Narviklager / Typhus

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  • waldkind
    Forum-Teilnehmer
    • 06.10.2008
    • 2366

    #1

    Narviklager / Typhus

    Hallo an alle,
    da meine Großmutter einige Kinder durch Typhus verloren hat, wollte ich euch bitten mir etwas über die Typhus-Epedemie in Danzig zu schreiben,die sich noch daran erinnern. Über die Epidemie im Gefangenelager haben wir schon geschrieben und gelesen. Aber was warmit den anderen Bewohnern der Stadt? Wer kennt sich aus? Wo sind die Typhusopfer begraben worden? Wahrscheinlich nicht auf einem der üblichen Kirchhöfe.

    Herzlichen Dank für alles, was ihr dazu hier aufschreiben könnt. LG waldkind.
    Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.
  • Erwin-Danzig, + 17.06.2017
    Forum-Teilnehmer
    • 11.02.2008
    • 160

    #2
    AW: Typhus

    Hallo Waldkind,
    vor Thyphus-Epedemien hatten die sowjetischen
    Besatzer große Angst, denn sie bedrohte ja auch
    die Truppe. - In früheren Beiträgen, siehe unter
    Google nach PRAUST, wurden wir am 5.6.1945
    von Miltärärzten auch gegen Thyphus geimpft.
    Die Impfung fand in der Prauster Turnhalle statt.
    Jeder bekam zwei Pritzen gesetzt, wie heute die
    Schweine im Gallopp. eine in den Arm und eine
    in die Brust. Die Hälfte der geimpften lag eine
    Weile "platt" im Vorgelände. --
    Bei Beerdigung von Toten, die an Thyphus
    versterben, ist doch nur die sofortige
    Bestattung erforderlich. - Viele solcher Toten
    gab es ja auch unter den Gefangenen in Danzig.
    Hier könnte Gerhard Olter berichten ! ?
    Die Toten aus dem Narwiklager liegen unter dem
    Müllberg, den wir noch näher finden müssen.
    Das ist ein Anliegen, daß ich meinem damals
    geretteten Vater Reinhold Völz noch schuldig
    bin. - Mein Großvater Franz VÖlz hatte die
    "Ruhr" und ihn habe ich an seinem Sterbetag,
    den 28.05.1945 auf seinem Grundstück bestattet.
    Er wurde nicht mehr vertrieben und blieb in der
    Heimaterde. Das habe ich schon früher beschrieben.-
    Als ich im November 1945, nun schon wieder
    in Magdeburg in der Schule geimpft werden
    sollte, viel ich vom Geruch und in Erinnerung
    an die "gewaltsame Prozedur" in Praust, um !
    Aber hier bekam ich nur noch eine Spritze zur
    Auffrischung. Später und bis heute vertrage
    ich ärztliche Eingriffe gut. Allein wenn ich an
    meine Betäubungen bei meinen mehrfachen
    Augenoperationen denke.

    Es grüßt Erwin Völz

    Kommentar

    • waldkind
      Forum-Teilnehmer
      • 06.10.2008
      • 2366

      #3
      AW: Typhus

      Guten Vormittag Erwin,
      danke für deine Ausführungen. Über Typhus im Gefangenenlager haben wir schon ausführlich geschrieben und gelesen. Ich hatte die Diskussion damals mit aufgeworfen. Was mir aber damals noch nicht so klar war, ist, dass viele meiner Familienangehörigen an Typhus erkrankt waren. Manche überlebten, manche nicht. Daher versuche ich mir ein Bild vom damaligen Typhus-Danzig zu machen.

      Wenn es so war, dass es zu Kriegzeiten nur eine Typhus-Epidemie gab, so würde das bedeuten, dass die Familie zunächst erkrankte und sich dann auf den Marsch gen Westen begab. Meine Mutter erzähltemir, dass ein Brüderchen an Typhus starb, aberich glaubte immer,ich hättemich verhört. Inzwischen weiß ich, dass mehrere Geschwister meiner Mutter daran erkrankten oder starben.
      Offensichtlich kursierten also Typhus und Ruhr gemeinsam durch Danzig. Unvorstellbar!

      Du sprichstvon einem Müllberg, den es in Danzig gab zu dieser Zeit. War es ein ganz normaler Müllberg oder wurde er zur Typhuszeit speziell eingerichtet. Und warum ist dieser Berg in Vergessenheit geraten?

      Liebe Grüße vom waldkind.
      Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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      • Belcanto
        Forum-Teilnehmer
        • 24.09.2008
        • 2507

        #4
        AW: Typhus

        Hallo Erwin
        Von welchen Militärärzten, wurdet ihr am 5.6.1945 geimpft?
        Viele Grüße
        Belcanto

        Kommentar

        • Erwin-Danzig, + 17.06.2017
          Forum-Teilnehmer
          • 11.02.2008
          • 160

          #5
          AW: Typhus

          Hallo Belcanto und Waldkind,
          es gab in Praust eine sowjetische Militärkommandatur.
          So auch in anderen Orten des Danziger Gebietes.
          Die polnische Verwaltung war in Oliwa schon am
          24. April 1945 aktiv. Wir konnten bis dahin ja nicht
          nach Süden in Richtung Praust nach Hause gehen.
          Auch Differenzen zwischen der sowjetischen
          Militärmacht und der aufkommenden polnischen
          Macht waren spürbar.
          Der "Prezydent Miasta Gdanska" gab e.g. Verordnug
          heraus, in polnischer und deutscher Sprache.
          Mit diesem Zeitpunkt begann auch damit, die
          Herrschaft der Miliz, neben den sowjetischen
          Kommandaturen und war so ab Juni voll spürbar.
          Im früheren Danzig-L habe ich dazu schon
          geschrieben, wie gewaltsam und willkürlich,
          die polnische Miliz mit uns umging. Meine
          Mutter wurde wegen einer Behauptung eines
          17 Jahre jungen Milizonärs verhaftet.
          Man hat sie vor uns Kindern erniedrigt, mit dem
          Gewehrkolben nieder geschlagen und als sie auf
          dem Boden lag, ihren Rock mit dem Bajonet
          hoch gehoben. Wir drei Kinder, meine beiden
          Schwestern, damals noch keine 9 Jahre alt
          und ich, wir haben geschrieen. Sie wurde
          mit genommen und war für uns drei Tage
          unauffindbar. Darüber gibt es eine ausführlichere
          Niederschrift.- Und von wegen es gab keine
          Vertreibung vor der Potsdamer Konferenz im
          August 1945. Auch dazu habe ich geschrieben
          wie unsere Nachbarfamilie, eine Frau mit drei
          kleinen Kindern, 10. 8, 6 und 1 1/2 Jahre alt,
          mit Gewehrschüssen von drei Milizionären,
          aus ihrem Haus in der Praustfelder Siedlung
          vertrieben wurde. - Auch zu diesem Thema
          habe ich vom 14.Juli 1945 einen Sonderbefehl
          für die deutsche Bevölkerung der Stadt Bad
          Salzbrunn vor mir liegen. Darin wurde von
          einem polnischen Oberstleutnannt angeordnet,
          die deutsche Bevölkerung wird in das Gebiet
          westlich des Flusses Neisse umgesiedelt.
          Als Beginn des Sonderbefehles wurde 6 Uhr
          und als Ende 9 Uhr jenes Tages angeordnet.
          Kein Transport mit Wagen und Zugtieren
          wird erlaugbt, Das ganze lebendige und tote
          Inventar bleibt unbeschädigt als Eigentum
          der Polnischen Regierung zurück.
          Nichtausführung des Befehls wird mit schärfsten
          Strafen verfolgt, einschließlich Waffengebrauch.
          Auch mit Waffengebrauch verhindert Sabotage
          und Plünderung. Von Marschkolonnenanordnung
          in Viererreihen ist die Rede. Alle Wohnungen der
          Stadt müssen offen bleiben, die Wohnungsschlüssel
          müssen nach außen gesteckt werden.
          Abschnittskommandant Z...., Oberstleutnant.
          Auch darüber muß man sprechen dürfen,
          andernfalls ist eine Verständigung über die
          Überwindung von Spannungen nicht möglich.
          Bis heute habe ich immer noch den Eindruck,
          daß man der nachgewachsenen Generation
          die Aufarbeitung der Kriegsfolgen nur einseitig
          aufdrücken möchte. Offene Gespräche tun Not,
          damit für Hetze kein Platz bleibt und der
          Friede in Europa erhalten und ausgebaut
          wird. Die ganzen uns bekannten Aktionen
          nationalistischer Forderungen müssen
          durch Offenheit abgebaut werden.
          Andernfalls bleibt Argwohn bestehen und kann
          von Zerstörern des Europa-Gedankens
          benutzt werden.
          Es bleib noch viel zu tun !
          Gruß von Erwin Völz

          Kommentar

          • waldkind
            Forum-Teilnehmer
            • 06.10.2008
            • 2366

            #6
            AW: Typhus

            Hallo Erwin,
            ich sehe es auch so, dass nur Ehrlichkeit und Offenheit zu einer echten Völkerverständigung führen können.
            Meine Großeltern müssen mit der Familie noch in Danzig gewesen sein als die Russen bereits da waren. Ich nehme also an, dass sie zwangsumgesiedelt wurden. Nun frage ich mich natürlich wie diese Menschen in den Westen kamen. Liefen sie zu Fuß die Reichsstraße hinunter?
            Ich kann mir das momentan nicht vorstellen. Die Familie ist durch Hunger und Typhus geschwächt, verscharrt die toten Kinder und wandert dann ins Rheinland?
            Dagibt es eine Keule DDT und nun seh man zu! Das Hausen in den Auffanglagern war nicht lustig. 1955 lebten immer noch Menschen in diesen Lagern. Jeder fünfte Deutsche sollte damals ein Vertriebener gewesen sein.

            Wer weiß denn wieviele Flüchtlingslager es im Rheinland gab? In Wipperfürth war eines. In Wuppertal soll auch eines gewesen sein. Weiß da jemand was darüber, vielleicht aus eigener Erfahrung?

            Liebe Grüße vom waldkind.
            Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

            Kommentar

            • Belcanto
              Forum-Teilnehmer
              • 24.09.2008
              • 2507

              #7
              AW: Typhus

              Hallo Erwin
              Ich habe auch darüber geschrieben, denn diese Schicksale haben sich in fast jeder deutschen Familie wiederholt. Es war grausam.Ich war auch dabei, und habe manche Traumatischen Ereignisse bis zum heutigen Tagen nicht verkraftet. Ich musste darüber schreiben, damit sich ein Ventil öffnet und ich von dieser Druck befreit werde.Natürlich müssen wir darüber reden, ohne Vorurteile und in Offenheit, damit sich diese schrecklichen Dingen niemals widerholen mögen.Wenn die zwanziger Generation ausgestorben sein wird, wird niemand mehr darüber berichten und mahnen können. Und so wünsche ich dir viel Gesundheit.
              Viele Grüße
              Belcanto

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              • Karin Langereih
                Forum-Teilnehmer
                • 17.02.2008
                • 1092

                #8
                AW: Typhus

                Hallo Miriam,
                fast das gleiche Schicksal hat meine Familie erlebt.
                Ich weiß, dass meine Mutter mit meinem kleinen Bruder, der im Febr. 1945 geboren war, auf jeden Fall noch im April in Danzig gewesen sein muß, das beweisst ein russ.Eintrag im Reisepass.
                Auch meine Großeltern und meine Tante waren zu diesem Zeitpunkt noch dort.
                Dann mit einem Treck in Richtung Stralsund, in Duvendieck im Auffanglager, dort kamen sie im September 45 an. Mein Bruder ist dort im Alter von 7 Monaten an Typhus gestorben. Ich habe zwar die Todesurkunde, aber leider ist das Grab nicht auffindbar.
                Dann weiter bis Rostock, wieder über eine lange Zeit in einem Durchgangslager.
                Keine Wohnung, keine Arbeit, die Heimat verloren, das erste Kind verloren, die Unwissenheit, ob mein Vater in der Kriegsgefangenschaft überlebt hat, ich weiß heute noch nicht, wie meine Mutter das alles geschafft hat.
                Ich denke, dass sie dieses Schicksal nicht vergessen konnte, sie ist leider mit 52 Jahren gestorben.

                Viele Grüße von karin L.

                Kommentar

                • waldkind
                  Forum-Teilnehmer
                  • 06.10.2008
                  • 2366

                  #9
                  AW: Typhus

                  Hallo Karin,
                  verkraftet haben sie es nicht wirklich. Meine Mutter ist mit 40 Jahren gestorben. Ihre Schwester nach der Flucht mit 18 Jahren. Neun weitere in Danzig oder auf der Flucht verscharrt. Das macht einen nur sprachlos.

                  Ich wünsche eine schöne Nacht. waldkind.
                  Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

                  Kommentar

                  • Erwin-Danzig, + 17.06.2017
                    Forum-Teilnehmer
                    • 11.02.2008
                    • 160

                    #10
                    AW: Typhus und wie ein Wunder konnten wir uns retten

                    Hallo ihr Lieben,

                    meine Erlebnisberichte sind ja unter "Praust" nachlesbar.
                    Wir waren trotz aller Wirren im September 1945 bis
                    Magdeburg gekommen. Eltern mit 3 Kinder.
                    Nach kurzer Zeit in den Stadttrümmern, hatten wir
                    es Dank Beruf meines Vaters geschaftt.
                    Die sowjwtische Besatzungsmacht brauchte
                    Lokführer, Vater war zwar noch schwach,
                    von seinen Nachwirkungen von der Zivilgefangenschaft
                    im NARVIKLAGER in Danzig; aber er konnte nach
                    unserer Vertreibung aus unserem Einfamilienhaus in
                    Praust, mit uns im August 1945 in einer 14-tägigen
                    Zeit bis über die Oder kommen. Unterwegs wurden
                    wir zwar immer überfallen und ausgeraubt, bis nichts
                    mehr da war. Immer wieder kamen wir mit anderen
                    fremden Vertriebenen zusammen, bis wir in Küstrin
                    auf dem Bahnhof gesammelt und von der polnischen
                    Miliz bewacht wurden. Auch die ersten Kriegsgefangenen
                    waren dabei. Dann wurde nach weniger Zeit, vielleicht
                    2 Tage, ein Zug voll gestopft, verriegelt und über Nacht
                    bis Freddersdorf vor Berlin gefahren. Was da geschah
                    habe ich auch schon alles aufgeschrieben.
                    Als deutsche Eisenbahner am Morgen den Zug öffneten
                    quoll eine verdreckte, verhungerte, beschissene
                    Menschenmasse herraus und einige Tote blieben zurück.
                    Die Eisenbahner machten den Wasserkrahn auf und
                    die kranken Männer öffneten ihre zugebundenen
                    Hosenbeine und hielten den "verschissenen (Ar...)
                    Hintern" unter das sprudelde Wasser. Gott sei Dank
                    war es August, vom Deutschen Roten Kreuz gab es
                    schwarzen Kaffee und irgend ein Brotstückchen und
                    wir sammelten essbare Kräuter. Der Fußmarsch ging
                    dann in Richtung Berlin-Ostkreuz und alles dauerte Tage.

                    Unser Vater hatte seinen Beruf über die Generaldirektion
                    der Deutschen Reichnahn in Berlin nachweisen können.
                    Da konnte auch aufgrund der Papiere im Reichsbahn-
                    archiv in Hamburg Auskunft erteilt werden, daß er
                    nicht NSdAP-Mitglied gewesen ist. Und so waren wir
                    schon Ende September Wieder Eigenständig.
                    Vater hatte zwar auf dem Wege von Danzig
                    bis nach Mitteldeutschland, nichts tragen können,
                    aber wir hatten ja auch nicht viel und das was noch
                    da war nahmen uns die Polen noch weg, Vater wurde
                    geschlagen in Schneidemühl, selbst vor so einem
                    "Klappergestell" von krankem Mann, nahmen sie
                    keine Rücksicht, es war ein Drama des Hasses. -
                    In Magdeburg-Rothensee, bekamen wir zwei
                    Dachgeschoß-Zimmer, Vater bekam Krankengeld
                    von der Reichsbahn, wir bekamen Lebensmittelkarten,
                    ich stöberte in den riesigen Trümmerbergen der
                    Stadt nach allen brauchbaren Resten, ob Draht,
                    alte Kochtöpfe, Werkzeug. Vater war ja Schlosser
                    vom Grundberuf, flickte alte Töpfe und es ging
                    für damalige Verhältnisse aufwärts. Selbst einen
                    alten Gusseisenherd zog ich vom Schrottberg
                    und Vater konnte alles. So bekam er auch seinen
                    Lebensmut wieder. Ab November 1945 ging ich
                    wieder zur Schule und meine damals 9-Jährigen
                    Schwestern auch. Schreibpapier gab es zu
                    sammeln von den demontierten Junkers-
                    Flugzeugwerken. Und stoppeln auf den Feldern
                    ausserhalb der Stadt gab es auch. Also hier
                    könnte ich einen ganzen Roman schreiben, wenn
                    ich alles schildern wollte. Sebst hatte ich ja zuhause
                    in Praust schon viel handwerkliches von meinem
                    Vater gelernt.- Und wer kennt nicht den alten Spruch
                    aus Danzig: HANS DAMPF IN ALLEN GASSEN !
                    Da kam dann der Spruch meines Vaters hinzu :

                    "Du kannst im Leben alles verlieren, Haus uns Hof
                    und Frau und Kind, aber was Du gelernt hast
                    trägst Du bis in den eigenen Tod !!!

                    Was haben wir aus Danzig gerettet ? Meinen Beruf !!!
                    Das war seine Weisung - alles andere haben wir verloren !
                    Das hat mich geprägt ! Ich organisierte, hab in der
                    Schule fleissig gelernt. Mußte im April 1947, mit
                    15 Jahren die Oberschule verlassen, lernte Maurer,
                    war fleissig und schaffte mein 1 Lehrjahr in
                    3 Monaten, war mit 17 Jahren Maurergeselle.
                    Auch da habe ich gut verdient durch Arbeit nach
                    Feierabend überall Kriegsschäden ausbessern.
                    Karbidschlamm gab es bei der Bahn als Abfall,
                    daraus wurde mit Sand Mörtel gemacht und so
                    wa ich gefragt bei vielen Kreigsgeschädigten.
                    Die Währung war damals Zigarretten,
                    "Amerikas Kammel und Lukistryk" die im Umlauf
                    waren. Dafür bekam ich alles. Ich habe ab 1945 in
                    einem Magdeburger Schwimmverein trainiert,
                    als Ausgleich für meine schwere Arbeit.
                    Auch im Beruf, mit Abendkursen konnte ich sehr
                    viel lernen. Meine Lehrmeister, ob in den
                    Schulen oder auf der Baustelle waren die damals
                    ALTEN, die man nicht mehr im Krieg verheizen konnte.
                    Das alles war mein Glück. Die verdienten Zigarretten
                    verrauchte ich nicht, Sie waren mein Zahlungsmittel
                    beim Schneider, mit 16 Jahren schneiderte mir ein
                    Schneidermeister einen Maßanzug, ich bekam Schuhe,
                    Oberhemd, Schlips, Mantel und Hut dafür !
                    Und so ging es dann gut weiter. Auch die Vorteile
                    von der Bahn waren für uns förderlich.
                    Ab November 1945 fuhr mein Vater wieder als
                    Lokführer und eine Tasche Briketts brachte immer
                    mit. Holz konnten wir da auch bekommen.
                    Gott sei dank !
                    Ein anderes Mal mehr wenn ihr wollt.

                    Es grüßt Erwin Völz

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                    • waldkind
                      Forum-Teilnehmer
                      • 06.10.2008
                      • 2366

                      #11
                      AW: Typhus

                      Schönen guten Abend Erwin,
                      danke für deine Geschichte. Alles hast du sehr lebendig beschrieben, so dass ich mir die Situation gut vorstellen kann.
                      Du schreibst von einem "Drama des Hasses". Ehrlich gesagt, kann ich es den Polen nicht verdenken, wenn ich mir vor Augen führe mit welch kalter Grausamkeit die Deutschen in Polen eingedroschen haben. Menschen sind unterschiedlich. Ganz gleich welcher Nationalität, gibt es gute und weniger gute, liebevolle und grausame Menschen.

                      Was ist denn nun mit dem Müllberg, den du beschrieben hast? Ist er verloren gegangen, dass man jetzt nicht mehr weiß wo er ist? Wie kann ich das verstehen? War es ein Müllberg, den es immer schon gab oder wurde er Ende des Krieges angelegt?

                      Was den Thypus anbelangt, gab es während des Krieges im KZ Stutthoff offenbar zwei Epidemien, eine 1942, dann Fleckfieber, dann wieder Typhus. Ob es in Danzig eine oder mehrere Epidemien gab, weiß ich nicht. Gab es da auch Fleckfieberzeiten?

                      Liebe Grüße vom waldkind.
                      Fichten, Birken, Linden, Ellern sind die Bäume unserer Vorfahren. Auch Heide und Kiefer mögen die Landschaften geprägt haben.

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                      • Mariolla
                        Forum-Teilnehmer
                        • 20.07.2008
                        • 336

                        #12
                        AW: Typhus

                        Einen schönen guten Abend,

                        nun muß ich auch einmal fragen - immer wieder lese ich in den
                        unterschiedlichsten Berichten, dass Tote durch Typhus, Ruhr ect. im Familienkreis (in den Kriegswirren) meistens auf dem eigenen Grundstück oder nächst liegenden begraben wurden. Habe ich das so richtig verstanden ?
                        Hatte heute eine rege Diskussion, wo man mir sagte, dass
                        die Toten, die durch Typhus oder andere ansteckenden Krankheiten gestorben sind, angeblich eingesammelt und
                        in Massengräber kamen. Aber wer sollte sie eingesammelt haben ?

                        Lieben Gruß
                        Mariolla alias Marion
                        Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schließen und
                        es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
                        Slaw.Sprichwort

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                        • Wolfgang
                          Forumbetreiber
                          • 10.02.2008
                          • 11623

                          #13
                          AW: Typhus

                          Hallo Marion,

                          im Familienkreis Umgekommene (durch Kampfeinwirkungen, Misshandlungen, Krankheit, Hunger) wurden entweder auf den Friedhöfen beigesetzt oder, wenn das nicht möglich war, irgendwo auf einem freien Plätzchen. Ich glaube, fast jede Familie die das Kriegsende in Danzig erlebte, kennt diese Geschichten.

                          Tote auf den Straßen, Kellern, Bunkern wurden bei "Aufräumarbeiten" in Bombenkrater geworfen oder im Auftrag von Polen oder Russen weggekarrt.

                          Verstorbene in Gefangenenlagern oder Gefängnissen wurden ebenfalls weggekarrt oder ortsnah in Massengräbern beigesetzt (so z.B. hinter Schießstange).

                          Über all diese Vorkommnisse gibt es bereits mehrere Berichte von Forum-Teilnehmer - schau Dir dort vor allem auch die Berichte von Erwin Völz an.
                          Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                          Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
                          Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

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                          • Erwin-Danzig, + 17.06.2017
                            Forum-Teilnehmer
                            • 11.02.2008
                            • 160

                            #14
                            AW: Typhus

                            Liebe Marion und liebes Waldkind,
                            erst einmal ich bin der Erwin und hege keinerlei Hass
                            gen Osten, Westen, Norden oder Süden.
                            Denn wer sich mit der Geschichte befasst, weis doch
                            schon wie die "Dramen des Hasses" entstanden sind.
                            Deshalb muß das doch nicht von mir als Recht
                            anerkannt werden. Willkür und Rache sind keine Basis,
                            sie sind Menschenverachtung, egal von welchen
                            Leuten der Nationen das mit einem Fanatismus
                            betrieben wurde. - Das wiederholt sich heute in
                            anderen Regionen unserer Welt. - Viele Gespräche
                            habe in führen können, z.B. mit einem sowjetischen
                            hohen Marineoffizier 1955/56, mit dem ich beruflich als
                            Ingenieur in Rostock zu tun hatte. Er stammte aus
                            Odessa und hat dann die Militärakademie im damaligen
                            Leningrad absolviert. Er war Offizier der "Baltiski Flott"
                            und war im 2. Weltkrieg junger Marinesoldat.
                            Es wurde ein ganz persönliches Gespräch bei Einladungen
                            die ich nur einmal erleben durfte, Wir haben uns frei
                            unterhalten können und er kam mir später sehr stark
                            in Erinnerung, als ich von Kopelew das Buch gelesen
                            habe "AUFBEWAHREN FÜR ALLE ZEIT" - Der Eindruck
                            zum Thema "NEMMERSDORF", beim Einmarsch der
                            sowjetischen Truppen im Januar 1945 in Ostpreußen,
                            die Greuel die da passierten, haben ja auch Furcht
                            und Schrecken ausgelößt, so auch die verspätete
                            Flucht der Trecks durch Ostpreußen ausgelößt.
                            Die dann wiederum zu wahnsinnigen Dramen auf
                            den winterlichen Straßen führten. Die vorrückenden
                            Panzer zermalmten die Flüchtlingstrecks usw.-

                            Im Mai 1945, als meine Mutter mit uns 3 Kindern
                            wieder in Praust war, habe ich auch Unterschiede
                            gesehen, wo Offiziere des medizinischen Dienstes
                            meine beiden Schwestern (Zwillinge 8 Jahre alt),
                            von einem Burschen in ihr Quartier holten und sie
                            mußten dort, am weiß gedeckten Tisch mit Messer
                            und Gabel essen. Mutti (so nannten wir sie) kam
                            vor Angst fast um, sie schickte mich hinterher,
                            um zu erfahren was da vor sich geht. Nach einigen
                            Stunden, vielleicht 3 Stunden, kamen sie beschenkt
                            mit Essen zurück und waren ganz glücklich.
                            Auch das gab es neben den Gewalttätigkeiten
                            der primitiven "Muschkoten" - Von den anderen
                            Grausamkeiten der Erschießungen, Raub und
                            Vergewaltigungen habe ich ja in meinen
                            Erlebnisberichten schon mehrfach geschrieben.
                            Sie sind ja teilweise unter GOOGLE zu finden.
                            So und nun könnte ich hier noch einen Roman
                            zu den Unterschieden, meiner Begegnungen
                            mit polnischen gebildeten, humanistischen
                            Leuten und dem "Drama von Hass" und Gewalt
                            berichten. Beruflich hatte ich vor 35 Jahren
                            mit einem Dr.-Ing. aus Danzig zu tun. Auch da
                            war im direkten Gespräch eine menschliche
                            humane Basis zu finden. Eine Basis die sich aus
                            gegenseitiger Achtung ergab. Aus jener Zeit
                            habe ich auch Exkursionsberichte einer
                            Aachener Studentenexkursion, u.a. von Danzig
                            und den Aufbauarbeiten. Auch andere
                            Fachberichte besitze ich, aus denen ich viel
                            entnehmen konnte. Es war ja noch die
                            kommunistische Herrschaft der Volksrepubkik
                            Polen. Da stehen Bedenken drin, die polnische
                            Baufachleute damals geäussert haben und
                            die im 21. Jhdt. schon zu Schäden geführt
                            haben.- Heute hat man dort in diesem
                            21. Jhdt. viele alte deutsche Quellen
                            offengelegt, aus den Archiven, auch
                            zugängig für uns, nur wer kann alles studieren?
                            Unser Leben ist endlich und manches geht
                            verloren. Das merkt man auch an den immer
                            wieder neuen Fragen hier in diesem Forum
                            und in anderen Foren. Auch hier muß ich
                            bremsen, sonst wird es zu viel Stoff !

                            Vor einem Jahr war ich hier in Moers im
                            Krankenhaus und traf dort durch Zufall eien
                            polnischen Priester, der für dort arbeitene
                            Polen als Seelsorger tätig war. Schnell
                            hatten wir ein Gespräch und die gemeinsame
                            Ansicht: Was wäre Europa viel Leid erspart
                            worden, hätte es in Versailes damals schon
                            europäische Gedanken gegeben. Die Völker
                            waren damals noch nationalistisch geprägt
                            und dadurch getrennt. - Also war die alte
                            Devise: TEILE UND HERRSCHE die Folge.

                            Weitere Fragen zu den schlimmen Krankheiten
                            infolge von Kriegshandlungen. - Das war auch
                            in früheren Kriegen so. Pest und Cholera
                            infolge der vielen Toten und dem Schmutz
                            und Hunger, der dazu führte daß man auch an
                            verendetem Vieh und Pferden Fleisch "absäbelte".
                            Die Toten mußten sofort beerdigt werden.
                            Die sowjetischen Truppen mußten sich ja auch
                            selbst schützen. Wanzen, Flöhe und Läuse am
                            Kopf und in den Kleidern, sind Begleiter solcher
                            Notzeiten. Darüber habe ich auch schon geschrieben.
                            Ja und wer wurde geholt um das alles zu beerdigen,
                            Frauen, Alte und Kinder ! In Löchern des Krieges,
                            mit Schutt und Erde von anderen Stellen wo man
                            so etwas fand, dort auch aufgeladen von
                            zwangsweise aufgegriffenen Zivilisten.
                            Und manchesmal war auch der Friedhof zu weit,
                            um den Toten dort hin zu schaffen. So liegt mein
                            Großvater auch auf seinem Grundstück, er war 75 J.
                            hatte Ruhr und ich mußte ihn am 28. Mai 1945
                            sein Grab schaufeln. Genaues über Form und
                            Ausstattung seines Grabes habe ich schon
                            beschrieben. Ja der Friedhof war 2 km entfernt
                            und ein Transportmittel hatten wir nicht. Einen
                            Sarg auch nicht, andere nahmen auch schon
                            mal einen Kleiderschrank usw. usw.

                            Nun noch der Müllberg:
                            Das Narwiklager nördlich von Schellmühl ist ja allen
                            Danzigkennern aus jener Zeit bekannt.
                            Über die Verhältnisse und die große, nicht
                            genaue Zahl der Toten herrscht bis heute
                            Unsicherheit. Mein Vater erzählte mir von einem
                            Müllberg im Bereich zwischen Schellmühl und
                            Sasper See. Christa Foizik hatte mir noch
                            vor einiger Zeit die Adresse eines Überlebenden
                            jener Lagerzeit mitgeteilt. Aber leider ist er auch
                            schon verstorben. Dann hatte ich im Frühjahr
                            ein telefonisches Gespräch mit einem fast
                            80-jährigen Danziger, der dort in der Nähe
                            damals gewohnt hat, Aber diesen Kontakt muß
                            ich erneuern. Die Adresse und Tel.-Nr. habe ich
                            herausgesucht. Auch Pläne aus jener Zeit und
                            neuere Pläne polnischer Herkunft aus den 90ger
                            Jahren. Dann meine Annahmen zum Moorgebiet
                            des Sasper See und eine Bautechnische Unterlage
                            aus einem meiner Fachbücher ü. Grundbautechnik
                            in Danzig aus den 20-Jahren. Wo ich abschätzen
                            kann, in welcher Tiefe der tragfähige Grund liegt.
                            Es sind also mehrere Faktoren zu beachten um
                            herauszufinden wo sich die Beerdigungsstätte
                            befinden könnte. - Herr Olter von der Deutschen
                            Minderheit, hatte ja vor Jahren über die Toten des
                            Stadtgefängnisses Listen ausfindig machen können,
                            aber das war doch nur möglich, weil bei den
                            polnischen Behörden Akten vorhanden waren. -
                            Es wäre eine späte Ehrung für die bis heute
                            verschollenen Toten des Zivilgefangenenlagers,
                            der sowjetischen Zeit 1945, wenn es gelänge
                            so etwas herauszufinden.
                            Mit Christa Foitzik, Peter Rembold, Wolfgang Naujocks
                            habe ich schon mal telefonisch gesprochen. Und mit
                            dem noch nicht namentlich genannten Altdanziger,
                            muß ich wieder Kontakt suchen. Herr Olter, Frau Chwirot,
                            Herr Marek Koslow, das könnten so einige Kontakte
                            werden, mit denen man im neuen Jahr in Danzig
                            erste Überlegungen machen könnte. Dazu würde
                            ich meine ersten Unterlagen erstellen, um vor
                            Ort in Danzig ein gemeinschaftliches
                            Friedensanliegen zu starten. -
                            Das wäre ein verbindendes Werk.

                            Es grüßt Euch Erwin Völz

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                            • Erwin-Danzig, + 17.06.2017
                              Forum-Teilnehmer
                              • 11.02.2008
                              • 160

                              #15
                              AW: Typhus

                              Lieber Belcanto,

                              Dir herzlichen Dank für Deine Grüße und
                              Gesundheitswünsche. Hoffenlich schaffe
                              ich es im Jahr 2010 wieder nach Danzig zu
                              kommen. Die zuvor geschriebenen Zeilen
                              werden ja noch einige Ideen auslösen,
                              so hoffe ich es. Das wäre ich auch
                              meinem Vater schuldig, der mir aus der
                              Narwik-Lagerzeit und den Verhältnissen
                              erzählt hat.

                              Allen eine schöne Adventszeit

                              von Erwin Volz

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