AW: Volksschule St.Petri u.Pauli
Moin,
Zur Oberrealschule zu St. Petri und Pauli am Hansaplatz
Die Diskussionsbeiträge zur Volksschule St. Petri und zur Oberrealschule zu St. Petri und Pauli am Hansaplatz laufen hier jetzt ein bisschen durcheinander, aber sei’s drum, vielleicht macht es irgendwann Sinn, sie unter zwei entsprechenden Titeln laufen zu lassen.
Das unten links beigefügte Bild zeigt die Oberrealschule zu St. Petri und Pauli, gesehen vom Hansaplatz aus. Es ist der Scan eines Farbdias von schätzungsweise zwischen 1938 und 1942 und Teil eines Sets von insgesamt 23 Dias von Zoppot, Oliva und Danzig (verglast, allseitig zugeklebt, erstaunlich gut erhalten, obgleich wie alle Glasdias bis in die 60-er Jahre vermutlich nicht chemisch rein, was zu einer allmählichen Auflösung führen dürfte). Ich fand sie im Nachlass meines Vaters. Selber mitgebracht hat er sie mit Sicherheit nicht. Folglich muss jemand sie ihm nach Krieg geschenkt haben.
Rechts daneben Bilder der ehemaligen Oberrealschule zu St. Petri und Pauli, ungefähr vom gleichen Standort aus auf dem Hansaplatz im Juni 2009 gemacht.
Mein Onkel Heinz Müller machte dort 1924 die Mittlere Reife, mein Vater unter seinem damaligen Namen Horst Müller 1933 das Abitur. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er u.a. … (da von diesen keiner mehr leben dürfte, braucht sich auch niemand mehr auf die Füße getreten fühlen …)
... Obersekunda neue Lehrer und gleich ging es wieder bergab. Am ärgsten mit dem Klassenlehrer Karlchen Meyer, der mich anfangs gar nicht mochte und mich als eine Art Klassentrottel mit Wollust auf die Schippe nahm. Ich weiß noch den Anlaß: er wollte wissen, was wir in Deutsch gelesen hatten, ich sollte kurz den Inhalt von Hauptmanns Webern wiedergeben. Zwei oder drei mal sagte er: "Kürzer", da brachte ich es in einem kurzen Satz. Das mißfiel ihm auch und plötzlich sagte er: "Wissen Sie, was Ihre Lippen sagen? Rutsch mir den Buckel runter.“ Meine Antwort war wieder kurz: "Stimmt." Er befrozzelte mich, bis er den ersten Aufsatz zurückgab. "Aber schreiben können Sie!" Wir haben uns dann bald sehr gut verstanden. Er war ein Pfundskerl, der nach eigenem Bekenntnis seinen Beruf verfehlt hatte und seinen Kollegen oft aus dem Weg ging. Das offizielle Lehrerzimmer mied er, es gab da einen anderen, wenig benutzten Raum. Unvergessen: kurz vor dem Abitur kam er mit einer Liste herein, in die die Berufswünsche eingetragen werden sollten. Das Abfragen von uns 17 Figuren ergab: "Lehrer, Lehrer, Lehrer." Ich glaube, außer unseren zwei Juden und unserer Clique Lukas, Koch, Neubert, Fliege und mir nur "Lehrer", also mit 10 die klare Mehrheit. Karlchen Meyer, der uns gepredigt hatte: „Jungs, macht nicht die Dummheit, die ich gemacht habe, werdet nicht Lehrer", verließ schweigend das Klassenzimmer. Die Stunde fiel aus.
Kuhse, ein guter Mathe Pädagoge, was er uns beibrachte, reichte annähernd für das Vorexamen an der TH. Siebermann, Geschichte, der Mann mit einem erstaunlichen Gedächtnis (das er gern präsentierte), bei dem es niemandem auch nur einfiel, eine Dummheit zu machen oder sich im Unterricht nicht zu konzentrieren. Ganz anders bei Küsow, Anglist, der in der Oberstufe Religion gab, richtiger: Religionsphilosophie. Da wackelten die Bilder an den Wänden, da fiel ihm der Karten Aufhänge Stock ins Gesicht, wenn er die Tür aufriß. Er trug es mit Würde. Dr. Schacht gab Englisch, er machte in distinguiert, zu ihm hatten wir den geringsten menschlichen Kontakt. Aber kitzeln konnte man ihn doch … Hänschen Brassat, unser gemütlicher ostpreußischer Französischlehrer, kam nach dem Abi zu mir: "Wenn ich Ihnen eine 2 gegeben hätte, wäre die Gesamtnote eine 1 geworden.– aber ich konnte nicht." Dafür hatte ich volles Verständnis. Nachdem die erste Arbeit im letzten Halbjahr eine glatte 3 geworden war, hatte ich nichts mehr riskiert und mich um alle weiteren Klassenarbeiten gedrückt. Ja, und da war noch Pummelchen Peemoller, Biologie. Ein begeisterter Segler. Wenn im Unterricht das Wort Boot fiel, hatte die Biologie bis zur nächsten Stunde Pause. Halt, Charlie Czafrin, Musik, nicht vergessen. Ein äußerst mäßiger Pädagoge, ich erinnere mich an den Satz: "Musik ist ein Ast am Baume der Kunst". Das ahnte ich auch so, und mehr habe ich bei ihm nicht gelernt. – Er war praktizierender Katholik und äußerte sich vor 1933 mehrfach negativ über die Nazis. Kurz nach der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 kam ich am Musiksaal vorbei, warf einen Blick rein und rannte in die Klasse: "Kommt sehen, Charlie Chaplin mit Parteiabzeichen." Mir wollten die Kumpels so etwas schon gar nicht glauben, ich mußte sie beschwören, sich das einmal anzusehen. Das gab dann allerdings ein großes Gejohle, als sie sich überzeugt hatten. Alle anderen Lehrer hielten sich in dieser Beziehung sehr zurück. Karlchen Meyer unterließ auch nach dem 30. Jan. nicht seine versteckten ironischen Seitenhiebe gegen die Nazis. Und unser guter Physiklehrer, Klein Heini Terzel SPD, bekannte sich ebenfalls weiterhin offen zu seiner Partei. Ehre auch dem Andenken unseres Zeichenlehrers Leo von Malatki. Ein total verrückter Kerl, wir vermuteten, er wäre aus dem 1. Weltkrieg nicht ganz heil herausgekommen. Künstler, aber kaum brauchbarer Pädagoge im üblichen Sinne – denn mitgekriegt haben wir bei ihm doch einiges. Spaß beim Abi: anstelle von Zeichnungen oder dergleichen reichte ich als zu bewertende Arbeit ein Album mit Photos ein, die ich heimlich gemacht hatte. Damals konnte man ja noch Ausschnitte in beliebigen Formaten machen und mit der Raumaufteilung hatte ich mir Mühe gegeben. Kurz, ich erhielt dafür eine 2 und die Mappe lag – welch Zufall – in der Aula wohl obenauf. Jedenfalls wurde sie von den Lehrern schnell entdeckt und beschäftigte sie mehr als das Gestammel der Prüflinge. Etliche Aufnahmen waren wenig schmeichelhaft und Schadenfreude ist nun mal die reinste.
Mein alter Herr schrieb auch über die Mitschüler – aber abgesehen von Enne Lukas, der Mitte der 60-er Jahre an den Folgen von Kriegsverletzungen starb, sind von seiner Clique nach seiner Information wohl alle im Krieg umgekommen. „Von den anderen weiß ich nichts. Sie wurden Volksschullehrer, als solche zur Infanterie eingezogen, wurden Reserveoffiziere und damit Kanonenfutter par excellence.“
Falls jemandem einer der Namen etwas sagt, sind Informationen herzlich willkommen.
Beste Grüße aus Dakar, Rainer MueGlo
Moin,
Zur Oberrealschule zu St. Petri und Pauli am Hansaplatz
Die Diskussionsbeiträge zur Volksschule St. Petri und zur Oberrealschule zu St. Petri und Pauli am Hansaplatz laufen hier jetzt ein bisschen durcheinander, aber sei’s drum, vielleicht macht es irgendwann Sinn, sie unter zwei entsprechenden Titeln laufen zu lassen.
Das unten links beigefügte Bild zeigt die Oberrealschule zu St. Petri und Pauli, gesehen vom Hansaplatz aus. Es ist der Scan eines Farbdias von schätzungsweise zwischen 1938 und 1942 und Teil eines Sets von insgesamt 23 Dias von Zoppot, Oliva und Danzig (verglast, allseitig zugeklebt, erstaunlich gut erhalten, obgleich wie alle Glasdias bis in die 60-er Jahre vermutlich nicht chemisch rein, was zu einer allmählichen Auflösung führen dürfte). Ich fand sie im Nachlass meines Vaters. Selber mitgebracht hat er sie mit Sicherheit nicht. Folglich muss jemand sie ihm nach Krieg geschenkt haben.
Rechts daneben Bilder der ehemaligen Oberrealschule zu St. Petri und Pauli, ungefähr vom gleichen Standort aus auf dem Hansaplatz im Juni 2009 gemacht.
Mein Onkel Heinz Müller machte dort 1924 die Mittlere Reife, mein Vater unter seinem damaligen Namen Horst Müller 1933 das Abitur. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er u.a. … (da von diesen keiner mehr leben dürfte, braucht sich auch niemand mehr auf die Füße getreten fühlen …)
... Obersekunda neue Lehrer und gleich ging es wieder bergab. Am ärgsten mit dem Klassenlehrer Karlchen Meyer, der mich anfangs gar nicht mochte und mich als eine Art Klassentrottel mit Wollust auf die Schippe nahm. Ich weiß noch den Anlaß: er wollte wissen, was wir in Deutsch gelesen hatten, ich sollte kurz den Inhalt von Hauptmanns Webern wiedergeben. Zwei oder drei mal sagte er: "Kürzer", da brachte ich es in einem kurzen Satz. Das mißfiel ihm auch und plötzlich sagte er: "Wissen Sie, was Ihre Lippen sagen? Rutsch mir den Buckel runter.“ Meine Antwort war wieder kurz: "Stimmt." Er befrozzelte mich, bis er den ersten Aufsatz zurückgab. "Aber schreiben können Sie!" Wir haben uns dann bald sehr gut verstanden. Er war ein Pfundskerl, der nach eigenem Bekenntnis seinen Beruf verfehlt hatte und seinen Kollegen oft aus dem Weg ging. Das offizielle Lehrerzimmer mied er, es gab da einen anderen, wenig benutzten Raum. Unvergessen: kurz vor dem Abitur kam er mit einer Liste herein, in die die Berufswünsche eingetragen werden sollten. Das Abfragen von uns 17 Figuren ergab: "Lehrer, Lehrer, Lehrer." Ich glaube, außer unseren zwei Juden und unserer Clique Lukas, Koch, Neubert, Fliege und mir nur "Lehrer", also mit 10 die klare Mehrheit. Karlchen Meyer, der uns gepredigt hatte: „Jungs, macht nicht die Dummheit, die ich gemacht habe, werdet nicht Lehrer", verließ schweigend das Klassenzimmer. Die Stunde fiel aus.
Kuhse, ein guter Mathe Pädagoge, was er uns beibrachte, reichte annähernd für das Vorexamen an der TH. Siebermann, Geschichte, der Mann mit einem erstaunlichen Gedächtnis (das er gern präsentierte), bei dem es niemandem auch nur einfiel, eine Dummheit zu machen oder sich im Unterricht nicht zu konzentrieren. Ganz anders bei Küsow, Anglist, der in der Oberstufe Religion gab, richtiger: Religionsphilosophie. Da wackelten die Bilder an den Wänden, da fiel ihm der Karten Aufhänge Stock ins Gesicht, wenn er die Tür aufriß. Er trug es mit Würde. Dr. Schacht gab Englisch, er machte in distinguiert, zu ihm hatten wir den geringsten menschlichen Kontakt. Aber kitzeln konnte man ihn doch … Hänschen Brassat, unser gemütlicher ostpreußischer Französischlehrer, kam nach dem Abi zu mir: "Wenn ich Ihnen eine 2 gegeben hätte, wäre die Gesamtnote eine 1 geworden.– aber ich konnte nicht." Dafür hatte ich volles Verständnis. Nachdem die erste Arbeit im letzten Halbjahr eine glatte 3 geworden war, hatte ich nichts mehr riskiert und mich um alle weiteren Klassenarbeiten gedrückt. Ja, und da war noch Pummelchen Peemoller, Biologie. Ein begeisterter Segler. Wenn im Unterricht das Wort Boot fiel, hatte die Biologie bis zur nächsten Stunde Pause. Halt, Charlie Czafrin, Musik, nicht vergessen. Ein äußerst mäßiger Pädagoge, ich erinnere mich an den Satz: "Musik ist ein Ast am Baume der Kunst". Das ahnte ich auch so, und mehr habe ich bei ihm nicht gelernt. – Er war praktizierender Katholik und äußerte sich vor 1933 mehrfach negativ über die Nazis. Kurz nach der "Machtergreifung" am 30. Januar 1933 kam ich am Musiksaal vorbei, warf einen Blick rein und rannte in die Klasse: "Kommt sehen, Charlie Chaplin mit Parteiabzeichen." Mir wollten die Kumpels so etwas schon gar nicht glauben, ich mußte sie beschwören, sich das einmal anzusehen. Das gab dann allerdings ein großes Gejohle, als sie sich überzeugt hatten. Alle anderen Lehrer hielten sich in dieser Beziehung sehr zurück. Karlchen Meyer unterließ auch nach dem 30. Jan. nicht seine versteckten ironischen Seitenhiebe gegen die Nazis. Und unser guter Physiklehrer, Klein Heini Terzel SPD, bekannte sich ebenfalls weiterhin offen zu seiner Partei. Ehre auch dem Andenken unseres Zeichenlehrers Leo von Malatki. Ein total verrückter Kerl, wir vermuteten, er wäre aus dem 1. Weltkrieg nicht ganz heil herausgekommen. Künstler, aber kaum brauchbarer Pädagoge im üblichen Sinne – denn mitgekriegt haben wir bei ihm doch einiges. Spaß beim Abi: anstelle von Zeichnungen oder dergleichen reichte ich als zu bewertende Arbeit ein Album mit Photos ein, die ich heimlich gemacht hatte. Damals konnte man ja noch Ausschnitte in beliebigen Formaten machen und mit der Raumaufteilung hatte ich mir Mühe gegeben. Kurz, ich erhielt dafür eine 2 und die Mappe lag – welch Zufall – in der Aula wohl obenauf. Jedenfalls wurde sie von den Lehrern schnell entdeckt und beschäftigte sie mehr als das Gestammel der Prüflinge. Etliche Aufnahmen waren wenig schmeichelhaft und Schadenfreude ist nun mal die reinste.
Mein alter Herr schrieb auch über die Mitschüler – aber abgesehen von Enne Lukas, der Mitte der 60-er Jahre an den Folgen von Kriegsverletzungen starb, sind von seiner Clique nach seiner Information wohl alle im Krieg umgekommen. „Von den anderen weiß ich nichts. Sie wurden Volksschullehrer, als solche zur Infanterie eingezogen, wurden Reserveoffiziere und damit Kanonenfutter par excellence.“
Falls jemandem einer der Namen etwas sagt, sind Informationen herzlich willkommen.
Beste Grüße aus Dakar, Rainer MueGlo
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