Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

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  • Wolfgang
    Forumbetreiber
    • 10.02.2008
    • 11623

    #1

    Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

    Schönen guten Abend,

    seit vielen Jahren wird über die Danziger Paramenten gesprochen, darüber ob die aus der Danziger Heimat nach Deutschland gebrachten unschätzbaren und wertvollen Gewänder und sonstigen Textilien in ihre alte Heimat zurückkehren sollen.

    Es scheiden sich die Geister... - die Einen sagen, NEIN, NEIN, NEIN, das muss in Deutschland bleiben, der Rat der Evangelischen Kirche hat entschieden, dass sie in die Marienkirche zurückkehren sollen.

    1945? Das liegt mittlerweile 78 Jahre zurück. Phantastisch, dass die Paramenten in den Kriegswirren gerettet wurden. Phantastisch, dass diese im Nachkriegsdeutschland in Ehren gehalten und restauriert wurden. Sollen sie nun, wie die evangelische Kirche beschloss, nach Danzig zurückkehren?

    1945... - Verlust der Heimat, Retten des Wenigen was man noch hat, Festhalten am Symbolischen.

    2023 - wir leben in einer anderen Welt, Polen ist nicht mehr Feind, ist Partner, Danzig ist für Jeden von uns uneingeschränkt besuchbar, kann für Jeden von uns Wahlheimat sein.

    Sollen die Danziger Paramenten dorthin zurückkehren wo sie hingehören? Wo sie in höchsten Ehren gehalten würden?

    Wie gesagt, da scheiden sich die Geister. Ich meine ganz eindeutig JA! Vom Bund der Danziger habe ich noch keine eindeutige Stellungnahme gehört, es wäre Zeit dafür!

    Wie ist Eure Meinung?

    Schöne Grüße aus dem Werder
    Wolfgang
    Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
    Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
    Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"
  • Christkind
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 1568

    #2
    AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

    Ich meine: Nein!
    Die Danziger Einwohner sind ab 1945 nicht mehr in ihrer Heimat, und warum soll denn alles dorthin zurückkehren? Es ist ein Teil ihrer Kultur und dann soll man ihnen das auch dort lassen, wo es immer gehütet und gepflegt wurde.
    Allen andere finde ich als erneutes Wegnehmen. Nein!
    Christa
    Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
    (M. Gandhi)

    Kommentar

    • jonny810
      Forum-Teilnehmer
      • 10.02.2008
      • 2423

      #3
      AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

      Guten Abend allerseits.

      Da es sich um deutsche - nund keine polnischen Kultur-Erbstücke handelt, sollte man sie auch in deutschem Besitz belassen.

      Ich meine, dass uns durch die Neuordnung der Grenzen nach 1945, schon zu viel zu viel verloren gegangen ist.

      Denen die jetzt sagen "wir haben ja auch den Krieg verloren", möchte ich zu Bedenken geben, dass Rückgabe-Ansprüche sowohl

      der einen als auch von der anderen Seine immer wieder zur Diskussion gestellt werden.

      Lassen wir es einfach so wie es ist.
      Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
      "Nec Temere - Nec Timide"
      Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

      Kommentar

      • mariano
        Forum-Teilnehmer
        • 12.07.2008
        • 113

        #4
        AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

        JA! -hast Recht. JA!

        Kommentar

        • Belcanto
          Forum-Teilnehmer
          • 24.09.2008
          • 2507

          #5
          AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

          Ich kann mich den Vorschreibern anschließen, der Schatz sollte bei uns bleiben.

          Kommentar

          • Fischersjung
            Forum-Teilnehmer
            • 10.11.2015
            • 5608

            #6
            AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

            Meine gesamte mütterliche Linie hat ihre Wurzeln in Westpreußen und Ostpommern.
            Meine Mutter ist als Tochter des Wirtschafters der Pulvermühle in Oliva Pulvermühle, 1919 geboren.
            1923 nahm meine Familie nach Art.106 des Versailler Vertrag die deutsche Reichsangehörigkeit an und erhielt einen Options-Ausweis.
            Sie zogen nach kurzem Zwischenstopp, im Elternhaus in Schlochow (Krs. Lauenburg), weiter ins heutige Gebiet Deutschland's

            Obwohl ich kein Danziger bin, so habe ich doch eine persönliche geschichtlich geprägte Meinung, die leider nicht's an der schon wohl gefassten Entscheidung ändern wird:
            Der Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche sollte in Lübeck, somit in Deutschland, bleiben.


            Eine Info darüber musste ich mir erst über Google einholen, um meine, wenn auch hier bestimmt streitbare, Antwort zu geben.
            Für doch interessierte Leser, mein Such-Link dazu:
            Grüße von Joachim

            Kommentar

            • Fischersjung
              Forum-Teilnehmer
              • 10.11.2015
              • 5608

              #7
              AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

              Zu #6 noch diesen Link:
              Ich fordere, auch namens betroffener Danziger und Westpreußen, daß die EKD den 1944 geretteten Paramentenschatz aus der Danziger Marienkirche nicht nach Danzig verschenkt. Die Kirchenleitung möge nach anderen Wegen eines verträglichen ökumenischen Ausgleichs suchen. Das könnte geschehen, wenn die Marienkirche Danzig bzw. das Nationalmuseum Danzig in regelmäßigem Austausch mit dem Lübecker St. Annen-Museum ihre jeweiligen Paramentenschätze der interessierten Öffentlichkeit präsentieren. https://w


              Zu den Kommentaren bitte nach unten scrollen.
              Grüße von Joachim

              Kommentar

              • christian65201
                Forum-Teilnehmer
                • 15.02.2008
                • 1256

                #8
                AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                vielleicht hilft es jan wenn wir dem Link von Joachim #7 folgen und dort nicht nur die Kommentare lesen, sonder auch mit abstimmen.

                Grüße
                Christian
                "Nur wer weiß, woher er kommt, wird den Weg in die Zukunft finden,
                und nur wer das Alte achtet, wird sinvoll Neues gestalten können" (Autor unbekannt)
                Dauersuche:KOHNKE; BEHRENDT; LENSER; LIEDTKE; ZIELKE; PIOCH; KLINGER; AUT(H)ENRIEB; ROSENTHAL

                Kommentar

                • Gerhard Jeske
                  Forum-Teilnehmer
                  • 24.08.2014
                  • 737

                  #9
                  AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                  Ich las einmal, dass von einer internationalen Behörde verordnet wurde, dass Kunstschätze an den Stand zurückgebracht werden sollten, wo sie zum Zeitpunkt der Entfernung gestanden hatten.

                  Kommentar

                  • jonny810
                    Forum-Teilnehmer
                    • 10.02.2008
                    • 2423

                    #10
                    AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                    Frage: Was würde eine Abstimmung in unserem Forum der Sache bringen?

                    Nach meiner Meinung haben nur dafür zuständige Gremien eine Entscheidungsgewalt.

                    Allen einen schönen Tag.
                    Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                    "Nec Temere - Nec Timide"
                    Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

                    Kommentar

                    • Fischersjung
                      Forum-Teilnehmer
                      • 10.11.2015
                      • 5608

                      #11
                      AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                      Sorry Erhart, habe ich dich richtig oder falsch verstanden?
                      Deshalb muss ich, hatte es nicht vor, noch einmal einsteigen.

                      Gegenfragen:
                      Wem nützt es wenn sich eine Bevölkerung nicht gegen etwaige Fehlentscheidungen versucht zu wehren.
                      Wem nützt es wenn öffentliche Unterschriftensammlingen nicht mehr durchgeführt werden um "zuständige Gremien" zum Umdenken aufzufordern.

                      Die angesprochenen Gremien werden auch nur Entscheidungen treffen können wenn entsprechde Unterstützung da ist.

                      Erhart, ich gebe dir insofern Recht, dass eine Diskusion HIER im Forum nicht zielführend, weder in die eine noch der anderen Richtung, sein kann.
                      Ich verstehe die Frage in #1 als Anstoß zum Meinungsaustausch, nicht mehr und nicht weniger.

                      Meine Meinung steht hier!
                      Grüße von Joachim

                      Kommentar

                      • Wolfgang
                        Forumbetreiber
                        • 10.02.2008
                        • 11623

                        #12
                        AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                        Euch Allen eine schönen guten Abend,

                        wie ich schon im ersten Beitrag zu diesem Thema sagte, scheiden sich in dieser Angelegenheit die Geister. Und es zeigt, dass nicht nur Angehörige der Erlebnisgeneration sondern auch Nachkriegsgeborene eindeutige Meinungen dazu haben. Und es ist interessant, die verschiedenen Stellungnahmen zu lesen.

                        Meine Meinung war (und ist): JA, die Paramente sollen nach Danzig heimkehren. Und sie werden ja auch zurückkehren. Das ist beschlossen und auch nicht durch Abstimmungen änderbar.

                        Warum halte ich die Heimkehr für richtig, wichtig und gut?

                        Erstens: Es ist eine Heimkehr. Ein gemeinsames kulturelles Erbe kehrt an den Platz zurück, von dem es kriegsbedingt entfernt und glücklicherweise gerettet wurde.

                        Zweitens: Ich sehe die Marienkirche als europäisches Erbe an. Und zu diesem gemeinsamen europäischen Erbe gehören Geschichte, Bauwerk, Einrichtung, Gräber, Kunstwerke. Wird ein Teil davon entfernt oder geht verloren, bleibt nur ein Rest dem etwas fehlt.

                        Drittens: Die Zeiten haben sich geändert. Polen ist nicht mehr Feind, wir leben in Europa, wir sind Partner.

                        Viertens: Nicht nur die nach Deutschland vertriebenen und geflüchteten Einwohner Danzigs (und natürlich deren Nachkommen) haben ein kulturelles Erbe sondern auch die in Danzig verbliebenen Danziger und deren Nachkommen. Können die in Danzig Verbliebenen (und Heimgekehrten) und alle anderen Danziger/innen nicht ebenfalls Wünsche äußern?

                        Fünftens: Es handelt sich um eine Schenkung. Der Marienkirche (nicht dem polnischen Staat) wird von der Union der Evangelischen Kirchen in Deutschland (nicht vom deutschen Staat) das Eigentum an den Paramenten übertragen. Schon alleine die von beiden Seiten akzeptierte "Schenkung" ist etwas Besonderes. Es wird damit nämlich anerkannt, dass Eigentümer der Paramente die Union der Evangelischen Kirchen in Deutschland ist, die somit also auch berechtigt ist, das Eigentum zu übertragen. Es wird damit auch ausgedrückt, dass die Paramente weder Raub- noch Beutekunst sind.

                        Sechstens: Auch in Zukunft werden laut Vertrag Ausstellungen von Paramenten in Deutschland möglich sein. Diese werden dann als Leihgabe der Marienkirche zu sehen sein.

                        Siebtens: Für die Paramente wird direkt bei der Marienkirche ein eigenes Museum geschaffen, in das die in Lübeck, in Nürnberg und die im Danziger Nationalmuseum aufbewahrten Paramente zusammengeführt und optimal erforscht, erhalten und präsentiert werden sollen.

                        Achtens: Ist es nicht egal wo ein gemeinsames kulturelles Erbe liegt solange alle die Auffassung teilen, dass es sich um ein gemeinsames kulturelles Erbe handelt? Sind die Danziger Marienkirche, das rechtstädtische Rathaus, der Artushof, das Grüne Tor kein gemeinsames kulturelles Erbe? Diese liegen physisch in Danzig und doch würde kaum jemand auf den Gedanken kommen dies abzustreiten. Gehen die Paramente also als kulturelles Erbe verloren wenn sie dort sind wo sie ihre Heimat haben? Ich gehe jede Wette ein, dass sie in Danzig von unendlich mehr Nachkommen alter Danziger/innen gesehen werden als in Lübeck und Nürnberg! Wollen wir denn nicht alle, dass unser Erbe gesehen, wahrgenommen und geschätzt wird?

                        Neuntens: Die Initiative dieser Schenkung ging von der Union der Evangelischen Kirchen in Deutschland aus. Niemand hat sie bedrängt, gedrängt, gezwungen. Es war eine freie Entscheidung. Außerdem: Die Union der Evangelischen Kirche sagt offiziell: "Die Begegnungen zwischen der UEK und des Erzbistums und der Marienkirche Danzig haben sowohl auf der Leitungs- als auch auf der Arbeitsebene wie auch in der Feier von Gottesdiensten die Einsicht reifen lassen, dass die Marienkirche Danzig auf herausragende Weise die geschichtliche Verbundenheit von Deutschen und Polen sowie zwischen römisch-katholischer und evangelischer Kirche symbolisiert." Dem möchte ich nichts hinzufügen.

                        Zehntens: Ich bin "Heimgekehrter". Meine Mutter auch. Ich habe Familie hier wie auch in Deutschland. Hier wird polnischerseits gemeinsames Erbe betont, geschätzt, erforscht, hochgehalten. Und Jeder hier im Raum Danzig ist sich dessen bewusst. Ich habe Kinder, Enkel, in Deutschland. Danzig ist interessant für sie, ja, und sie kommen auch alle mehrfach im Jahr. Weil meine Mutter und ich hier leben. Aber wenn der Papa, der Opa, die Uroma einmal nicht mehr sein werden, dann ist Schluss, dann ist Ende Fahnenstange, dann ist auch Danzig für sie nur noch Familiengeschichte, Historie, weit weg entfernt, reines Urlaubsziel, vielleicht mal für ein Wochende mit WizzAir. Aber für die heute in Danzig lebenden Danziger/innen wird Danzig immer das sein was es ist: Eine historische Stadt mit einem reichen und ungeheuer interessanten gemeinsamen kulturellen Erbe zu dem dann auch die Paramente zählen.

                        Ich bin stolz darauf der evangelischen Kirche anzugehören, einer Kirche die über staatliche und religiöse Grenzen hinweg Hände reicht und Schritte in die Zukunft unternimmt.

                        Schöne Grüße aus dem Werder
                        Wolfgang
                        Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                        Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
                        Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

                        Kommentar

                        • Christkind
                          Forum-Teilnehmer
                          • 10.02.2008
                          • 1568

                          #13
                          AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                          Wolfgang, solche Antworten machen mich einfach wütend. Was ist das für eine Aussage: Ihr Danziger könnt doch reden, was ihr wollt, wir entscheiden das so, und fertig! So wurde schon immer über uns entschieden! Dann gerät mein Danziger Blut in Wallung! Es ist einfach nur wieder etwas gegen den Willen eines Rest- Volkes. Lies doch mal, wer deiner Meinung ist. Man könnte wohl zuerst mal demokratisch die Meinung mit einbeziehen. Ich denke auch an die Naturforschende Gesellschaft,wo alles ähnlich verlief.
                          Ich mag keine Fremdbestimmung!
                          Christa
                          Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                          (M. Gandhi)

                          Kommentar

                          • Christkind
                            Forum-Teilnehmer
                            • 10.02.2008
                            • 1568

                            #14
                            AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                            Zur Erinnerung vielleicht noch einmal, was damals mit dem Eigentum der Naturforschenden Gesellschaft durch den Bremer Bürgermeister geschah.

                            Die Danziger Zeitungen jubelten Ende Juni, als hätte der Bremer Bürgermeister trojanisches Gold mitgebracht. Dabei hatte Henning Scherf für die polnische Partnerstadt "nur" 853 Bibliotheksstücke im Gepäck. Es sind Bücher zur Naturkunde und Mineralogie, Reiseberichte und Architekturbände, einiges davon aus dem frühen 17. Jahrhundert, manches kostbar illustriert. Es sind alte astronomische und meteorologische Handschriften aus dem Danziger Raum. Das Schriftgut stand dereinst in der Technischen Hochschule Danzig, seit Kriegsende lagerte es in Bremen. Jetzt kam es zurück. Die Honoratioren der beiden Hansestädte ließen die Gläser klingen auf den Akt guten politischen Willens, wie er einer "Gelehrtenrepublik" im neuen Europa so recht anstünde.Man konnte das ganz wörtlich nehmen. Erst wenige Tage zuvor hatten sich wieder Intellektuelle aus beiden Ländern in Danzig getroffen, um ihre inzwischen fünfte "Begegnung zu Wissenschaft und Kultur im zusammenwachsenden Europa" vorzubereiten. Bei diesen Symposien sieht man sich in würdiger Tradition. Vom Geist der Aufklärung inspiriert, hatte seit 1743 die "Danziger Naturforschende Gesellschaft" (NFG) weit über die Region gewirkt. Ihr Leben erlosch mit dem Krieg und der Vertreibung der deutschen Danziger. Polnische Bürger etablierten 1956 ihre Gdanskie Towarzystwo Naukowe; 1993 ließ sich in Lübeck auf der Grundlage der alten Statuten eine neue Danziger NFG als Verein eintragen; beide Sozietäten entwickelten ein ersprießliches Miteinander. Dass es dazu kam, hat viel mit jenen 853 Büchern zu tun. Aber diese Geschichte ist weniger freundlich, als zu vermuten wäre.Zur Übergabefeier im Artushof sah man die polnischen Wissenschaftler um den emeritierten Physikprofessor Andrzej Januszajtis ohne ihre deutschen Partner. Für sie war es kein Freudentag. Sie betrachten die Bücher als das überkommene Eigentum ihrer wiederbegründeten Gesellschaft. Sie haben das Land Bremen verklagt, unrechtmäßig darüber verfügt zu haben, und wollen die Bände gegebenenfalls per Vollstreckungsakt nach Deutschland zurückholen lassen.Es ist eine lange, verwickelte Geschichte um diese Werke, die schicksalhaft mit Krieg und Nachkrieg in Europa verbunden sind. Es war einmal eine stattliche Bibliothek von 145 000 Bänden, die stand in der Technischen Hochschule zu Danzig und hatte im Deutschen Reich einen guten Ruf. 37 700 dieser Bücher gehörten der Danziger Naturforschenden Gesellschaft, die sie 1923 der Hochschule treuhänderisch anvertraut hatte. Als die Rote Armee vor Danzig stand, evakuierte man Teile des Technikums ins thüringische Schmalkalden; einige Zehntausend besonders wertvolle Bücher waren mit an Bord des Schnelldampfers "Deutschland", der im Januar 1945 Lehrkräfte mit ihren Familien westwärts brachte. Von der in Danzig zurückgebliebenen Bibliothek verbrannte das meiste im Feuer des Krieges.Bevor Anfang Juli 1945 in Thüringen die amerikanischen von den sowjetischen Besatzern abgelöst wurden, zogen die Wissenschaftler aus den provisorischen Danziger Instituten eilends weiter nach Württemberg. Die evakuierten Bücher ließen sie zurück. In 284 Kisten brachte sie der sowjetische Militärzug 176/8036 im August 1946 nach Moskau. Seither hat man sie nie wieder gesehen.So blieb nur noch jene kleine Kollektion von 853 Objekten, um die nun der Streit geht. Die Route ihrer Odyssee ist nicht bekannt, wohl aber ihr Retter. Der Architekturprofessor Ernst Witt, der an der TH Danzig lehrte, hatte sie in seinem Umsiedlergepäck, übergab sie 1946/47 in zwei Etappen dem Bremischen Staat zur Verwahrung. Ein Teil der Bücher kam in die Kunsthochschule, ein anderer in die Staatsbibliothek, wo man beide Bestände 1952 zum "Depositum Danzig" zusammenführte.In den 70er-Jahren hörten die Gdansker Stadtväter von dem kleinen Schatz und wollten ihn zurück. Anfang der 90er-Jahre schien Bremens damaligem Bürgermeister Hans Koschnick die Zeit dafür gekommen. Als Prof. Januszajtis, seinerzeit der Stadtpräsident von Gdansk, 1993 Bremen besuchte, überreichte man ihm zwei der ältesten und schönsten Bücher aus der Wittschen Kollektion. Diese Geste sollte unerwartete Folgen haben. Nicht zufällig gründeten daraufhin alte Danziger ihre neue NFG zu Lübeck. Ein verbissener Streit riss die Restbibliothek nun aus ihrer jahrzehntelangen Ruhe. Nur einige der Bücher waren bis dahin ab und zu ausgeliehen worden, weiß Annette Rath-Beckmann, die Direktorin der Bremer Staats- und Universitätsbibliothek, zu berichten. Als jetzt das "Depositum Danzig" verpackt wurde, fand der mit dessen Geschichte bestens vertraute Bibliothekar Thomas Elsmann "manches noch so verschnürt, wie Witt es seinerzeit angebracht haben muss".Um die 853 Objekte entbrannte ein aufwendiger Prinzipienstreit. Mit dem Staub, den man von den Regalen fegte, wurde europäische Nachkriegsgeschichte aufgewirbelt, auf dem Rücken dieser Bücher noch einmal ausgefochten, was "bewältigt" schien. Wem gehört das "Depositum Danzig"? Wohin gehört es? Wer redet da von Heimkehr? Wird es jetzt nicht endgültig seiner deutschen Heimatbindungen entrissen? Sollte die Naturforschende Gesellschaft einmal untergehen oder sich auflösen, so hatten die alten Statuten verfügt, dann sei ihr Eigentum "dem hiesigen Rathe" zu sinnfälliger Bewahrung zu übergeben. Was aber heißt "hiesig" in diesem speziellen Falle?Zwei Gutachter lieferten sich darüber eine heftige Kontroverse. Das damals CDU-geführte Bundesinnenministerium, das den Bremer Alleingang nicht guthieß, hatte den Marburger Völkerrechtler Gilbert H. Gornig, die Bremer Senatskanzlei den Bremer Juristen und Politologen Gerhard Stuby um eine Beurteilung des komplizierten Falls gebeten. Beide Professoren holen historisch weit aus; als Streitwert erscheinen nicht mehr nur zwei oder 853 Bücher, sondern gleich die ganze europäische Nachkriegsordnung.Gornig, Jahrgang 1950, hält wie sein Würzburger Doktorvater Dieter Blumenwitz die "deutsche Frage" nach wie vor für offen, weil alle territorialen Nachkriegsregelungen vom Potsdamer Abkommen bis zu den Verträgen der 90er-Jahre nur als "vorläufig" zu betrachten seien. In seinem 125-seitigen, 1999 auch als Buch erschienenen Gutachten geht er davon aus, dass die Freie Stadt Danzig de jure noch immer bestehe, da ihre Einverleibung ins Deutsche Reich durch Hitlerdeutschland von den Alliierten nie sanktioniert worden sei. Für Gornig, der Mitglied der neuen NFG zu Lübeck ist, können darum die heutigen polnischen Behörden von Danzig nicht als der "hiesige Rath" gelten. Die Treuhänderstellung für die Bücher komme der Bundesrepublik Deutschland zu, da sie das vertriebene Staatsvolk der Freien Stadt Danzig samt seinem Eigentum diplomatisch zu schützen habe. Gornig fordert, dass die "Danziger Exilorgane" - der "Rat der Danziger" und die "Vertretung der Freien Stadt Danzig" - "hierbei beteiligt werden".Gerhard Stuby kann "bei aller kollegialen Zurückhaltung" nicht umhin, Gornigs Argumentation "unverbesserlich" und "ewig gestrig" zu nennen. Zweifel an der Gültigkeit des Potsdamer Abkommens seien "spätestens mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 und den Nachfolgeverträgen be-seitigt" worden. Für Stuby ist die "Freie Stadt Danzig" 1939 als Staat untergegangen, ihr Territorium den anderen ehemals deutschen Gebieten gleichgestellt, die Polen von den Alliierten "adjudiziert" wurden. Der Anspruch auf die in Deutschland lagernden Bücher müsse hingenommen werden, da der polnische Staat auch nicht durch kriegsrechtliche Regelungen gehindert gewesen sei, das Eigentum der untergegangenen Danziger NFG zu konfiszieren.Für Hans Viktor Böttcher, der für den Vorstand der neuen Danziger NFG die Geschäfte führt, sind Stubys Positionen "überlebte Ideologien der 60er- und 70er-Jahre". Der heute 79-jährige Jurist Böttcher hatte als junger Offizier der deutschen Kriegsmarine seine Heimatstadt Danzig für Jahrzehnte zum letztenmal von See aus gesehen, als sie im Frühjahr 1945 in Flammen stand. In der Bundesrepublik wurde er zu einem der Akteure in der Vertriebenenorganisation "Bund der Danziger"; bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der Rechtsabteilung des Bundesverteidigungsministeriums. Im Gespräch mit ihm erlebt man einen verletzten Menschen, der den Verlust der Heimat bis heute nicht verwunden hat und sich den Nachkriegsrealitäten nur schwer beugen kann. "Die alten Wunden schmerzen wieder", sagt er, "die Bücher gehören zu dem wenigen, was uns von der Heimat geblieben ist, nachdem man uns dort rausgeschmissen hat. " Den um eine Generation jüngeren Gilbert Gornig dagegen "verbindet emotional gar nichts mit den Büchern". Ihm gehe es einzig um die "richtigen Rechtspositionen", auch wenn sie der bundesrepublikanischen Politik "nicht immer gepasst haben und man schnell in die rechte, revanchistische Ecke gestellt wurde". Gilbert Gornig äußert seine Genugtuung, dass er sich heute den Folgen des Zweiten Weltkrieges "viel nüchterner und unverkrampfter" zuwenden könne als etwa noch sein Großvater oder sein Onkel, die bei ihrer Wiederbegegnung mit der Heimat wie Kinder geweint hätten. Er leitete das letzte deutsch-polnische Symposium in Gdansk-Gdingen, er ediert auch die Protokollbände zu diesen Veranstaltungen. Die "glänzenden Beziehungen", die sich entwickelt haben, dürfe man sich von dem Bücherstreit nicht zerstören lassen.Wie Böttcher und Gornig einhellig erklären, habe man sich mit den Polen über die gemeinsame Nutzung der Bibliothek per Austausch und Fotokopie selbst kollegial einigen wollen. Der damaligen Bundesregierung sei das entgegengekommen, sagt der seit Jahren mit dem Fall befasste Ministerialbeamte Herbert Güttler, bis 1998 in der Kulturabteilung des Innenministeriums und heute im Kanzleramt beim Bundeskulturbeauftragten Michael Naumann tätig. Güttler sah in dieser deutsch-polnischen Kulturpartnerschaft ein "tragfähiges Modell", sich unterhalb der staatsoffiziellen Verhandlungsebene mit praktischer Vernunft auf diesem schwierigen Feld zu bewegen. Er äußert Unmut darüber, dass "Bremen macht, was es will". Um sich in Danzig feiern zu lassen, habe der Bremer Senat das Prinzip "Rückgabe nur bei Gegenleistung" verletzt, die Politik der Bundesregierung wie schon im Falle des Steinmosaiks aus dem Bernsteinzimmer unterlaufen. Schließlich lagere in Krakau und anderen polnischen Orten noch viel Kulturgut, das nach Deutschland gehört.Im vergangenen Jahr spitzte sich der Streit zu einem Duell von advokatischen Winkelzügen zu. Die Lübecker NFG kündigte der Stadt Bremen den mit Ernst Witt vereinbarten Vertrag. Noch ehe geklärt war, ob dies rechtens sein kann, entschloss sich der Bremer Senat zu einer "Translokation" des Streitguts und hat nun seine Treuhandschaft - zunächst für zehn Jahre - an die Politechnika Gdanska weitergegeben, die Eigentumsverhältnisse nach wie vor salomonisch umgehend. Hans Viktor Böttcher suchte vergebens, eine einstweilige Verfügung dagegen zu erwirken. In den USA hat man jetzt eine betagte Tochter von Ernst Witt ausfindig gemacht, die nun als Erbin von dessen Verfügungsrechten mit der neuen NFG in die Berufung und ins streitige Verfahren eintritt. Herbert Güttler hält es für unverantwortlich, dass Bremen es darauf ankommen ließ.Inzwischen sind die Bücher aus Bremen in der Politechnika Gdanska, im wiedererrichteten Hochschulgebäude in der Ulica Narutowicza, eingetroffen. Im Bibliothekssaal, ihrem angestammten Domizil, hat Professor Januszajtis sie mit Freude begrüßt. Von der alten Danziger Gesellschaft sind nur 125 Bände, 6 Hefte und rund 100 Manuskripten dabei, weitere 150 NFG-Bücher fanden sich noch in Danzig. Januszajtis ist überzeugt davon, "dass das alles hierher gehört, an seinen Ursprung".Die Klage der deutschen Kollegen hat Januszajtis enttäuscht und verstimmt. Doch zum nächsten Symposium mit ihnen, in vierzehn Tagen in Travemünde, wird er kommen und einen Vortrag halten. Er sagt, dass er die Ressentiments der vertriebenen Deutschen versteht, "darum gehen wir auch milde mit den Herren um". Aber mit einem Beschwören alter Verhältnisse, als habe es Hitlers Eroberungskrieg nie gegeben, sei nicht gut Gehen ins gemeinsame neue Europa. Januszajtis kann sich anderes vorstellen: "Viele von uns Polen könnten der neuen Danziger Naturforschenden Gesellschaft in Lübeck beitreten, und warum sollte diese nicht bald auch wieder ihren Sitz in Danzig haben, den Büchern folgend? Wir Polen haben Danzig wieder aufgebaut, und wir halten es offen für alle, die zu seiner und zu neuer europäischer Blüte beitragen wollen. Das ist der einzige Weg für eine Heimkehr. ""Wir Polen haben Danzig wieder aufgebaut. Es ist offen für alle, die zu seiner und zu Europas neuer Blüte beitragen wollen. " Danzigs Ex-Präsident Andrzej Januszajtis --- BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF Politechnika Gdansk, August 2000: Prof. Januszajtis betrachtet die nach 55 Jahren zurückgekehrten ...


                            Alte deutsche Bücher, aber Danzig war ja niemals deutsch.(Lese ich auch immer mal wieder in polnischen Foren- mit Mühe durch google übersetzt.)
                            Ich wünsche allen Bewohnern von Danzig Frieden, Frieden, nochmals Frieden.. Danzig soll blühen und gedeihen, wer immer dort nun wohnt. Aber was wahr ist, soll wahr bleiben.
                            Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
                            (M. Gandhi)

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                            • jonny810
                              Forum-Teilnehmer
                              • 10.02.2008
                              • 2423

                              #15
                              AW: Die Rückkehr des Paramentenschatzes der Danziger Marienkirche

                              Guten Morgen Christa,

                              bezugnehmend zu deinem Beitrag #13, mir geht es da nicht anders als Dir.

                              Ich reagiere auf Befehle und Unterdrückung allergisch.

                              Wenn es nach Volks-Entscheide ginge, gäbe es mehr Frieden auf der schon halb zerstörten Welt.

                              Allen einen schönen 1.Advent.
                              Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
                              "Nec Temere - Nec Timide"
                              Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

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