Erinnerung - vor 72 Jahren

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  • jonny810
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 2423

    #1

    Erinnerung - vor 72 Jahren

    Erinnerung.
    von Erhart Karl Joniszus
    Mai 2017


    Mein Danzig - du liegst mir am Herzen
    es wird auch niemals anders sein.
    Du warst so schön - trotz aller Schmerzen
    ließ ich dich irgendwann allein.

    Wir waren Verlierer, - unterlegen,
    der Übermacht und der Gewalt,
    Kein Herrgott tat etwas dagegen
    und bot den Unheilbringern halt.

    In Vieh-Wagons und ohne Nahrung
    zu einem unbekannten Ziel.
    Das „Rote Kreuz“ diente zur Tarnung
    ein Menschenleben galt nicht viel.

    Eine Mutter in den besten Jahren,
    die vier Buben waren all’ ihr Glück.
    Wo war der Mann, wo war der Vater
    der Himmel gab ihn uns zurück.

    Was muss ein Mutter-Herz ertragen,
    in einer aussichtslosen Zeit?
    nur Elend, Not und offene Fragen,
    die Zukunft schien unendlich weit.

    Man hat nicht nur den Krieg verloren,
    verloren ging auch Heimatland.
    Denn Heimat ist, wo du geboren
    und dort, wo deine Wiege stand.

    Mein Danzig - du liegst mir am Herzen
    es wird auch niemals anders sein.
    Wenn sie erlöscht sind, meine Kerzen
    dann komme ich für immer heim.
    Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
    "Nec Temere - Nec Timide"
    Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ
  • Heibuder
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 751

    #2
    AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

    Oh, ja, Erhart, danke, das sind immer noch schmerzhafte Erinnerungen.
    Mutter erzählte uns immer wieder, wie grauenvoll die Fahrten an grauen Januartagen nach und im Westen im offenen Viehwaggon waren;
    und immer auch, wenn jemand fragte, wie machtet ihr das ohne Toilette?
    Tja, wir hatten einen emaillierten weißen Nachttopf mit - der wurde ständig im Waggon rumgereicht und über Bord ausgeschüttet.
    Wenn meine Mutter Deine Reime jetzt lesen könnte, wäre sie tränenüberströmt - wie meistens bei solchen Erinnerungen!
    Es grüßt der Heibuder!

    "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

    Kommentar

    • jonny810
      Forum-Teilnehmer
      • 10.02.2008
      • 2423

      #3
      AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

      Ja Wolfgang, ich glaube wir sind ein Jahrgang. Diese Erinnerungen bleiben ein Leben lang hängen.

      Wir waren nur die ersten 2 oder 3 Tage in einem Vieh-Waggon.

      Dann sind wir ohne Dach auf diese Lang-Gut Wagen gekommen. Mein Bruder und ich saßen direkt am Rand.

      Die Beine hangen nach Außen.

      Man hatte uns festgezurrt, dass wir nicht runterfallen konnten. Dann hat man so geschlafen.

      Wir waren insges. 10 Tage unterwegs. Die Lokomotive hielt dann unterwegs an, so das die Menschen Ihrer

      Notdurft nachgehen konnten. In Gottes freier Natur.

      Warmes Wasser bekamen wir dann von der Lokomotive.

      Das haben wir abkühlen lassen und hatten somit Trinkwasser.

      Man kann gar nicht alles niederschreiben um nicht unglaubwürdig zu erscheinen.

      Belassen wir es dabei.

      Danke für deinen Beitrag.
      Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
      "Nec Temere - Nec Timide"
      Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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      • Helga +, Ehrenmitglied
        Moderatorin
        • 10.02.2008
        • 1948

        #4
        AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

        Lieber Erhart,

        da kommen mir auch fast die Tränen. Ich kenne das alles ja nur aus Erzählungen, aber so und noch viel schlimmer war vieles in dieser Zeit. Danke für dieses Gedicht.
        Viele Grüße
        Helga

        "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

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        • jonny810
          Forum-Teilnehmer
          • 10.02.2008
          • 2423

          #5
          AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

          Hallo Helga, danke für Deinen Beitrag.


          Wenn man bedenkt, dass Deutschland zu einer der Welt-Größten Waffen-Exporteure gehört,

          merkt man erst, wie wenig die verantwortlichen Menschen aus unserer Vergangenheit gelernt haben.

          Die Hauptsache ist, dass der Rubel rollt.

          Erst gestern sagte unsere Kanzlerin, eine höhere Steuerbelastung für die Industrie

          kommt nicht in Frage!!

          Hat Wolfgang nicht gesagt wir sollen aufstehen und kämpfen? (man sehe die letzten Landtags-Wahlen.)


          Schön, dass man schon so alt ist.
          Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
          "Nec Temere - Nec Timide"
          Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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          • Stejuhn
            Forum-Teilnehmer
            • 09.08.2011
            • 1023

            #6
            AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

            Guten Abend Erhart,

            Dein Gedicht hat mich an die Erzählungen meiner Danziger
            Oma erinnert.
            Sie war sehr krank und hatte Ihr Überleben nur ihrer Nachbarin
            zu verdanken, welche sich immer wieder ihrer annahm.

            Es ist schon erstaunlich dass Menschen dies überlebt haben.

            Viele Grüße Sigrid
            Nirgendswo ist es schöner als zu Hause mit der ganzen Familie vereint zu sein.
            Stejuhn, Karschen, Hinzmann, Korthals, Kumke, Rudat, Nachtigall, von Wissotzki (Wishotzki), Oberdorf

            Kommentar

            • Rudolf
              Forum-Teilnehmer
              • 22.06.2008
              • 335

              #7
              AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

              Hallo Erhart ,
              Dein Gedicht hat mich sehr berührt und in mir alle Erinnerungen vorgerufen , die aus dieser Zeit in meinem Gedächtnis gespeichert sind und die ich niemals vergessen werde . Vor unserer Ausweisung im kalten Januar 1946 ging es für uns - meine Mutter und mich - erst einmal in das Eisenbahn-Ausbesserungswerk am Troyl , wo der Transport gesammelt wurde . Am anderen Tag zogen die vertriebenen Deutschen in das Narvik-Lager , wo wir eine Woche lagerten , natürlich ohne jede Verpflegung . Danach ging es per Bahn in Richtung Deutschland , auch hier wieder ohne jede Verpflegung . Unterwegs mehrere Halte , fast immer mit Plünderungen durch polnische Zivilisten und Miliz . Hätte ich nicht vor Abfahrt des Zuges durch unglaublich intensives Betteln von einem Sowjetsoldaten etwas Brot und auch ein kleines Stück steinharter Wurst bekommen , hätte ich die Fahrt im Zug , der aus beschädigten Personenwagen bestand , nicht überlebt . In Berlin angekommen , wurde ich mit anderen Kindern sofort in ein Krankenhaus überführt . Die meisten dieser Kinder hatten erfrorene Gliedmaßen , Finger und Füße , ich dagegen hatte großes Glück , denn " nur " mein linker Fußknöchel war gebrochen , ein Milizionär hatte dafür gesorgt , weil ich ihm beim Ausladen in Scheune bei Stettin wegen meines Zustands - halb verhungert und steif vor Kälte - zu langsam war .
              Aber schon 1970 war ich nach dem Krieg zum ersten mal wieder aus beruflichen Gründen in meiner Heimatstadt . Seit dieser Zeit wiederholten sich meine dortigen Besuche mehrmals und ich lernte dort nicht nur Freunde kennen , sondern auch den großartigen Aufbau dieser phantastisch schönen Stadt , die 1945 verwüstet war .Diese Zeit hat mich gelehrt , alles zu unternehmen , damit sich Kriege und militärische Auseinandersetzungen nicht mehr wiederholen . Leider muß ich immer wieder feststellen , daß viele Politiker alles tun , damit es leider anders verläuft . Vor der europäischen Haustür - in Nah und Mittelost - brennt es und damit es noch besser brennt , ist jetzt der US-Präsident Trump nach Saudi-Arabien gereist , um eine Super-Rüstungsdeal zu machen , der eigentlich von seinem Vorgänger , Präsident Obama , schon ad acta gelegt wurde .
              Wenn man das alles sieht , kann einem ganz anders werden .
              Allen Forumern noch einen schönen Sonntag vom Heubuder Rudi

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              • Jürgen Albrecht
                Forum-Teilnehmer
                • 11.02.2008
                • 309

                #8
                AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                Hallo Rudi, wir haben wahrscheinlich indem selben Zug gesessen. Meine Erinnerungen bestetigen deineAussagen. Nach dieser unglaublichen Zugfahrt, musste man mich inBerlin ein halbes Jahr im Krankenhaus wieder aufpäppeln. Es istbeschämend, dass der Hass zwischen den Völkern wieder dominant istund das elemetarste Menschenrecht auf Frieden wenig beachtet wird.
                Freundliche Grüße Jürgen

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                • jonny810
                  Forum-Teilnehmer
                  • 10.02.2008
                  • 2423

                  #9
                  AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                  Hallo Rudi,

                  danke für deinen ausführlichen Beitrag.

                  Ich habe gelernt, dass man über Themen, welche einen Menschen bedrücken, reden soll.
                  Das soll einem helfen, mit der Situation besser fertig zu werden. Ich pers. bin diesbezüglich etwas skeptisch.

                  Du hast die Brand-Herde in unserer unmittelbarer Nähe angesprochen. Und auch über die Abkommen der USA und den
                  Arabern.
                  Man kann nur hoffen,dass wir nicht einmal diese Waffengewalt, hier in Europa zu spüren bekommen.

                  Man versucht natürlich uns weis zu machen, die Waffen dienen nur der Abschreckung. (wer glaubt wird selig)

                  Diese Tatsache hat mich eigentlich dazu animiert, dieses Gedicht zu schreiben.

                  Bewirken kann ich damit zwar nichts,aber vielleicht erreiche ich damit ein paar Menschen, die unsere Worte ernst nehmen
                  und daraus ihre persönlichen Schlüsse ziehen und sich für Frieden und Völkerverständigung einsetzen.

                  Vielleicht mehr als bisher.

                  Es ist nur schade,dass Geld den Verstand der Menschen zerstört.
                  Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                  "Nec Temere - Nec Timide"
                  Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                  Kommentar

                  • ada.gleisner
                    Forum-Teilnehmer
                    • 17.02.2008
                    • 882

                    #10
                    AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                    Dein Gedicht, lieber Erhard, hat ich sehr berührt, leider werden es zu wenig Menschen lesen und noch weniger werden es verstehen. Sobald ein Geschehen vorbei ist, wird es meistens auch schon vergessen. Nur wer alles selbst erlebt hat, träumt davon ein Leben lang und wird schneller hellhörig, wenn etwas nicht richtig läuft, sowie z.Zt. in der Weltpolitik.
                    Liebe Wünsche von Ada
                    Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt. (H. Heine)

                    Kommentar

                    • Helga +, Ehrenmitglied
                      Moderatorin
                      • 10.02.2008
                      • 1948

                      #11
                      AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                      Hallo Ada, ich denke, es betrifft nicht nur die, die es selbst erlebt haben. Ich bin ja so eine Nachgeborene und habe nichts selbst mitmachen müssen. Aber durch meine zahlreiche Verwandtschaft aus Danzig und Ostpreußen, die als ich Kind war, immer und immer darüber gesprochen haben, das hat sich eingeprägt und später hab ich dann selbst gefragt, gelesen, informiert, Danzig mehrfach besucht. Was ich sagen möchte, erlitten habe ich das alles nicht, aber vieles verstanden. Es ist nichts vergessen.
                      Viele Grüße
                      Helga

                      "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

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                      • Felicity, Ehrenmitglied +20.5.2024
                        Forum-Teilnehmer
                        • 13.02.2008
                        • 3493

                        #12
                        AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                        Danke Helga ! ES IST NICHT VERGESSEN ! Ich habe es auch mitgemacht und ueberkommen. Aber vergessen kann man es nicht. Und noch ein Dankeschoen an Dich, DU HAST ES VERSTANDEN ! Liebe Gruesse von der Feli

                        Kommentar

                        • jonny810
                          Forum-Teilnehmer
                          • 10.02.2008
                          • 2423

                          #13
                          AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                          Hallo Ada, hallo Helga.

                          Ihr habt sicherlich beide Recht.

                          Ada, wenn du sagst,dass derjenige der das selbst miterlebt hat ein differenzierteres

                          Bild vor Augen hat und auch davon gelegentlich träumt, ist das nach meiner Einschätzung

                          genau so richtig,

                          als wenn man der Helga das als Kind erzählt hat und sich das Erlebnis der Familien-Angehörigen

                          in ihrem sensiblen Kinder - Selchen festgesetzt hat.

                          Wenn Helga heute mit so einem Bild vor Augen konfrontiert wird, bekommt sie sicherlich auch noch

                          eine Gänsehaut. Wir Menschen sind gottseidank alle etwas anders veranlagt.


                          Ich möchte die Reaktion eines 90jährigen, (der zu der Zeit schon Soldat war) und mein Gedicht gelesen

                          hat anhängen. Ich hoffe, dass ich das hinbekomme.

                          Allen einen schönen Tag



                          Lieber Danziger vom Schüsseldamm,


                          zunächst meinen großen Dank für die Liebeserklärung an unsere schöne verlorene Heimatstadt. -

                          Mir kamen tatsächlich Tränen in die Augen, denn die Erinnerung ist sehr empfindlich.


                          Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                          "Nec Temere - Nec Timide"
                          Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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                          • Gerhard Jeske
                            Forum-Teilnehmer
                            • 24.08.2014
                            • 737

                            #14
                            AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                            Gerhard Jeske :: Wie mein Grossvater Gustav Parschauer, geb in Stutthof, bei meinem lertzten Besuch( vor seinem Sterben) sagte, " Wenn ich dod bin , dann gehe ich furts in Steegen spazieren". und vielen Dank für dass Gedicht und dass immer die Mutter im Mittelpunkt steht. Vergessen wir nicht, dass ihre Söhne diese Katastophe verursacht hatten

                            Kommentar

                            • mottlau1
                              Forum-Teilnehmer
                              • 11.02.2008
                              • 1720

                              #15
                              AW: Erinnerung - vor 72 Jahren

                              Guten Abend Jürgen, guten Abend allen,

                              ich lese gerade Deinen Satz: Es ist beschämend, dass der Hass zwischen den Völkern wieder dominant ist und das elementarste Menschenrecht auf Frieden wenig beachtet wird. Leider, leider genau so ist es wie Du richtig feststellst.

                              Dazu meine Gedanken :

                              Was mich sehr aufregt ist , daß die führenden Staaten die angeblich doch so demokratisch sein wollen wie z.B. die USA , sich damit hervortun Ländern wie Afhanistan, Irak usw. westliche Werte beibringen zu wollen. Da ist von Demokratie keine Spur zu erkennen. - Es geht wenn man hinter die Fassade schaut immer nur um Geld bzw. O E L ! - Und da ist denen jedes Mittel recht mit Einmarsch und Waffengewalt ihr Ziel zu verfolgen und die Menschenrechte (siehe z.B. nurIrak)
                              Leider machen wir Deutschen brav mit denn wir sind doch fest im NATOVERBUND. -Egal ob wir als Nazis von Erdogan beschimpft werden, wir halten still wenn er uns aufs Schlimmste beschimpft . Er hat uns ja fest im Griff mit den Flüchtlingen. Und wie sagte unsere Kanzlerin:
                              Wir brauchen die Türkei !!! -Wirklich ist es so???
                              Nicht nur die Türkei denkt über die Todesstrafe nach, Amerika hat sie noch immer !!!- Wo ist da der Aufschrei unserer Regierung? Nein Amerika darf man nicht kritisieren.

                              Erhart hat Recht! -Hauptsache der Rubel rollt und Wolfgang mit der Bemerkung :Aufstehen und kämpfen.

                              Die einzige Macht haben wir wenn wir uns bei den Wahlen beteiligen! Wenn aber die gewählten Volksvertreter ihr Versprechen nicht einlösen
                              dann müssen wir immer wieder lautstark protestieren. - Mir imponierten sehr in letzter Zeit die Menschen in Polen die ihre Rechte einfordern.

                              Entschuldigung, daß ich von den schlimmen Erinnerungen die Erhart uns in seinem zutreffenden und sehr berührenden Gedicht in Erinnerung rief abwich.
                              Aber es gibt in der heutigen Zeit zu viele Waffengeschäfte nicht nur von Deutschland wie man sieht auch von den USA als Nr. 1 und damit verbundenes Unrecht, Leid und Gier nach Oel-bzw. Geld , daß ich zwangsläufig meinen Gedanken freien Lauf ließ.

                              Jutta
                              Es kann keiner gerecht sein, der nicht menschlich ist.
                              (Maurice Cove de Murville) Französischer Politiker

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