danzig was wir nicht kennen,denn eines weiß ich,die Ohren sind offen und frei dafür!

                      Schöne Grüße
                      Angelika

                      Kommentar

                      • Mandey +08.03.22
                        Forum-Teilnehmer
                        • 08.02.2009
                        • 540

                        #71
                        AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                        Hallo Angelika
                        Bitte Frage mal Präzise zu welchen Themen du etwas wissen möchtes!den Allgemein wäre wohl etwas viel auf einmal, der eine oder andere Formum Teilnehmer wird Dir gern etwas Berichten,wo kommt deine Familie den her? aus Danzig oder aus der Umgebung, den Danzig hatte und hat auch weiterhin ein Großes Umfeld
                        Freundliche Grüße v.Heinz mandey

                        Kommentar

                        • Hansgeorg Bark
                          Forum-Teilnehmer
                          • 22.10.2009
                          • 61

                          #72
                          AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                          Hallo Heinz .ich stimme mit Dir ein. Hansgeorg aus Lauental

                          Kommentar

                          • Angelika
                            Forum-Teilnehmer
                            • 24.01.2011
                            • 49

                            #73
                            AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                            Hallo Heinz & Hansgeorg Bark

                            Meine Familie ,väterlicherseits, stammt aus Danzig-Oliva.Wenn ich mir meinen Beitrag heute durchlese,war es für mich eher eine verteidigung für meinen Vater ( Namensänderung / Wehrmacht ),denn ich glaubte aus einigen Beiträgen doch einen leisen Vorwurf heraus zu lesen,das man sich doch hätte weigern können.Sorry,das es bei mir so ankam.

                            Was ich gerne wissen würde,wie sah so ein Alltag aus (elektr. Geräte gabs ja nicht),grins.Wie wurden die Frauen damit fertig?Wie sah die schulische Versorgung aus (weite Wege?).Auch die ärztliche Versorgung,konnte man sich die überhaupt leisten?

                            Würde mich sehr über den einen oder anderen Beitrag freuen.

                            Viele Grüße Angelika

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                            • Christkind
                              Forum-Teilnehmer
                              • 10.02.2008
                              • 1568

                              #74
                              AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                              Wenn du nach dem Alltag in Danzig fragst, Angelika,dann weiß ich so ein bisschen aus unserem Familienleben.
                              Meine Eltern heirateten 1926.Vater war häufig arbeitslos, die gesamte wirtschaftliche Situation in Danzig wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.Mit Gelegenheitsarbeiten und Arbeitslosenunterstützung hielt sich die Familie über Wasser.Mit der Zeit waren noch bis 1938 Kinderchen dazugekommen, 6 Stück an der Zahl. Wäsche wurde im großen Bottich gewaschen. Die Gasuhr musste immer mit Dittchen gefüttert werden, sonst gab es kein Gas.Wasser hatten wir in der Wohnung. Toilette im Flur, für zwei Mietparteien.Schule - meine Schwester ging anfangs in die Schule am Leegetor. Weil sie gute Leistungen zeigte, sollte sie eine eine höhere Schule, wie man so sagte,besuchen.
                              Aber Mobbing gab es schon früher unter den Menschen, und so fühlte sie sehr bald, dass sie ausgegrenzt wurde von den .... gut situierten Mitschülerinnen.Es war ihr peinlich, wenn sie, wie die anderen minderbemittelten, ein Brötchen und Milch umsonst bekamen als Frühstück.Ihre Leistungen wurden so schlecht, ihr Widerstand so groß, dass die Eltern sie wieder abmeldeten.
                              Besonders in den Notzeiten war dann der einzige Halt die Familie.Für die Mutter die Kirche Trost.
                              1939 verbesserte sich die Situation, denn der Vater hatte regelmäßig Arbeit.
                              Meine Großeltern und Tanten lebten in Dirschau.Wir fuhren oft hin. Mit dem Zug ging es dann hinein in die freie Natur.Weit reichte der Blick aus dem fahrenden Zug. Wiesen und Felder wechselten ab.Eine wunderbar ebene Landschaft.Mama achtete darauf, dass das Fenster geschlossen war, denn sie hatte Angst, dass uns der Kopf verloren ging.Anscheinend gab es solche Unfälle. Oder es war drastische Erziehung ihrerseits.
                              Die Fenster des Zugabteils wurden mit einem Gurt hochgezogen, der dann an einem Eisenknopf befestigt wurde.War dann Dischau erreicht, ging es noch zu Fuß weiter bis nach Lunau, wo die Großeltern wohnten.Hier machte ich die Bekanntschaft mit einem Kuhfladen, in den ich voll reintrat.War wohl so eindrucksvoll, dass ich mir sogar noch den Weg vorstellen kann, der zum Haus über eine Wiese führte.
                              Bei meinen Großeltern in Dirschau haben drei meiner Brüder auch zeitweise die Schule besucht.Vermutlich auch ein Weg,die Kinder irgendwelchen politischen Erziehungseinflüssen zu entziehen.
                              Was die ärztliche Betreuung betrifft, da muss ich sagen, dass die Mutter viel selbst behandelte. Ichthyolsalbe, Essigsaure Tonerde,Kampferspiritus,Zinksalbe.... damit hat meine Mutter so ziemlich jede Beschwerde in den Griff gekriegt.Und natürlich Kernseife, die half sogar bei Verstopfung.War es kalt, kam ein warmer Ziegelstein ins Bett.Bei Fieber Wadenwickel um die Beinchen und ab unter die Bettdecke.
                              Natürlich machten wir auch alle Kinderkrankheiten mit. Aber während die meisten Geschwister meines Vaters noch solchen Epedemien zum Opfer fielen,haben wir alle überlebt.Einige Narben erinnern mich, dass ich auch im Krankenhaus war.
                              Als meine Schwester aus der Schule entlassen wurde, begann sie eine Lehre beim Landesforstamt in Oliva. Wenn sie mal nach 20 Uhr abends nach Hause kam, musste sie unterwegs an einem Polizeiamt vorbei.Dort stand immer ein Wachmann, und sie musste sich ausweisen, warum sie nach allein auf der Straße war.Kommt mir komisch vor, aber sie sagte,dass sie regelmäßig gefragt wurde und eine Bescheinigung vorlegen musste.
                              Mehr fällt mir im Moment nicht ein.
                              Schöne Grüße, Christa
                              Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                              (M. Gandhi)

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                              • wenzkauer
                                Forum-Teilnehmer
                                • 26.10.2008
                                • 203

                                #75
                                AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen

                                Danke Christa für diesen lehrreichen Beitrag.
                                Sag mal, wie ging das auf dem Lande zu. Aus meiner Familie sind einige aus Wenzkau nach Danzig gezogen. Danzig hatte eine große Anziehungskraft und trotzdem war es wohl nicht so einfach zu überleben. Ich habe noch im Ohr, auf dem Lande war alles noch viel schlimmer und ich frage mich heute, wie ich das verstehen muß. Leider kann ich heute niemand mehr fragen. Nach 1945 waren etliche heilfroh in Wenzkau wieder unterzukrauchen.
                                Viele Grüße Michael

                                Kommentar

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