AW: Keiner der Nachgeborenen hat unser Danzig gesehen
Schönen guten Nachmittag,
wahrscheinlich gehöre ich zu der kleinen Minderheit, dessen Familie nicht besitzend und erst recht nicht vermögend war. Mütterlicherseits kleinbürgerlich, bescheiden, sehr bescheiden sogar, der Vater arbeitete mitunter im "Reich" weil es in Danzig keine Arbeit gab. Väterlicherseits arm, außerordentlich arm. Die Familie hatte nichts. Mein Großvater war Schneider, schwer krank, arbeitete -wenn er konnte- als Pförtner im Gaswerk.
Mit dem Begriff "Wanzenbuden" wollte ich Niemandem auf den Schlips treten. Aber Tatsache ist, dass es auch arme und unvermögende Familien -mitunter mit vielen Kindern- gab, die in aus heutiger Sicht furchtbaren Behausungen ihr Dasein fristen mussten. Es waren nicht nur Wanzen, die das Leben schwer machten, die die Kinder auffraßen. Ich weiß von meinem Großvater -mein Vater konnte oder wollte sich nicht mehr so genau erinnern-, dass sie fast jährlich umgezogen sind. Von einem Kellerloch zum anderen, von einer Bruchbude zur anderen. Apropos Kellerloch: Das waren richtige Kellerlöcher, dreckig, dunkel, ein Raum, Familie mit 10 Kindern. Heizung? Ein Kanonenofen, wenn überhaupt. Wäsche wurde im Keller aufgehängt, unter den tropfenden Abwasserrohren. Die Wände verschimmelt. Gab's draußen einen kräftigen Regenguss, stand der Keller unter Wasser. Im Winter froren sich alle den Arsch an. Nicht nur die Familie Naujocks zog alle Nas lang um (nachvollziehbar in den Einwohnerbüchern der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts). Sie hielten es in ihren Drecklöchern nicht mehr aus, oder -und das kann ich nur mutmaßen- vielleicht konnten sie nicht einmal die Miete für einen solchen Keller zahlen und wurden einfach nur rausgeschmissen.
Winterschuhe? Gab es nicht. Die Füße wurden in Zeitungspapier eingewickelt und dann die Sommerschuhe vom größeren Bruder oder der größeren Schwester angezogen.
Meine Oma war immer sehr stolz auf meinen Vater: Er hatte nur eine einzige Büxen und die wurde ständig umgenäht. Sie tadelte mich, wenn ich mal schmutzig war: "Dein Vati hatte nur eine Hose und wenn draußen die Kinder spielten, dann spielte er nicht mit, weil sonst vielleicht seine Büxen schmutzig werden oder kaputt gehen". Das klingt irreal, das klingt kaum glaubhaft, aber AUCH DAS war Danzig!!!
Ich weiß oder kann zumindest erahnen, was meine Eltern erlebten, ich muss nicht in Danzig geboren sein, also der sogenannten Erlebnisgeneration angehören, um mir zumindest ein kleines Bild dessen bilden zu können, wie dort das Leben war.
Ich bin stolz auf meine Eltern, ich bin stolz auf meine Großeltern, dass sie ihr Bestes gaben um ihre Kinder großzuziehen. Alle waren kriegsgeschädigt, alle verloren selbst das letzte bisschen was ein Besitzloser haben kann: Sie verloren ihre Heimat! Als Entwurzelte kämpften sie um zu überleben im Rest-Nachkriegs-Deutschland. Ihnen und allen anderen ihrer Generation gehört mein größter Respekt!
Danzig war nicht nur die Stadt des Bürgertums. In Danzig lebten auch die ganz arme Schweine! Pardon, wenn ich mich nicht sehr gewählt ausdrücke, aber darüber hört man in der "Erlebnisgeneration" nur sehr wenig. Alle hatten sonnige, herrliche, unbeschwerte Kindheitstage. Alle??? NEIN, das ist nicht wahr!
Schaut bloß mal in die Kirchenbücher rein. In den Taufeinträgen der Königlichen Kapelle hieß es bei jeder Geburt eines Bruders bzw. einer Schwester meines Großvaters "gratis". Mein Vater sagte mir, als ich ihn daraufhin ansprach, "die Familie Deines Opas war sehr einflussreich, sie musste da nichts bezahlen!" Die Wahrheit???: Sie waren so arm, dass sie nicht einmal die Kirchengebühren für eine Taufe aufbringen konnten!
Pardon, wenn ich an Dinge erinnere, an die sich niemand so recht erinnern kann oder will. Fakt ist und ich bleibe dabei (Erhart, wir verstehen uns sonst sehr gut, aber, ich bleibe bei meinen Aussagen), es gab auch im alten Danzig entsetzliche Wanzenbuden, es gab Läuse, es gab Flöhe.
Viele Grüße aus Danzig, wo leise der Frühling anklopft
Wolfgang
P.S.: Von der Hochzeitsreise mit meiner ersten Frau brachte ich aus Spanien "Wanzen" mit nach Deutschland. Es war entsetzlich. Nach einem Jahr flüchtete ich. Kein Gift, kein Gas hatte geholfen. Glücklicherweise zog ich ohne Wanzen um. Sie blieben in der alten Wohnung.
Schönen guten Nachmittag,
wahrscheinlich gehöre ich zu der kleinen Minderheit, dessen Familie nicht besitzend und erst recht nicht vermögend war. Mütterlicherseits kleinbürgerlich, bescheiden, sehr bescheiden sogar, der Vater arbeitete mitunter im "Reich" weil es in Danzig keine Arbeit gab. Väterlicherseits arm, außerordentlich arm. Die Familie hatte nichts. Mein Großvater war Schneider, schwer krank, arbeitete -wenn er konnte- als Pförtner im Gaswerk.
Mit dem Begriff "Wanzenbuden" wollte ich Niemandem auf den Schlips treten. Aber Tatsache ist, dass es auch arme und unvermögende Familien -mitunter mit vielen Kindern- gab, die in aus heutiger Sicht furchtbaren Behausungen ihr Dasein fristen mussten. Es waren nicht nur Wanzen, die das Leben schwer machten, die die Kinder auffraßen. Ich weiß von meinem Großvater -mein Vater konnte oder wollte sich nicht mehr so genau erinnern-, dass sie fast jährlich umgezogen sind. Von einem Kellerloch zum anderen, von einer Bruchbude zur anderen. Apropos Kellerloch: Das waren richtige Kellerlöcher, dreckig, dunkel, ein Raum, Familie mit 10 Kindern. Heizung? Ein Kanonenofen, wenn überhaupt. Wäsche wurde im Keller aufgehängt, unter den tropfenden Abwasserrohren. Die Wände verschimmelt. Gab's draußen einen kräftigen Regenguss, stand der Keller unter Wasser. Im Winter froren sich alle den Arsch an. Nicht nur die Familie Naujocks zog alle Nas lang um (nachvollziehbar in den Einwohnerbüchern der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts). Sie hielten es in ihren Drecklöchern nicht mehr aus, oder -und das kann ich nur mutmaßen- vielleicht konnten sie nicht einmal die Miete für einen solchen Keller zahlen und wurden einfach nur rausgeschmissen.
Winterschuhe? Gab es nicht. Die Füße wurden in Zeitungspapier eingewickelt und dann die Sommerschuhe vom größeren Bruder oder der größeren Schwester angezogen.
Meine Oma war immer sehr stolz auf meinen Vater: Er hatte nur eine einzige Büxen und die wurde ständig umgenäht. Sie tadelte mich, wenn ich mal schmutzig war: "Dein Vati hatte nur eine Hose und wenn draußen die Kinder spielten, dann spielte er nicht mit, weil sonst vielleicht seine Büxen schmutzig werden oder kaputt gehen". Das klingt irreal, das klingt kaum glaubhaft, aber AUCH DAS war Danzig!!!
Ich weiß oder kann zumindest erahnen, was meine Eltern erlebten, ich muss nicht in Danzig geboren sein, also der sogenannten Erlebnisgeneration angehören, um mir zumindest ein kleines Bild dessen bilden zu können, wie dort das Leben war.
Ich bin stolz auf meine Eltern, ich bin stolz auf meine Großeltern, dass sie ihr Bestes gaben um ihre Kinder großzuziehen. Alle waren kriegsgeschädigt, alle verloren selbst das letzte bisschen was ein Besitzloser haben kann: Sie verloren ihre Heimat! Als Entwurzelte kämpften sie um zu überleben im Rest-Nachkriegs-Deutschland. Ihnen und allen anderen ihrer Generation gehört mein größter Respekt!
Danzig war nicht nur die Stadt des Bürgertums. In Danzig lebten auch die ganz arme Schweine! Pardon, wenn ich mich nicht sehr gewählt ausdrücke, aber darüber hört man in der "Erlebnisgeneration" nur sehr wenig. Alle hatten sonnige, herrliche, unbeschwerte Kindheitstage. Alle??? NEIN, das ist nicht wahr!
Schaut bloß mal in die Kirchenbücher rein. In den Taufeinträgen der Königlichen Kapelle hieß es bei jeder Geburt eines Bruders bzw. einer Schwester meines Großvaters "gratis". Mein Vater sagte mir, als ich ihn daraufhin ansprach, "die Familie Deines Opas war sehr einflussreich, sie musste da nichts bezahlen!" Die Wahrheit???: Sie waren so arm, dass sie nicht einmal die Kirchengebühren für eine Taufe aufbringen konnten!
Pardon, wenn ich an Dinge erinnere, an die sich niemand so recht erinnern kann oder will. Fakt ist und ich bleibe dabei (Erhart, wir verstehen uns sonst sehr gut, aber, ich bleibe bei meinen Aussagen), es gab auch im alten Danzig entsetzliche Wanzenbuden, es gab Läuse, es gab Flöhe.
Viele Grüße aus Danzig, wo leise der Frühling anklopft
Wolfgang
P.S.: Von der Hochzeitsreise mit meiner ersten Frau brachte ich aus Spanien "Wanzen" mit nach Deutschland. Es war entsetzlich. Nach einem Jahr flüchtete ich. Kein Gift, kein Gas hatte geholfen. Glücklicherweise zog ich ohne Wanzen um. Sie blieben in der alten Wohnung.

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