AW: Selbstmorde 1945/46
Traditionelle militärische Ehrbegriffe verlangten, dass man sich tötete, wenn man als Befehlshaber eine wichtige Schlacht verloren hatte, sei es durch Fahrlässigkeit oder auch nur Pech. Die Idee war, dass man so den Verdacht ausräumte, man habe aus Angst um sein Leben seine Pflicht versäumt. Die Ehre, z.B. der Familie und der Abteilung, war danach komplett gewahrt, so als wäre man im Kampf gefallen. Seine Angehörigen ließ man tunlichst am Leben, denn sie wurden ja gerade der Ehre teilhaftig, und bekamen ggf. Hinterbliebenenrente.
Dieser Ehrbegriff lag beispielsweise zugrunde, als sich japanische Offiziere kollektiv vom Felsen in Okinawa stürzten. In Deutschland dürfte er 1945 nur geringe Relevanz gehabt haben. Besagter Nährständler berichtet ja gerade im Gegenteil, dass die zivilen Bauernführer ihre Kriegspflicht gewissenhaft erfüllt hätten.
Ein verwandtes, aber konkreter militärisches Motiv ist, sich **bei akut drohender Gefangennahme** zu töten, um dem Feind den Triumph zu mindern, und um nicht durch Folter zum Verrat bewegt zu werden, oder auch nur in der Heimat diesen Verdacht zu nähren. Auch dieses Motiv dürfte 1945 eher selten geworden sein; immerhin aber hat Hitler seinen Selbstmord samt angeordneter Leichenverbrennung entsprechend begründet.
Unter gläubigen Nazis gab es ferner die Idee, dass man den Untergang des deutschen Volkes zu beschleunigen habe, wenn es sich als unfähig erwiesen habe, den Krieg zu gewinnen. So predigte Goebbels - freilich fernab jeglicher noch so abstrusen Logik. Zudem hätte es ja bedeutet, dass die SS-Männer zunächst im eigenen Volk Amok zu laufen haben, bevor sie sich selbst töteten. Nein, zu dieser Art Schicksalsdienst dürften nur wenige motiviert gewesen sein. Schon gar nicht hätten andere Deutsche dies von SS-Männern verlangen können, denn sie hätten dann ja "selbst morden" müssen.
Kurz, in den meisten hier genannten Fällen dürften obige Erklärungen absolut unzutreffend sein. Natürlich gab es eine ganze Reihe eher privater Motive. Wer sich aber aus mangelndem Lebensmut tötet, lässt normalerweise seine Angehörigen am Leben, es sei denn, ihnen droht unausweichlich der Hungertod o.ä. Zumindest die Familienmorde dürften sich also auf eine ganz andere Unehre als die oben Genannte beziehen, nämlich auf (selbstempfundene oder von der Umwelt nahegelegte) manifeste moralische Desavouierung, die als so gravierend empfunden wurde, dass man glaubte, sie würde auch den Kindern anhängen. (Nochmal: mit dem wirklichen Maß der Schuld, sofern überhaupt messbar, muss dies nicht unbedingt konform gehen. So dürften die größten Verbrecher von solchen Anwandlungen unberührt gewesen sein, sofern sie die Möglichkeit zum Untertauchen sahen.)
Die Unehre Vieler bestand ja gerade darin, dass sie ihrer NS-Pflicht "vorbildlich" nachgekommen waren und davon große Vorteile hatten. Beispielsweise hatten die Bauern sogenannte Ostarbeiter zugeteilt bekommen, vulgo Sklaven (dieses Wort ist übrigens vom Altgriechischen her mit "Slave" identisch). Manch einer, ob Nazi oder nicht, dürfte der Versuchung erlegen sein, die Leute über das Erforderliche hinaus auszubeuten und zu malträtieren; die Überlebensrate ähnelte derjenigen der später nach Sibirien verschleppten Deutschen (die leider nur selten identisch mit den vorherigen Sklavenhaltern waren). 1945 versuchten die Überlebenden gemeinsam mit den Deutschen in den Westen zu gelangen, denn für die Rote Armee waren sie bekanntlich Kollaborateure. Fieguth verkauft dies groteskerweise als Absolution.
Für besonders wichtig halte ich, festzuhalten, wie es sich mit der Mitwisserschaft und dem Moralgefühl der durchschnittlichen Bevölkerung verhielt. Eigentlich muss den Meisten klar gewesen sein, spätestens seit der "Kristallnacht", dass sie in eine Gaunerbande geraten waren, und zwar als Mitglieder. Das Ausmaß der Mittäterschaft war ja komplett "kontinuierlich", vom Massenmörder bis zum Passiv-Verweigerer, so dass sich die Grenze zwischen Nazis und "gewöhnlichen" Deutschen nur selten scharf abzeichnete. Dennoch, oder gerade deshalb, scheint 1945 jeder gewusst zu haben, dass beispielsweise "viele Ärzte" - ohne weitere Kennzeichnung - Grund zum Selbstmord hatten.
An weiteren Texten zu diesem Thema bin ich interessiert. Leider bin ich kein wirklicher Kenner der Standardliteratur, wo sicher noch einiges zum Thema zu finden ist. Originalquellen wie die genannten sind aber oft noch aussagekräftiger.
- Alexander -
Traditionelle militärische Ehrbegriffe verlangten, dass man sich tötete, wenn man als Befehlshaber eine wichtige Schlacht verloren hatte, sei es durch Fahrlässigkeit oder auch nur Pech. Die Idee war, dass man so den Verdacht ausräumte, man habe aus Angst um sein Leben seine Pflicht versäumt. Die Ehre, z.B. der Familie und der Abteilung, war danach komplett gewahrt, so als wäre man im Kampf gefallen. Seine Angehörigen ließ man tunlichst am Leben, denn sie wurden ja gerade der Ehre teilhaftig, und bekamen ggf. Hinterbliebenenrente.
Dieser Ehrbegriff lag beispielsweise zugrunde, als sich japanische Offiziere kollektiv vom Felsen in Okinawa stürzten. In Deutschland dürfte er 1945 nur geringe Relevanz gehabt haben. Besagter Nährständler berichtet ja gerade im Gegenteil, dass die zivilen Bauernführer ihre Kriegspflicht gewissenhaft erfüllt hätten.
Ein verwandtes, aber konkreter militärisches Motiv ist, sich **bei akut drohender Gefangennahme** zu töten, um dem Feind den Triumph zu mindern, und um nicht durch Folter zum Verrat bewegt zu werden, oder auch nur in der Heimat diesen Verdacht zu nähren. Auch dieses Motiv dürfte 1945 eher selten geworden sein; immerhin aber hat Hitler seinen Selbstmord samt angeordneter Leichenverbrennung entsprechend begründet.
Unter gläubigen Nazis gab es ferner die Idee, dass man den Untergang des deutschen Volkes zu beschleunigen habe, wenn es sich als unfähig erwiesen habe, den Krieg zu gewinnen. So predigte Goebbels - freilich fernab jeglicher noch so abstrusen Logik. Zudem hätte es ja bedeutet, dass die SS-Männer zunächst im eigenen Volk Amok zu laufen haben, bevor sie sich selbst töteten. Nein, zu dieser Art Schicksalsdienst dürften nur wenige motiviert gewesen sein. Schon gar nicht hätten andere Deutsche dies von SS-Männern verlangen können, denn sie hätten dann ja "selbst morden" müssen.
Kurz, in den meisten hier genannten Fällen dürften obige Erklärungen absolut unzutreffend sein. Natürlich gab es eine ganze Reihe eher privater Motive. Wer sich aber aus mangelndem Lebensmut tötet, lässt normalerweise seine Angehörigen am Leben, es sei denn, ihnen droht unausweichlich der Hungertod o.ä. Zumindest die Familienmorde dürften sich also auf eine ganz andere Unehre als die oben Genannte beziehen, nämlich auf (selbstempfundene oder von der Umwelt nahegelegte) manifeste moralische Desavouierung, die als so gravierend empfunden wurde, dass man glaubte, sie würde auch den Kindern anhängen. (Nochmal: mit dem wirklichen Maß der Schuld, sofern überhaupt messbar, muss dies nicht unbedingt konform gehen. So dürften die größten Verbrecher von solchen Anwandlungen unberührt gewesen sein, sofern sie die Möglichkeit zum Untertauchen sahen.)
Die Unehre Vieler bestand ja gerade darin, dass sie ihrer NS-Pflicht "vorbildlich" nachgekommen waren und davon große Vorteile hatten. Beispielsweise hatten die Bauern sogenannte Ostarbeiter zugeteilt bekommen, vulgo Sklaven (dieses Wort ist übrigens vom Altgriechischen her mit "Slave" identisch). Manch einer, ob Nazi oder nicht, dürfte der Versuchung erlegen sein, die Leute über das Erforderliche hinaus auszubeuten und zu malträtieren; die Überlebensrate ähnelte derjenigen der später nach Sibirien verschleppten Deutschen (die leider nur selten identisch mit den vorherigen Sklavenhaltern waren). 1945 versuchten die Überlebenden gemeinsam mit den Deutschen in den Westen zu gelangen, denn für die Rote Armee waren sie bekanntlich Kollaborateure. Fieguth verkauft dies groteskerweise als Absolution.
Für besonders wichtig halte ich, festzuhalten, wie es sich mit der Mitwisserschaft und dem Moralgefühl der durchschnittlichen Bevölkerung verhielt. Eigentlich muss den Meisten klar gewesen sein, spätestens seit der "Kristallnacht", dass sie in eine Gaunerbande geraten waren, und zwar als Mitglieder. Das Ausmaß der Mittäterschaft war ja komplett "kontinuierlich", vom Massenmörder bis zum Passiv-Verweigerer, so dass sich die Grenze zwischen Nazis und "gewöhnlichen" Deutschen nur selten scharf abzeichnete. Dennoch, oder gerade deshalb, scheint 1945 jeder gewusst zu haben, dass beispielsweise "viele Ärzte" - ohne weitere Kennzeichnung - Grund zum Selbstmord hatten.
An weiteren Texten zu diesem Thema bin ich interessiert. Leider bin ich kein wirklicher Kenner der Standardliteratur, wo sicher noch einiges zum Thema zu finden ist. Originalquellen wie die genannten sind aber oft noch aussagekräftiger.
- Alexander -
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