1933: Neuentdeckung in St. Marien, eine ausgemauerte Gruft mit zwölf Särgen
Zweites Blatt der Danziger Allgemeinen Zeitung
Nr. 252 - Donnerstag, den 26. Oktober 1933
Neuentdeckung in St. Marien
o Eine ausgemauerte Gruft mit zwölf noch völlig erhaltenen Särgen
Der große gotische Hallenbau von St. Marien in Danzig hat den Forschern Jahrhunderte hindurch- Rätsel aufgegeben. Erst vor wenigen Jahren gelang es Prof. Dr. Karl Gruber, in die Geheimnisse des Baustils der alten Hauptkirche hineinzuleuchten, wozu umfangreiche Arbeiten notwendig waren, um die sich hauptsächlich Dr. Bruno Fendrich verdient gemacht hat. Hiernach ist einwandfrei erwiesen, dass die Marienkirche im Basilikenstil erbaut ist. Vor noch zehn Jahren hielt man es auch für unmöglich, das große Gotteshaus heizbar zu machen. Nun, auch dieses Problem wurde bekanntlich durch das Heißluftverfahren gelöst.
Ähnlich ist es mit den Schätzen von St. Marien ergangen, die oft erst Jahrhunderte später entdeckt wurden, meist bei Renovationsarbeiten. Jetzt ist man damit beschäftigt, den Fußboden in der Marienkirche zu ebnen, der an verschiedenen Stellen Erhöhungen aufwies. Eine solche Stelle befand sich auch in der Nähe des Taufbeckens. Wenn man nämlich die Marienkirche von der Beutlergasse aus betritt, so fiel rechter Hand vor der zweiten Kapelle eine Erhöhung des Fußbodens auf, die durch einen großen, schweren Grabstein verursacht wurde. Vier Mann sind nötig, um diesen -Stein zu heben.
Bei den Fußbodenarbeiten musste nun dieser Grabstein entfernt werden. Dabei stellte es sich heraus, dass er den Zugang zu einer Gruft verdeckte, die unter der Kapelle liegt und einen würdigen Zustand aufwies. Die Gruft ist etwa 5x3 Meter groß, gut ausgemauert und hat ein schönes Gewölbe. In ihr befinden sich nicht weniger als 12 Särge, die noch alle vollkommen erhalten sind. Einige Särge, meist die von Eheleuten, stehen übereinander; ein paar Kindersärge haben in der Ecke Aufstellung gefunden. In die Gruft ist auch eine sogen. Hange-Etage eingebaut, auf der ebenfalls einige Särge stehen.
Es ist erstaunlich, dass die Särge noch so gut erhalten sind, obwohl sie hier schon 150 Jahre, 200 Jahre und noch länger stehen. Alle Särge haben am Fußende silberne Schilder mit den Wappen, Namen und näheren Angaben über Geburt, Stand, Tod u.ä. der dort Ruhenden. Als Füße des Sarges dienen vier vergoldete Holzkugeln, die von Adlerklauen umfasst sind, als würde der Sarg von Adlern getragen. Um manchen Sarg ist eine Plüschdecke gelegt, die ebenfalls noch sehr gut erhalten ist.
Von besonderem Interesse ist natürlich zu erfahren, wer in dieser schönen Gruft des schönsten Danziger Gotteshauses ruht. Es sind darunter sogar berühmte Danziger, die hier den ewigen Schlaf schlummern.
Der bedeutendste von ihnen ist -wohl der Bürgermeister Karl Ernst Bauer. Er ist 1665 geboren, am 28. August 1719 gestorben und wurde, obwohl er reformiert war, am 13. September 1719 in der Marienkirche beigesetzt. Dr. Gottfried Löschin, weiland Direktor des Realgymnasiums zu St. Johann, schreibt über ihn in seinem Geschichtswerk ‚Bürgermeister, Ratsherren und Schöffen des Danziger Freistaates‘ u. a. folgendes: ,,Bauer gehörte zu den gebildeten Diplomaten, deren Danzig in seinem Ratskollegium nicht wenige hatte, und machte sich durch seine Verhandlungen mit den Schweden bei deren Bedrohungen der Stadt im Jahre 1703 um die Stadt sehr verdient. Er war Besitzer von Nassenhuben und den dazu gehörigen Ortschaften, wo der im Herrenhaus einquartierte Fürst Dolhorucki im Jahre 1716 den Zaren Peter den Großen und den König August II. sowie den Hausherrn stattlich bewirtete.“
Auch seine im Jahre 1732 verstorbene Ehefrau Adelgunde Bauer, geb. Wricht, hat hier ihre Ruhestätte gefunden. In die Wand ist eine Marmortafel eingelassen, auf der nähere Angaben über das Ehepaar gemacht sind. Ferner ist hier noch ein Kammerherr Reinhold von Bauer († 1742) beigesetzt, der möglicherweise ein Sohn des Ehepaares Bauer war.
Weiterhin ruhen hier vier Mitgliedes der Familie Lampe. der Hof- und Kommerzienrat Heinrich Lampe, er starb 1755 im Alter von 65 Jahren; der Hof- und Kommerzienrat Johann Lampe, † 1761 53jährig, er war Vorsteher vom Heiligen Geist- und St. Elisabeth-Hospital; dessen 41jährige Witwe † 1767 und beider Sohn Heinrich Lampe, Gerichtsherr der Alten Stadt, † 1777 mit 28 Jahren.
In einem der schon erwähnten Kindersärge ist im Jahre 1730 „des Herrn Obristen Johann Freneuse sein Söhnlein, Johann Gabriel genannt, 10 Wochen alt“ beigesetzt. Des „Bürgermeisters Valentin Andreas Borckmanns (1635 - 1722) Eheliebste“, die mit 23 Jahren starb, ruht hier noch, gleichfalls deren 1 3/4jähriges Töchterlein; sodann des Herrn „Georg Simon v. Boemeln Eheliebste“, die ebenfalls jung gestorben ist, nämlich im Alter von 22 Jahren; ihr folgte ein Söhnlein von 28 Wochen. Die Ruhestätte der beiden Männer ist nicht bekannt.
Die Gruft ist für das Landesmuseum in Oliva photographiert worden. Inzwischen hat der schwere Grabstein, etwas tiefer gelegt, seinen alten Platz wieder eingenommen. Verschlossen ist die geweihte Stätte, von der man wohl geahnt hat, aber erst der Zufall brachte nach Jahrhunderten Gewissheit. Geht, liebe Danziger, nicht an dem Stein vorüber, ohne derer zu gedenken, die hier eine schöne Ruhestätte gefunden haben, und von denen wir sagen können: sie waren unser.
Viele Grüße
Peter
Zweites Blatt der Danziger Allgemeinen Zeitung
Nr. 252 - Donnerstag, den 26. Oktober 1933
Neuentdeckung in St. Marien
o Eine ausgemauerte Gruft mit zwölf noch völlig erhaltenen Särgen
Der große gotische Hallenbau von St. Marien in Danzig hat den Forschern Jahrhunderte hindurch- Rätsel aufgegeben. Erst vor wenigen Jahren gelang es Prof. Dr. Karl Gruber, in die Geheimnisse des Baustils der alten Hauptkirche hineinzuleuchten, wozu umfangreiche Arbeiten notwendig waren, um die sich hauptsächlich Dr. Bruno Fendrich verdient gemacht hat. Hiernach ist einwandfrei erwiesen, dass die Marienkirche im Basilikenstil erbaut ist. Vor noch zehn Jahren hielt man es auch für unmöglich, das große Gotteshaus heizbar zu machen. Nun, auch dieses Problem wurde bekanntlich durch das Heißluftverfahren gelöst.
Ähnlich ist es mit den Schätzen von St. Marien ergangen, die oft erst Jahrhunderte später entdeckt wurden, meist bei Renovationsarbeiten. Jetzt ist man damit beschäftigt, den Fußboden in der Marienkirche zu ebnen, der an verschiedenen Stellen Erhöhungen aufwies. Eine solche Stelle befand sich auch in der Nähe des Taufbeckens. Wenn man nämlich die Marienkirche von der Beutlergasse aus betritt, so fiel rechter Hand vor der zweiten Kapelle eine Erhöhung des Fußbodens auf, die durch einen großen, schweren Grabstein verursacht wurde. Vier Mann sind nötig, um diesen -Stein zu heben.
Bei den Fußbodenarbeiten musste nun dieser Grabstein entfernt werden. Dabei stellte es sich heraus, dass er den Zugang zu einer Gruft verdeckte, die unter der Kapelle liegt und einen würdigen Zustand aufwies. Die Gruft ist etwa 5x3 Meter groß, gut ausgemauert und hat ein schönes Gewölbe. In ihr befinden sich nicht weniger als 12 Särge, die noch alle vollkommen erhalten sind. Einige Särge, meist die von Eheleuten, stehen übereinander; ein paar Kindersärge haben in der Ecke Aufstellung gefunden. In die Gruft ist auch eine sogen. Hange-Etage eingebaut, auf der ebenfalls einige Särge stehen.
Es ist erstaunlich, dass die Särge noch so gut erhalten sind, obwohl sie hier schon 150 Jahre, 200 Jahre und noch länger stehen. Alle Särge haben am Fußende silberne Schilder mit den Wappen, Namen und näheren Angaben über Geburt, Stand, Tod u.ä. der dort Ruhenden. Als Füße des Sarges dienen vier vergoldete Holzkugeln, die von Adlerklauen umfasst sind, als würde der Sarg von Adlern getragen. Um manchen Sarg ist eine Plüschdecke gelegt, die ebenfalls noch sehr gut erhalten ist.
Von besonderem Interesse ist natürlich zu erfahren, wer in dieser schönen Gruft des schönsten Danziger Gotteshauses ruht. Es sind darunter sogar berühmte Danziger, die hier den ewigen Schlaf schlummern.
Der bedeutendste von ihnen ist -wohl der Bürgermeister Karl Ernst Bauer. Er ist 1665 geboren, am 28. August 1719 gestorben und wurde, obwohl er reformiert war, am 13. September 1719 in der Marienkirche beigesetzt. Dr. Gottfried Löschin, weiland Direktor des Realgymnasiums zu St. Johann, schreibt über ihn in seinem Geschichtswerk ‚Bürgermeister, Ratsherren und Schöffen des Danziger Freistaates‘ u. a. folgendes: ,,Bauer gehörte zu den gebildeten Diplomaten, deren Danzig in seinem Ratskollegium nicht wenige hatte, und machte sich durch seine Verhandlungen mit den Schweden bei deren Bedrohungen der Stadt im Jahre 1703 um die Stadt sehr verdient. Er war Besitzer von Nassenhuben und den dazu gehörigen Ortschaften, wo der im Herrenhaus einquartierte Fürst Dolhorucki im Jahre 1716 den Zaren Peter den Großen und den König August II. sowie den Hausherrn stattlich bewirtete.“
Auch seine im Jahre 1732 verstorbene Ehefrau Adelgunde Bauer, geb. Wricht, hat hier ihre Ruhestätte gefunden. In die Wand ist eine Marmortafel eingelassen, auf der nähere Angaben über das Ehepaar gemacht sind. Ferner ist hier noch ein Kammerherr Reinhold von Bauer († 1742) beigesetzt, der möglicherweise ein Sohn des Ehepaares Bauer war.
Weiterhin ruhen hier vier Mitgliedes der Familie Lampe. der Hof- und Kommerzienrat Heinrich Lampe, er starb 1755 im Alter von 65 Jahren; der Hof- und Kommerzienrat Johann Lampe, † 1761 53jährig, er war Vorsteher vom Heiligen Geist- und St. Elisabeth-Hospital; dessen 41jährige Witwe † 1767 und beider Sohn Heinrich Lampe, Gerichtsherr der Alten Stadt, † 1777 mit 28 Jahren.
In einem der schon erwähnten Kindersärge ist im Jahre 1730 „des Herrn Obristen Johann Freneuse sein Söhnlein, Johann Gabriel genannt, 10 Wochen alt“ beigesetzt. Des „Bürgermeisters Valentin Andreas Borckmanns (1635 - 1722) Eheliebste“, die mit 23 Jahren starb, ruht hier noch, gleichfalls deren 1 3/4jähriges Töchterlein; sodann des Herrn „Georg Simon v. Boemeln Eheliebste“, die ebenfalls jung gestorben ist, nämlich im Alter von 22 Jahren; ihr folgte ein Söhnlein von 28 Wochen. Die Ruhestätte der beiden Männer ist nicht bekannt.
Die Gruft ist für das Landesmuseum in Oliva photographiert worden. Inzwischen hat der schwere Grabstein, etwas tiefer gelegt, seinen alten Platz wieder eingenommen. Verschlossen ist die geweihte Stätte, von der man wohl geahnt hat, aber erst der Zufall brachte nach Jahrhunderten Gewissheit. Geht, liebe Danziger, nicht an dem Stein vorüber, ohne derer zu gedenken, die hier eine schöne Ruhestätte gefunden haben, und von denen wir sagen können: sie waren unser.
Viele Grüße
Peter
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