AW: Gyddanizc - Dantzig
Guten Morgen liebe Forumer,
angeregt durch Marks Wunsch nach moderneren Quellen nun einige zusätzliche Überlegungen und Daten.
Der französische Historiker Higounet (1986, Quelle weiter unten) beschreibt, dass es vor der deutschen Städtegründung im Osten durchaus slawische „Vorstädte“ mit Stadtkern gab. Gynddanzc war eine solche. Diese Städte waren als „Burg“ angelegt, in deren Wällen oder Mauern sich die Siedlung befand. Unter Burg stellen wir uns jetzt bitte keine Burg im Sinne deutscher Ritterburg vor, sondern eher eine aus Erde, Steinen oder Holz errichteten Befestigungsanlage. Bei der deutschen Kolonisierung wurde zuerst eine Burg gebaut und die slawische „Vorstadt“ ausgebaut (spätere Altstadt). Dann wurde die neue Stadt nach festen Plänen und Grundrissen eingerichtet mit dem Ziel ein deutsches Stadtrecht zu erhalten. Nach diesem Prinzip handelte also auch der pommerellische Herzog als er nebst Gynddanzc seine Burg einrichtete. Diese pommerellische Burg soll zumindest teilweise aus Holz gewesen. Wäre ich damals Herzog gewesen, hätte ich auf Erle gebaut :-D
Jedenfalls bestätigen Higounets Ausführungen ganz unsere Vermutungen hier. Es handelt sich bei dem Begriff „slawische Siedlung“ also keinesfalls um ein kleines Fischerdörfchen. Dazu passt, wenn Canaparius diese Siedlung „urbs“ genannt haben soll, voll und ganz.
In irgendeiner Weise muss diese slawische Stadt etwa auf Höhe des Altstädtischen Grabens durch einen Wall oder zumindest einem Gewässer geschützt gewesen sein. Die slawischen Siedlungen, von denen ich bisher erfahren habe, lagen stets am Wasser, entweder im Sumpf, im Werder, zwischen zwei Strömen, auf einer Insel. Das kommt für Gyddanzc gut hin. Da weder Mottlau noch Weichsel ausgebaut waren, muss Gyddanzc ziemlich feucht gewesen sein, zumindest das Feld drumrum. Dass der pommerellische Fürst sich Danzig als Hauptsitz ausgesucht hat, spricht dafür, dass hier bereits eine bedeutende „Statt/Stadt“ gelegen haben muss. Bedeutung hatte Gynddanzc/Kdanze dadurch, dass es spätestens seit Beginn des 11. Jahrhunderts die Führung in der Bernsteinproduktion an der Ostseeküste inne hatte. Daher haben sich die pommerellischen Fürsten auch gleich das Bernsteinmonopol zugesichert.
Die Neustadt in Danzig wird unter Swatopolk zwischen 1224 – 1266 angelegt und erlangt zwischen 1235 – 1245 das lübische Stadtrecht. Es wird vermutet, dass bereits in der Altstadt deutsche Kolonisten siedelten (logisch!).
Nach der bereits erwähnten Schlosskapelle entstand St. Nikolai, die 1178 von Sambor I. gegründet wurde, laut späterer Gedenktafel “im Felde“. Meinen kurzsichtigen Augen zu trauen, liegt Nikolai in der Rechtsstadt, was dann damals also freies Feld war. Nach Stachnik soll diese Kirche insbesondere für die deutschen Kaufleute gewesen sein, die den Bau dieser Kirche vermutlich auch finanzierten. Nach Gründung der Neustadt reichte diese Nikolaikirche nicht mehr aus, so dass man ihretwegen die Dominikaner in die Stadt einlud. Von ihnen wird man sich ein Ankurbeln der Wissenschaften gewünscht haben. Etc. pp.
Wenn Bischof Adalbert tatsächlich die Slawen in Danzig bekehrt hatte, wie Curicke lobend beschreibt, dann müsste es in der slawischen Siedlung mindestens eine kleine Holzkapelle zur Ausübung des christlichen Glaubens gegeben haben, vermutlich an einer Stelle, an der sich vorher eine alte Eiche befand, von der aus der slawische Gott Perun herrschte. Wo stand diese Eiche? Auf Nikolai-Boden, Katharinen-Boden oder Boden der kleinen Marien-Kapelle?
Fragt sich, warum nie jemand einen Rekonstruktionsversuch von Gynddanzc versucht hat.
Zwei Fragen hätte ich dann noch:
1. Wie hieß der Herzog, der die pommerellische Burg bauen ließ?
2. Befanden sich die heiligen Bäume der Slawen innerhalb oder außerhalb der festen Anlage?
Eigentlich halte ich vom Bäume absägen gar nix ;-D
Das Foto der Marienkirche aus der wehlauer Kreisgemeinschaft ist immerhin sehr hübsch. Bei der kleinen Marienkirche in Danzig kann es sich nicht um einen prächtigen Backsteinbau gehandelt haben. Denn dann hätte man keine neue Marienkirche gebraucht und es gäbe sie vermutlich heute noch.
Danke Marc für das lateinische Zitat. Ich schaue es mir bald genauer an.
Vorerst beste Grüße vom waldkind.
Quellen:
außer die weiter oben bereits angegebenen Stachnik, Curicke, Kürtz
Charles Higounet: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, 1986 Wolf Jobst Siedler Verlag Berlin
Silvia und Paul Botheroyd: Das Bernsteinbuch, 2004. Atmosphären-Verlag München
Guten Morgen liebe Forumer,
angeregt durch Marks Wunsch nach moderneren Quellen nun einige zusätzliche Überlegungen und Daten.
Der französische Historiker Higounet (1986, Quelle weiter unten) beschreibt, dass es vor der deutschen Städtegründung im Osten durchaus slawische „Vorstädte“ mit Stadtkern gab. Gynddanzc war eine solche. Diese Städte waren als „Burg“ angelegt, in deren Wällen oder Mauern sich die Siedlung befand. Unter Burg stellen wir uns jetzt bitte keine Burg im Sinne deutscher Ritterburg vor, sondern eher eine aus Erde, Steinen oder Holz errichteten Befestigungsanlage. Bei der deutschen Kolonisierung wurde zuerst eine Burg gebaut und die slawische „Vorstadt“ ausgebaut (spätere Altstadt). Dann wurde die neue Stadt nach festen Plänen und Grundrissen eingerichtet mit dem Ziel ein deutsches Stadtrecht zu erhalten. Nach diesem Prinzip handelte also auch der pommerellische Herzog als er nebst Gynddanzc seine Burg einrichtete. Diese pommerellische Burg soll zumindest teilweise aus Holz gewesen. Wäre ich damals Herzog gewesen, hätte ich auf Erle gebaut :-D
Jedenfalls bestätigen Higounets Ausführungen ganz unsere Vermutungen hier. Es handelt sich bei dem Begriff „slawische Siedlung“ also keinesfalls um ein kleines Fischerdörfchen. Dazu passt, wenn Canaparius diese Siedlung „urbs“ genannt haben soll, voll und ganz.
In irgendeiner Weise muss diese slawische Stadt etwa auf Höhe des Altstädtischen Grabens durch einen Wall oder zumindest einem Gewässer geschützt gewesen sein. Die slawischen Siedlungen, von denen ich bisher erfahren habe, lagen stets am Wasser, entweder im Sumpf, im Werder, zwischen zwei Strömen, auf einer Insel. Das kommt für Gyddanzc gut hin. Da weder Mottlau noch Weichsel ausgebaut waren, muss Gyddanzc ziemlich feucht gewesen sein, zumindest das Feld drumrum. Dass der pommerellische Fürst sich Danzig als Hauptsitz ausgesucht hat, spricht dafür, dass hier bereits eine bedeutende „Statt/Stadt“ gelegen haben muss. Bedeutung hatte Gynddanzc/Kdanze dadurch, dass es spätestens seit Beginn des 11. Jahrhunderts die Führung in der Bernsteinproduktion an der Ostseeküste inne hatte. Daher haben sich die pommerellischen Fürsten auch gleich das Bernsteinmonopol zugesichert.
Die Neustadt in Danzig wird unter Swatopolk zwischen 1224 – 1266 angelegt und erlangt zwischen 1235 – 1245 das lübische Stadtrecht. Es wird vermutet, dass bereits in der Altstadt deutsche Kolonisten siedelten (logisch!).
Nach der bereits erwähnten Schlosskapelle entstand St. Nikolai, die 1178 von Sambor I. gegründet wurde, laut späterer Gedenktafel “im Felde“. Meinen kurzsichtigen Augen zu trauen, liegt Nikolai in der Rechtsstadt, was dann damals also freies Feld war. Nach Stachnik soll diese Kirche insbesondere für die deutschen Kaufleute gewesen sein, die den Bau dieser Kirche vermutlich auch finanzierten. Nach Gründung der Neustadt reichte diese Nikolaikirche nicht mehr aus, so dass man ihretwegen die Dominikaner in die Stadt einlud. Von ihnen wird man sich ein Ankurbeln der Wissenschaften gewünscht haben. Etc. pp.
Wenn Bischof Adalbert tatsächlich die Slawen in Danzig bekehrt hatte, wie Curicke lobend beschreibt, dann müsste es in der slawischen Siedlung mindestens eine kleine Holzkapelle zur Ausübung des christlichen Glaubens gegeben haben, vermutlich an einer Stelle, an der sich vorher eine alte Eiche befand, von der aus der slawische Gott Perun herrschte. Wo stand diese Eiche? Auf Nikolai-Boden, Katharinen-Boden oder Boden der kleinen Marien-Kapelle?
Fragt sich, warum nie jemand einen Rekonstruktionsversuch von Gynddanzc versucht hat.
Zwei Fragen hätte ich dann noch:
1. Wie hieß der Herzog, der die pommerellische Burg bauen ließ?
2. Befanden sich die heiligen Bäume der Slawen innerhalb oder außerhalb der festen Anlage?
Eigentlich halte ich vom Bäume absägen gar nix ;-D
Das Foto der Marienkirche aus der wehlauer Kreisgemeinschaft ist immerhin sehr hübsch. Bei der kleinen Marienkirche in Danzig kann es sich nicht um einen prächtigen Backsteinbau gehandelt haben. Denn dann hätte man keine neue Marienkirche gebraucht und es gäbe sie vermutlich heute noch.
Danke Marc für das lateinische Zitat. Ich schaue es mir bald genauer an.
Vorerst beste Grüße vom waldkind.
Quellen:
außer die weiter oben bereits angegebenen Stachnik, Curicke, Kürtz
Charles Higounet: Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, 1986 Wolf Jobst Siedler Verlag Berlin
Silvia und Paul Botheroyd: Das Bernsteinbuch, 2004. Atmosphären-Verlag München
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