matthias w

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  • matthias w
    Forum-Teilnehmer
    • 01.06.2020
    • 48

    #1

    matthias w

    Liebe Forums-Nutzer und Forum-Mitglieder:
    Wer sich für die Danziger Chronologie und Frühgeschichte interessiert, dem möchte ich ein Buch zur Lektüre empfehlen, das sich mit einem seltsamen historischen Phänomen in Danzig befasst.
    "Danzig und die rätselhafte frühmittelalterliche Chronologie-Lücke des Weichseldeltas" von Gunnar Heinsohn (+ 2023 in Danzig), aus: "Zeitsprünge" Ausgabe 2001, Mantis-Verlag, Heft 440 - ISBN 0947-7233 - im Internet digitalisiert und kostenlos auffindbar.
    Im Wesentlichen geht es in dem Buch um ein bekanntes Phänomen bereits unter deutschen Archäologen und Historikern bis 1945, das sich unter den polnischen Fachleuten auf diesem Gebiet nach 1945 trotz zwischenzeitlicher weiterer punktweiser Ausgrabungen im Stadtgebiet fortgesetzt hat.
    Unter Verwendung von Zitaten von Gunnar Heinsohn versuche ich nachfolgend eine kurze Zusammenfassung dieses Rätsels zu geben - um Sie zu interessieren bzw. Fachleute zu ermuntern, mit anderen, neuen Erkenntnissen diesen Wissensstand zu kontern bzw. zu ergänzen. Das würde mich - direkter Nachkomme von Danziger Vorfahren - sehr interessieren!
    2 chronologische Rätsel sind - meines Wissens - fachlich nicht gelöst bzw. mit Funden vereinbar:
    1. In früh-mykenischen Schachtgräbern aus der Zeit von 1580-1480 v.Chr. ist in den Grablegen Bernstein gefunden worden, dessen Herkunft in die Weichselmündung verlegt wird. Dort aber beginnt die allerfrüheste Besiedlung mit steinzeitlichen Pfahlbauten erst gegen 1130 v.Chr. Ausserdem ist ein Bernsteinexport für diese frühe Zeit archäologisch noch nicht belegt; erst seit der Hallstatt-Zeit Danzigs (ab 7.Jh. v.Chr. ) liegen Funde vor, die auf Fernverbindungen verweisen.
    Das 2.Rätsel der Danziger Chronologie betrifft den Zeitraum zwischen dem 7. und dem 10.Jh. n.Chr. Es fehlten vor 1945 und seltsamerweise wohl auch seit 1945 - so Heinsohn - jeder Hinweis auf einen Archäologie-Befund von Danziger Besiedlung! Es existiert offenbar eine unerklärliche Besiedlungslücke von 641-960 n.Chr. ohne Siedlungsreste, Gräber, Bernsteinfunde.
    Das Jahr 641 ergibt sich aus dem Todesjahr von Heraldus I. (610-641) dem in Danzig gefundene Münzen zugeordnet werden konnten - wohl Relikte von Handelstätigkeiten.
    Das andere Datum 960 wiederum steht für das Aufblühen der slawischen Siedlung urbanen Charakters, weil ein Ibrahim Ibn Jakub, spanischer Reisender 973 am Hofe Ottos d. Gr. mit einer Beschreibung dieser Gebiete und derjenigen des Weichselgebietes aufwartet.
    Die chronologische Lücke für Danzig zwischen 7. und 10.Jh. kann auch nicht mit gefundenen Wikinger-Booten geschlossen werden, deren Datierung liegt deutlich später.
    Lediglich ganz wenige gefundene "Kufische Münzen" (Erklärung: Von Kufa stammend, einer einst bedeutenden irakischen (Handels-)Stadt am Ufer des Euphrat) wurden auf die Zeit 800, 750 (im Falle der 2 Münzen aus Oliva), und 723 (im Falle eines Fundes am Meeresgrund) veranschlagt - so Heinsohn - aber ohne jede Verbindung zu Siedlungsresten oder Gräbern oder stratigraphische Schichten alles andere als verlässlich.
    Für die Zeit davor und danach gibt es dagegen verlässlich datierbare Befunde, Belege.
    Ob die jüngeren archäologischen Ausgrabungen - z.B. auf dem Gelände des ehemaligen Dominikaner-Klosters und hinter St.Nicolai, oder im Kerngebiet Danzigs - diese Lücke inzwischen verlässlich schliessen konnten vermag ich nicht zu sagen. Ich bin selber kein Archäologe. Auf der anderen Seite galt Heinsohn mit seiner These damals als nicht unumstritten! Eine Widerlegung seiner These habe ich auch bisher nicht gefunden. Auch wenn dies ein ziemlich vertraktes und sehr spezielles Fachgebiet Danzigs ist: Vielleicht weiss ja doch der eine oder andere Leser Näheres, Neueres!
    Ich bin gespannt - und wünschen inzwischen allen ein sommerliches Wochenende
    Matthias W. Marks
  • Karsten_A
    Forum-Teilnehmer
    • 25.01.2021
    • 345

    #2
    Hallo Matthias,

    danke für die interessante Zusammenfassung. Auch ich bin kein Archäologe und habe nicht extra recherchiert, aber in Deinem letzten Absatz verweist Du auf eine These Heinsohns, ohne diese jedoch zu benennen. Wie lautete sie denn?

    War es eigentlich beabsichtigt, den Titel Deines Beitrages so zu wählen? Oder hat das System den einfach selber vergeben?

    Viele Grüße

    Karsten

    Kommentar

    • matthias w
      Forum-Teilnehmer
      • 01.06.2020
      • 48

      #3
      Zitat von Karsten_A
      Hallo Matthias,

      danke für die interessante Zusammenfassung. Auch ich bin kein Archäologe und habe nicht extra recherchiert, aber in Deinem letzten Absatz verweist Du auf eine These Heinsohns, ohne diese jedoch zu benennen. Wie lautete sie denn?

      War es eigentlich beabsichtigt, den Titel Deines Beitrages so zu wählen? Oder hat das System den einfach selber vergeben?

      Viele Grüße

      Karsten
      Hallo Karsten,
      danke für Deine Antwort zum eingebrachten Thema "offensichtliche Zeitlücken in der Danziger-Chronologie":
      Ich bin momentan etwas verunsichert und damit beschäftigt, mit dem neuen Forum-Erscheinungsbild zurecht zu kommen und die Stelle zu finden, an der ich Dir direkt antworten kann. Vielleicht hab ich es ja jetzt geschafft.
      Mit der Benennung These habe ich mich wohl etwas unpräziese ausgedrückt. Wenn ich es selber nicht überlesen habe stellte Heinsohn seine 2 Rätsel einer offensichtlichen Zeitlücke in der geschichtlichen Chronologie Danzigs und des Werder als seine Thesen in den Raum und belegt es. Aber er weiss selber auch keine Lösung. Deswegen bin ich gespannt, ob es zwischenzeitlich Erkenntnisse gibt, die ihn widerlegen. Seine Zeitgenossen - das ist ja noch gar nicht lange her - jedenfalls haben diese Lücken-Erkenntnis offenbar nicht mitgetragen oder nicht ernst genommen.
      Einen schönen Sonntag noch und Grüsse aus Tübingen von Matthias W Marks

      Kommentar

      • Karsten_A
        Forum-Teilnehmer
        • 25.01.2021
        • 345

        #4
        Hallo Matthias,

        danke für Deine Erläuterung.

        Da ich vor vielen Jahren mal vom "Erfundenen Mittelalter" gehört hatte (https://de.wikipedia.org/wiki/Erfundenes_Mittelalter), habe ich einfach die google-KI gefragt:

        Gibt es einen Zusammenhang zwischen "Danzig und die rätselhafte frühmittelalterliche Chronologie-Lücke des Weichseldeltas" von Gunnar Heinsohn und der These vom "Erfundenen Mittelalter"?

        und hier die Antwort (mit Links auch auf Deinen Beitrag):


        Ja, es besteht ein direkter Zusammenhang. Der 2023 verstorbene Soziologe und Altertumsforscher Gunnar Heinsohn war ein enger Mitstreiter von Heribert Illig und publizierte seine Aufsätze zur Chronologie des Weichseldeltas in dessen Umfeld. [1, 2]

        Die Verbindung im Detail:
        Die These vom „Erfundenen Mittelalter“: Diese von Heribert Illig aufgestellte These besagt, dass die Jahre 614 bis 911 n. Chr. historisch nie stattgefunden haben. Demnach würde man sich nicht im 21. Jahrhundert befinden, sondern im frühen 18. Jahrhundert, weil das Frühmittelalter von mittelalterlichen Herrschern (wie Karl dem Großen) künstlich erfunden und in die Geschichte eingefügt worden sein soll. [1, 2]
        Gunnar Heinsohns Chronologie-Lücke in Danzig: Um diese These zu stützen, untersuchte Heinsohn archäologische und historische Befunde. Er argumentierte, dass im Weichseldelta und in der Region um Danzig eine vermeintliche archäologische Lücke von mehreren hundert Jahren existiere. Funde, die den Jahrhunderten zwischen Spätantike und Hochmittelalter (oft die Zeit der Völkerwanderung und des frühen Frühmittelalters) zugeordnet werden, fehlten seiner Ansicht nach oder wiesen eklatante Widersprüche auf. [1, 2]
        Die gemeinsame Schlussfolgerung: Heinsohn nutzte diese „Lücke“ als vermeintlichen Beweis für Illigs These: Wenn im Boden hunderte Jahre an Funden fehlen, so seine Argumentation, dann könne es sich bei diesen Jahrhunderten auch nicht um historische Realität, sondern nur um eine „erfundene“ Phantomzeit handeln. [1, 2]

        In der akademischen Geschichtswissenschaft und Archäologie werden jedoch sowohl Illigs These als auch Heinsohns Thesen zur Chronologie des Weichseldeltas als pseudowissenschaftlich und widerlegt betrachtet. Sie widersprechen diametral den zahllosen archäologischen Funden, dendrochronologischen Datierungen und schriftlichen Überlieferungen aus dieser Epoche.

        Einen schönen Abend!

        Karsten

        Kommentar

        • matthias w
          Forum-Teilnehmer
          • 01.06.2020
          • 48

          #5
          Hallo Karsten, danke für Deine Information. Das war mir neu - klingt aber sehr interessant und erklärt, weshalb Heinsohn als umstritten gegolten haben soll. Um ihn durch Funde zu widerlegen müsste man doch wohl sehr tief in die Danziger-/Werdersche-Archäologie eintauchen. Immer hin hilft es mir, den Beitrag von Heinsohn einzuordnen! Danke Dir! Gruss aus Tübingen: Matthias W Marks

          Kommentar

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