Maler, Grafiker, Bildhauer

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  • Ulrich 31
    Forum-Teilnehmer
    • 04.11.2011
    • 8582

    #256
    AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

    Liebes waldkind,

    nun lass mal bitte wieder Deinen mahnend erhobenen Zeigefinger in Richtung meiner Meinung zu Meißners Denkmal für den polnischen König August III. im Danziger Artushof runter. "Symbolbehaftete Repräsentation" (siehe dazu die Wikipedia-Seite "Statue") hin und her, einen von der Danziger Kaufmannschaft verehrten Herrscher in römischer Kurzrock-Tracht mit deutlich markiertem Nabel, nackten Beinen (anscheinend tätowiert) und bloßen Füßen zu präsentieren, erzeugt bei mir einen eher karnevalistischen Eindruck. - Offen ist für mich, ob dieses Erscheinungsbild der August-Statue tatsächlich ausdrücklich von der Danziger Kaufmannschaft in Auftrag gegeben wurde. Außerdem halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass dieses Meißner-Werk dem Dargestellten, der nie in Danzig war, gefallen hätte. Und ich bleibe bei meiner Vermutung, dass der damalige Rat der Stadt Danzig dieses Werk deshalb lieber im Zeughaus verschwinden lassen wollte, weil ihm sein Aussehen peinlich war. - NB: Ein Standbild muss nicht immer gefällig aussehen, um trotzdem anerkannt zu werden (vgl. z.B. die berühmte Willy-Brandt-Statue in der Berliner SPD-Parteizentrale: > https://www.spd.de/partei/organisati...arteizentrale/ ).

    Beste Grüße
    Ulrich

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    • waldkind
      Forum-Teilnehmer
      • 06.10.2008
      • 2366

      #257
      AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

      Lieber Ulrich,

      das war der Kunstgeschmack des Rokoko. Es gibt exakt solche Darstellungen auch von anderen Herrschern seiner Zeit, z.B. Ludwig XIV. Was Anmut und Schönheit ist, das bestimmt die jeweilige Zeit. Friedrich Wilhelm II. sieht für uns heute auch eher witzig aus in den Darstellungen seiner Zeit. Ich selber möchte den Zeiten Respekt zollen, weil ich nicht wissen kann, was alles in den Köpfen der Menschen vor sich ging. Nehmen wir als Gegenstück Darstellungen der Damen, die etwas übernackt, erotisiert, manchmal zu üppig aussehen. Oder mit den Turmfrisuren und dem Federschmuck geradezu lächerlich aus heutiger Sicht. Aber wem missfiele das tatsächlich, wenn man es im Zeitzusammenhang betrachtet?
      Meisner war einer der größten Bildhauer seiner Zeit. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er sich an Wilhelm Richter und Abraham van den Blocke zu orientieren suchte. Und das versucht wurde, das Innere des Artushofes mit dem Vorplatz, Neptunbrunnen, in Harmonie zu bringen.
      Ich finde August III. ziemlich sexy. Er ist wohl genährt und trotzdem muskulös. Welcher Mann könnte das von sich sagen?, er ist entweder das eine oder das andere.
      Im Rat der Stadt saßen bestimmt überwiegend Patrizier. Die wollten kein Idol in der Mitte der Kaufmänner im Artushof sehen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass der Bildhauer oder die Kaufmänner sich über August III. lächerlich machen wollten.
      Im Übrigen fallen mir da ein paar römische Statuen in Berlin ein, die weitaus lächerlicher wirken. Vermutlich hören sie auf lächerlich zu wirken, wenn man anfängt sie zu verstehen. Und das ist nicht immer einfach.
      Für mich ist die ganze Geschichte um August III. schlüssig, insbesondere auch mit dem Hinweis von Marc auf Loew. LG wk.
      Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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      • waldkind
        Forum-Teilnehmer
        • 06.10.2008
        • 2366

        #258
        AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

        Liebe Forumer,

        ich möchte noch anmerken, dass Meisner den Auftrag für die August III. - Statue bekommen hat, nachdem er zuvor, im Jahre 1730, eine Statue des König Friedrich Wilhelm I. geschaffen hatte. Diese Statue stand ab 1907 in einer Nische der Zyklopenmauer auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz an der Südfront des Schlosses. Das Standbild soll 1945/46 verschleppt worden sein und seitdem verschollen.
        Hier der Link zum Standbild


        Um zu zeigen, dass die Darstellungsweise zur damaligen Zeit üblich war, hier ein Beispiel aus der Malerei mit Friedrich Wilhelm I. auf der wikipedia-Seite. Wir haben zumindest den Marschallstab und den römischen Helm sowie die angenehme Molligkeit.


        Einen schönen Tag euch allen, wk.
        Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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        • Ulrich 31
          Forum-Teilnehmer
          • 04.11.2011
          • 8582

          #259
          AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

          Liebes waldkind,

          durch Dich habe ich (und vielleicht auch andere im Forum) jetzt einiges zum Rokoko gelernt, was mir bisher nicht bekannt bzw. bewusst war. - Danke!

          Aber auch schon davor, also im späten Barock, glichen Statuen dem August-Standbild von Meißner im Artushof. Hier dieses Beispiel von Andreas Schlüter, ebenfalls früher (verzögert erst 1802) in Königsberg aufgestellt und in den Kriegswirren 1945 verlorengegangen, doch jetzt noch als einer von zwei Nachgüssen vor dem Charlottenburger Schloss in Berlin zu sehen [> https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B...C3%B6nigsberg) ]. - Interessant: die Ähnlichkeit der Schlüter-Arbeit mit der Meißner-Arbeit.

          Mit besten Wünschen fürs Wochenende grüßt
          Ulrich

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          • waldkind
            Forum-Teilnehmer
            • 06.10.2008
            • 2366

            #260
            AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

            Lieber Ulrich,

            dass sich Kunstwerke früher glichen, hat damit zu tun, dass die Darstellungsweisen sehr viel mehr gewissen Zwängen unterlegen waren. Da konnte man nicht einfach machen was man wollte, so wie heute. Was die höfische Kunst angeht, folgten die Höfe meist einem Idol. Das war im Barock und auch im Rokoko für Preußen der französische Hof. Man wollte denen, die etwas Prachtvolles hervor gebracht hatten, zeigen, dass man das auch kann. Auf diese Weise sind so manche schöne Bauten und Kunstwerke entstanden. Denken wir einmal an das schöne Schloss Sanssouci.
            Gerade in der Bildhauerei sollten wir uns vorstellen, dass sie als Handwerk verstanden wurde und dass sie daher der Ordnung der Zunft unterlag. Warum Meisner zunftfrei arbeiten konnte in Danzig habe ich noch nicht verstanden. Jedenfalls wurde die Anzahl der Meister durch die Zunft begrenzt. Auch durfte man das Kunstwerk erst signieren, wenn der Meisterbrief vorhanden war. Um also als Meister in die Zunft aufgenommen zu werden, musste man schon was können. Also orientierte sich ein angehender Meister an alte Meister, die Erfolg hatten. LG, wk.
            Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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            • Marc Malbork
              Forum-Teilnehmer
              • 23.02.2008
              • 1050

              #261
              AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

              Guten Abend liebe Kunstfreunde,
              bitte, kleiner Einschub zur Frage von Ulrich oben in Nr. 254 wegen des Bildes mit den merkwürdigen Vorbauten am Artushof:
              1861, Besuch König Wilhelm I. in Danzig.

              So jedenfalls der schöne Fotobildband "Dawny Gdansk", der nicht die Graphik aber ein ganz entsprechendes Foto enthält.

              https://www.flickr.com/photos/934976...h/50524611021/

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              • Ulrich 31
                Forum-Teilnehmer
                • 04.11.2011
                • 8582

                #262
                AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                Guten Abend Marc,

                toll, was Du wieder herausgefunden hast. Danke dafür. - Meine Überlegung dazu: Am 18. Oktober 1861 krönte sich Wilhelm I. selbst in Königsberg zum König von Preußen [siehe Wikipedia-Seite "Wilhelm I. (Deutsches Reich)"]. Es kann deshalb sein, dass er auf dem Rückweg von Königsberg nach Berlin Danzig besuchte. Welche Bedeutung allerdings die merkwürdigen Vorbauten am Artushof anläßlich des Besuches von König Wilhelm I. in Danzig hatten, ist mir unklar.

                Beste Grüße
                Ulrich

                PS:
                Zur allgemeinen Forum-Information hier noch das Reiterdenkmal des späteren Kaisers Wilhelm I. vor dem Hohen Tor in Danzig, enthüllt 1902:
                > https://upload.wikimedia.org/wikiped...%281903%29.jpg / > https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:...m_I_(1903).jpg.

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                • waldkind
                  Forum-Teilnehmer
                  • 06.10.2008
                  • 2366

                  #263
                  AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                  Moin an alle Forumer,

                  Ulrichs Frage kann ich nicht beantworten. Fakt ist, dass die Fassade des Artushofes entsprechend der jeweiligen Stilepochen mehrere Veränderungen erfahren hat. Möglicher Weise haben diese Vorbauten mit der Anpassung an einen Stil zu tun. Vielleicht sind es Anfänge des Wilhelminischen Baustils?

                  Damit euch/uns nicht langweilig wird, der folgende Link ist interessant, wenn man sich für den Artushof interessiert. See you later, wk.

                  Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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                  • waldkind
                    Forum-Teilnehmer
                    • 06.10.2008
                    • 2366

                    #264
                    AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                    In dieser pdf-Datei steht auf Seite 22, dass 1851 Änderungen an der Fassade im Neorenaissance-Stil durchgeführt wurden. Könnte das mit den Vorbauten zu tun haben??? LG wk.
                    Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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                    • Antennenschreck
                      Forum-Teilnehmer
                      • 05.09.2011
                      • 1833

                      #265
                      AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                      Hallöle,

                      Größere Renovationen und auch Neuschöpfungen im Artushof brachten die 50 er und 60 er Jahre. Auf Veranlassung des Professors Schultz, eines hervorragenden Kenners der Danziger Kunstwerke, ließen verschiedene wohlhabende Mitglieder der Danziger Kaufmannschaft, die zugleich Mitglieder der Banken waren, von 1852 an zunächst die Vertäfelung der westlichen Wand gründlich wiederherstellen. Es wurden an der Vertäfelung, die streng nach dem Vorbild der erhaltenen Teile erneuert wurde, Messingköpfe angebracht, die nach den Leuchterhaltern von 1743 gearbeitet waren. In die von diesen Köpfen gehaltenen Schilde wurden die Namen der Geber eingraviert. Ferner arbeitete der Bildhauer Fadenrecht den schönen weiß lackierten und vergoldeten bärtigen Ammonskopf, auf dem jetzt die Figut des Saturn steht. Als Vorbild dazu diente zweifellos der darüber befindliche große phantastische Kopf, der als Konsole der gewaltigen Figur des Heiligen Christopher dient.


                      LG Arndt
                      Das gute alte Recht ist immer ungesetzt und ungeschrieben!!

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                      • Ulrich 31
                        Forum-Teilnehmer
                        • 04.11.2011
                        • 8582

                        #266
                        AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                        Hallo zusammen,

                        in der vom waldkind in #263 gezeigten pdf-Datei steht auf Seite 17 unten und Seite 18 oben, dass zu den "wichtigsten Gästen der Stadt, die meistens mit einem Essen in der Großen Halle des [Artus]Hofes empfangen wurden", "1861 die Königin Maria Luise Augusta (die Frau von Wilhelm I.)" zählte. - Von Wilhelm I. selbst ist dort in diesem Zusammenhang nicht die Rede.

                        Außerdem steht in Sieglers "Danzig - Chronik eines Jahrtausends" auf Seite 260 oben: "1861 Die Fassade des Artushofs wird restauriert."

                        Jetzt kann sich jeder daraus einen Reim machen.

                        Beste Sonntagsgrüße
                        Ulrich

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                        • Marc Malbork
                          Forum-Teilnehmer
                          • 23.02.2008
                          • 1050

                          #267
                          AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                          Hallo und einen schönen Sonntag gewünscht:

                          21. Oktober 1861. Der vormalige "Kartätschenprinz" und seine Frau sind nach der Krönung über Danzig nach Berlin zurückgereist. Einzelheiten ihres Aufenthalts in Danzig hier (bei "erwähnte Orte" auf "Danzig" klicken, dann Scan 161 aufrufen und vorwärts weiterblättern, auf Scan166/Seite 146 eine Antwort auf die Frage, warum dieser Vorbau):

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                          • waldkind
                            Forum-Teilnehmer
                            • 06.10.2008
                            • 2366

                            #268
                            AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                            Lieber Marc,

                            danke für die Auflösung unseres Rätsels.

                            Mir ist beim Lesen des Textes wieder einmal dieser völlig andere Umgang mit Kunst und dem Künstler, als wie es heute üblich ist, aufgefallen. Damals stand das Kunstwerk im Mittelpunkt. Es hatte eine eigene, vom Künstler unabhängige Existensberechtigung. Der Künstler war nur derjenige, der es geboren hat. Heutzutage drängelt sich der Künstler in einer Art narzisstischer Bedeutsamkeit vor das Kunstwerk.
                            In Wahrheit existiert das Kunstwerk bereits, bevor es erschaffen wird. Es sucht sich dann einen Kreativen Menschen, der es auf die für den Menschen sichtbare Ebene holt. Hierauf beruht die Dankbarkeit gegenüber dem Künstler/der Künstlerin, dass er/sie das Kunstwerk in seinem Inneren eingelassen hat, um es dann zu gebären.
                            Das ist so ähnlich als wenn eine Frau ein Kind zur Welt bringt. Niemand wird denken, dass sie das Kind erschaffen hat. Und doch wird man ihre Leistung anerkennen, weil sie das Talent zum Gebären hat. Mit der Dichterey ist es nicht viel anders. LG wk.
                            Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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                            • Ulrich 31
                              Forum-Teilnehmer
                              • 04.11.2011
                              • 8582

                              #269
                              AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                              Lieber Marc,

                              ich schließe mich waldkinds Dank für Deine großartige Auflösung erfreut an, verbunden mit meiner erneuten Bewunderung Deiner immer wieder erfolgreichen Quellenrecherche. Diese hier (#267) ist ganz besondere Spitze.

                              Ich empfehle den an dieser Sache (Besuch Wilhelms I. und seiner Frau im Oktober 1861 in Danzig / damalige Vorbauten am Artushof) Interessierten, Marcs Anleitung zum gezielten Öffnen seiner Linkangabe in #267 genau zu befolgen. Dann erscheint dort ein sehr ausführlicher, überaus detailreicher Bericht über jene "Sache", der keine Frage offenlässt - bis auf meine: Was ist unter dem "Gouvernementshaus" (früher russisches Palais) in Langgarten (Niederstadt) - in Wolfgangs Thema "Johanna Schopenhauer: Von der Speicherinsel" von 2010 erwähnt - zu verstehen, in dem damals das Königspaar übernachtete? - Hast Du, lieber Marc, auch dazu eine Antwort?

                              Nebenbei zeigt der Quellenfund in #267, dass manch andere Quelle unzuverlässig oder gar falsch ist (siehe dazu hier vorausgegangene Beispiele).

                              Beste Grüße
                              Ulrich

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                              • Ulrich 31
                                Forum-Teilnehmer
                                • 04.11.2011
                                • 8582

                                #270
                                AW: Maler, Grafiker, Bildhauer

                                Zu meiner Frage in #269 zum Gouvernementshaus in Langgarten hier die von mir bisher dazu gefundenen Antworten (es sind meist Bildeindrücke):

                                > https://muzeumpomorza.pl/resource/52...mniszchow.html,
                                > https://www.herder-institut.de/bildk...798317ea656dcb,
                                > https://www.deutsche-digitale-biblio...NS6XF4REGGJQWR.

                                Ulrich

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