Die Deutschen nach 1945 in Danzig

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  • Rudolf
    Forum-Teilnehmer
    • 22.06.2008
    • 335

    #46
    Unsere Jugendzeit

    Lieber Erhart ,
    Deinen Bericht und auch Deine Auffassung zu allem , was mit Krieg und Waffen zu tun hat , habe ich mit großem Interesse gelesen .
    So ähnlich war es auch bei uns zu Hause , neben den Eltern wohnten noch wir 3 Geschwister in einer 2-Zimmer-Wohnung . Meine Eltern hatten Mühe , uns alle zu ernähren und groß zu ziehen , was ihnen auch unter Zurückstellung eigener Bedürfnisse gelang . Mein Vater war in der Freistaatzeit mehrmals arbeitslos und so hatte meine Mutter die ganze Last häufig alleine zu tragen , was letztendlich zu Lasten ihrer Gesundheit ging . Zum Glück hatten wir in Heubude noch unsere Oma Hulda Buddatsch , die uns Kindern in schlechten Zeiten immer etwas zusteckte .
    Das alles habe ich in meinen Aufzeichnungen detailliert beschrieben , soweit ich mich daran erinnern konnte .
    In meinen Erinnerungen habe ich aber auch zu den Zeiten während des Krieges und der Kampfhandlungen die mir unvergeßlichen Eindrücke aufgeführt .
    Ein besonderes Ereignis möchte ich daraus zitieren :
    "Eines Tages (Anmerkung - es war zwischen dem großen Bombenangriff auf Heubude am 27./28.03. und dem Erscheinen der Russen am 01.04.1945 , wir befanden uns im Keller des heute noch existierenden Hauses Dampfbootstraße 3 ) brachten 2 Soldaten einen verwundeten Jungen von vielleicht 14 oder 15 Jahren in den Keller , er hatte die Uniform eines Flakhelfers an .Ich beobachtete ihn neugierig , denn ich konnte äußerlich keine Verwundung erkennen . Einer der Soldaten holte aus einer Wohnung einen Lehnstuhl , man setzte ihn hinauf und sie sagten ihm , daß schnellstens ein Sanitäter kommen wird , der sich um ihn kümmern wird .
    Der Sanitäter kam jedoch so bald nicht und so trösteten ihn die Anwesenden und versuchten , ihn abzulenken . An der Reaktion des Jungen konnte man sehen , daß ihm das Antworten Schwierigkeiten bereitete und ihm beim Sprechen etwas Blut aus dem Mund lief . Das Atmen fiel ihm immer schwerer und es war zu sehen , daß das Bluten zunahm . Vermutlich aus Angst rief er um Hilfe und dabei hörte allmählich der Blutfluß auf , es bildete sich vor seinem Mund und auf der Uniformjacke ein rosafarbener Blutschaum , der im Laufe der Zeit immer stärker wurde . Ich erinnere mich genau , daß er irgendwann nach seiner Mutter rief . Mein Vater hatte von der Pumpe im Garten frisches Wasser geholt und ihm wurde der Schaum aus dem Gesicht und auch der Schweiß , der ihm von der Stirn lief , abgewischt . Nach einer Weile verstummte er . Kurz danach kamen 2 Sanitäter , um ihn zu holen , sie stellten nur fest , daß es zu spät war . Als mein Vater ihnen vorwarf , daß sie früher hätten kommen müssen , meinten sie daß er keine Ahnung hätte , was draußen vor sich ging ."
    Viele Jahre bzw. Jahrzehnte habe ich über all diese Erlebnisse nie gesprochen . Allerdings muß ich gestehen , daß ich mitunter regelrechte Albträume hatte und auch jetzt noch habe . Dieser von Deutschland ausgelöste Krieg mit 50 Millionen Toten und verwüsteten Ländern hat mich dazu gebracht , alles zu hassen , was mit Krieg und Gewalt zu tun hat .
    Trotz dieser oben geschilderten Begebenheit wünsche ich allen Forumteilnehmern einen schönen Tag - der Heubuder Rudi

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    • ingrid.beckert
      Forum-Teilnehmer
      • 11.02.2008
      • 139

      #47
      Hallo Jutta, Erhart, Rudolf

      Ich sage Danke für eure Erlebnis-Schilderungen

      Wie Beate schon schrieb,

      ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass man den Krieg
      nicht erlebt hat und hoffendlich nie erleben werden.


      Viele Grüsse
      Ingrid
      Semrau-Kestner-Steinbrügger-Will-Krüger-Koschke-Schulz-Kung-Kommritz
      Engbrecht-Goerz-Henning-Tabbert-Basner-Modersitzki-Schönhoff

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      • mkleiss
        Forum-Teilnehmer
        • 10.02.2008
        • 296

        #48
        Zitat von Rudolf
        ...Dieser von Deutschland ausgelöste Krieg mit 50 Millionen Toten und verwüsteten Ländern hat mich dazu gebracht , alles zu hassen , was mit Krieg und Gewalt zu tun hat ...
        Hallo Rudi,

        Deine Schilderung hat mich sehr berührt...

        Als ich Kind war, es war die Zeit des Vietnamkrieges, sah ich meine Oma oft vollkommen fassungslos die Nachrichten schauen. Mit Tränen in den Augen, ein Taschentuch in der Hand hörte ich sie dann "oh nein, oh nein...!" stammeln. Damals verstand ich es nicht. Es war im Fernsehen, passierte irgendwo und das Wort "Krieg" sagte mir nichts. Heute kann ich sie verstehen und ihre Reaktion auch genau einordnen. Um so mehr vor dem Hintergrund dass heute schon wieder Deutsche Soldaten sterben...

        Ich danke allen, die die eigene schwere Zeit hier schildern und uns "Nachgeborenen" weitergeben. Ihr habt meinen Respekt!

        Lieben Gruß

        Michael
        - Wie sollen wir wissen, wohin wir gehen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen..? -

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        • Martschinke
          Forum-Teilnehmer
          • 07.03.2008
          • 404

          #49
          daheim-gebliebenen

          Zitat von Miriam Weeke
          Irgendwie scheint es wieder nicht ganz zu klappen mit den Brücken zwischen Jung und Alt, mit dem Zuhören und Antworten auf Fragen derer, deren Leben Lücken aufweisen. Woran könnte das nur liegen?
          Vielleicht wissen es die Danziger, die seit Ende des Krieges in Deutschland leben, nicht. Vielleicht gibt es im Forum keine daheim-gebliebenen deutschen Danziger, dann kann auch keiner antworten. Oder aber ihre Erinnerungen sind so unangenahm, dass sie darüber nicht sprechen können oder wollen.
          Ich könnte mir vorstellen, dass die "daheim-gebliebenen" Deutschen dem Arbeitslager und der Zwangsarbeit unterworfen waren. Weißt da einer was Genaueres drüber?Miriam
          Liebe Mirian,
          die Russen haben nach der Eroberung von Danzig und Umgebung alle Männer zwischen
          16 + 60 Jahre aus ihren Häusern geholt und in Sammel-Lager gebracht. Danach wurden
          sie sortiert. Einige überlebten das Lagerleben unter freien Himmel. Sie kamen danach
          nicht frei, sondern in Tranzporte nach Rußland zur Zwangsarbeit. Andere wurden
          durch Todesmärsche oder Zwangsarbeit getötet. Nur wenige Männer überlebten.
          Ich selbst habe es erlebt, wie Deutsche auch ältere Personen getötet wurden. Die
          Russen waren nicht alle gleich, sie warnten die Deutschen vor der Hinrichtung und
          sprachen sie an, sie mögen sich verstecken um nicht von ihren Kameraden getötet
          zu werden.
          Ich habe es selbst erlebt, ein russischer Offizier kam zu mir ins Haus und ging mit mir
          zu den Nachbarn, er bat mich darum die Eheleute zu verstecken, leider folgten sie mir
          nicht in ein Versteck und waren schon am nächsten Morgen getötet worden.
          Es kamen sehr viele Menschen zu Tode. Danzig mit der Umgebung war ein Totenland.
          Einige Überlebende und noch gesunde Arbeitskräfte wurden nach ihrer Vertreibung
          im Winter 1946 bei ihrer Flucht aus den Viehwaggons geholt und durften nicht nach
          Deutschland einreisen. Das Leben nach 1945 war für die Deutschen so grausam wie
          es kaum in Büchern beschrieben worden ist.

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          • jonny810
            Forum-Teilnehmer
            • 10.02.2008
            • 2423

            #50
            Fortsetzung und Ende meines Erlebnis-Berichtes.

            Nun werde ich einmal versuchen, wieder das Fahrwasser zu finden und die angefangene Geschichte zu Ende zu bringen.
            Das wir Zuflucht auf dem Bischhofsberg fanden, war mehr da durch bedingt, dass alle dort hin strömten.Weniger ein geplantes Ziel. Man war ja nur ein Teil der Menge, die sich dort hin begab. Der Mensch ist wohl doch ein Herden-Tier. Speziell, in einer Panik-Stimmung. Das ist mir erst später bewußt geworden.Der Bischhofsberg war die ersten Tage und Nächte unser Asyl, wenn man so will. Ein Asyl, ohne Rechte.
            Was sich dort in den ersten drei Nächten abspielte, kann man sich gar nicht vorstellen. In betrunkenem Zustand fielen Russen über die Frauen her. Egal, ob sie schrien, ob Kinder dabei waren oder nicht, die ersten drei Tage, bzw. Nächte, hatten sie Narren-Freiheit. Das wurde von den meist jungen Soldaten auch reiflich genutzt.
            Meine drei Brüder und ich, wir deckten unsere Mutter mit unseren Körpern zu, so lange die Gefahr bestand. Sie ist auch diesbezüglich verschont geblieben.
            Dann wurde ein Dach über den Kopf gesucht. Ich weiß nicht mehr, wo wir überall landeten. Schließlich fanden wir eine Bleibe in der Steuben -Strasse 10. Für mich war diese Gegend unheimlich, da auf der anderen Seite ein Friedhof war. So etwas flößte mir immer Unbehagen, um nicht zu sagen, Angst und Ehrfurcht ein.
            Aber auch dort blieben die Frauen nicht ganz verschont. Nur man wußte zwischenzeitlich, dass wenn man Kommissar rief, dampften die Vergewaltiger meistens ab. Da hätten sie wohl Schwierigkeiten zu erwarten, wenn man sie verhaftet hätte.
            Irgend wann trieb meine Mutter eine Wohnung auf dem Heinrich Scholtz Weg auf. Dort konnten wir ziemlich ungestört leben. Wir hatten polnische Nachbarn und wurden in Ruhe gelassen. Das die deutsche Bevölkerung generell von den Polen aus den vorhandenen Wohnungen herausgeworfen wurden, kann ich nicht bestätigen. Mag auch so etwas gegeben haben. Man hörte ja vieles. Auch pfantasievolle Geschichten. Nicht alles entsprach der Wahrheit. Ist wohl menschlich.
            Wir Jungens durften des polnischen Nachbarn,deutsche Kuh hüten. Meine Mutter bekam dafür abends 1 Liter Milch. Mich trieb der Hunger in die Stadt und so ließ ich Kuh eine Kuh sein, und weg war ich. Ich war Schnurren und abends wenigstens nicht so hungrig wie die Anderen Familien-Mitglieder. Nur gab es ein Problem, das war die deutsche Kuh des Polen. So sind die Neubesitzer, meine Mutter und 2 Brüder auf die Suche gegangen, bis sie die Kuh fanden. Die hatte wiederkäuend im Gras gelegen und sich durch so einen Typischen Rülpser verraten. Ende gut,-alles gut.
            Ich durfte die Kuh nicht mehr hüten, nur noch die älteren Brüder. Dafür hatte ich aber etwas mehr im Magen als die. Aus einer Konserven-Dose hatte ich mir ein kleines Eimerchen mit Henkel gemacht. Damit stand ich bei den Russen und ergatterte, mal Kascha, mal etwas Suppe. Heute würde ich sagen, das war auch mehr als primitiv, was der einfache Soldat da geboten bekam. Kascha war so etwas wie dick gekochte Graupen. Darüber gab es einen schuß Raps-Öl. Dieses war meistens "ranzig". Also eine Zumutung aber das hat unsere Dankbarkeit den Russen gegenüber nicht geschmälert. Manches mal gab es dann noch ein Stückchen Komis-Brot dazu. Das war ganz dunkel und schmeckte wie gebackener Sauerteig.
            Aber was zählte das? wieder einen Tag überstanden. u. s. w.

            Ende September sind wir dann per polnischem "Rotes Kreuz" in den Westen gekommen und fanden bei Mutters Schwester in Braunschweig Unterschlupf. Der Abtransport war, wie hier schon mehrfach geschildert. In Fieh -Waggons, später dann auf solchen flachen -Stück-Gut Waggons-und so begann der 2 wöchige Weg in eine ungewisse, aber unterm Strich wohl bessere Zukunft. Einen schönen Abend, Erhart vom Schüsseldamm
            Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
            "Nec Temere - Nec Timide"
            Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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            • waldkind
              Forum-Teilnehmer
              • 06.10.2008
              • 2366

              #51
              Fragen und Mitgefühl

              Zitat von Martschinke
              die Russen haben nach der Eroberung von Danzig und Umgebung alle Männer zwischen 16 + 60 Jahre aus ihren Häusern geholt und in Sammel-Lager gebracht. Danach wurden sie sortiert. Einige überlebten das Lagerleben unter freien Himmel. Sie kamen danach nicht frei, sondern in Tranzporte nach Rußland zur Zwangsarbeit. Andere wurden durch Todesmärsche oder Zwangsarbeit getötet. Nur wenige Männer überlebten.
              ....Das Leben nach 1945 war für die Deutschen so grausam wie
              es kaum in Büchern beschrieben worden ist.
              Lieber Martschinke,
              du hast mir hier eine Frage beantwortet, die ich nicht laut gestellt hatte. Ich fragte mich, es wird immer von den Kindern und den Frauen gesprochen, nicht aber von den Männern. Was war mit den Männern? Anstatt diese Frage laut zu stellen, hatte ich mir eine Antwort selber zusammen gereimt im Stillen.

              Als ich ein kleines Mädchen war - ihr wisst ja kleine Mädchen stellen gerne Fragen - schrie mich ein Mann an "Vergasen sollte man euch alle". Obwohl ich seine Worte nicht verstand, wusste ich instinktiv, dass ich ihm außer Reichweite gelangen musste, damit er nicht auf mich einschlagen konnte. Wieder stellte ich dumme Fragen. Ich fragte meinen Bruder, was "Vergasen" bedeutet. Nachdem ich es begriff, geschah dreierlei. Erstens wurde mir klar, dass ich keine Fragen stellen durfte, zweitens hatte ich seit diesem Tag Atembeschwerden. Drittens ich verlor mein Vertrauen in die Welt der Erwachsenen. (Ich bin Jahrgang 1960).
              Wie gut, dass es heute Menschen gibt, die Fragen beantworten, obwohl ich sie nicht laut gestellt habe. Nur so kann ich lernen die Fragen, die ich hatte, doch noch zu stellen ohne dass sie mir den Atem nehmen.

              Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch mit einem Leiter einer russlanddeutschen Gemeinde. Er sagte, die Russen, die zu ihm kommen, sind alles Kinder und Enkel von Deutschen, die nach dem Krieg Zwangsarbeit leisten mussten. In Russland waren es nur Deutsche, sagte er, in Deutschland sind es nur Russen. Und so haben sie gar keine Heimat. Mir kam dieses Gefühl irgendwie bekannt vor. Eigentlich waren mir diese Zusammenhänge über dem Kopf klar. Nach diesen Beiträgen hier im Forum merke ich, dass zwischen Kopf und Herz doch noch ein großer Unterschied ist. Mit dem Kopf kann man vieles sich erklären. Doch nur im Herzen entsteht Mitgefühl und Liebe.

              Ich danke dir Martschinke für deinen Beitrag. Miriam
              Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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              • wenzkauer
                Forum-Teilnehmer
                • 26.10.2008
                • 203

                #52
                Hallo Jutta, Regina, Heinz, Erhart, Martschinke und Rudi !!
                Ich hatte für eine Woche keinen Zugriff auf´s Internet, und möchte mich gerade bei Euch mit großem Respekt für Eure Beiträge bedanken. Viele meiner Anverwandten, die bestimmt ähnliches erlebt haben, hatten sich niemals mit mir darüber unterhalten. Ich kann es nun gut verstehen- man wollte mich als Kind damit nicht belasten und das blieb dann wohl so bis heute.........
                Viele Begebenheiten innerhalb unserer Familie kann ich durch Eure Beiträge nun besser verstehen und wenn ich noch Fragen habe, werde ich mir diese sehr gut überlegen.

                Wir sprechen hier oft vom "Vererben" - ich meine damit nicht materielles - und so schmerzhaft vieles in zu diesem Thema hier im Forum auch ist, aber schon meine Kinder stellen Fragen an mich, wie z.B. "wieso bist Du, Papa, zur Hälfte Kaschube ??? " und genau dort beginnt es, die Kinder dafür zu interessieren und die richtigen Antworten zu geben, um dann eben alles Geschehene nicht vergessen werden zu lassen.

                Einen schönen Sonntag wünscht Michael

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                • Beate
                  Administratorin
                  • 11.02.2008
                  • 4836

                  #53
                  Ihr Lieben, danke Euch allen für Eure Schilderungen. Dass Ihr Euch dazu überwunden habt. Wenn ich sehe, welch unglaublichen seelischen Ballast Eure Generation in sich trägt, womöglich nie darüber spricht, erschüttert mich das. Ich hoffe, Ihr könnt vielleicht zu Hause oder mit Freunden darüber reden oder es aufschreiben, es muss doch verarbeitet werden. Es kann leider nichts ungeschehen gemacht werden, aber vielleicht kann man es erleichtern, ein wenig verarbeiten. Ich wünsche es von Herzen.

                  Liebe Grüße Beate:heart:
                  ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

                  Kommentar

                  • Rudolf
                    Forum-Teilnehmer
                    • 22.06.2008
                    • 335

                    #54
                    Rußlanddeutsche

                    Auch wenn es nichts mit Danzig zu tun hat , möchte ich noch etwas zu Miriams Beitrag sagen . Die Vorfahren der Rußlanddeutschen wurden einst vom Zaren Peter dem Großen und dann besonders von der Zarin Katharina der Großen in das damalige Russische Reich geholt . Sie hatten es im Laufe der Zeit meist zu Reichtum und Wohlstand gebracht , zumal ihnen auch große Vergünstigungen gewährt wurden .
                    Mit der Revolution nach dem I. Weltkrieg änderte sich die Situation grundlegend für sie . Es kam zu den üblichen Enteignungen und der Zwangskollektivierung und dann - in der Phase der politischen Verfolgungen Ende der 30-iger Jahre - zu Massenhinrichtungen aller politisch unliebsamen "bürgerlichen und reaktionären Elemente" , wobei auch die dort lebenden Deutschen in großem Umfang betroffen waren . Mit dem Kriegsbeginn ( 1941 ) wurden alle Deutschen auf Stalins Befehl aus ihren Siedlungsgebieten deportiert ( zumeist nach Sibirien und in die asiatischen Sowjetrepubliken ) , wobei die Familien auseinandergerissen wurden . Es wurde zum Zwecke einer großangelegten Zwangsarbeit eigens eine sogenannte "Armija Trud" ( Arbeitsarmee ) gebildet , in der die dort unter äußerst harten Bedingungen arbeitenden Menschen bis zur physischen Vernichtung Zwangsarbeit leisten mußten . Auch noch viele Jahre nach dem Krieg gab es immer noch diese Arbeitsarmee bis zu Stalins Tod . Das System ließ es einfach nicht zu , diese Arbeitssklaven in ein halbwegs normales Leben zu entlassen . Das Benutzen der deutschen Sprache war den Deutschen in der Sowjetunion streng untersagt . Das erklärt auch , daß viele der jetzt in Deutschland lebenden Rußlanddeutschen Probleme mit der deutschen Sprache haben .
                    Soviel nur als Hinweis zu dieser Sache .
                    Viele Grüße Rudi

                    Kommentar

                    • J.Langfuhr
                      Forum-Teilnehmer
                      • 11.02.2008
                      • 145

                      #55
                      Wir sprechen hier oft vom "Vererben" - ich meine damit nicht materielles - und so schmerzhaft vieles in zu diesem Thema hier im Forum auch ist, aber schon meine Kinder stellen Fragen an mich, wie z.B. "wieso bist Du, Papa, zur Hälfte Kaschube ??? " und genau dort beginnt es, die Kinder dafür zu interessieren und die richtigen Antworten zu geben, um dann eben alles Geschehene nicht vergessen werden zu lassen.

                      Kommentar

                      • J.Langfuhr
                        Forum-Teilnehmer
                        • 11.02.2008
                        • 145

                        #56
                        Zitat von J.Langfuhr
                        Wir sprechen hier oft vom "Vererben" - ich meine damit nicht materielles - und so schmerzhaft vieles in zu diesem Thema hier im Forum auch ist, aber schon meine Kinder stellen Fragen an mich, wie z.B. "wieso bist Du, Papa, zur Hälfte Kaschube ??? " und genau dort beginnt es, die Kinder dafür zu interessieren und die richtigen Antworten zu geben, um dann eben alles Geschehene nicht vergessen werden zu lassen.
                        Irgendwie komme ich mit der Zitiertechnik noch nicht zurecht, denn dieser Text ist natürlich von Wenzkauer. Ich möchte daran anschließen und vorsichtig fragen: wie haben die Familien mit kaschubischen Wurzeln die Zeit nach 45 erlebt und offensichtlich überlebt. Bei meinen späteren Besuchen nach unserer Flucht 1945 war ich über die relativ große Zahl von Familien gleichen Namens im Telefonbuch von Danzig, Oliwa, Gdynia und Groß Katz erstaunt. Meine 1958 ausgesiedelten Großeltern haben die Gräuel der ersten Tage und Monate nach Einmarsch der Sowjetarmee 45 erlebt und auch davon berichtet. Danach muss sich die Lage für sie gebessert haben, sodass sie am Ende ihres Lebens eher bedauerten, nach Westdeutschland gegangen zu sein.

                        J. Langfuhr

                        Kommentar

                        • wenzkauer
                          Forum-Teilnehmer
                          • 26.10.2008
                          • 203

                          #57
                          Hallo J. Langfuhr , hallo in die Runde

                          Vielleicht kann jemand das folgende bestätigen oder auch sehr gerne richtigstellen. Ich habe es so aus meiner Kindheit verstanden:
                          Katholische Kaschuben sollen mehr den Polen zugewandt gewesen sein,
                          evangelische mehr den Deutschen, das würde in meiner katholischen Familie auch erklären, weswegen soviele ihre Höfe nach 1945 behalten durften und nicht vertrieben wurden. Diese Bauernhöfe wurden dann später sogar an die Kinder vererbt. Ich habe in Wenzkau viele Verwandte, die fast kein deutsch konnten.
                          Ich würde mich sehr freuen, wenn jemand hier im Forum dazu mehr weiß.

                          Grüße Michael

                          Kommentar

                          • Heibuder
                            Forum-Teilnehmer
                            • 10.02.2008
                            • 751

                            #58
                            Zitat von J.Langfuhr
                            Irgendwie komme ich mit der Zitiertechnik noch nicht zurecht, denn dieser Text ist natürlich von Wenzkauer. ...
                            Hallo, J. Langfuhr, schau noch mal hier nach:
                            https://www.danzig.de/showpost.php?p=9211&postcount=1
                            Es grüßt der Heibuder!

                            "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

                            Kommentar

                            • waldkind
                              Forum-Teilnehmer
                              • 06.10.2008
                              • 2366

                              #59
                              Hallo Rudi, liebe Forumsmitglieder,
                              danke für den geschichtlichen Hintergrund. Ich selber ließ ihn wegen "Thema verfehlt" weg. Aber Hintergrundinformationen sind durchaus wichtig.
                              Für mich hat die Geschichte der Deutschlandrussen sehr wohl etwas mit Danzig zu tun. Zarin Katharina II. war Tochter eines preußischen Gouverneurs, sie holte insbesondere Deutsche, vor allem Lutheraner aus Westpreußen und Danziger nach Russland. Diese "Ausländerpolitik" wurde von den Zaren Paul I. und Alexander I. weitergeführt. Auch in der Zeit von Enteignungen, Deportationen und Vertreibungen mussten deutschstämmige Wehrpflichtige in der russischen Armee kämpfen. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Deutschen auf Liquidierungslisten erfasst und in Arbeitslager nach Sibirien und Kasachstan verschleppt. Natürlich kam es dadurch zur Flucht von Russlanddeutschen ins Deutsche Reich. Die am Ende des II.Weltkrieges von den Russen gefangen genommenen Deutschen, die vor dem Krieg in Russland lebten, in der Armee dienten und ins Deutsche Reich geflohen waren, wurden als Deserteure nach dem Militärgesetz bestraft. Darunter befanden sich ja sicher auch Danziger.

                              Zu den Russlanddeutschen zähle ich auch diejenigen Deutschen, die Ende des Krieges gefangen genommen und nach Russland deportiert wurden, die keine russische Vorgeschichte hatten, fünfzig Jahre in Russland lebten und nun nach Deutschland einwanderten. Diese Entwicklung sehe ich für ursprünglich Danziger Deutsche als schwierig an,
                              weil sie, wenn sie in Deutschland sind noch lange nicht in einer "ursprünglichen Heimat" angekommen sind. Wie die Stadt Danzig selber mit dieser Frage umgeht weiß ich nicht, ob sie Lösungen oder Überlegungen dafür hat. Vielleicht kennt sich jemand hier im Forum mit dieser Frage aus?
                              Liebe Grüße, Miriam.
                              Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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                              • Heibuder
                                Forum-Teilnehmer
                                • 10.02.2008
                                • 751

                                #60
                                Zitat von Ohrscher 33-46
                                ...in einem Beitrag zwischen mehreren Zitaten etwas antworten...
                                Öffne mit <zitieren> das Gesamtzitat:
                                [ quote=Name;7024].....Beitragstext.......[ /quote]

                                Kopiere in diesem Gesamttext an den Anfang und das Ende eines Satzes oder Absatzes,
                                den Du kommentieren willst, wieder diese eckigen Klammern und
                                bilde so Teilzitate nach folgendem Muster:

                                [ quote=Name;7024].....Beitragstextteil 1......[ /quote]

                                Schreibe hier Kommentar zu Beitragstextteil 1

                                [ quote=Name;7024].....Beitragstextteil 2.......[ /quote]

                                Schreibe hier Komentar zu Beitragstextteil 2

                                [ quote=Name;7024].....Beitragstextteil 3.......[ /quote]

                                Schreibe hier Kommentar zu Beitragstextteil 3

                                usw. usw.

                                Wichtig! Allen überflüssigen Text vor und hinter den quote-Klammern der Teilzitate löschen,
                                einschließlich der Anfangs- und End-Quoteklammern des Gesamtzitats!
                                Vor dem Abschicken mit <Antworten> noch einmal alles mit <Vorschau> überprüfen!
                                Es grüßt der Heibuder!

                                "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

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