Grabplatten in der Marienkirche

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  • sarpei
    Forum-Teilnehmer
    • 17.12.2013
    • 6090

    #61
    1933: Neuentdeckung in St. Marien, eine ausgemauerte Gruft mit zwölf Särgen

    Zweites Blatt der Danziger Allgemeinen Zeitung
    Nr. 252 - Donnerstag, den 26. Oktober 1933

    Neuentdeckung in St. Marien
    o Eine ausgemauerte Gruft mit zwölf noch völlig erhaltenen Särgen

    Der große gotische Hallenbau von St. Marien in Danzig hat den Forschern Jahrhunderte hindurch- Rätsel aufgegeben. Erst vor wenigen Jahren gelang es Prof. Dr. Karl Gruber, in die Geheimnisse des Baustils der alten Hauptkirche hineinzuleuchten, wozu umfangreiche Arbeiten notwendig waren, um die sich hauptsächlich Dr. Bruno Fendrich verdient gemacht hat. Hiernach ist einwandfrei erwiesen, dass die Marienkirche im Basilikenstil erbaut ist. Vor noch zehn Jahren hielt man es auch für unmöglich, das große Gotteshaus heizbar zu machen. Nun, auch dieses Problem wurde bekanntlich durch das Heißluftverfahren gelöst.

    Ähnlich ist es mit den Schätzen von St. Marien ergangen, die oft erst Jahrhunderte später entdeckt wurden, meist bei Renovationsarbeiten. Jetzt ist man damit beschäftigt, den Fußboden in der Marienkirche zu ebnen, der an verschiedenen Stellen Erhöhungen aufwies. Eine solche Stelle befand sich auch in der Nähe des Taufbeckens. Wenn man nämlich die Marienkirche von der Beutlergasse aus betritt, so fiel rechter Hand vor der zweiten Kapelle eine Erhöhung des Fußbodens auf, die durch einen großen, schweren Grabstein verursacht wurde. Vier Mann sind nötig, um diesen -Stein zu heben.

    Bei den Fußbodenarbeiten musste nun dieser Grabstein entfernt werden. Dabei stellte es sich heraus, dass er den Zugang zu einer Gruft verdeckte, die unter der Kapelle liegt und einen würdigen Zustand aufwies. Die Gruft ist etwa 5x3 Meter groß, gut ausgemauert und hat ein schönes Gewölbe. In ihr befinden sich nicht weniger als 12 Särge, die noch alle vollkommen erhalten sind. Einige Särge, meist die von Eheleuten, stehen übereinander; ein paar Kindersärge haben in der Ecke Aufstellung gefunden. In die Gruft ist auch eine sogen. Hange-Etage eingebaut, auf der ebenfalls einige Särge stehen.
    Es ist erstaunlich, dass die Särge noch so gut erhalten sind, obwohl sie hier schon 150 Jahre, 200 Jahre und noch länger stehen. Alle Särge haben am Fußende silberne Schilder mit den Wappen, Namen und näheren Angaben über Geburt, Stand, Tod u.ä. der dort Ruhenden. Als Füße des Sarges dienen vier vergoldete Holzkugeln, die von Adlerklauen umfasst sind, als würde der Sarg von Adlern getragen. Um manchen Sarg ist eine Plüschdecke gelegt, die ebenfalls noch sehr gut erhalten ist.
    Von besonderem Interesse ist natürlich zu erfahren, wer in dieser schönen Gruft des schönsten Danziger Gotteshauses ruht. Es sind darunter sogar berühmte Danziger, die hier den ewigen Schlaf schlummern.

    Der bedeutendste von ihnen ist -wohl der Bürgermeister Karl Ernst Bauer. Er ist 1665 geboren, am 28. August 1719 gestorben und wurde, obwohl er reformiert war, am 13. September 1719 in der Marienkirche beigesetzt. Dr. Gottfried Löschin, weiland Direktor des Realgymnasiums zu St. Johann, schreibt über ihn in seinem Geschichtswerk ‚Bürgermeister, Ratsherren und Schöffen des Danziger Freistaates‘ u. a. folgendes: ,,Bauer gehörte zu den gebildeten Diplomaten, deren Danzig in seinem Ratskollegium nicht wenige hatte, und machte sich durch seine Verhandlungen mit den Schweden bei deren Bedrohungen der Stadt im Jahre 1703 um die Stadt sehr verdient. Er war Besitzer von Nassenhuben und den dazu gehörigen Ortschaften, wo der im Herrenhaus einquartierte Fürst Dolhorucki im Jahre 1716 den Zaren Peter den Großen und den König August II. sowie den Hausherrn stattlich bewirtete.“

    Auch seine im Jahre 1732 verstorbene Ehefrau Adelgunde Bauer, geb. Wricht, hat hier ihre Ruhestätte gefunden. In die Wand ist eine Marmortafel eingelassen, auf der nähere Angaben über das Ehepaar gemacht sind. Ferner ist hier noch ein Kammerherr Reinhold von Bauer († 1742) beigesetzt, der möglicherweise ein Sohn des Ehepaares Bauer war.
    Weiterhin ruhen hier vier Mitgliedes der Familie Lampe. der Hof- und Kommerzienrat Heinrich Lampe, er starb 1755 im Alter von 65 Jahren; der Hof- und Kommerzienrat Johann Lampe, † 1761 53jährig, er war Vorsteher vom Heiligen Geist- und St. Elisabeth-Hospital; dessen 41jährige Witwe † 1767 und beider Sohn Heinrich Lampe, Gerichtsherr der Alten Stadt, † 1777 mit 28 Jahren.

    In einem der schon erwähnten Kindersärge ist im Jahre 1730 „des Herrn Obristen Johann Freneuse sein Söhnlein, Johann Gabriel genannt, 10 Wochen alt“ beigesetzt. Des „Bürgermeisters Valentin Andreas Borckmanns (1635 - 1722) Eheliebste“, die mit 23 Jahren starb, ruht hier noch, gleichfalls deren 1 3/4jähriges Töchterlein; sodann des Herrn „Georg Simon v. Boemeln Eheliebste“, die ebenfalls jung gestorben ist, nämlich im Alter von 22 Jahren; ihr folgte ein Söhnlein von 28 Wochen. Die Ruhestätte der beiden Männer ist nicht bekannt.

    Die Gruft ist für das Landesmuseum in Oliva photographiert worden. Inzwischen hat der schwere Grabstein, etwas tiefer gelegt, seinen alten Platz wieder eingenommen. Verschlossen ist die geweihte Stätte, von der man wohl geahnt hat, aber erst der Zufall brachte nach Jahrhunderten Gewissheit. Geht, liebe Danziger, nicht an dem Stein vorüber, ohne derer zu gedenken, die hier eine schöne Ruhestätte gefunden haben, und von denen wir sagen können: sie waren unser.


    Viele Grüße

    Peter

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    • Peter von Groddeck
      Forum-Teilnehmer
      • 11.02.2008
      • 1517

      #62
      AW: Grabplatten in der Marienkirche

      Hallo,

      falls Interesse an weiteren Informationen an Gräbern in der Marienkirche besteht, hier ein Auszug aus dem Nachrichtenblatt des Familienverbandes von Groddeck – Groddeck vom Dezember 1930:

      „Das Erbbegräbnis der Albrechtlinie in St. Marien zu Danzig.

      In der Marienkirche zu Danzig gibt es eine St. Annenkapelle, deren hölzernes Gitter oben mit dem seit Albrecht III. und Carl I. geführten Familienwappen gekrönt ist. Auch der vor der Kapelle liegende Verschlussstein des Grabgewölbes trug dieses Wappen. Der Bürgermeister Carl II. Groddeck, 1699 – 1774 (Anmerkung: Nach ihm wurde vor einigen Jahren ein Platz in Danzig benannt) hatte diese Kapelle als Erbbegräbnis erworben.

      Am 26.3.1913 habe ich (Anmerkung: Mein Großonkel Wilhelm von Groddeck, 1861 – 1937) die Gruft öffnen lassen und bin mit meinen beiden älteste Kindern hineingestiegen. Wir fanden 24 Särge darin, wohl erhalten in einwandfreier Luft.

      Die Aufstellung war in zwei Schichten übereinander. (Anmerkung: Es folgen die Namen, die auf Schildern zum Teil mit anderen Informationen über die Toten beschriftet waren, aber hier wahrscheinlich nicht von Interesse sind.)

      Im Frühjahr (Anmerkung: 1930) erhielt der Schriftführer die Nachricht vom Gemeindekirchenrat der Marienkirche, dass die Kapelle geräumt werden müsse, weil sie für die Heizanlage benötigt wurde. Protest war aussichtslos, da die Kapelle 1830 in das Eigentum der Kirche zurückgegeben und dafür ein Erbbegräbnis zu ewigen Zeiten auf dem alten Marienhof – Langgarten zur Verfügung gestellt wurde.



      Wie der Schriftführer kürzlich durch persönliches Befragen des Küsters erfahren hat, sollen alle großen Särge in einer bis dahin leeren Gruftkapelle unter der Sakristei stehen, deren wieder zugemauerter Eingang sich unter der bekannten astronomischen Uhr befindet. Der Verschlussstein der St. Annenkapelle mit dem Groddeck-Wappen ist seitlich der Kapelle in den Boden eingelassen und vom Kirchengestühl fast ganz verdeckt.“ (Anmerkung: bei meinen Besuchen in der Marienkirche in den letzte Jahren habe ich diesen Verschlussstein nicht gefunden.)

      Gruß Peter
      Tue recht und scheue niemand.

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      • Ulrich 31
        Forum-Teilnehmer
        • 04.11.2011
        • 8553

        #63
        AW: Grabplatten in der Marienkirche

        Ich denke, der verlinkt folgende trojmiasto.pl-Artikel vom 20.04.2010 (heute vor 11 Jahren) mit der deutsch übersetzten Überschrift "Marienkirche: der Friedhof vieler tausend Danziger" passt am besten in diesen Thread:

        https://www.trojmiasto.pl/wiadomosci...an-n38157.html (polnisch, Video lässt sich nur hier vergrößern),

        https://translate.google.com/transla...an-n38157.html (deutsch).

        Ulrich

        PS:
        Wie ich erst anschließend beim Scrollen durch diesen Thread festgestellt habe, hat Rychu bereits in #35 am 22.01.2016 auf den o.a. Artikel hingewiesen, allerdings nur mit einem Link zum polnischen Original und zwei kurzen Zitaten in Deutsch.

        Kommentar

        • Ryan1980
          Forum-Teilnehmer
          • 11.09.2017
          • 49

          #64
          AW: Grabplatten in der Marienkirche

          Im Danziger Staatsarchiv gibt es unter Signatur Nummer "APG, 300D, MP/1235" eine 1730 von Martin Buntz angefertigte Karte mit der Lage und Nummerierung der Grabplatten innerhalb St Mariens zu jener Zeit. Diese Information schickte mir vor einigen Jahren Andrzej Jansuzjatis zu.

          Ergänzend kann ich dann auch sagen, daß unter Grabplatte 111 im März 1611 Cajus Schmiedtlein, der Organist von St Marien von 1585 - 1611, und 1666 Paul Siefert, ebenfalls St Marienorganist von 1623-1666, und 1610-11 Assistent von Schmiedtlein, begraben wurden. Ob und wer sonst unter Grabstein 111 begraben wurde ist mir leider nicht bekannt.

          Gruß,
          Marek

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