Kammermann

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  • MueGlo
    Forum-Teilnehmer
    • 11.03.2010
    • 1122

    #1

    Kammermann

    Moin,

    in den Kb von Bohnsack, Steegen und Tiegenort taucht zwischen ca. 1670 und 1750 immer wieder der Beruf / Stand „Kammermann“ auf. Manche dieser Kammermänner haben weitere Berufe. Es gibt auch Heiraten von Kindern von Kammermännern.

    Hat jemand eine Idee, was die Funktion dieser Kammermänner sein könnte?

    Beste Grüße aus Potsdam,

    Rainer MueGlo
    "Der Mensch lebt, so lange man sich seiner erinnert!" - Afrikanisches Sprichwort

    www.Momente-im-Werder.net --- Adressbücher, Literatur, Werkzeugkasten und Momente im Danziger Werder

    Nachbarn und Hofbesitzer in Groß und Klein Zünder vom 17. bis 20. Jahrhundert:
    http://momente-im-werder.net/01_Offen/31_Gross-Zuender/Nachbarn-GrZ-KlZ/index.htm
  • Lavendelgirl
    Forum-Teilnehmer
    • 11.01.2015
    • 4014

    #2
    Hallo Rainer,
    schau mal hier:
    Wegen Scharwercks.
    61. Die Büdner, Mieths- und Kammerleute, so nicht Bürger seyn,
    sindt schuldig Handt-Scharwercke zu thun, so offt es von Einem Erb. Raht vor nöhtig erachtet wird. Die Vorstädter, Gärtner und auch Bürger, so Scharwercks-Garten haben, sollen wie vor Alters die
    Scharwercke verrichten.
    62. Ist die Stadt aber benöhtiget einer gemeinen Hülffe, wie es Ein Erb. Raht sambt den Geschwornen und Eltesten, auch der Gemeine erkennen und ordnen, sollen alle und iedere Einwohner dem gemeinen Nutz zu helffen schuldig seyn, es sey mit Scharwerck, Schoß oder Stewer und andern Zulagen, wie die Nahmen haben mögen, und wenn solche Fälle vorkommen, soll es Nachbar gleich gehen und ein Bürger wie der ander, ein Büdner, ein Miets- und Kammermann wie der
    ander, gleiche Bürde tragen.

    Viele Grüße Frank
    Ein kleines Dankeschön für eine gegebene Antwort sollte doch für jeden machbar sein.

    Kommentar

    • MueGlo
      Forum-Teilnehmer
      • 11.03.2010
      • 1122

      #3
      Moin, Frank,

      prima, herzlichen Dank. Das bestätigt, dass es Kammermänner gibt aber noch, was sie tun ...

      Die gleiche Frage hatte ich in der Mailingliste des VFFOW gestellt. Dort wurde verwiesen auf die mir bereits bekannte Franziska Beck: Vom Volksleben auf der Danziger Nehrung : nach archivalischen Quellen von 1594 - 1814 / Franziska Beck. - Marburg (Lahn) : J.- G.- Herder-Inst., 1962. - IX, 353 S. : Ill.

      Auch wegen des dort wiederholt aufgeführten Kammermanns hatte ich meine Frage gestellt. Franziska vermittelt den Eindruck, dass die Kammermänner eine Bevölkerungsgruppe bilden, die bei allen möglichen Abgaben an die Kirche und sonstige Empfänger die niedrigeren Sätze der Gärtner leisten müssen.

      Das widerspricht den Angaben in den Kb. Dort entsteht eher der Eindruck, dass es jeweils nur einen Kammermann im Dorf gibt. Außerdem kann der Kammermann gleichzeitig Nachbar, Krüger, etc. sein, d.h., er gehört zur dörflichen Oberschicht.

      Jetzt habe ich mal ChatGPT gefragt - im letzten Jahr hatte ich gefragt, wie man zu Fuß im 18. Jahrhundert von Groß Zünder nach Danzig ging. Das Ergebnis war Schrott. Die gleiche Frage vor kurzem gestellt ergab eine erheblich bessere Antwort.

      Hier die Antwort bzgl. des Kammermanns, beeindruckend und erhellend:

      Ein *Kammermann* im 18. Jahrhundert auf der *Danziger Nehrung* war in der Regel ein *Verwalter oder Aufseher von landesherrlichem Besitz*, insbesondere von Domänen-, Forst- oder Küstengebieten, die der staatlichen „Kammer“ (Finanzverwaltung) unterstanden.

      Historischer Kontext

      Die Danziger Nehrung (heute Teil von Polen, damals im Einflussbereich von Danzig und später von Preußen) war wirtschaftlich wichtig wegen:

      * Wald- und Holzwirtschaft
      * Fischerei
      * Dünen- und Küstenschutz
      * Kontrolle von Handelswegen entlang der Ostsee

      Aufgaben eines Kammermanns

      Ein Kammermann war kein „Kämmerer“ im städtischen Sinn, sondern eher ein *praktischer Wirtschafts- und Aufsichtsbeamter*. Typische Aufgaben waren:

      * Aufsicht über Wälder* (Holzeinschlag, Harznutzung, Schutz vor Raubbau)
      * Kontrolle von Fischerei- und Jagdrechten
      * Einzug von Abgaben und Pachtgeldern
      * Verwaltung von Kammergütern (staatliche Ländereien)
      * Berichterstattung an die königliche oder städtische Kammerverwaltung*

      Gerade auf der Nehrung spielte auch der *Dünenschutz* eine große Rolle, da Versandung und Sturmfluten Siedlungen gefährdeten.

      Sozialer Status

      Ein Kammermann war:

      * kein Adeliger,
      * aber meist ein angesehener Beamter oder obrigkeitlicher Bediensteter,
      * oft ortsansässig und mit praktischer Erfahrung in Landwirtschaft oder Forstwesen.

      Die oben erwähnten niedrigeren diversen Gebühren sind mithin eine Art Privileg / Vergütung für eine öffentliche Tätigkeit, vergleichbar mit den Schulzen in vielen Dörfern, die auf eine bestimmte Zahl an Hufen keine Abgaben an die Stadt zahlen mussten.

      Das Ergebnis passt auch unter folgenden Aspekten: Die kleinen Dörfer auf der Nehrung von Bohnsack bis Stutthof sind überwiegend von Gärtnern / Eigengärtnern = Kleinstlandwirte besiedelt, von denen viele - alle? - gleichzeitig als Fischer tätig sind. Bei der Landesaufnahme von 1793 besitzen die wenigen Nachbarn um 1 Hufe. Sprich: Wirtschaftlich sieht das ziemlich bescheiden aus --- das wirtschaftliche Elend findet dann am Frischen Haff statt.

      These: Wenn alle relativ arm sind, ausgestattet mit relativ wenig Bildung, dann funktioniert die Eigenorganisation der Kommunen nur beschränkt. Gleichzeitig gibt es vor der Haustür Güter, an denen man sich relativ einfach bereichern kann: Holz im Wald auf der Nehrung und Strandgut von havarierten Schiffen. Für die Obrigkeit der Stadt Danzig ist beides ein no-go. Siehe Beck. Infolgedessen setzt die Obrigkeit Kammermänner mit primär administrativen Funktionen ein sowie Waldreiter / -reuter, eine Art Multifunktionspolizist. Im Kb Steegen werden diese explizit genannt.

      In Kb südlich der Danziger Weichsel, in denen bei den Einträgen jeweils der Beruf bzw. Stand angegeben ist, z. B. Gottswalde und Groß Zünder, findet sich weder ein Kammermann noch ein Waldreuter ... die Kommunen sind reicher --- 1793 besitzen die Nachbarn im Durchschnitt 4 Hufen --- und strukturierter mit Schulzen, Ratsleuten, dem Schlickgeschworenen, dem Teich- / Deichgeschworenen. Kammerleute für die Eintreibung der Abgaben gibt es nicht, das machen die Schulzen. Ebensowenig gibt es Waldreuter.

      Die Sache ist spannend: Wir neigen dazu, das Weichselmündungsgebiet als eine gewisse Einheit zu sehen. Dabei gibt es von Dorf zu Dorf beträchtliche Unterschiede. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die einzelnen Dörfer sich auf einer isolierten Insel befinden ...

      Beste Grüße, Rainer MueGlo



      "Der Mensch lebt, so lange man sich seiner erinnert!" - Afrikanisches Sprichwort

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      Nachbarn und Hofbesitzer in Groß und Klein Zünder vom 17. bis 20. Jahrhundert:
      http://momente-im-werder.net/01_Offen/31_Gross-Zuender/Nachbarn-GrZ-KlZ/index.htm

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