Der preußische Till Eulenspiegel

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    • 17.12.2013
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    #1

    Der preußische Till Eulenspiegel

    Hans und seine Nachbaren - Ein Preußisches Volksmährchen
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    Es war einmal - hab's nicht gelesen,
    In welchem Jahr es sei gewesen;
    Doch neuerdings, Gott sei gepriesen!
    Hat ein Gelehrter sonnenklar
    Durch neunzig Gründe nachgewiesen.
    Daß es 'post mundum factum' war - [nachdem die Welt war]
    Genug! es war einmal ein Bauer
    In einem Dorf am Weichsel-Strand',
    Derselbe wurde Hans genannt.
    Er war weit klüger und weit schlauer -
    Und gleichwohl war ihm sein Verstand
    So theuer nicht zu stehn gekommen -
    Als Manchem, der den Doctorhut,
    Der sieben Weisen Nachlaßgut,
    Sich mit der Leipziger Post läßt kommen.

    Mit seiner Sens' ging unser Hans
    Einmal aufs Feld um Heu zu mähen.
    Daneben auf der Weide gehen
    Die Ochsen seines Edelmanns.
    Der Eine thät sich unterwinden -
    Sei's in der Hoffnung, nebenan
    Behaglichere Kost zu finden.
    Sei's aus Barmherzigkeit, dem Mann
    Die schwere Mühe zu ersparen,
    Das Heu nachher noch einzufahren -
    Genug, er that die Ehr' ihm an,
    Heut' nachbarlich ihn zu besuchen
    Auf ein frugales Heu-Diner.
    Doch Hans empfängt den Gast mit Fluchen
    Und wunscht, daß er nach Hause geh'.
    Das gute Thier geruht zu bleiben.
    Da nahm der Wirth die Sache schief
    Und um den Grobian zu vertreiben,
    Macht' er sich hurtig auf und lief
    Und warf die Sense, daß sie tief
    In seinem Fleisch thät stecken bleiben.
    Der arme Ochfe stürzte nieder;
    Ach! er erhob sich nimmer wieder. -
    Was thun? der Ochse rührt sich nicht:
    Der Edelmann, der, wie natürlich
    Und wie's den Adligen gebührlich,
    Sein Recht mehr liebt, als seine Pflicht,
    Ist, wenn ihm Unrecht wo geschieht,
    Mitunter etwas unmanierlich.
    Hans sucht fein Messer vor und zieht
    Dem Todten rasch das Leder ab
    Und senkt ihn in ein kühles Grab;
    Und um doch etwas zu gewinnen
    Eilt mit dem Fell er schnell von hinnen
    Und trägt's zum Gerber in die Stadt,
    Mit dem er oft gehandelt hat.

    Die Thüre findet er verschlossen;
    Er klopft und Niemand öffnet ihm.
    Das hat den guten Hans verdrossen ;
    Noch einmal klopft er ungestüm.
    "Wer da?" - Der Bauer Hans. - "Gleich, gleich!
    Ich komme schon. Was giebt's denn da?"
    Er schielt durch's Fensterlein. Ha, ha!
    Der Herr Kaplan, vor Schrecken bleich
    Ist in der Stub'; Frau Meisterin
    Läuft gar geschäftig her und hin.
    Herr Meister scheint nicht da zu sein,
    Drum thät der Kaplan sie besuchen
    In aller Ehr', sittsam und fein.
    Schnell räumet sie den Tisch; den Wein
    Verbirgt sie hinter'm Ofen, Kuchen
    Und Braten in das Kämmerlein,
    Den Kaplan in den Kleiderschrank.
    Sie öffnet. "Seid gegrüßt!" - Schön Dank!
    Find' ich den Meister nicht zu Hause? -
    "Nein er ist heut' auf einem Schmause." -
    So wart' ich noch. - "Spät kehrt er heim."
    Ich hab' Geduld wohl und versäum'
    Zu Hause nichts. - Er wartet lange.
    Und der Frau Meisterin wird bange.
    Nun endlich tritt der Meister ein. -
    "Wir machen doch 'nen Handel heute?" -
    Ein Fell? Wie theuer ists? - "Ich mein',
    'S wird tausend Thaler werth wohl sein." -
    Geht, geht! Ihr närr'schen Bauersleute,
    Ihr wollt doch immer spaßhaft sein. -
    "Es ist mein voller Ernst; denn wißt,
    "Daß es ein seltnes Fellchen ist.
    "Es hat die Gabe wahrzusagen." -
    Ihr scherzt. - »Ich will's sogleich befragen."
    Hans hält das Ochsenfell an's Ohr.
    "Geh doch! sonst bist du so gescheidt
    "Und sprichst die Wahrheit stets, und heut'
    "Sagst du solch albern Zeug mir vor." -
    Was sagt's denn? - "Eine Flasche Wein
    "Soll, sagt es, hinterm Ofen sein.
    "Ich weiß, Ihr trinkt ja keinen Wein." -
    Noch niemals hatt' ich Wein im Hause,
    Als auf dem ersten Kindtaufschmause.
    Fort mit dem trüglichen Prophet! -
    "Vielleicht ists wahr; geht doch und seht!" -
    Da steht 'ne Flasch', bei meiner Ehr'.
    Ei Frau, was soll ich davon halten?
    Sag' doch, wo kommt der Wein denn her? -
    "Der Gott sei bei uns muß hier walten;
    "Denn soviel seh' ich klar und hell,
    "Das Fell da ist ein Hexenfell." -
    "Hört, Meisterchen! es sagt noch mehr.
    "Daneben in dem Kämmerlein
    "Soll Kuchen, meint's, und Braten sein.'' -
    Stets ist die Speisekammer leer.
    Was seh' ich? mein Verstand steht still.
    Wie kam der Braten hin? - "Herr Meister!
    "Das Ochsenfell wird immer dreister.
    "Nun sagt's, was ich nicht glauben will,
    "Im Kleiderschrank sei ein Kaplan." -
    Wie? darf ich meinen Augen trauen?
    Herr Kaplan! Euch muß ich hier schauen?
    Bei Gott! das Fell - wer sieht's ihm an? -
    Versteht, wie Hexen, Zaubereien
    Und kann, wie Daniel, prophezeien.
    Nehmt tausend Thaler blank und schwer
    Und gebt das seltne Fell mir her. -

    Die tausend Thaler in der Tasch',
    Vergnügt, daß er so gut gehandelt,
    Geht Hans zurück ins Dörfchen rasch.
    Sein Weib ist wie in Stein verwandelt.
    Als er den Reichthum überzählt;
    Ja, solch ein Anblick dünkt ihr labend.
    Sie geht und sagts denselben Abend
    Den Nachbarn; Keinem wird's verhehlt,
    Daß Hans für ein gewöhnlich Leder
    Hab' tausend Thaler eingenommen.
    Und mit Erstaunen hört es Jeder
    Und Jeder möchte gar zu gern
    Gleichfalls so leicht zu Gelde kommen.
    Den andern Morgen also schlagen
    Im Dorf die Bauern nah und fern
    All' ihre Ochsen todt und tragen
    Die Felle in die nahe Stadt,
    Wo Hans so gut gehandelt hat.
    Und bieten sie demselben Mann
    Das Stück für tausend Thaler an.
    Der aber schon von Hans geprellt,
    Glaubt, daß man ihn zum Besten hält.
    Und wirft sie aus dem Haus' hinaus.
    Beschämt, erzürnt, gehn sie nach Haus
    Und sind dermaßen aufgebracht,
    Dermaßen bös' auf Hans geworden,
    Daß sie beschließen, ihn bei Nacht
    Im Bette heimlich zu ermorden.

    Der schlaue Hans schöpft bald Verdacht
    Aus drohenden, verdächt'gen Worten
    Und spricht drum, als die Stunde schlägt,
    Da er zu Bett zu gehen pflegt, -
    Die Chronik schreibt: es war die elfte -
    Zu Martha, seiner Ehehälfte:
    "Hör', Weibchen, spaßhaft müßt' es sein
    "Und traun! ein Anblick zum Ergötzen,
    "Wenn du einmal die Schlafmütz' mein,
    "Ich deine Nachthaub' möcht' aufsetzen."
    Gesagt, gethan; die Eheleute
    Verwechseln ihren Nachtschmuck heute
    Und Martha schläft in Frieden ein.
    Doch Hans bleibt wach und horcht und lauscht.
    Die Nachbarn nahn bei Mondes-Schimmer
    Und suchen ihn im finstern Zimmer.
    Doch ach! die Rollen sind vertauscht;
    Das Beil ist scharf, der Schlag war gut,
    Frau Marthe schwimmt in ihrem Blut
    Und läßt ihr Leben für den Gatten,
    Der besser sich als sie berathen.

    Hans lud, als es begann zu tagen,
    Sein todtes Weib nebst einem Mandel
    Recht guter Eier auf den Wagen
    Und fuhr zur Stadt. Den Eierhandel
    Soll die Verstorbene besorgen.
    Er macht, daß sie wie lebend sitzt,
    Den Rücken an die Brück' gestützt.
    Er selber hält sich schlau verborgen.
    Der Apotheker kommt. "Wie theuer".
    Spricht er zur Frau, "sind Eure Eier?"
    Sie schweigt. "Seid Ihr denn taub? wie theuer,
    Frag' ich noch einmal, sind die Eier?"
    Das Weib bleibt ohne Sprach' und Leben;
    Da wird das Herrchen ärgerlich
    Und voller Zorn erkühnt es sich
    Ihr einen Backenstreich zu geben.
    Sie stürzt kopfüber in den Fluß,
    Wo sie noch einmal sterben muß.
    Von Wuth erfüllt, springt Hans herbei
    Und schmähet den, der sie geschlagen
    Und wagt's, ihm ins Gesicht zu sagen,
    Daß er ein Weibermörder sei.
    Der Herr sucht leis' ihn zu beschwicht'gen
    Und beut ihm tausend Thaler an;
    Hans aber schreit, so gut er kann :
    "Die Obrigkeit wird Euch wohl zücht'gen
    "Und Euch den Lohn verleihn, den richt'gen.
    Doch Jener fleht: So seid doch still!
    Zweitausend Thaler geb' ich Euch.
    Hans, der davon nichts wissen will,
    Lärmt immerfort, und schreckensbleich
    Beut ihm der Apotheker endlich
    Fünftausend blanke Thaler an.
    Nun wird die Sache ihm verständlich;
    Denn Hans, das wißt Ihr, ist ein Mann,
    Der mit sich reden läßt. Zu Haus
    Zahlt Jener ihm die Summe aus
    Und Hans fährt mit vergnügtem Blick
    Und fröhlich in das Dorf zurück.

    Dort nun erzählt er seinen theuern
    Und werthen Nachbarn ganz genau
    Von seinem Handel mit den Eiern
    Und wie er für die todte Frau
    Fünftausend Thaler hat bekommen.
    Die gute Nachbarn wissen nun,
    Da sie das goldne Wort vernommen,
    Mit Recht nichts Klügeres zu thun,
    Als ihre Weiber todtzuschlagen
    Und ihren ird'schen Überrest
    Zum Apotheker hinzutragen.
    Doch ach! der Apotheker läßt
    Die Sach' dem Polizeirath sagen
    Und dieser nahm's ungütig auf,
    Daß aus Erwerbslust sie die Leiber
    Der lieben, treuen Eheweiber
    Ins Städtchen brächten zum Verkauf,
    Und schickt' auf sieben Jahr' die Armen
    Auf eine Festung ohn' Erbarmen.

    Als sie die Strafzeit abgesessen
    Und wieder in die Heimath gehn.
    Da stürmen sie voll Wuth auf den,
    Der abermals sich hat vermessen
    So tückisch sie zu hintergehn.
    Sie schleichen sich in seine Wohnung
    Und stecken ihn in einen Sack
    Und tragen ihn ohn' alle Schonung
    Auf einen Schlitten huckepack
    Und fahren fort mit ihrer Beute,
    Um dem Verwegenen noch heute
    Im kalten Bad der tiefen See
    Ohn' all' Barmherzigkeit zu geben
    Die Taufe für das ew'ge Leben.

    Doch eh' am Ziel sie sind, o weh!
    Muß sie der Zufall oder's Glück
    Vorbei an einem Wirthshaus führen.
    Das war nun schwierig zu passiren.
    Die Schenke winkt mit schelmischem Blick;
    Was ist zu thun? Das Wetter kalt
    Und halb erfroren sind die Lippen.
    Sie machen drum ein wenig Halt,
    Gehn ein solides Schnäpschen nippen. -
    Desselben Weges aber trieb
    Ein Hirte seine fetten Heerden;
    Und Hans, der diesen hörte treiben,
    Rief: "Ich soll Bürgermeister werben
    "Und kann nicht lesen und nicht schreiben."
    Nun thät der Hirt aufmerksam lauschen.
    Ein Bürgermeister, meiner Treu!
    Lebt, denkt er, nicht von Brod und Brei.
    "He, Freund!" rief er, "wir wollen tauschen.
    "Ich kann gut lesen, kann auch schreiben.
    "Ich nehme Eure Stelle ein,
    "Laßt mich nur Bürgermeister sein.
    "Ihr könnt die Ochsen weiter treiben."
    Hans ließ sich das nicht zweimal sagen;
    der Hirt befreit ihn aus der Pein
    Und kriecht selbst in den Sack hinein.
    Hans thät die Heerd' nach Hause jagen.

    Indessen taumeln aus dem Haus
    Die Bauern allgemach heraus
    Und fahren mit dem Eingesackten,
    Den sie noch einmal fest verpackten.
    Zu der beeisten See hinab.
    Haun mit dem Beile ihm ein Grab
    Und senken ihn mit frohem Muth
    Tief in des Wassers kalte Flut.

    Drauf fahren sie vergnügt zurück.
    Kaum aber traun sie ihrem Blick
    Als sie des Hans und seiner Heerden
    Unweit des Dorfs ansichtig werden.
    "Ei, Nachbar, sagt! wo kommt Ihr her?
    "Wir warfen Euch doch tief ins Meer,
    "Im starken Sacke fest gebunden.
    "Und wo habt Jhr die Heerd' gefunden?"
    Der Schalk versetzt: Ich will's Euch sagen.
    Ich fand tief in des Meeres Schooß
    Viel tausend Rinder klein und groß;
    Ein Mensch kann sie nicht alle jagen.
    Nur diese wenigen trieb ich her.
    Doch unten grasen noch vielmehr.

    Und als die Bauern dies gehört,
    Da sind sie schleunig umgekehrt
    Und wieder an das Meer gefahren,
    Damit sich Jeder rasch bemächtigt
    Recht vieler fetter Rinderschaaren.
    Der Dorfschulz glaubte sich berechtigt
    Beim Sprung der Vorderste zu sein.
    Gern räumten's ihm die Nachbarn ein
    Und schnell sprang er zuerst hinein.
    Doch wie ihn Jene hören schrein:
    U! U! Da rufen sie: "o weh!
    "Er treibt uns alle Heerden fort.
    "Rasch, rasch hinab zum schönen Port!"
    Und Alle sprangen in die See,
    So schnell sie irgend konnten, nieder
    Und kamen nicht ans Tagslicht wieder.
    Hans aber lebte nach der Zeit
    Noch manches Jahr in Fröhlichkeit.

    R. N.


    Viel Spaß!

    Peter
L