AW: Lebenserinnerungen von Johanna Scharmer, gebn. Dahms, Tochter von Dr. Paul D
Kapitel 15
Als mein Mann mich, wie jeden Tag besuchen kam, wusste er noch nichts davon. Vorsichtig trat er ins Zimmer. Ich lag im Bett und lachte ihn an." Sie doch nur, was die Schwestern mir für ein reizendes Kinderbettchen rein gestellt haben!"
Er wollte gar nicht hingehen, er sah erst mich an, dann wieder die Hebamme. Nach langen Reden ging er endlich zu den Kinderbettchen, weil ich behauptete, das Kopfkissen wäre so entzückend. Da stutzte er, es lag ja ein Kind in dem Bettchen. Ich sagte nur: "Ja, Papachen, es ist eine Tochter." Da ist der große junge Papa, den langen Krankenhauskorridor heruntergehopst, von einem Bein auf das andere und hat laut gerufen: "Ich habe eine Tochter! Ich habe eine Tochter!“ Inzwischen waren wir in die Badokowskistrasse in Tiegenhof umgezogen, in ein Zwei - Beamten Haus. Jeder Beamte hatte ein halbes Haus und dazu einen Stall mit Heuboden und einen großen Garten. Das wurde zu einem wahren Paradies für die Kinder, denn am 4.5.1934 wurde ein Pärchen geboren. Hans und Dora waren kräftige Kinder. Der blonde Hans wog knapp sieben Pfund und die dunkle Dorle gut sechs Pfund.
Im Jahre 1934 zogen die ersten Gewitterwolken am politischen Horizont auf. Das nationalsozialistische Regime zog auch in Tiegenhof ein. Mein Mann und ich lehnten es ab und erschwerten uns damit das Leben sehr. Durch viele Schikanen versuchte man, uns zu einem Gesinnungswechsel zu bringen. Nicht weit von Tiegenhof , nur eine Stunde mit dem Bimmelbähnchen, lag Stutthof, ein Konzentrationslager. In Tiegenhof war die Umladestation, weil das Bimmelbähnchen schmalspurig war. So standen jeden Tag viele Juden unter Bewachung auf dem Bahnhofsplatz und warteten auf die Weiterverfrachtung. Ich sah entsetzliche Not und werde diese bleichen, abgehärmten und in ihrer Stummheit anklagenden Gesichter in meinem Leben nicht vergessen.
Im Herbst 1944 wurde mein Mann zum Extradienst kommandiert. Er war 62 Jahre alt und sollte Schützengräben ausheben, weil die Front immer näher rückte. Es sollte eine Strafarbeit sein. Doch mein Mann kam quietschfidel nach Hause, wenn er einen Tag Urlaub hatte. Zu gut sei es ihm noch nie ergangen, jeden Tag konnten sich die Männer gutem Essen satt essen und schüppen taten sie nur, wenn ein "Bronze" zur Besichtigung kam. Sie alle hatten längst eingesehen, dass das Ganze heller Unsinn war und die Russen nicht mehr aufzuhalten waren.
Am 3. Januar 1945 flohen wir. Am Morgen hatte die Partei alle Familien benachrichtigt, dass der Russe mit Panzern durchgebrochen war und in einer halben Stunde der Abtransport der Familien wäre. Da galt es, eilig zu packen. Die Kinder hatte ich schon 14 Tage vorher mit meiner Mamsell Erna nach Lauenburg / Pommern zu meiner Schwester geschickt. Wir wussten damals, dass es nur eine Sache von Tagen war, ehe der Russe da war. So trafen wir uns in Lauenburg alle wieder, nachdem wir in einem Viehwagen, worin der gefrorene Mist lag, und durchschlagen konnten. Damals holte ich mir den Frost in den Fußsohlen.
Meine Mamsell schickte ich zu ihrer Mutter zurück, damit sie ihrer Mutter bei den sechs kleinen Geschwistern helfen konnte.
Mein Mann arbeitete nun in Lauenburg am Landratsamt und meine Stelle im Krankenhaus als Nachtschwester verdanke ich einem Unfall meiner Tochter Gretel. Diese hatte sich beim Kartoffeldurchdrehen durch den Fleischwolf den Finger böse verletzt. Am nächsten Morgen ging ich mit ihr ins Krankenhaus. Sie wurde vom Chefarzt behandelt und bei einem Gespräch stellte sich heraus, dass auf der Entbindungsstation eine Nachtwache fehlte. So hatte ich auch eine Arbeit.
Meine Mutter hatte ich schon aus Zoppot geholt. Ich fand sie wie ein verscheuchtes Wild im Keller. Auf dem Bahnhof wäre sie beinahe unter den Zug gekommen, weil sie ihren ersparten Zucker in den Zug gereicht hatte und der Zug abfuhr. Die Züge waren alle so überfüllt, dass es an ein Wunder grenzte, war man einen Platz bekam. Nun, jetzt zwei Plätze zu bekommen, war beinahe unmöglich. In Gotenhafen gelandet, kamen wir nicht weiter. Schließlich gelang es mir durch die Fürsprache des Kommandanten, noch auf einen überfüllten Lastauto unterzukommen und so landeten wir in Lauenburg. Noch zweimal fuhr ich nach Tiegenhof, um Lebensmittel aus dem Keller zu holen, denn meine Tochter Gretel wurde noteingesegnet (??? G.d.V.). Ein letztes Mal fuhr ich mit meinem Mann zusammen nach Tiegenhof. Alles war verwüstet. Wir befanden uns im Niemandsland. Die Betten des Krankenhauses auf der Straße, die Instrumente hatte man herausgeworfen. Die Zentralheizung in unserem Haus war durch den starken Frost geplatzt und die Decke und die Lampen hingen tief herunter. Als wir von dieser Fahrt zurückkamen, weigerte ich mich, noch einmal dorthin zu fahren. Denn diese Fahrten waren ein zu großes Risiko. Als ich auf einer dieser Fahrten in Danzig auf dem Bahnhof stand, erkannte ich auf dem anderen eine Frau aus einem Dorfe, wo ich in meiner letzten Hebammenzeit (während der letzten Kriegsjahre war ich in Tegenhof Hebamme gewesen) viele Kinder geholt hatte. Von ihr erfuhr ich, dass alle Kinder auf der Flucht erfroren waren und man die kleinen Leichen zum Zug hinausgeworfen hatte. Die vielen Mütter hatten somit so viel Schmerz ihre Kinder bekommen, ich als die Hebamme hatte ihn doch geholfen und das alles nur, damit sie nun alle umkommen mussten?! Wo war denn da noch Gott?
Ende Kapitel 15
Kapitel 15
Als mein Mann mich, wie jeden Tag besuchen kam, wusste er noch nichts davon. Vorsichtig trat er ins Zimmer. Ich lag im Bett und lachte ihn an." Sie doch nur, was die Schwestern mir für ein reizendes Kinderbettchen rein gestellt haben!"
Er wollte gar nicht hingehen, er sah erst mich an, dann wieder die Hebamme. Nach langen Reden ging er endlich zu den Kinderbettchen, weil ich behauptete, das Kopfkissen wäre so entzückend. Da stutzte er, es lag ja ein Kind in dem Bettchen. Ich sagte nur: "Ja, Papachen, es ist eine Tochter." Da ist der große junge Papa, den langen Krankenhauskorridor heruntergehopst, von einem Bein auf das andere und hat laut gerufen: "Ich habe eine Tochter! Ich habe eine Tochter!“ Inzwischen waren wir in die Badokowskistrasse in Tiegenhof umgezogen, in ein Zwei - Beamten Haus. Jeder Beamte hatte ein halbes Haus und dazu einen Stall mit Heuboden und einen großen Garten. Das wurde zu einem wahren Paradies für die Kinder, denn am 4.5.1934 wurde ein Pärchen geboren. Hans und Dora waren kräftige Kinder. Der blonde Hans wog knapp sieben Pfund und die dunkle Dorle gut sechs Pfund.
Im Jahre 1934 zogen die ersten Gewitterwolken am politischen Horizont auf. Das nationalsozialistische Regime zog auch in Tiegenhof ein. Mein Mann und ich lehnten es ab und erschwerten uns damit das Leben sehr. Durch viele Schikanen versuchte man, uns zu einem Gesinnungswechsel zu bringen. Nicht weit von Tiegenhof , nur eine Stunde mit dem Bimmelbähnchen, lag Stutthof, ein Konzentrationslager. In Tiegenhof war die Umladestation, weil das Bimmelbähnchen schmalspurig war. So standen jeden Tag viele Juden unter Bewachung auf dem Bahnhofsplatz und warteten auf die Weiterverfrachtung. Ich sah entsetzliche Not und werde diese bleichen, abgehärmten und in ihrer Stummheit anklagenden Gesichter in meinem Leben nicht vergessen.
Im Herbst 1944 wurde mein Mann zum Extradienst kommandiert. Er war 62 Jahre alt und sollte Schützengräben ausheben, weil die Front immer näher rückte. Es sollte eine Strafarbeit sein. Doch mein Mann kam quietschfidel nach Hause, wenn er einen Tag Urlaub hatte. Zu gut sei es ihm noch nie ergangen, jeden Tag konnten sich die Männer gutem Essen satt essen und schüppen taten sie nur, wenn ein "Bronze" zur Besichtigung kam. Sie alle hatten längst eingesehen, dass das Ganze heller Unsinn war und die Russen nicht mehr aufzuhalten waren.
Am 3. Januar 1945 flohen wir. Am Morgen hatte die Partei alle Familien benachrichtigt, dass der Russe mit Panzern durchgebrochen war und in einer halben Stunde der Abtransport der Familien wäre. Da galt es, eilig zu packen. Die Kinder hatte ich schon 14 Tage vorher mit meiner Mamsell Erna nach Lauenburg / Pommern zu meiner Schwester geschickt. Wir wussten damals, dass es nur eine Sache von Tagen war, ehe der Russe da war. So trafen wir uns in Lauenburg alle wieder, nachdem wir in einem Viehwagen, worin der gefrorene Mist lag, und durchschlagen konnten. Damals holte ich mir den Frost in den Fußsohlen.
Meine Mamsell schickte ich zu ihrer Mutter zurück, damit sie ihrer Mutter bei den sechs kleinen Geschwistern helfen konnte.
Mein Mann arbeitete nun in Lauenburg am Landratsamt und meine Stelle im Krankenhaus als Nachtschwester verdanke ich einem Unfall meiner Tochter Gretel. Diese hatte sich beim Kartoffeldurchdrehen durch den Fleischwolf den Finger böse verletzt. Am nächsten Morgen ging ich mit ihr ins Krankenhaus. Sie wurde vom Chefarzt behandelt und bei einem Gespräch stellte sich heraus, dass auf der Entbindungsstation eine Nachtwache fehlte. So hatte ich auch eine Arbeit.
Meine Mutter hatte ich schon aus Zoppot geholt. Ich fand sie wie ein verscheuchtes Wild im Keller. Auf dem Bahnhof wäre sie beinahe unter den Zug gekommen, weil sie ihren ersparten Zucker in den Zug gereicht hatte und der Zug abfuhr. Die Züge waren alle so überfüllt, dass es an ein Wunder grenzte, war man einen Platz bekam. Nun, jetzt zwei Plätze zu bekommen, war beinahe unmöglich. In Gotenhafen gelandet, kamen wir nicht weiter. Schließlich gelang es mir durch die Fürsprache des Kommandanten, noch auf einen überfüllten Lastauto unterzukommen und so landeten wir in Lauenburg. Noch zweimal fuhr ich nach Tiegenhof, um Lebensmittel aus dem Keller zu holen, denn meine Tochter Gretel wurde noteingesegnet (??? G.d.V.). Ein letztes Mal fuhr ich mit meinem Mann zusammen nach Tiegenhof. Alles war verwüstet. Wir befanden uns im Niemandsland. Die Betten des Krankenhauses auf der Straße, die Instrumente hatte man herausgeworfen. Die Zentralheizung in unserem Haus war durch den starken Frost geplatzt und die Decke und die Lampen hingen tief herunter. Als wir von dieser Fahrt zurückkamen, weigerte ich mich, noch einmal dorthin zu fahren. Denn diese Fahrten waren ein zu großes Risiko. Als ich auf einer dieser Fahrten in Danzig auf dem Bahnhof stand, erkannte ich auf dem anderen eine Frau aus einem Dorfe, wo ich in meiner letzten Hebammenzeit (während der letzten Kriegsjahre war ich in Tegenhof Hebamme gewesen) viele Kinder geholt hatte. Von ihr erfuhr ich, dass alle Kinder auf der Flucht erfroren waren und man die kleinen Leichen zum Zug hinausgeworfen hatte. Die vielen Mütter hatten somit so viel Schmerz ihre Kinder bekommen, ich als die Hebamme hatte ihn doch geholfen und das alles nur, damit sie nun alle umkommen mussten?! Wo war denn da noch Gott?
Ende Kapitel 15
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