Marienstraße

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  • Mariolla
    Forum-Teilnehmer
    • 20.07.2008
    • 336

    #16
    AW: Marienstraße

    Hallo Michael,
    da wünsche ich Dir eine schöne Fahrt nach Danzig. Vielleicht schaust Du Dir sogar die Marienstr. einmal aus der Nähe an.
    Es lohnt sich, denn dorthin verirren sich die Toristen normalerweise nicht. Einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, ist
    immer sehr beeindruckend.
    Viele Grüße Mariolla alias Marion
    Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
    es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
    Slaw.Sprichwort

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    • magdzia
      Forum-Teilnehmer
      • 06.12.2009
      • 464

      #17
      AW: Marienstraße

      Hallo ihr Lieben,

      ich habe noch einen Teil übersetzt, werde ihn gleich reinkopieren.

      Marion, ist das nicht die Strasse mit dem Bach über die du in deinem Reisebericht geschrieben hast?

      Michael ich wünsche dir auch einen schönen Aufenthalt in Danzig. Vor allem schönes Wetter.

      Viele Grüße
      Magdalena

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      • magdzia
        Forum-Teilnehmer
        • 06.12.2009
        • 464

        #18
        AW: Marienstraße

        Manchmal muss ich mich ganz stark anstrengen, um mir außer des Tisches noch die vielen Einzelheiten der Wohnung in Erinnerung zu bringen, wie die Fenster und Griffe. „Schwäbische“ ( „Schwaben“ = Bezeichnung/Schimpfwort für Deutsche. Anm. d. Übers.) Fenster nannte sie Mama beim Putzen mit größter Empörung. Sie wurden von mir nie beachtet. Alles was sie ausmachte – die Rillen, die Wasserauffangbehälter, die Kerben, die Ausschnitte, die Profile, all das erschien normal, üblich und der Beachtung nicht wert.
        Geschlossen wurden sie mit metallischen s-förmigen Klinken, die einen runden Griff hatten, welche an die Kurbel einer alten Kaffemühle erinnerte. So lange ich zurückdenken kann, hat Mama sich über diese Fenster beschwert. Sie wären groß, monströs und hätten viele Ecken und Winkel zum putzen. Und tatsächlich, bei ihrer Größe und der nicht unerheblichen Anzahl musste das Fensterputzen sehr anstrengend sein.
        Die Klinken habe ich wie die Fenster nie beachtet, so dass ich sie mir mit großer Anstrengung ins Gedächtnis rufen muss. Sie hatten verzierte metallische Teile, die den Griff bildeten, sowie schöngeformten Zierblenden, die an den Türen befestigt waren. Beim Öffnen umklammerte die Hand einen Kegel aus schwarzem Ebenholz, der ideal poliert war und sich ungewöhnlich angenehm anfühlte.

        Ach, die Griffe…….ich muss immer Seufzen, wenn ich an sie denke, genauso wie an den danziger Eichentisch mit den schneckenförmigen Füßen……Wenn ich gewusst hätte, das diese Wohnung verkauft wird, hätte ich wahrscheinlich alles mitgenommen; die Griffe, den danziger Tisch, den schönen Bücherschrank……und so nahm es jemand anderes mit.

        Der Porzellangriff an der Messingkette in unserem Bad hatte die Form eines langgezogenen Tropfens. Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine Aufschrift besaß. Wahrscheinlich gab es keinen, denn wenn dort „Langfuhr“ gestanden wäre – wie in den Bädern meiner Freundinnen – so hätte ich bestimmt meinen Vater gefragt, was es bedeutet. Nie habe ich so etwas ohne Erklärung außer acht gelassen. In den Türen jeder Wohnung befand sich ein länglicher Schlitz mit einem metallenen Deckel auf dem „Briefe“ geschrieben stand. Jeder kann sich denken, dass es sich hier um einen Briefschlitz handelt. Von den Porzellanhähnen über unsere Badewanne habe ich die Wörter „warm“ und „kalt“ gelernt. Das waren die ersten deutschen Wörter, die ich gelernt habe. Erst später, beim Spielen mit den anderen Kindern, erweiterte sich mein Wörterbuch um „Hakenkreuz“, „Führer“, „Hände hoch“ und „was ist das?“ (hier musste man antworten „kapusta und kwas“). Zur Erweiterung meiner Deutschkenntnisse trug der „rothaariger Klaus“ bei.

        Eine Tintenflasche in der Hand haltend, lief ich täglich zur Grundschule an Pestalozzi die Grazyna-Strasse. Hier auf der Hälfte des Weges erschien der alte Deutscher, der dafür bekannt war, dass er mit seinem geschlungenen Stock die polnischen Kinder an den Beinen fing. Eines Tages hackte er auch mich so ein. Ich fiel der Länge nach hin, das Fläschchen zerbrach. Ich lief schluchzend mit blauen Flecken und Farbe übersät zurück nach Hause. Ich erinnere mich, dass ich nach diesem Ereignis lange das polnisch-deutsche Wörterbuch durchblätterte, um eine geeignete Bezeichnung für den rothaarigen Klaus zu finden. Das Gefühl des erfahrenen unverschuldeten Unrechts, ließ mich so lange suchen, bis ich es fand. „Dummer Affe!“ Da war es. Genau dieser Ausdruck „Dummer Affe“ war unbedingt nötig. Nötiger als eine neue Tintenflasche. Ab dem Zeitpunkt, wenn ich mich dem Haus vom rothaarigen Klaus näherte und ich den Wartenden mit seinem krummen Stock auf dem Treppenabsatz sah, wechselte ich die Straßenseite und auf der Höhe seines Hauses, während ich wie eine Wahnsinnige lief, schrie ich aus voller Halsstärke „Dummer Affe!“ „Dummer Affe!“. Der alte rothaariger Klaus drohte mir mit seinem unglückseligen Stock und schrie etwas, das ich trotz meiner gründlichen Wörterbuch-Pilgerreise nicht verstand.

        Das Deutsche begleitete mich nicht nur zu Hause und in der Marienstrasse. In der Schule hatten viele meiner Freunde und Freundinnen deutsche Namen – Taube, König, Sienger, Schröder, Stadelmeier. Sie sprachen ja zwar polnisch aber mit einem mir unbekannten Akzent. Was allerdings sehr sonderbar war, dass gerade sie nach und nach auf eine geheimnisvolle Weise von der Schuld verschwanden…..

        Ich erinnere mich, dass ich oft ängstlich reagierte, wenn ich rothaarigen Klaus deutsch sprechen hörte oder die deutschen Namen der Schulfreunde. Angst jagten mir auch Betonbunker, die ich auf dem Weg zum Strand erblickte und sogar ein in der Nähe von Brösen gestrandetes Schiffswrack. Über Deutsche redeten meine Eltern, insbesondere mein Vater. Manchmal gelang es mir die blutgefrierenden Erzählungen über das deutsche Konzentrationslager zu belauschen. Oma, Tanten und Onkels erzählten über den Warschauer Aufstand, bei dem sie teilgenommen haben und oft viel das wort „Deutsche“ oder „Szkopy“ (auch eine Bezeichnung/Schimpfwort für Deutsche. Anm. d. Übers.) Deutsche habe ich in den Schwarz-weiß-Filmen des Kinos „Bajka“ gesehen und ich sah wie die Jungs draußen Deutsche spielten.

        Endet: Seite 49 „chołpcy na podwórku“

        Aus Zeitmangel ohne Korrektur. Wie heißt der nette Spruch? - "Wer Fehler findet, darf sie behalten".

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        • slawek

          #19
          AW: Marienstraße

          meine Kinder das was Ihr zu uerbersetzen versucht erschien in "30 dni" glaub ich anfang des Jahres.
          heute bin ich immer noch , besser gesagt da ich dort uebernachte, auf der baustelle von Wolfgang, kann ich es nicht einscannen.
          am Wochenende wenn ich zeit habe zeige ich Euch die (heutiegen ) Bilder von Marienstr.
          uebriegens zu der gechichte hab ich noch viel zu erzaehlen, aber die nachkriegszeitgechichte ist es.
          einiege bilder koennte ich sofort einstellen , aber das System erlaubt mir es nicht, ich hoff es ist bald auserstandern.
          gruss Slawek

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          • magdzia
            Forum-Teilnehmer
            • 06.12.2009
            • 464

            #20
            AW: Marienstraße

            Hallo Slawek,

            soll es heißen, dass es ist in "30 dni" auf deutsch erschienen ist?

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            • buddhaah
              Forum-Teilnehmer
              • 08.09.2010
              • 275

              #21
              AW: Marienstraße

              magdzia,

              Dziękuję ślicznie für das Uebersetzen der nächsten Abschnitts.

              Gruss,

              Michael

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              • Uwe
                Forum-Teilnehmer
                • 10.08.2008
                • 1962

                #22
                AW: Marienstraße

                Guten Abend,

                sehr interessant zu lesen und auf eine gewisse Art spannend finde ich. Danke für das übersetzen Magdalena und Michael!

                Herzliche Grüße

                Uwe
                Geschichte kann man nicht ändern ... aber man kann aus ihr lernen!

                Suche Informationen zu den Familiennamen Block, Gehrt, Kirschke, Kirsch, Haak, Happke, Hoffmann, Makowski, Namowicz, Patzer, Rehberg, Tolk(e) und Vierling aus Danzig

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                • Christkind
                  Forum-Teilnehmer
                  • 10.02.2008
                  • 1568

                  #23
                  AW: Marienstraße

                  Auch ich bedanke mich für die Übersetzung. Ihr opfert eure Zeit,um allen den Inhalt der Geschichte zu erschließen, die nicht beide Sprachen beherrschen.
                  Magda und Michael....alle Achtung!
                  _______
                  Schöne Grüße von Christa
                  Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                  (M. Gandhi)

                  Kommentar

                  • Mariolla
                    Forum-Teilnehmer
                    • 20.07.2008
                    • 336

                    #24
                    AW: Marienstraße

                    Guten Abend,

                    @ Magdalena,

                    Du hast es erkannt. Es ist die Straße und ich liebe sie über alles. Vor einiger Zeit habe ich hier im Forum ein Foto-Album eingestellt, welches nur die Marienstraße zeigt.
                    Den Bericht finde ich sehr interessant, es hätte auch die Wohnung meiner Oma oder meines Urgroßvaters sein können. Sie lagen nur auf der anderen Straßenseite.
                    Viele Grüße Mariolla alias Marion
                    Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                    es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                    Slaw.Sprichwort

                    Kommentar

                    • Mariolla
                      Forum-Teilnehmer
                      • 20.07.2008
                      • 336

                      #25
                      AW: Marienstraße

                      @ Magdalena und Michael,

                      herzlichen Dank für Eure Mühe und Freizeit, die Ihr mit der Übersetzung aufbringt.
                      Viele Grüße Mariolla alias Marion
                      Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                      es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                      Slaw.Sprichwort

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                      • slawek

                        #26
                        AW: Marienstraße

                        Magdzia, nein, leider nein , es ist ein polnischer Zeitschrifft, und da wird nur polnisch geschrieben.
                        es sind nur glaub ich 8 seiten, die ich schon eingescannt habe aber leidr auf dem anderem computer.
                        die seiten scannte ich fuer meine cousens die in den Staaten bzw. Australien,und Schweden wohnen, die aber aufwuchsen in der Marienstr. der bruehmte Familienname seit 45' Paradowski in der Wajdeloty.
                        Die Mutter Kazimiera Paradowska, ja, die dammals beste fruesesin in Langfur, schwester meiner Mutter, kaempferin der AK in Vilna, frau eines AK-ofizirs in Warschaueraufstand, legt leider im sterbebett heute in Oliva betreut von ihren Kindern die aus allerwelt gerade nach Oliva kammen
                        gruss Slawek

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                        • buddhaah
                          Forum-Teilnehmer
                          • 08.09.2010
                          • 275

                          #27
                          AW: Marienstraße

                          slawek,

                          chyba przeoczyłeś: Sabine hat den Artikel aus "30 dni" schon ganz am Anfang eingescanned. Er ist unten auf der Seite in ihrem ersten Beitrag.

                          Ich hab den Link hier nochmal kopiert: http://www.wajdeloty.org/media/pdfs/..._wajdeloty.pdf

                          Pozdrawiam,

                          Michael

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                          • magdzia
                            Forum-Teilnehmer
                            • 06.12.2009
                            • 464

                            #28
                            AW: Marienstraße

                            Der letzte Teil der Erzählung:


                            Von unserem Balkon aus sah ich ein Szenario, das ich bis heute vor meinem geistigen Auge sehe. Das war wohl im Frühherbst 1945. Ich erinnere mich an eine Masse von Deutschen, die die Marienstrasse entlang Richtung Bahnhof ging, wo auf sie Züge warteten, die sie nach Deutschland brachten. Auf dem Kopf trugen die Frauen Schals und Tücher, die sie über der Stirn zur Knoten gebunden hatten. Viele schoben vor sich tiefe Kinderwägen. In manchen lagen Kinder, in manchen zusammengeschnürtes Hab und Gut. Ich stand mit meinem Vater auf dem Balkon und schaute runter auf die Menge, über die sich ein Hagel von Steinen ergoss. Manchmal konnte man einen Schrei oder das Weinen der Getroffenen vernehmen sowie die Schimpfwörter und das spöttische Gelächter, das diese schauerliche Prozession begleitete.
                            Mein Vater drückte mich an sich und stand schweigend da……Bestimmt war er mit seinen Gedanken im Warschauer Gefängnis Pawiak, im Konzentrationslager Majdanek und Oranienburg, von wo es ihm, wie ein Wunder, gelang zurückzukommen. Bestimmt wunderte er sich über sich selber, dass trotz der unsagbaren Grausamkeiten, welche er durch die Deutschen erfuhr, er nicht imstande war, Hass auf die Zivilbevölkerung zu empfinden, die im bedrückenden Fluß Richtung Bahnhof in Langfuhr dahinfloss. In Anbetracht der Beschimpfungen und der fliegenden Steine verstand ich Vaters Schweigen nicht. Denn eigentlich hatte er allen Grund, das zu tun was die anderen taten. Er aber stand nur bleich da und schwieg……Dann bemerkte er meinen fragenden Blick und sagte: „Jede Nation hat gute und schlechte Menschen. Nicht alle Deutschen sind böse. Merke es dir.“ Ich habe es mir gemerkt….

                            Die deutsche Atmosphäre in der Strasse und im Haus hat sich mit den Jahren verflüchtigt, bis schlussendlich das Vertraute kam und sie ganz verschwand. Von Anfang an war das Haus und die Marienstrasse, d. h. seit unserem Einzug, zur Degradierung verurteilt. Es konnte gar nicht anders sein, denn die Pflege über sie und uns übernahm die kommunistische kommunale Administration. Ihr absolutes Merkmal war, das Fehlen von engagiertem Wirken beim sogenannte Allgemeingut, d. h. eigentumslosem Gut. Das Haus, das einmal schön und bequem für seine Bewohner war, war so dem Ruin preisgegeben.

                            Beim Hinausgehen, bereits im langen Flur, der zu den schönen Schwingtüren mit den matten, mit Blumenmuster verzierten (nicht mehr heute) Scheiben hinführte, erblickte man an der Decke eine Stuckarbeit aus Gips, die mit einer Schicht Staub bedeckt war. In der Wohnung waren solche Stuckarbeiten in allen Zimmern. Sie zogen sich entlang der Wände wie ein wunderschön geschnitzter Fries. An der Stelle, wo die Lampen angebracht waren, nahm die Stuckarbeit die Gestalt eines Kreises an. Bei der Generalrenovierung des Hauses verschwanden sie. Lt. dem Herrn für technische Angelegenheiten der Hausverwaltung waren sie überflüssige Staubfänger. Sie blieben nur im Flur im Erdgeschoss. Doch heute sind sie so verwahrlost und beschädigt, dass es besser wäre, wenn es sie nicht gäbe. Manchmal überlegte ich, warum sie die vorherigen Bewohner nicht gestört haben? Haben sie Staub und Dreck gemocht? Jedoch alles sprach dagegen, denn jeder hinterlassener Gegenstand in dieser Wohnung war gepflegt und sauber.

                            Heute kann ich mir nur denken, wie die Marienstrasse vor dem Krieg ausgesehen hat. Vor allem wuchsen auf der ulica Marienstrasse – so hieß sie damals – große alte Linden. Sie war nicht wie heute ein gestampfter Boden, beraubt selbst der kleinsten Pflänzchen. Die alte Linde, die ich eingangs erwähnte, schaute mit ihren Ästen auf unseren Balkon über die Drogerie und spendete Schatten. Die gefräßigen haarigen Raupen, die in einem Wahnsinnstempo die Blätter fraßen, schüttelte meine Oma mit dem Besen vom Baum herunter. Entweder gab es im Handel keine Mittel gegen diese Schädlinge oder es gab kein Geld dafür.
                            Egal ob entweder oder, es kam so, dass die einzige Methode, sich der Raupen zu befreien, das Absägen (!) des alten aber noch gesunden Baumes war. Auf dem Balkon und auf der Strasse wurde es schrecklich leer. So fiel ein Baum nach dem anderen bis zur völligen Nacktheit des erheblichen Teils der Strasse.
                            Jetzt konnte man wie auf der eigenen Hand aus den Fenstern die „Bar pod Buda“ und ihre Stammgäste sehen, die im Flur unseres Hauses ein Asyl errichteten, wenn der Rausschmeißer sie unsanft auf die Strasse setzte. Das Treppenhaus fing an nach Urin zu stinken und es verschwanden die immerwieder ersetzten Balustradepfähle, die noch vor dem Krieg hergestellt wurden. Sicherlich wurden sie von den Pennern als „Argumente“ bei den Diskussionen benutzt. Es geschah einige Male, dass ich im Dunkel, wenn ich vom Musikunterricht zurückkam, gegen ein weiches, warmes Bündel trat, dass ein undefinierbares Gemurmel von sich gab und sich auf die andere Seite drehte.
                            Die „Bar pod Buda“ gibt es nicht mehr, wo man durch die schmutzigen Scheiben in einem Rauchschwaden eine Menge Männer ausmachen konnte, die nach einem Klaren ein Stück Salzhering hinterher schoben. Ersetzt wurde sie durch ein vornehmes Lokal mit dem Namen „Valdonas“ (bestimmt dachte sich der neue Besitzer „Wal do nas“ (= „Ströme zu uns“), dann das „W“ durch „V“ ersetzt und zusammengesetzt). Ich ging hin. Zum ersten mal in meinem Leben……Von der ehemaligen aus meinen Fenstern beobachteten Atmosphäre war nichts zu sehen. Nur auf einem Regal verblieb, als Zierde, ein Schild mit der Hausnummer 22……

                            Nach den Bäumen kamen die Gaslaternen an die Reihe, die durch den Laternenanzünder immer zu gleichen Zeit an und ausgemacht wurden. Sein geheimnisvolles Wirken beobachtete ich sehr gerne von meinem Balkon aus. Eines Tages kam ich von der Schule und bekam einen Schock. In meiner Straße stand keine einzige Gaslaterne mehr, einfach für immer verschwunden. In der Zeit der „Kommune“, verlor das Haus Nr. 8 nach und nach seine Schönheit, seine Geschichte verschwand, Gegenstände wurden überflüssig, die man heute wahrscheinlich nur auf dem „Dominikanischen Markt“ finden kann. Einmal als ich durch die Straße schlenderte, schaute ich auf die Tür des Hauses Nr. 8. Die kunstvoll verzierte Tafel mit der Klingel war verschwunden, ebenso der kunstvoll verzierter Löwenkopf-Griff. Diese Schmuckstücke ersetzte man durch einen Nickelgriff mit einem elektrischen Schloss und einer einfach gestalteten Gegensprechanlage, wie tausendfach in jeder Strasse.
                            Jetzt erst, noch sehr, sehr zaghaft und langsam fängt die Strasse wieder an aufzuleben, als wenn sie von einem langen Alptraum erwacht. „Dwor Kuznicki“ wird renoviert, etwas tut sich im alten Theatersaal. In dem schön sanierten „Park Jordanski“ verschwanden die Marktbuden, die Erde ist umgegraben und man kann nur zuschauen wie es schön wird.
                            Ich möchte noch den Tag erleben, wo das unansehnliche „Arbeiterhotel“ abgerissen wird und an seiner Stelle etwas „mit Stil“ hingestellt wird und wenn es endlich aufhört nur ein Gerücht zu sein, dass die Marienstrasse eine Fußgängerzone wird.
                            Vielleicht wird es hier noch sehr schön, aber dieser Ort wird nicht mehr „meins“ sein. „Meins“ wird nur in meinem Gedächtnis und in meinem Herzen sein. Und doch kann ich mich nicht einem Gefühl der Genugtuung widersetzen, dass es mir gelungen ist – trotz Stalinismus, trotz der schwierigen Nachkriegszeiten und den langen Jahren der „Kommune“ – meine Kindheit und frühe Jugend auf „meiner“ Marienstrasse, in der Begleitung der Spuren aus der Vorkriegszeit, welche sich so groß zu der heutigen künstlichen Wirklichkeit unterschieden. Ich durfte Häuser erleben, die noch wirkliche Häuser waren und keine Betonklötze. Ich durfte schöne Möbel erleben, die nicht aus Spannplatten sondern Massivholz waren und verwöhnt wurden mit den Händen der Handwerker, welche noch viel Zeit hatten.

                            Kommentar

                            • Mariolla
                              Forum-Teilnehmer
                              • 20.07.2008
                              • 336

                              #29
                              AW: Marienstraße

                              Oh Magdalena,
                              vielen lieben Dank - den Bericht habe ich immer wieder von Anfang an gelesen, er ging mir sehr zu Herzen. Ob die Dame noch lebt?
                              Viele Grüße Mariolla alias Marion
                              Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                              es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                              Slaw.Sprichwort

                              Kommentar

                              • Insel2008
                                Forum-Teilnehmer
                                • 29.03.2008
                                • 779

                                #30
                                AW: Marienstraße

                                Vielen Herzlichen Dank für diese tolle Übersetzung:-)
                                Gerade der letzte Teil ist sehr bewegend. Es ist schwierig für mich, dazu die richtigen Worte zu finden.
                                Zwischenzeitlich habe ich auch versucht etwas über die Autorin in Erfahrung zu bringen. Ich würde auch gerne wissen, ob sie noch lebt und auch wo und wann dieser Bericht eigentlich geschrieben worden ist.
                                Vielleicht besteht ja die Möglichkeit mit ihr in Verbindung zu treten.

                                Im Internet fand ich folgendes:

                                und


                                Unter youtube ein Film über u.a. die Marienstraße:


                                Weitere Filme über Langfuhr sind sind dort zu finden.
                                Grüße von Inselchen2008
                                Meine Namens-u.Ortsuche:
                                https://www.danzig.de/showthread.php?5465-Steinchen-für-Steinchen-zum-Mosaik

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