Die Deutschen nach 1945 in Danzig

Einklappen
X
 
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles l
neue Beitr
  • mottlau1
    Forum-Teilnehmer
    • 11.02.2008
    • 1720

    #31
    in Danzig nach 1945 und danach im Westen

    Hallo ins Forum,

    auch ich habe bis 1950 in Langfuhr mit meiner Mutter u. meinem Opa gelebt. Ein Kind das zu deutscher Zeit im Oktober 1944 geboren wurde.
    Meine Mutter hat sich bis nach Dirschau zu Familie durchgeschlagen.
    An viele Hauswände in Danzig wurden Nachrichten geschrieben damit Familienmitglieder sich finden konnten.- Mein Opa wurde am Ende des Krieges aus dem KZ Buchenwald von den Amerikanern befreit. Er ein sehr kranker Mann nur noch 45kg schwer schlug sich durch nach Danzig in der Hoffnung Familie zu finden. Meine Oma war einen Monat vor meiner Geburt gestorben mit nur 51 J. Von den Aufregungen der Verhaftung hat sie sechs Schlaganfälle erlitten. -Mein Opa hat als Dolmetscher u. Zollbeamter zum Glück auch polnisch gesprochen. Meine Mutter hatte polnisch statt Französisch in der Schule gelernt. Das war sehr hilfreich als nun die Polen in Danzig Einzug hielten. Und mich lehrte die Mutter nicht die deutsche Sprache aus Angst vor Represalien der Polen. Hätte mich ja als Kleinkind verplappern können was zu Unannehmlichkeiten geführt hätte. Es gab solche Fälle wo selbst die Kinder von Polen verhauen wurden wenn sie deutsch sprachen. Zwei meiner Onkel konnten kein polnisch und kamen jeden Tag zerschlagen nach Hause u. weinten bitterlich zu Hause. Statt wieder in ihrem Beruf als Schiffsmakler zu arbeiten schleppten sie nun Kohlensäck im Danziger Hafen. So erging es den meisten in Danzig verbliebenen Deutschen.
    Endlich kam eine Nachricht über das Rote Kreuz, dass mein Vater nach vielen Jahren der Gefangenschaft in Sibirien nach Westdeutschland gelangt war. -Nach vielen Bemühungen gelang es meiner Mutter eine Ausreise dorthin zu bekommen. Wir nahmen Abschied von meinem Großvater den wir nie mehr wiedersahen. Er starb dann 1954.- Mit dem Zug durch die ehem.DDR gelangten wir nach einer Woche Fahrt dann in Friedland . Jetzt waren wir endlich im Westen. Dann kamen wir in die Nähe von Frankfurt/Main. Dort erwartete uns Armut . Wir wohnten in einer Mansarde im dritten Stock die eigentlich für solche Mädchen die mit Amerikanern gingen vorgesehen war. Der Bürgermeister des Ortes wollte uns den Zuzug zum Vater verwehren obwohl er in St.Petersburg geboren war. Seine Worte waren: soll ihre Frau doch hingehen wo sie herkommt. Die Toilette war über die Straße in einer Ruine. Mein Vater kämpfte auch um seine Wiedereinstellung zur Polizei. Vorher arbeitete er als Tellerwäscher bei den Amerikanern. Dort traf er im Büro zum Glück auf einen Schulkameraden aus Danzig der ihm diese Stelle besorgte. Hier hast Du Essen für Dich u. Deine Familie waren seine Worte. Endlich dann im Jahr 1952 bekam der Vater die Einstellung als Polizeibeamter. Unser Glück nun endlich zusammen zu sein dauerte nur sechs Jahre weil mein Vater mit nur 39Jahren im Jahr 1958 an Darmkrebs verstarb. Die vielen Jahre der Gefangenschaft hatten wohl dazu beigetragen.

    Jutta













    Es kann keiner gerecht sein, der nicht menschlich ist.
    (Maurice Cove de Murville) Französischer Politiker

    Kommentar

    • waldkind
      Forum-Teilnehmer
      • 06.10.2008
      • 2366

      #32
      Hallo Jutta,
      vielen Dank für deine Geschichte. Das war ein schweres Schicksal für alle Familienmitglieder. Fragen, die mir dazu einfallen, wage ich aber nicht zu stellen.
      Vermutlich war es Glück, dass deine Mutter polnisch sprach. In Deutschland musstest du dann ganz von vorne anfangen. Ich meine, du konntest doch kein deutsch. Das stelle ich mir schwer vor. Als dein Vater starb, warst du erst 14 Jahre alt oder 13 Jahre und wahrscheinlich zu jung, um ihn zu fragen und sein Schicksal zu verstehen. Erst recht, was deinen Opa betraf.
      Es war also nicht so, dass man als Deutsche einfach ausreisen konnte, sondern dafür eine Genehmigung brauchte.
      Liebe Grüße von Miriam
      Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

      Kommentar

      • mottlau1
        Forum-Teilnehmer
        • 11.02.2008
        • 1720

        #33
        Zitat von Miriam Weeke
        Hallo Jutta,
        vielen Dank für deine Geschichte. Das war ein schweres Schicksal für alle Familienmitglieder. Fragen, die mir dazu einfallen, wage ich aber nicht zu stellen.
        Vermutlich war es Glück, dass deine Mutter polnisch sprach. In Deutschland musstest du dann ganz von vorne anfangen. Ich meine, du konntest doch kein deutsch. Das stelle ich mir schwer vor. Als dein Vater starb, warst du erst 14 Jahre alt oder 13 Jahre und wahrscheinlich zu jung, um ihn zu fragen und sein Schicksal zu verstehen. Erst recht, was deinen Opa betraf.
        Es war also nicht so, dass man als Deutsche einfach ausreisen konnte, sondern dafür eine Genehmigung brauchte.
        Liebe Grüße von Miriam

        Hallo Miriam,

        ja als ich mit fünf ein halb Jahren ankam konnte sich mein Vater nicht mit mir verständigen. Ich kam noch sechs Monate in den Kindergarten und dann in die Schule. Habe sehr schnell deutsch gelernt.- Bis zu seinem Tod vom Erkennen der Krankheit bis zum Tod waren es nur ca sechs Wochen. Ab diesem Zeitpunkt war ich erwachsen. Habe vor Schock nicht eine Träne am Grab weinen können.
        Ja meine Mutter fuhr im Jahr 1950 extra nach Warschau um das zu ermöglichen. Hätte das nicht geklappt-denn es war der letzte Transport nach Deutschland- dann hätten wir wohl Jahre warten müssen und vielleicht hätte ich dann meinen Vater nicht mehr kennengelernt.- Ich habe von meiner Mutter viel über die Gefangenschaft meines Vaters erzählt bekommen. Dort traf er auch einen Leidensgefährten namens Erich Ramson der aus Neustadt/Wejherowo stammte. Der besuchte uns nachdem er auch aus der Gefangenschaft kam. Seine Enkelin hat später über das Forum Danzig-L mit mir Kontakt aufgenommen.
        -Noch dies: ich habe das Grab meines Opas auf dem Friedhof Silberhammer schon zwei Mal wieder gekauft. Es wird bis 2014 existieren. Das ist für mich der Anlaufpunkt seit ich ab 1978 das erste Mal nach Danzig fuhr um zu erfahren wo meine Wurzeln sind. Ich habe dort viele Verwandte mütterlicherseits wieder gefunden.
        Seit dieser Zeit war ich jedes Jahr in Danzig und das mehrmals.
        Falls Du Fragen hast beantworte ich Dir diese gerne-nur bitte eine pers. Mail an mich senden.

        Dir Miriam und allen einen netten Gruß
        Jutta
        Es kann keiner gerecht sein, der nicht menschlich ist.
        (Maurice Cove de Murville) Französischer Politiker

        Kommentar

        • mkleiss
          Forum-Teilnehmer
          • 10.02.2008
          • 296

          #34
          Zitat von Helga
          ...wie meinst du das?
          Hallo Helga,

          derjenige, den ich meine, hat´s mit Sicherheit verstanden...

          Michael
          - Wie sollen wir wissen, wohin wir gehen, wenn wir nicht wissen, woher wir kommen..? -

          Kommentar

          • waldkind
            Forum-Teilnehmer
            • 06.10.2008
            • 2366

            #35
            Zitat von Joniszus
            ...Ich bin Jahrgang 1937 und habe ein sehr intaktes Langzeit Gedächnis.
            ...
            Sollen die Jüngeren sich melden und Fragen stellen. Ich bin gerne bereit, diese mit zu beantworten. ...
            Erhart
            Hallo Erhart,
            da du von Langzeitgedächtnis sprichst, ist mir eines bewusst geworden: Ich war noch ein kleines Mädchen, nicht mal in der Schule, als mir die Mutter Fragmente aus ihrer Kindheit erzählte. Sie redete von Thyphus, von toten Angehörigen, von Konzentrationslager, Kommandanten, von Russen, ihrer Zwillingsschwester (die nach dem Krieg starb). Sie zeigte mir eine Karte von Danzig ohne das ich begriff, was Danzig ist, und das Foto ihres Bruders, den sie in den Tod begleitete. Alles Geschichten, die ein kleines Mädchen nicht versteht. Sie fügen sich jetzt, nach langer Zeit, wie ein Puzzel zusammen. Hätte ich nicht gewusst, dass sie in Danzig geboren ist, hätte ich sie niemals verstehen gelernt. Ich weiß nicht einmal wann und wie sie Danzig verließ.

            Dabei stelle ich mir durchaus die Frage,wie ging es in der Stadt weiter. Unmittelbar zu Kriegende war sie zerstört. Wieviele intakte Häuser gab es noch, wo Menschen leben konnten? Wurden die aus ihrer Heimat vertriebenen Polen gleich nach Danzig umgesiedelt, während die Deutschen nach Westen zogen? Das stelle ich mir sehr schwierig vor. Es muss eine Zeit der Orientierungslosigkeit gewesen sein. Und wie ging es in den Schulen? Wurden dann polnische Lehrer eingestellt? Und was machten denn die Kinder, die nur deutsch sprachen? Wie kamen sie in der Schule zurecht? Ich kann mir auch nicht recht vorstellen wie der Wiederaufbau stattfand. Die Deutschen wurden weggeschickt. Mussten denn nun die polnischen Neuankömmlinge die Stadt aufbauen? Das wäre auch ein hartes Los für diese gewesen. Oder hat man Deutsche zur Zwangsarbeit zurückgehalten.
            Das waren heute so meine wichtigsten Fragen, natürlich an alle Leser gerichtet.
            LG Miriam
            Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

            Kommentar

            • grabschau, + 06.11.2012
              Forum-Teilnehmer
              • 10.02.2008
              • 496

              #36
              "nobody is perfeCt" Ohrscher, aber wie oft musst Du noch diese Wörter nach 64 J. benutzen-- ??

              ******
              2. Die wenige Monate nach Kriegsende zugezogene Polen uebernahmen sofort die Wohnungen, aus denen die Deutschen gewaltsam vertrieben worden waren.

              ******

              die zugezogenen Polen hatten wohl auch keine andere Wahl u. wären lieber in ihrer vertrauten Heimat geblieben ( Warschau z.B.)

              Mich ärgert einfach Deine Polenantipatie (auch versteckt bemerkt man sie !!! ) ----- super Deine Gedächtnishilfe für den 8. Mai

              LG Sigi- Paris

              Kommentar

              • Helga +, Ehrenmitglied
                Moderatorin
                • 10.02.2008
                • 1948

                #37
                Zitat von grabschau
                "nobody is perfeCt" Ohrscher, aber wie oft musst Du noch diese Wörter nach 64 J. benutzen-- ??
                Aber hallo, nun sei mal nicht so pingelig Sigi, ein winziger falscher Buchstabe wird hier sicher niemanden stören.

                Zitat von grabschau
                "Mich ärgert einfach Deine Polenantipatie (auch versteckt bemerkt man sie !!! )
                Ich glaube nicht, daß man gleich eine Polenantipathie vermuten muß, wenn jemand sagt wie es war. Ich meine, wie immer du es formulieren willst, die Tatsache bleibt dennoch bestehen.
                Solche Unterstellungen sind einfach ungut.

                Ich hoffe, es geht schon wieder ein kleines Stück besser.
                Viele Grüße
                Helga

                "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

                Kommentar

                • waldkind
                  Forum-Teilnehmer
                  • 06.10.2008
                  • 2366

                  #38
                  das innere Erbe

                  Hallo Siegfried,
                  erst mal danke für deine ausführlichen Antworten. Die Zeit zwischen 1945 und 1949 konnte ich mir nicht so recht zusammenreimen. Ich denke, dass ich jetzt ein Bild gewonnen habe aufgrund der Beiträge hier.

                  Zitat von wenzkauer
                  Mir wird´s beim Schreiben auch manchmal so komisch - ich habe es wohl geerbt.
                  Da ist mir ein Gedicht eingefallen, dass ich im Jahre 2003 schrieb. Ja ich denke wir erben einiges, wissen manchmal nicht wo es her kommt. Zumindest bei diesem Gedicht glaube ich jetzt zu wissen, wo es her kam.

                  Grasnacht

                  Durch schwarze Nacht
                  gleitend
                  Eiskristalle
                  die blanke Haut ritzend

                  Mit bloßen Händen
                  weißfrostigen Schnee
                  aufkratzend
                  das letzte Gras
                  zu erheischen

                  Im Hintergrunde fallen
                  Schüsse
                  Das Knirschen der Zähne
                  verstummt
                  Der Schmerz des Hungers
                  ertaubt

                  Und ich glaube, wir tragen das Erbe in uns bis wir es verstehen. Mit herzlichen Grüßen an alle. Miriam
                  Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

                  Kommentar

                  • Rudolf
                    Forum-Teilnehmer
                    • 22.06.2008
                    • 335

                    #39
                    Erlebnisgeneration

                    Der "Ohrsche Siegried" hat nach meiner Meinung mit seinem Beitrag 36 die Fragen Miriams wahrheitsgemäß beantwortet . So war es nun einmal zu dieser Zeit und ich denke , man sollte nicht jemandem , der diese Zeit erlebt hat , gleich eine "Polenantipathie" unterstellen .
                    Wenn ich ( Jahrgang 1933 ) meine damaligen Erlebnisse in allen Einzelheiten schildern würde - vom ständigen Hunger bis hin zu persönlichen Mißhandlungen , die mich nach der Zwangsausweisung letztendlich nach meiner Ankunft in Berlin im Januar 1946 mehrwöchig in ein Krankenhaus brachten - würde mich Sigi-Paris sicher auch einer "Polenantipathie" bezichtigen .
                    Ich kann versichern , daß dies bei mir absolut nicht der Fall ist , ganz im Gegenteil . Aber ich , wie auch alle Betroffenen aus der "Erlebnisgeneration" , sollten das Recht haben , sich zu dieser Zeit und ihren persönlichen Erlebnissen zu äußern .
                    Über meine durch Krieg und Nachkrieg geprägte Jugend habe ich vor einiger Zeit meine Erinnerungen zu Papier gebracht , allerdings werde ich damit nicht in der ganzen Breite an die Öffentlichkeit gehen , diese Aufzeichnungen sind in ihrer Gesamtheit nur für die Familie bestimmt . Aus diesen Aufzeichnungen geht aber auch hervor , daß diese Zeit mich zu einem Menschen gemacht hat , der Krieg und Gewalt verabscheut .
                    Viele Grüße - Rudi

                    Kommentar

                    • Helga +, Ehrenmitglied
                      Moderatorin
                      • 10.02.2008
                      • 1948

                      #40
                      Zitat von Rudolf
                      Aber ich , wie auch alle Betroffenen aus der "Erlebnisgeneration" , sollten das Recht haben , sich zu dieser Zeit und ihren persönlichen Erlebnissen zu äußern .
                      Hallo Rudi,

                      so ist es. Es gibt etliche Teilnehmer die wie ich, der Nachkriegsgeneration angehören, und die Berichte aus dieser für uns so fernen Zeit mit Interesse und gerne lesen. Und das Zeitzeugen Interesse daran haben, davon gehe ich sowieso aus.
                      Viele Grüße
                      Helga

                      "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

                      Kommentar

                      • waldkind
                        Forum-Teilnehmer
                        • 06.10.2008
                        • 2366

                        #41
                        Naja Helga,
                        eigentlich ist ja diese Zeit für uns Nachkriegsgeneration gar nicht so fern. Zwischen den hier geschilderten Erlebnissen (1945-1950) in Danzig und meiner Geburt im Rheinland liegen gerade mal 10-15 Jahre.

                        Jeder, der diese Zeit miterlebt hat, hat das Recht seine Erlebnisse auszudrücken nicht nur, weil wir "Jüngeren" daran ein Interesse haben, sondern weil es sowieso das Recht jedes Menschen ist zu sich selber zu stehen und sich auszudrücken. Man muss ja nicht immer alles bewerten und gleich in Schubladen packen. LG Miriam

                        Zitat von Helga
                        Hallo Rudi,

                        so ist es. Es gibt etliche Teilnehmer die wie ich, der Nachkriegsgeneration angehören, und die Berichte aus dieser für uns so fernen Zeit mit Interesse und gerne lesen. Und das Zeitzeugen Interesse daran haben, davon gehe ich sowieso aus.
                        Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

                        Kommentar

                        • Helga +, Ehrenmitglied
                          Moderatorin
                          • 10.02.2008
                          • 1948

                          #42
                          Zitat von Miriam Weeke
                          Naja Helga,
                          eigentlich ist ja diese Zeit für uns Nachkriegsgeneration gar nicht so fern.
                          Stimmt, du hast recht. Ich meinte mit fern auch weniger weit weg als eher eine von uns nicht erlebte, nicht gelebte Zeit. Eine Zeit, die wir nur vom Hörensagen kennen und die uns trotzdem mit ihren Ortsnamen, mit der Art sich auszudrücken und sich zu geben irgendwie doch vertraut ist.
                          Viele Grüße
                          Helga

                          "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

                          Kommentar

                          • jonny810
                            Forum-Teilnehmer
                            • 10.02.2008
                            • 2423

                            #43
                            Ja, so haben wir gelebt, gespielt usw

                            Liebe Miriam, lieber Michael und Interessierte.

                            ich habe es zugesagt und werde nun versuchen, meine Kindheit, ab ca. dem 5.-8. Lebensjahr aufzuzeigen. Ich werde mir große Mühe geben, dass die Fantasie nicht Oberhand gewinnt.
                            Ich war der 3. von vier Brüdern im Hause Joniszus.
                            Durch eine schwere Erkrankung meiner Mutter nach meiner Geburt, wurde ich von meinem Omchen, sowie von 2 Tanten, die noch ledig waren und bei ihrer Mutter lebten, großgezogen. Es war eine herrliche Zeit. Erchen, wie man mich liebevoll nannte, war der "Prinz." Was möchtest du trinken, Milch oder Kakao? ist das auch nicht zu heiß? komm, lass Omchen mal Pusten, wenn man einmal Weh' hatte.
                            Dann starb Omchen und ich kam zur eigentlichen Familie zurück. Das war der Schüsseldamm 25.
                            Hier war ich einer von Vieren. Denn in meiner Abwesenheit, hatte sich mein jüngerer Bruder Hartmut, dazu gesellt. Das bekam man auch gleich nach der ersten Euphorie des Wiedersehens zu Spüren. Nur das, was die Großen damals mit mir machten, bekam der Jüngste von mir umgehend zurück.
                            Aus diesem und anderen Gründen, war meine Anwesenheit nicht gerade das, was man als Erwünschenswert ansah. Dieses Gefühl wurde ich auch mein Leben lang nicht mehr los.
                            So weit die Overtüre.
                            Die Wohnung bestand aus 2 1/2 Zimmern, für nunmehr 6 Personen.
                            Toilette eine halbe Etage tiefer. Ich erinnere mich noch immer an das zurecht geschnittene Zeitungs-Papier, welches hier genutzt wurde, und seine letzte Ruhe fand. Geschlafen wurde zu Zweit in einem Bett. Selbst da herrschte nicht einmal Ruhe. Es wurde weter gekäbbelt. Das war für mich alles neu und belastend.
                            Sonntagmorgens durften wir dann zum Papa ins Bett. Der rauchte sein Pfeifchen und erzählte uns die tollsten Räuber-Pistolen. Also, eines stand fest, unser Papa muß ein Held sein.Was der alles überlebt hat!
                            Nun kam auch für meinen Vater dieser komische Brief. Mama weinte, konnte es aber nicht verhindern, dass Papa dahin mußte, wo noch viel mehr Helden waren.
                            Wir verabschiedeten ihn und gingen bedrückt nach Hause. Lange noch haben die Erwachsenen mit den Taschentüchern gewunken.
                            Zu Ostern 1944 wurde ich Eingeschult. Meine Schule lag an der Radaune, nach -"Pferdetränke"- wie die Strasse hieß. Ab ging es mit Tafel und Griffelkasten. Stolz kam man nach Hause. Man gehörte ja nicht mehr zu den Kleinen.
                            Dieses Vergnügen hatte ein jähes Ende. Kurz darauf wurden wir Evakuiert.
                            So lernten wir Neuteich kennen. Mit all' seinem "Für und Wider." Der Bauer, bei welchem wir Quatier fanden, hieß Bergmann. Der Orts-Teil Neuteich-Abbau. Das war für Stadtkinder natürlich ein großes Erlebnis. Pferde, Kühe, Schweine und Geflügel, alles hautnahe erleben. Na wenn das nichts ist. Außerdem, konnte man gelegentlich auch mal mit einem Pferdewagen mitfahren. Bloß, weder die Kutscher, noch die Melker so wie das weibliche Personal verstand von uns niemand. Es waren ausnahmslos "Kriegsgefangene" bzw. Internierte. Halina allerdings, die aus der Küche, ließ uns Kindern immer einmal etwas zu kommen, wenn niemand in der Nähe war. Die Herrschaften wurden nur mit "gnäddigge Frau bzw. gnäddigger Cherr angesprochen.
                            Darauf legte man schon einen gesteigerten Wert. Wo käme man sonst hin?
                            jetzt begann eine schwierige Zeit für uns Jungens. Morgens hin, - mittags zurück der Weg zur Schule.(Man hatte mich im Forum einmal korrigiert als ich von 5 Km einfachem Weg sprach.) Ich bin danach wieder einmal dort gewesen und bin zu der Feststellung gekommen, dass es nicht viel weniger war, von dort wo wir hausten.)
                            Es gab keine befestigten Wege wie heute. Alles entweder nasser, schmieriger Boden, oder im Sommer heiß und trocken.
                            Es war für einen Erstklässler sicherlich kein Spaziergang.
                            Das ging so bis zum Herbst 1944. Dann hieß es, hier wird es bald gefährlich, wir müssen zurück nach Danzig.
                            Also Klamotten packen und zurück. Da blieben allerdings auch wiederum Schulfreunde, Nachbars-Kinder Tiere und der schöne Stroh-Staken, von welchem wir unseren Mut beweisen konnten. "Wer ist feige"? hieß die Parole,- und dann sprang man runter.
                            Ich kann mir heute vorstellen, dass Mama nicht gerade glücklich war, wenn sie unsere Kleidung sah.
                            Nun waren wir wieder in Danzig.
                            Die Frage eines jungen Mitgliedes war, "was hat man gespielt"?
                            Da gab es eine ganze Menge. Aus Wäsche-Klammern und einer Mause-Falle z. B. wurde eine Festung gebaut. Die Mause-Falle war gespannt, die Festung darüber gebaut. Wollte jetzt jemand fremdes die Burg besetzen, konnte man sie vorher schön in die Luft jagen, wie es in unserem Jargon hieß.
                            Ein anderes Spiel. Überall gab es zwischenzeitlich zestörte Fensterscheiben. Dann wurden kleine bunte Scherben gesucht, und man versuchte ein schönes Mosaik herzustellen. Einen tollen Erfolg konnte man auch erleben, wenn man dem Anderen den Granatsplitter ablungern konnte, der einem selber gefiel. Man musste nur lange genug sagen, dass der überhaupt nicht schön aussieht. Deckel von der Zigarrenkiste hoch, Splitter rein und man konnte wieder weiter tauschen.
                            Der Schulunterricht viel dann bald ganz ins Wasser. Entweder es wurde tatsächlich zu gefählich durch die Angriffe, oder einige "Genossen" ahnten was bald auf sie zu kommt und machten sich aus dem Staub. Es wird wohl von Beidem etwas stimmen.
                            Der Bunker wurde für uns zu einem festen Wohnsitz. Zwar sehr wenig Platz, aber relativ sicher. Zum Spielen auf die Strasse kamen wir zwar auch noch, aber Mama war es dabei sicherlich auch nicht wohl. Beim ersten Sirenen Geheul, waren wir dann wieder unten.
                            Eine erfolgreiche Beschäftigung bestand auch darin, den anderen Bruder zu Entlausen. Wäsche-Wechsel, oder- ab in die Badewanne - gab es schon längst nicht mehr.
                            Unser Bunker erhielt einige Volltreffer und immer wieder saß man da und hielt die Hand des Anderen. Es nahm zwar nicht die Anspannung von einem, aber man spürte den Bruder, oder die Mutter.
                            Irgend wann viel dann der Strom ganz aus und es mußte mit Handpumpen Frischluft in den Bunker gepumpt werden. Das kann man sich so vorstellen. 4 Personen, je Seite 2, pumpen so, wie man es von der Land-Feuerwehr kannte. Nun besuchten uns unsere Befreier. Eine Truppe von Mongolen, denen auch nicht gerade der Mut aus den Augen leuchtete. Die machten aber auch den Eindruck, als hätten sie Alkohol im Blut. Vielleicht ein Mutmacher.Sie hatten Maschin-Gewehre dabei und zählten die Patronen. Uns wurde bange. Vielleicht sahen diese für uns so fremde Menschen darin ihren Sinn erfüllt. Sie Verließen den Bunker wie sie gekommen sind. Hinterließen aber eine große Menge Toter. Ich habe mir von Erwin Völz sagen lassen, dass wir zusammen diejenigen waren, die diese Situation überlebt haben. Etwa 75 von mehreren Hundert Menschen.
                            Die Luftschächte, von denen ich schon gesprochen habe, waren für uns Lebens-Retter. Durch diese Schächte, in denen es eingelassene Sprossen gab, verließen wir dieses Chaos. Oben angekommen waren Lotzen nötig, um den Weg aus diesen Trümmern zu finden. Strassen oder Häuser zur Orientierung gab es nicht mehr. Wir landeten auf dem Bischofsberg und haben erst einmal flach da gelegen und waren froh, es bis hier geschafft zu haben. - Fortsetzung folgt -
                            Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                            "Nec Temere - Nec Timide"
                            Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                            Kommentar

                            • Beate
                              Administratorin
                              • 11.02.2008
                              • 4836

                              #44
                              Danke schön allen für eure Schilderungen. Gegensätzliche Gefühle entstehen bei mir beim Lesen: ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich das nicht erlebt habe und hoffentlich auch nie erleben werde, eine unheimliche innere Wut auf alle Verursacher von Kriegen und Hilflosigkeit, weil augenscheinlich kaum einer daraus lernen will...wie sonst könnte es heute noch Kriege geben...
                              Liebe Grüße Beate
                              ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

                              Kommentar

                              • jonny810
                                Forum-Teilnehmer
                                • 10.02.2008
                                • 2423

                                #45
                                Dankbarkeit und innere Wut

                                Liebe Beate,

                                nicht nur dir. Wohl auch denen, die dieses grausame Abenteuer überlebt haben.
                                Nur mit teilweise anderen Vorzeichen.
                                Wir aus der Erlebnis-Generation sind froh, es geschafft zu haben, zu überleben. Ich bin traurig und verärgert darüber, dass Deutschland der Drittgrößte Waffen- und Kriegsmittel Exporteur ist.
                                Der große Gewinn geht wieder nur in die Taschen Derer, die schon einmal
                                Waffen produziert und exporttiert haben, mit denen wir dann Schlußendlich
                                auch noch auf die Kappe bekamen.

                                Das Kapital regiert die Welt und wir sind braves, billiges Werkzeug und werden noch zur Wahl gebeten.

                                Das ist meine Meinung. Erhart







                                Zitat von Beate
                                Danke schön allen für eure Schilderungen. Gegensätzliche Gefühle entstehen bei mir beim Lesen: ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit, dass ich das nicht erlebt habe und hoffentlich auch nie erleben werde, eine unheimliche innere Wut auf alle Verursacher von Kriegen und Hilflosigkeit, weil augenscheinlich kaum einer daraus lernen will...wie sonst könnte es heute noch Kriege geben...
                                Liebe Grüße Beate
                                Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                                "Nec Temere - Nec Timide"
                                Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                                Kommentar

                                L