Martin Damß: Sein Werk und sein Leben

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  • Helga +, Ehrenmitglied
    Moderatorin
    • 10.02.2008
    • 1948

    #1

    Martin Damß: Sein Werk und sein Leben

    Übernommen aus Danzig-L
    Beitrag von Wolfgang am 18.11.2002

    Guten Abend,

    ich habe ein kleines Gedicht, ein Seemannslied, fuer alle, die der See verbunden
    sind. Es stammt von dem Danziger Dichter Martin Damss:

    Seemannslied

    Der blaue Peter weht im Wind,
    Rauch macht den Himmel trübe.
    Ade, Du heißgeliebtes Kind,
    Und wein Dir nicht die Äuglein blind,
    Mein Schiff heißt "Alte Liebe".

    Und alte Liebe rostet nicht,
    Wenn auch auf fremden Meeren
    Der Mastbaum und das Ruder bricht.
    Wisch Dir die Tränen vom Gesicht,
    Die Lieb wird wiederkehren.

    Und bin ich auch nicht mehr an Bord,
    Wenn unsre Fahrt zu Ende,
    Dann denke nicht, ich bliebe fort,
    Ein Seemann hält sein Seemannswort
    Trotz Sturm und Schicksalswende.

    Fegt mich der Wind auch über Lee,
    Ich kehre einmal wieder
    Auf einem Schoner, weiß wie Schnee,
    Und werfe draußen auf der See
    Den schwarzen Anker nieder.

    Dann nimm Dir Deines Bruders Boot
    Und fahre mir entgegen,
    Eh noch drei Funken Morgenrot
    Auf Großbaum, Segeltuch und Schot
    Den Tagesschimmer legen.

    Wenn wir an Bord uns wiedersehn,
    Dann sollst Du nicht erschrecken
    Siehst Du den blauen Peter wehn.
    Ich will als großer Kapitän
    Mit Dir die Welt entdecken.

    Ade, mein Kind, die Fahrt muss sein,
    Hoch ist des Himmels Bläue.
    Grüß mir mein altes Mütterlein,
    Und pflück Dir ein Vergißnichtmein
    Zum Zeichen meiner Treue
    Viele Grüße
    Helga

    "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)
  • Marc Malbork
    Forum-Teilnehmer
    • 23.02.2008
    • 1050

    #2
    Martin Damß

    Hallo Helga,

    gibt es für das Gedicht ein Datum ?

    Mich würde interessieren ob Damß nach 1945 überhaupt noch publiziert hat und was er nach 1945 so gemacht hat. Aus dem Internet habe ich vor Zeiten nur herausbekommen, dass er zwischenzeitlich "verschollen" gewesen sein soll und früh, 1962 oder so, starb.

    Vielen Dank.

    Kommentar

    • Heibuder
      Forum-Teilnehmer
      • 10.02.2008
      • 751

      #3
      Zitat Rüdiger: "... Aus dem Internet habe ich vor Zeiten nur herausbekommen, dass er zwischenzeitlich "verschollen" gewesen sein soll und früh, 1962 oder so, starb."

      Vielleicht hier, Rüdiger? http://www.westpreussen-online.de/ht...er_teil_1.html
      Es grüßt der Heibuder!

      "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

      Kommentar

      • Marc Malbork
        Forum-Teilnehmer
        • 23.02.2008
        • 1050

        #4
        Ja, dankeschön, dass ist die Notiz, die ich irgendwann mal gelesen haben muss. Ein Günter Grass-Konkurrent wird er danach wohl eher nicht gewesen sein

        Kommentar

        • Wolfgang
          Forumbetreiber
          • 10.02.2008
          • 11623

          #5
          Auch das Todesdatum ist ungewiss: Wahrscheinlich starb er nicht -wie auf der zitierten Internetseite angegeben- am 19.10.1962 sondern am 29.10.1962 an Herzversagen. Erst 1966 erfuhren seine Verwandte von seinem Tod, erst ein Jahr später die Öffentlichkeit.

          Martin Damß wird hochgelobt. Er war ein begnadeter Dichter. Aber ein Dichter, der sich dem Nationsozialismus verschrieb. Auch wenn ich mit meiner Meinung alleine stehe: Er war einer Jener, die den Geist des Nationalsozialismus hätten erkennen, ja entlarven müssen, aber er zog es vor, sich in den Dienst dieser Ideologie zu stellen. Ab 1933 arbeitete er beim Landessender Danzig und wurde später Leiter der Fachgruppe "Schriftsteller" in der Landeskulturkammer.

          Bisher habe ich nicht heraus bekommen können, welche Rolle er in seinen amtliche Funktionen gegenüber seinen Berufskollegen spielte. Aber es gibt von ihm pathostriefende Blut-und-Boden-Gedichte, die den Kampf und den Tod für das Vaterland verherrlichen.

          Martin Damß bildete eine verbale Speerspitze im ideologischen Kampf für den Nationalsozialismus. Er war in Worten, in Gedichten, das was eine Leni Riefenstahl in Bildern war. Seine glühende Begeisterung übertraf bei Weitem das was seine ostpreußische Kollegin Agnes Miegel in Worte fasste.

          Nach dem Krieg zerbrach er. Wurde er einsichtig? Das ist zu bezweifeln. Ein unstetiges Leben, familiäre Probleme -sicherlich durch seine Alkoholkrankheit verschärft-, aber auch berufliche Schwierigkeiten brachten ihn in existenzielle Schwierigkeiten, die dazu führten dass er sich der Wirklichkeit des Alltags entzog und vor Verwandten und Freunden flüchtete, sich versteckte.

          Martin Damß war sicher ein Opfer seiner Zeit. Mein Mitleid hält sich trotzdem in Grenzen, denn er war einer derjenigen, die mittels suggestiver Verführungskünste dem Nationalsozialismus den Weg bereiteten. Wer sich heute von seinen Versen phaszinieren lässt, sollte nicht vergessen, dass junge Soldaten mit seinen Gedichtbändchen stolz in den Krieg zogen und glaubten für eine gerechte Sache zu kämpfen und zu sterben.
          Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
          Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
          Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

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          • Wolfgang
            Forumbetreiber
            • 10.02.2008
            • 11623

            #6
            Zitat Rüdiger: "Mich würde interessieren ob Damß nach 1945 überhaupt noch publiziert hat und was er nach 1945 so gemacht hat"

            Ja, er hat auch nach dem Krieg noch geschrieben, aber das waren teils Gelegenheitsarbeiten mit dem ihm offensichtlich alte Kameradschaften ein wenig unterstützen wollten. So ist von ihm Einiges in alten Ausgaben von "Unser Danzig" zu finden.
            Später war er -alkoholbedingt- wahrscheinlich zu geregelter Arbeit nicht mehr fähig. Er verrichtete Gelegenheitsarbeiten und reiste als Hilfsarbeiter mit einem Zirkus durch die Gegend.
            Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
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            • Wolfgang
              Forumbetreiber
              • 10.02.2008
              • 11623

              #7
              Zitat Rüdiger: "Ein Günter Grass-Konkurrent wird er danach wohl eher nicht gewesen sein"

              Sie waren grundverschieden. Damß war ein Künstler in Worten, kein Holzschnitzer und Bildhauer. Damß kam aus einer schwachen Familie, der Vater bereits gewalttätiger Alkoholiker, und er wuchs in einer Zeit auf, in der ihm der Nationalsozialismus eine ideologische Heimat bot. Grass machte Karriere im Nachkriegsdeutschland, selbstbewusst, erfolgsverwöhnt, stark, aber ebenfalls engagiert für all das, was er persönlich für richtig hält.

              Wer das "Seemannslied" von Martin Damß liest und ähnlich phaszinierendes bei Grass finden will muss suchen und suchen und suchen um dann am Ende eingestehen zu müssen, nicht fündig geworden zu sein.
              Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
              Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
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              • Wolfgang
                Forumbetreiber
                • 10.02.2008
                • 11623

                #8
                Zitat Rüdiger: "gibt es für das Gedicht ein Datum ?"

                Ich besitze mehrere Gedichtbände von ihm, aber das Einzige in dem ich das Gedicht fand, ist "An dem großen Strom", erschienen 1939 (in das er am 19.07.39 eine Widmung schrieb)
                Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
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                • Marc Malbork
                  Forum-Teilnehmer
                  • 23.02.2008
                  • 1050

                  #9
                  [FONT=Verdana]Dankeschön für die umfassenden Erläuterungen zu Martin Damß. Da sind gleich Sachen angesprochen, die ich eigentlich auch immer noch fragen wollte.[/FONT]

                  [FONT=Verdana]Martin Damß ? Bin dem Namen zunächst zweimal begegnet. Das erste Mal beim antiquarischen Kauf des Danzig-Merian-Heftes aus dem Jahr 1952. Dort ist Damß mit einer Kurzgeschichte verewigt, die jedenfalls inhaltlich in ihrem wesentlichen Kern, nun sagen wir, vor 1945 beheimatet ist. Er hat dort wohl das Avis reinsetzen lassen, dass er seine Heimat in einem tieferen Sinne verloren hätte. Das klang fast schon so, als ob ihm 1945 eben nicht nur die geografische Heimat sondern auch die gesamte geistige (NS-?-) Heimat abhanden gekommen wäre. Kurz danach bin ich wieder auf Damß in einem Danziger Antiquariat in der Breitgasse gestoßen, in einem Vorkriegssammelband mit anderen Dichtern seiner Zeit. Irgendwie war der Eindruck durchaus ein Mix zwischen "Blu-Bo" und neuzeitlicher Form, soweit ich mich erinnere. Beurteilen möchte ich' s nicht, weil ich von Lyrik zu wenig verstehe und kenne. Mit diesen ganz wenigen Informationen kann man sich schon fragen, was so ein junger Lyriker der Jahre 33 – 45 eigentlich im Deutschland der Nachkriegszeit machte, konnte er sich – doppelt heimatvertrieben – in den Literaturbetrieb noch irgendwie hineinfinden ? Und dann hat später das „zwischenzeitlich verschollen“ aus dem Internet noch den Namen weiter in meiner Erinnerung gespeichert. [/FONT]

                  [FONT=Verdana]Die genauere Lebensgeschichte, wie Wolfgang sie hier berichtet, ist nun eigentlich schon selbst Stoff für weitere Literatur. Oder für einen Film. Vor Jahren gab es mit der wunderbaren Hannelore Elsner einen ansonsten eher schwachen Film über eine edelkommunistische Schriftstellerin (oder schriftstellernde Edelkommunistin), die mit dem Zusammenbruch ihrer Welt nicht fertig wurde. Martin Damß scheint da vielleicht ein Vorgänger aus der Vorläufer-Diktatur gewesen zu sein. [/FONT]

                  Kommentar

                  • Christkind
                    Forum-Teilnehmer
                    • 10.02.2008
                    • 1568

                    #10
                    Zitat Wolfgang: "Auch das Todesdatum ist ungewiss: Wahrscheinlich starb er nicht -wie auf der zitierten Internetseite angegeben- am 19.10.1962 sondern am 29.10.1962 an Herzversagen. Erst 1966 erfuhren seine Verwandte von seinem Tod, erst ein Jahr später die Öffentlichkeit.

                    Martin Damß war sicher ein Opfer seiner Zeit. Mein Mitleid hält sich trotzdem in Grenzen, denn er war einer derjenigen, die mittels suggestiver Verführungskünste dem Nationalsozialismus den Weg bereiteten. Wer sich heute von seinen Versen phaszinieren lässt, sollte nicht vergessen, dass junge Soldaten mit seinen Gedichtbändchen stolz in den Krieg zogen und glaubten für eine gerechte Sache zu kämpfen und zu sterben."

                    Wolfgang, keinen Menschen kann man losgelöst aus der Zeit, in der er lebte, be-oder verurteilen, so lange er nicht aus sich selbst heraus Untaten beging. Aus diesem Grunde halte ich auch deine Rezension über Martin Damß' Werk für zu einseitig.Heutzutage können wir mit seinem Pathos wenig anfangen, es ist nicht unsere Gedankenwelt.Aber wenn es danach ginge, dann hätten wohl noch ganz andere Geister "Dreck am Stecken"! Denk nur an verschiedene Aussagen von Martin Luther. Nun wird mit Akribie jedes Wort der Literaten aus der Nazizeit auf ihre Nähe zum Nationalsozialismus hin durchleuchtet.Ob Damß oder Miegel, ich kann mir einfach nicht denken, dass diese Schriftsteller so große Verbrechen mit der Feder begangen haben, dass sie nun so sehr auf der Anklagebank sitzen müssen.Und dass ihr sonst hervorragendes dichterisches Werk deshalb nichts mehr taugt.
                    In der Waserspeier Akademie ist eine Geschichte über zwei Brüder. Diese Geschichte geht mir nicht aus dem Sinn und ich lese sie mir immer wieder durch.Es ist so beispielhaft, wenn man die damalige Situation verstehen will und begreifen möchte.Nur das Ende gefällt mir nicht. Es klingt fast wie Schadenfreude.
                    _______
                    Gruß von Christa
                    Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                    (M. Gandhi)

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                    • Heinzhst
                      Forum-Teilnehmer
                      • 10.02.2008
                      • 450

                      #11
                      Geschichte zweier Brüder

                      In einem entfernt verwandtem Teil meiner Familie erblickten um 1910, im Abstand von 2 Jahren, zwei Brüder das Licht der Welt. Obwohl sie von unpolitischen Eltern erzogen gemeinsam aufwuchsen, zeigten beide ab ca. 1930 Symptome von Nationalität: der eine meinte ein hundertprozentiger Pole, der zweite ein „Noch-Mehr-Prozentiger“ Deutscher zu sein. Beide heirateten Frauen die ihre Ansichten teilten und verhielten sich entsprechend – KKS Sokół und SA. Obwohl die beiden jungen Familien nahe beieinander im Stadtgebiet wohnten, waren sie einander spinnefeind.
                      Ab Herbst 1939 begann man beide für ihre aufrechte Haltung zu belohnen. Noch im September steckte man den polnischen Bruder ins KZ Stutthof, wo er fast bis ans Ende des Krieges blieb, dem deutschen Bruder dagegen verpasste man einige Monate später das „Ehrenkleid der Nation“ sprich eine Wehrmachtsuniform – in den nächsten 5 Jahren durfte er an wohl allen Fronten Europas seinen Patr(id)iotismus unter Beweis stellen.
                      Zu guter letzt behandelte das Schicksal die beiden Brüder ziemlich gerecht: beide kamen in der letzten Märzwoche 1945 in der nähe ihrer geliebten Heimatstadt ums Leben – der polnische Bruder wurde in Stutthof von einem Wachmann erschlagen, der deutsche Bruder bei Gdingen, bereits in Gefangenschaft, von einem Rotarmisten. Die beiden Witwen, die schon seit Sommer 1945 vom Tot ihrer Männer wussten, versöhnten sich im Herbst des gleichen Jahres herzlichst und dauerhaft miteinander. Sie taten es unter vielen Tränen und mit noch mehr Gejammer in dem Eisenbahnwaggon, in dem man beide samt ihren Kindern gemeinsam aus Danzig vertrieb.

                      virt.Prof. Alter Schotte


                      Diese Geschichte,Christkind, hat sich oft so abgespielt.

                      Hier die zwei Brüder:
                      Ich glaube nur das,was ich gesehen und erlebt habe.
                      A.G.

                      Kommentar

                      • Walter

                        #12
                        Hallo Wolfgang, ich lese zum ersten Mal von Martin Damß. Ich habe keinen Kameraden getroffen, der ein Gedichtband von Damß besaß. Und seine Verführungskünste dürften denen von Göbbels bei weitem nicht gleichkommen. Hast Du ihn persönlich gekannt? Mit Sicherheit hat er nicht mit Läusen im russischen Dreck gelegen, aber seine Dichtkunst ist Kunst.
                        Walter.

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                        • Helga +, Ehrenmitglied
                          Moderatorin
                          • 10.02.2008
                          • 1948

                          #13
                          An dem großen Strom

                          An dem großen Strom liegt meine Heimat,
                          an dem großen Strom, es ist die Weichsel.
                          Dort bin ich geboren und gewachsen,
                          einmal will ich an dem großen Strom auch sterben.

                          Wenn der Frühling aus dem warmen Süden
                          mit dem Eisgang an die Ostsee reitet,
                          fliegt der schattengrüne Weichselvogel
                          von der Mündung bis zu den Karpathen.

                          auf und nieder, immer auf und nieder.
                          Niemand fand bis heute seine Federn,
                          aber seine roten Augen leuchten
                          wie zwei kleine warnende Laternen.

                          Und ich nehme rasch mit meinen Brüdern
                          Axt und Stangen, um den Deich zu schützen.
                          In den Nächten zittern dann die Ufer
                          und die Herzen unsrer lieben Frauen.

                          Aber später fahre ich alleine
                          in dem breiten Kahn hinaus aufs Wasser.
                          Netz und Angel hab' ich ausgeworfen,
                          um den starken Silberlachs zu fangen.

                          Abends rauche ich die kurze Pfeife,
                          schaue in die Ferne, in den Himmel,
                          in die Wolken, die nach Norden wandern,
                          wo die Bären durch das Eismeer schwimmen.

                          Ja, so sitze ich vor meiner Kate,
                          und ich träume an der stillen Weichsel.

                          Kommt der Sommer, kommen heiße Tage.
                          In der Räucherkammer brennt das Feuer.
                          Hecht und Karpfen stehen in den Buchten
                          regungslos wie goldbetupfte Äste.

                          Und ich singe laut am hellen Morgen
                          frohgestimmt zur Ehre meiner Heimat.
                          Weit entfernt sind von dem Strom die Kirchen,
                          und so sing ich auch zur Ehre Gottes

                          Weht der Herbstwind durch die braunen Garne,
                          weiß ich, wird nun bald der Winter kommen.
                          Längst schon habe ich das Schilf geschnitten
                          und die glatten, grünen Weidenzweige.

                          Einsam ist im Winterschlaf die Weichsel,
                          aber niemals kann ich sie verlassen.
                          Unter ihrer frostbesternten Decke
                          fließt das schwere, heilige Blut der Ahnen.

                          So vergeht die Zeit und so das Leben.
                          Und ich altre wie die Weidenbäume,
                          die vor meinem blanken Fenster stehen.
                          Junge Triebe wurzeln in den Stämmen.

                          Bin ich tot, dann werden andre leben
                          an dem großen Strom in meiner Heimat.
                          Dort sind sie geboren und gewachsen,
                          einmal werden sie, wie ich, dort sterben

                          Martin Damß
                          Viele Grüße
                          Helga

                          "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

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                          • Marc Malbork
                            Forum-Teilnehmer
                            • 23.02.2008
                            • 1050

                            #14
                            Walter schrieb:
                            Ich habe keinen Kameraden getroffen, der einen Gedichtband von Damß besaß

                            Zur Verbreitung von Damß-Gedichten:

                            Nach Öffnen der Pdf-Datei bitte dort auf die Seite 72 weiterscrollen. Allg. Informationen zu dieser Seite: http://www.archiv-der-zeitzeugen.com/

                            Ohrscher 33- 46 schrieb:
                            Gerne haette ich gewusst, wo weitere Verse von unserem Danziger Heimatdichter zu finden sind!?

                            Ich habe gestern, angeregt durch die Beiträge Wolfgangs, im Internet nach Texten gesucht. Man findet sie sehr schnell auf eindeutig rechtsradikalen Seiten. Es handelt sich dabei um eine klare nationalsozialistische Gedankenwelt ohne Wenn und Aber, die Damß in z. T. pathetische Verse gegossen hat. Die Beschreibung Wolfgangs zu diesem Teil des Werks von Damß in seinen Beiträgen oben ist vollkommen richtig. Wobei, um fair zu bleiben, es eben auch einen harmloseren Teil á la Seemannslied gab.

                            Ich sehe von einer Verlinkung dieses menschenverachtenden Nazidrecks hier selbstverständlich ab. Wer will, kann selbst suchen. Freude macht das nicht.

                            Christkind schrieb:
                            Ob Damß oder Miegel, ich kann mir einfach nicht denken, dass diese Schriftsteller so große Verbrechen mit der Feder begangen haben, dass sie nun so sehr auf der Anklagebank sitzen müssen.Und dass ihr sonst hervorragendes dichterisches Werk deshalb nichts mehr taugt.

                            Wir sind in unserer Ahnungslosigkeit Opfer der Erlebnisgeneration, die in den fünfziger und sechziger Jahre das Sagen hatte. Damß ist ein winziges Beispiel für das eiserne Schweigekartell jener Jahre, wo es um ein vernünftiges Besprechen von Nazivergangenheit gegangen wäre. Siehe die oben erwähnten 30 Gedichte von Damß im Danziger Hauskalender, in denen vermutlich nirgendwo die Rede vom Ritt ostwärts mit kräftiger Faust und dem Glauben an des Führers waltende Hand ist, wie in anderen Gedichten des Damß. Dieses Schweigen ist menschlich verständlich, entbindet uns aber nicht von der Aufgabe, die Dinge kritischer und umfassender zu sehen.

                            Helga schrieb:
                            ich jedenfalls lese immer wieder sehr gerne die Gedichte von Martin Damß

                            Es ist völlig okay sich bei Gedichten am Wohlklang der Wortlaute zu erfreuen. Man könnte aber auch fragen, was der Künstler uns eigentlich sagen will. Schon in dem auf den ersten Blick harmlosen Gedicht "An dem großen Strom ..." könnte man vielleicht bei den Zeilen

                            "Unter ihrer frostbesternten Decke
                            fließt das schwere, heilige Blut der Ahnen"

                            auf den Gedanken kommen, was denn eigentlich passiert, falls man nicht das richtige "heilige" Blut der richtigen Ahnen vererbt bekommen hat. Sorry, aber aber es entsteht bei Damß der Eindruck, dass auch bei nur ein wenig Kratzen ein eher brauner Farbton zum Vorschein kommen wird. Wobei ich persönlich sein Gesamtwerk nicht überschauen kann (und will).

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                            • Helga Zeidler
                              Forum-Teilnehmer
                              • 11.02.2008
                              • 535

                              #15
                              Martin Damss

                              [FONT=Comic Sans MS]Lieber Rüdiger, ich bin froh über Deinen Beitrag und möchte nur sagen-ohne in Einzelheiten zu gehen- dass ich Deine Einstellung voll und ganz unterstütze.[/FONT]
                              Schöne Grüße
                              Helga

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