Marienstraße

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  • Sabine
    Forum-Teilnehmer
    • 10.01.2009
    • 32

    #1

    Marienstraße

    Hallo und guten Abend,

    ich habe vor einiger Zeit einen Bericht mit Bildern über die Marienstraße in Danzig - Langfuhr im Netz gefunden - auf polnisch.
    Leider ist der Bericht kopiergeschützt, so dass ich den Text nicht kopieren und in ein Übersetzungsprogramm einfügen kann. Zum Abschreiben ist er mir (besonders wegen der polnischen "Spezial-" Buchstaben) zu lang.
    Gibt es vielleicht jemanden im Forum, der mir den Text übersetzen kann oder zumindest den Inhalt auf deutsch zusammenfassen kann?

    Mich interessiert besonders die 3. Seite (43). Auf dem dazu gehörigen Foto ist das Haus abgebildet, in dem meine Ururgroßeltern um 1920 gelebt haben. Diesen Mai habe ich übrigens bei meinem ersten Danzig - Besuch in der sich im Erdgeschoss befindlichen Bäckerei einen Kaffee getrunken .

    Hier nun der Link:



    Vielen Dank,

    Sabine
  • Belcanto
    Forum-Teilnehmer
    • 24.09.2008
    • 2508

    #2
    AW: Marienstraße

    Hallo Sabine
    Ich sage es mit Vorbehalt. Wenn ich richtig informiert bin, war in diesem Eckhaus ein Bäckerladen.
    Gruß
    Belcanto

    Kommentar

    • buddhaah
      Forum-Teilnehmer
      • 08.09.2010
      • 275

      #3
      AW: Marienstraße

      Sabine,

      ich kann's dir zusammenfassen...

      aber: meinst du mit der 3. Seite nicht die Druckseite 46, anstatt 43, wie du in deinem Beitrag schreibst?

      Gruss,

      Michael

      Kommentar

      • Insel2008
        Forum-Teilnehmer
        • 29.03.2008
        • 779

        #4
        AW: Marienstraße

        Guten Abend Michael,
        ich bin auch sehr interessiert an einer deutschen Zusammenfassung

        @Sabine
        fein, daß Du diese Seite gefunden hast
        Grüße von Inselchen2008
        Meine Namens-u.Ortsuche:
        https://www.danzig.de/showthread.php?5465-Steinchen-für-Steinchen-zum-Mosaik

        Kommentar

        • magdzia
          Forum-Teilnehmer
          • 06.12.2009
          • 464

          #5
          AW: Marienstraße

          Hallo,

          ich habe gestern eine Übersetzung angefangen und konnte sie leider nicht mehr fertigstellen. Werde auch in den nächsten Tagen keine Zeit mehr dafür haben. Vielleicht könnte dann Michael ab da weiter mit der Zusammenfassung aushelfen.
          Die ersten 2 1/2 Seiten habe ich. Leider habe ich auch die polnischen Namen nicht auf deutsch. Das dürfte aber sicher kein Problem sein.

          "Es geschah 1945, 3 Monate nach Kriegsende. Nach Danzig zogen von überall Menschen, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben, denn hier konnte man sich neueinrichten in den verlassenen deutschen Wohnungen. Wegen dem Flächenbrand konnten wir nur ganze zwei Koffer retten. Das war unser gesamtes Hab und Gut.
          Für meinen Vater war das Wichtigste, dass bald wieder die Technische Hochschule anfängt (die in Warschau wurde total zerstört), für meine Mutter ein Nest für uns und für mich…..mein Chiffontuch, das der Wind mir vom Kopf riss als ich auf Franeks Schoß in den offenen Türen des Viehwaggons saß, welcher uns nach Danzig brachte.

          Franek war der Freund meines Vaters. Beide stammen aus Wilna, beide wohnten vor dem Krieg in Warschau. Sie haben sich jedoch erst in Majdanek kennengelernt. Dort begann ihre ungewöhnliche Freundschaft.

          Danzig begrüßte uns mit einem dichten Regen. Aus dieser Zeit sehe ich nur ganz kurze Momentaufnahmen: ulica Wielenska, wo wir uns eine kurze Zeit aufhielten bis wir eine andere Unterkunft fanden, haufenweise tote Mäuse, welche ich täglich mit größter Angst und großem Ekel auf den Mühl tragen musste sowie die Befreiung einiger umliegender Wohnungen von Trümmern, die zu meiner großen Verzweiflung immer ein Stärkerer vereinnahmte.
          Eines Tages jedoch ging meine Mutter, mich an der Hand haltend, in die Wohnung in der ul. Wajdeloty 8 in Langfuhr, welche bald unser erstes Nachkriegsnest werden sollte.
          Ich kann mich nicht an die Frau erinnern, die uns die Tür öffnete, jedoch der Beiname „Szabrowniczka“, den die Erwachsenen benutzten, blieb mir in Erinnerung. Die Wohnung hat ihr als Lager für die „erschaberten“ Gegenstände, die sie aus den verlassenen Wohnungen holte, gedient.
          Es war eine 100 qm Wohnung im ersten Stock des Eckhauses. Aus dem Schlafzimmerfenster konnte man auf die ul. Konrad Walenrod schauen, aus den zwei anderen Zimmern auf die ul. Wajdeloty. Es bestand aus drei riesigen Zimmern, großer Küche mit Speicher, Bad, Logie und einem langen Flur. In den Zimmern standen außergewöhnlich schöne danziger Möbel, ein Piano, ein Harmonium, viele große Ölbilder in kunstvollen goldenen Rahmen, alte Stiche, ausgesuchtes Nippes, Porzellangeschirr und Haufen wertvoller Bücher, überwiegend in Leder gebunden.
          Mama hat sehr schnell den Entschluß über unseren Einzug gefasst – sofort, nach der Räumung der Gegenstände.
          Sie war eine Realistin, schnell und problemlos bewegte sie sich in der vorgefundenen Wirklichkeit, anders als Vater, der einen Entschluß erst nach einer reiflichen Überlegung fasste, vor allem unter dem Aspekt der Redlichkeit. Deswegen wurde er als lebensfremd betrachtet. Hätte er wegen der Wohnung entscheiden müssen, hätte man sie uns höchstwahrscheinlich vor der Nase weggeschnappt.

          Nach und nach brachte „Szabrowniczka“ die Schätze nach Warschau und als wir die Schlüssel holen kamen, blieb ein großer viereckiger Tisch, zwei breite Ehebetten mit Nachtschränkchen, die Marmorplatten hatten, ein riesiger Eichen-Kleiderschrank mit Spiegeln und Schubladen, Harmonium und eine Kuckucks-Uhr sowie einige Bücher, überwiegend in deutscher Sprache. Die ganze Küchenwand beanspruchte ein kunstvoll geschnitzter danziger Geschirrschrank mit vielen Geheimfächern, Schublädchen, Türmchen und Attika, eine wahre Holzschnitzperle.
          Mama nahm das Vorhandensein all dieser Sachen als etwas ganz Natürliches hin, Vater jedoch war ergriffen. Nervös lief er mit einem betrübten Gesicht von einem Zimmer zum anderen, so dass man es absehen konnte, dass er bald explodiert.
          „Das ist nicht unser“ sagte er mit erhobener Stimme und zusammengezogenen Brauen. „Das müssen wir alles zurückgeben“. „Interesssant. Und wem? Vielleicht sollten wir es nach Deutschland fahren und dort die Besitzer suchen? Parierte Mama schlagfertig. „Oder vielleicht der „Szabrowniczka“ zurückgeben?“
          Einen Augenblick war sie still, da sie ihre Argumentation stark fand, doch dann setzte sie obendrauf mit einem Sarkasmus in der Stimme „Und unsere warschauer Möbel? Bestimmt bekommen wir sie auch von solchen naiven Menschen wie du zurück. Ganz bestimmt.“ Mein Vater blieb still, jedoch unterbrach er nicht seine Wanderschaft. Ich sah wie seine Gesichtsmuskulatur sich im Wechsel mal spannte, mal entspannte, als wenn er statt des Mittagessens, das Mama gerade auf den Tisch gestellt hatte, unausgesprochene Worte durchkaute.
          Meine Oma, die zu uns kam, nachdem das halbzerstörte Haus in Warschau in dem sie wohnte abgetragen wurde, schwieg diplomatisch. Man konnte es ihr aber ansehen, dass sie sich mit Mutters Einstellung solidarisch zeigte.
          So trug ich, eine Sechsjährige, die den Streit der Eltern schlichten wollte, „meine drei Groschen“ bei: „Papa, wir machen es so – wenn jemand kommt und die Möbel zurück will, dann geben wir sie ihm, wenn niemand kommt, dann behalten wir sie.“ Mein Vater zuckte nur mit den Schultern, beruhigte sich jedoch und es blieb bei meinem.

          Für mich war alles besser ohne der Bombardierung, den ununterbrochenen sich verstecken in den Kellern (Bunkern), dem ständigen Wechsel von einem Ort zum anderen. Ich hatte es auch satt ständig mit meiner Mutter die Trümmer in den Wohnungen in Jeschkental, in Aleja Wojska Polskiego wegzuräumen, von denen keines unser wurde. Es kam endlich die ersehnte Zeit – die Zeit der Stabilität, der Verankerung an einem Platz, unter einem Dach und das war ein ausreichender Grund um sich über jeden Augenblick und jede Kleinigkeit zu freuen. Jedoch das Läutern der Türklingel bewirkte bei mir jedes Mal Herzkrämpfe. Ich bildete mir ein, dass es der Möbeleigentümer ist und wir dann gewissenhaft die Möbel zurückgeben, auch das Harmonium und die faszinierende Kuckuncksuhr, so dass wir wieder mit nur unseren zwei Koffern da stehen, die wir aus Warschau mitgebracht haben. Wegen dieser unglückseliger Möbel kam jedoch niemand und bald vergaß ich die Angelegenheit.
          Ulica Wajdeloty hat mit damals mit ihrer Geschichte und den Denkmälern nicht interessiert. Lange hatte ich keine Ahnung, dass der kleiner Bach in unserer Straße, der von der Brauerei kam und plötzlich verschwand und sich wieder auf der ul. Konrad Wallenrod und Aldona zeigte, den Namen „Strzyza“ trug. Für uns Kinder in dieser Straße war es einfach nur „Flüsschen“. Lange habe ich nicht gewusst, dass sich anstelle des Chinesischen Restaurants „Lotus“ in der ul. Wajdeloty 13, wo die Kellner gelbe Jacken und schwarze Hosen trugen, im 18 Jh. „wieczny dwor Kuzniczki“ befand. Ich hatte auch keine Ahnung, wer „Wajdedlot“ ist und warum die benachbarten Strassen die Namen „Grazyna, Konrad Wallenrod, Aldona, Danusia……“ tragen. Damals interessierten mich mehr die Turnübungen auf den Sprossen im Garten „Jordanowski“ nahe des Bahnhofs in Langfuhr, die haarigen Raupen, die alle Blätter von den großen Linden in meiner Strasse auffraßen und das beobachten des täglichen Rituals des Anzündens und Ausmachens der Gaslaternen, von denen eine unter unserem Balkon stand.
          Der Garten „Jordanowski“ - ein Teil des alten Parks Kuzniczki – außer, dass er für uns Kinder ein Platz zum spielen war, war er auch ein Treffpunkt der Jungen aus den anliegenden Strassen, welche in dem Zaun des Parks einen geheimen Durchgang zu der Brauerei hatten, wo sie die Fassbänder stahlen, um sie bei dem „Eisenhändler“ an der ul. Kosciuszki zu verkaufen. Das seltsame daran war, dass trotz dieser notorischen Diebstähle sich die Anzahl der Fassbänder nicht minimierte. Vielleicht kaufte die Brauerei von dem Eisenhändler die Fassbänder, währen die Jungs in den Nischen des Parks das auf so schändlicher Art „verdiente“ Geld verrauchten."

          Viele Grüße
          Magdalena

          Kommentar

          • buddhaah
            Forum-Teilnehmer
            • 08.09.2010
            • 275

            #6
            AW: Marienstraße

            magdzia, Sabine,

            ich hatte gestern leider doch keine Zeit mehr. Ich mache mal da weiter, wo magdzia aufgehört hat.

            Könnte bis heute spät abends dauern, allerdings.

            Gruss,

            Michael

            Kommentar

            • buddhaah
              Forum-Teilnehmer
              • 08.09.2010
              • 275

              #7
              AW: Marienstraße

              So. Erstmal noch ein kleinerer Abschnitt in Uebersetzung. Ich habe dort angesetzt, wo du aufgehört hattest, Magdalena.

              ---Zwischen dem Jordanowski-Garten und dem “Lotos” befand sich ein Theatersaal, der nur so von künstlerischem Leben trotzte (anscheinend bis in die
              60ger Jahre des 20. Jh. , aber ich bin mir darüber nicht sicher, weil ich da schon nicht mehr an der Ulica Wajdeloty wohnte). Jedes Jahr wurden Krippenspiele aufgeführt, einige Male das Stück „Krakauer und Górale“ und im Jahre 55 spielte meine zehnte Klasse des 2. Allgemeinbildenden „Pniewski“-Liceums einen Mickiewicz-Abend. Das war ein unvergleichliches Erlebnis. Alles, wie im richtigen Theater – ein eigenhändig ausgeführtes Szenenbild; Kostüme, aus dem Theaterveleih ausgeliehen; Beleuchtung; Garderobe; Rollen; die Maske; Proben … und Lampenfieber! Die Ovationen des Publikums vermochten uns nicht in Versuchung zu führen: niemand wagte es später, sich nach der bestanden Matura (Abitur) an der Theaterschule zu bewerben. Alles wegen diesem Lampenfieber. Zeit unseres Lebens war dieser, unser „Abend“ das einzige Theaterspektakel, das wir auf die Bühne brachten. Umso lieber erinnern wir uns bis heute an diesen Tag.
              Damals waren in der Ulica Wajdeloty nur noch die Paradowski-Brüder berühmter, als wir. Einer der beiden hatte einen Friseurbetrieb. Der andere war Zuckerbäcker. Aus zwei Gründen zog mich die Bäckerei vom Paradowski mehr an, als der Friseurladen: zuerst wegen der leckeren Biskuits, dann aber auch wegen ihrer Inneneinrichtung. Frau Paradowski sammelte handbemalte Leslauer (poln. Włocławek) Fayance-Keramik. Eine riesige Kollektion derselben, zierte die Bäckerei an der Ecke Ulica Wajdeloty und Ulica Grażyny, wo eine dickliche Säule den Eck-Erker stützte. Wenn sich in der Bäckerei eine Schlange bildete, betrachtete ich mit großer Aufmerksamkeit diese Leslauer Wunderdinge – verschieden große Kerzenhalter, Teller, verschiedenartige Vasen, Tassen und Salzstreuer. Sogar der Lampenschirm war aus Fayencekeramik. Zu diesen Zeiten grenzte es an ein Wunder, irgendein Leslauer Produkt zu ergattern, doch Frau Paradowski hatte ihrer hunderte. Man sagte, sie müsse einen Zugang haben (im Sinne von „Beziehungen“). Oder vielleicht fand hier ein Tauschhandel statt? Wir euch Biskuits/Kuchen - und ihr uns Fayance? Wer weiß schon, wie das wirklich war.
              Die Ulica Wajdeloty endete in einem Kreisverkehr, der eine kleine Insel umgab, auf der eine ausladende Kastanie stand. Geradeaus, auf die andere Seite der Insel blickend, konnte man die Bäckerei wahrnehmen. Unsere Kindheit, die unglücklicherweise in die Zeit des Kommunismus fiel, „verdauten“ wir mit der „Jagd“ nach frischem Brot. Ich erinnere mich, wie ich von zuhause herauslief und sofort auf die andere Straßenseite, wo sich ein Großteil der Geschäfte befand, um auf dem Weg zur Bäckerei eine Durchsicht sämtlicher Auslagen zu machen, in denen immer die gleiche Zusammenstellung ramponierter Waren lag. Die Hoffnung, plötzlich etwas aufregend neues zu erspähen verflog schnell, getragen von dem wabernden Ausdünstungen der nahen Brauerei und fortgespült mit den faulenden Überresten des Flüsschens Strzyża.
              ---Endet: S.47, C2, L11 („…rzeczką Strzyża.“)

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              • Mariolla
                Forum-Teilnehmer
                • 20.07.2008
                • 336

                #8
                AW: Marienstraße

                Ich grüße alle herzlich,
                ich bin sehr beeindruckt und gerührt von diesem Bericht. Die Hausnummer 8 lag genau schräg gegenüber der Nr. 23, in der
                meine Oma mit ihren Kindern (Günter, Lieselotte u. Helga) viele Jahre bis Juli/Aug. 1945 wohnte. Ja, auch Oma
                hat damals alles zurück gelassen, wie tausende Menschen auch. Mutti spricht oft von ihrem Klavier und von dem herrlichen Herrenzimmer, wo schwere dunkle und mit Schnitzereien versehene Möbel standen. Uns hat immer beschäftigt, wer wohl die Wohnung übernommen hat.

                @ Magdalena, vielen, vielen Dank für die Übersetzung. Nun warte ich gespannt auf den zweiten Teil, der von Michael
                sicherlich übernommen wird.

                Viele Grüße Mariolla alias Marion
                Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                Slaw.Sprichwort

                Kommentar

                • buddhaah
                  Forum-Teilnehmer
                  • 08.09.2010
                  • 275

                  #9
                  AW: Marienstraße

                  Mariolla,

                  ich habe etwas weitergelesen. Werde die Uebersetzung noch weiterführen. Es kommen noch mehrere Sätze gerade über die Möbel...!

                  Michael

                  Kommentar

                  • buddhaah
                    Forum-Teilnehmer
                    • 08.09.2010
                    • 275

                    #10
                    AW: Marienstraße

                    Mariolla, Sabine,

                    bitte nehmt's mir nicht übel, aber mir ist heute abend etwas dazwischengekommen. Ich mache morgen früh weiter, versprochen!

                    Gruss,

                    Michael

                    Kommentar

                    • Mariolla
                      Forum-Teilnehmer
                      • 20.07.2008
                      • 336

                      #11
                      AW: Marienstraße

                      Hallo Michael, vielen Dank für die weitere Übersetzung --- nun bin ich aber sehr neugierig auf die nächsten Zeilen geworden.
                      Herzlichen Gruß Mariolla alias Marion
                      Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                      es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                      Slaw.Sprichwort

                      Kommentar

                      • Insel2008
                        Forum-Teilnehmer
                        • 29.03.2008
                        • 779

                        #12
                        AW: Marienstraße

                        Hallo, ich möchte mich auch herzlich für die übersetzten Zeilen bedanken. In der Marienstraße verbrachte mein Großvater vor dem ersten WK ein paar Jahre mit der Familie.
                        Grüße von Inselchen2008
                        Meine Namens-u.Ortsuche:
                        https://www.danzig.de/showthread.php?5465-Steinchen-für-Steinchen-zum-Mosaik

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                        • buddhaah
                          Forum-Teilnehmer
                          • 08.09.2010
                          • 275

                          #13
                          AW: Marienstraße

                          ---Beginn: S.47, C2, L12 („Jedynie wystawa...“)
                          Nur die Auslage des Eisenwarengeschäfts, welches sich direkt an der Insel befand, verblasste nicht. Seit Jahren ruhten in ihr die gleiche Sense (!?), die gleichen Zangen, Feilen, Reibeisen, eine hydraulische Klammer, ein matter, verzinkter Eimer und irgendwelche anderen Metallgegenstände, von deren Anwendung ich nicht die blasseste Ahnung hatte. Vor dieser Auslage verblieb ich immer am längsten, dadurch wohl unbewusst das langweilige Anstehen in der Warteschlange nach Brot vermeidend. Dieses Geschäft ist ein wahrer Straßenwart. Es existiert noch immer an gleicher Stelle, bis heute, wohingegen andere schon längst verschwunden sind, oder ihr Metier wechselten.

                          Ulica Wajdeloty, ihre unmittelbare Umgebung, das Haus unter der Nummer 8 und unsere Wohnung trugen immer den Stempel des „deutschen“. In dieser Wohnung, die an einen reich bepackten Koffer erinnerte und mir stets freundlicher erschien, als das, was sich außerhalb abspielte, war was auch immer ich anfasste sonderbar, unbekannt, fremd und deswegen ungemein interessant. Zum Beispiel die deutschen Bücher mit Goldauflage (nach einer Vielzahl von Umzügen blieb mit nunmehr nur "Die Kunst des XIX Jahrhunderts", Eigentümer Gerda Weisker, erhalten), die Möbel, voller geheimnisvoller Ecken, von denen jede anders roch, und die violette Tapete im Schlafzimmer mit dem schwarzen Blumenmuster, die unterklebt war mit deutschen Zeitungen.
                          Unter den, von der "Szabrowniczka" hinterlassenen, Möbeln war ein Danziger, "nach-deutscher" („po-niemieckie“ - von den Deutschen hinterlassener, Anm.d.Ue.) Tisch. Er war alt, solide, eichen. Sein großes Tischblatt stützte sich auf starke, schneckenförmige Beine. Man konnte ihn zweifach auseinanderziehen. In voller Ausdehnung klappten zwei filigrane Tischbeine aus ihm heraus und dann konnten an ihm bequem 24 Personen Platz nehmen!

                          Alles, was zu den besten Dingen in meinem Leben zählte, ist untrennbar mit diesem Tisch verbunden. Das war ein guter Tisch. Es ist unbekannt, wem er gehörte, bevor er unser wurde. Der Vorbesitzer muss ihn allerdings mit nur mit den besten psychischen Energien aufgeladen haben, die jeden Tag aus ihm herausströmten. Abends saßen wir im Lichtkreise der großen Lampe zusammen, die einen grünen Schirm aus natürlicher Seide hatte. Wahrscheinlich wurden damals in Europa noch überhaupt keine synthetischen (künstlichen) Gewebe hergestellt. Die Lampe konnte man, dank eines speziellen Mechanismus, der aus Rollen, Kordeln und einem Gegengewicht bestand, heben und senken. Der Raum gab sich im Halbdunkeln, wie eine Theatervorstellung, und das Licht der Lampe stellte den Tisch heraus, auf dem - wie auf einer Bühne - sich unsere familiären Aufführungen zutrugen.
                          ---Endet: S.48, L22 („...rodzinne spektakle.“)

                          Kommentar

                          • Sabine
                            Forum-Teilnehmer
                            • 10.01.2009
                            • 32

                            #14
                            AW: Marienstraße

                            Liebe Magdalena,
                            lieber Michael,

                            ich danke Euch vielmals für Eure Übersetzung und die Mühe, die Ihr Euch gemacht habt! Ihr habt mir und mit Sicherheit vielen Lesern im Forum damit eine große Freude gemacht. Ich bin wirklich froh, dass Ihr mir ermöglicht habt, diese sehr berührende Schilderung zu lesen. Auch wenn ich zu dieser Zeit noch nicht auf der Welt war, hatte ich beim Lesen das Gefühl, einer guten Freundin zuzuhören und mit Ihr zu fühlen.
                            Beim Lesen konnte ich mir genau die Häuser und Wohnungen vorstellen, die beschrieben wurden. Da ich im Mai mit meinen Eltern in Danzig auch die Marienstraße aufgesucht und mir neben den anderen Gebäuden das Haus mit der Bäckerei genau angesehen habe, die Bäckerei sogar von innen betrachten konnte, war die sowieso schon lebendige Erzählung für mich noch mehr nachfühlbar.

                            Vielen, vielen Dank!

                            Gute Nacht an alle,

                            Sabine

                            Kommentar

                            • buddhaah
                              Forum-Teilnehmer
                              • 08.09.2010
                              • 275

                              #15
                              AW: Marienstraße

                              Hallo,

                              ich packe gerade, weil ich morgen nach Danzig fahre. Deshalb kann ich (schon wieder) nicht den Rest des Textes uebersetzen. Zumindest nicht heute. Ich muesste aber in den naechsten Tagen (vielleicht an der Langgasse, im Café Ferber, mit Laptop bewaffnet) etwas Zeit finden.

                              Gruss,

                              Michael

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