Sog. "Berlin Documents" /Mitgliedskarteien der NSDAP online

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  • MueGlo
    Forum-Teilnehmer
    • 11.03.2010
    • 1136

    #16
    Moin,

    noch besser als die Suchversion von "Die Zeit online" ist die KI-erstellte Version von "Der Spiegel online". Denn dort kann man nicht nur nach dem Namen, Geburtsdatum, etc. suchen sondern auch nach dem Geburtsort und dem Wohnort.

    Damit lässt sich eruieren, wie sich die NSDAP-Mitgliedschaft sukzessive durch ein Dorf frißt.

    Ich habe angefangen, das für Groß und Klein Zünder zu machen. Die Ergebnisse sind teilweise erstaunlich. Da treten Eigentümer der ältesten, traditionsreichsten und größten Höfe, denen es trotz aller wirtschaftlichen Krisen sicherlich noch ziemlich gut ging, 1931, 1932 und im März 1933 in die NSDAP ein ... ab der 1935 aufgehobenen Sperre von Neuaufnahmen beantragen weitere Bauern die Mitgliedschaft.

    Aber rund 50% der Hofbesitzer - die Zahl muss ich noch detaillierter checken - machten nicht mit. Was bedeutet das für das Zusammenleben im Dorf? Wie verändern sich die Führungsstrukturen?

    Zur Zeit lese ich Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, Frankfurt a/M 2025. Ein beeindruckendes Werk.

    Eine seiner Thesen: Die NSDAP machte ein "Aufstiegsversprechen". Die Menschen einer Schicht sollten aufsteigen können in eine höhere Schicht, zu der sie bis dahin keinen Zugang hatten. Entsprechende Arbeits- / Funktionsplätze machte man frei durch die Verdrängung von Juden. Und ansonsten ging es bzgl. der Juden nur um Raub, da der NSDAP-Staat von Anfang durch seine Ausgabenpolitik permanent vor dem Staatsbankrott stand ...

    Nur: Die o.a. führenden Familien in GrZ / KlZ dürften überhaupt keinen Aufstiegsanspruch gehabt haben, lokal waren sie schon oben. Was war es dann, was sie zur NSDAP führte?

    Mit besten Grüßen aus Potsdam, Rainer MueGlo
    "Der Mensch lebt, so lange man sich seiner erinnert!" - Afrikanisches Sprichwort

    www.Momente-im-Werder.net --- Adressbücher, Literatur, Werkzeugkasten und Momente im Danziger Werder

    Nachbarn und Hofbesitzer in Groß und Klein Zünder vom 17. bis 20. Jahrhundert:
    http://momente-im-werder.net/01_Offen/31_Gross-Zuender/Nachbarn-GrZ-KlZ/index.htm

    Kommentar

    • MueGlo
      Forum-Teilnehmer
      • 11.03.2010
      • 1136

      #17
      Moin,

      noch besser als die Suchversion von "Die Zeit online" ist die KI-erstellte Version von "Der Spiegel online". Denn dort kann man nicht nur nach dem Namen, Geburtsdatum, etc. suchen sondern auch nach dem Geburtsort und dem Wohnort.

      Damit lässt sich eruieren, wie sich die NSDAP-Mitgliedschaft sukzessive durch ein Dorf frißt.

      Ich habe angefangen, das für Groß und Klein Zünder zu machen. Die Ergebnisse sind teilweise erstaunlich. Da treten Eigentümer der ältesten, traditionsreichsten und größten Höfe, denen es trotz aller wirtschaftlichen Krisen sicherlich noch ziemlich gut ging, 1931, 1932 und im März 1933 in die NSDAP ein ... ab der 1935 aufgehobenen Sperre von Neuaufnahmen beantragen weitere Bauern die Mitgliedschaft.

      Aber rund 50% der Hofbesitzer - die Zahl muss ich noch detaillierter checken - machten nicht mit. Was bedeutet das für das Zusammenleben im Dorf? Wie verändern sich die Führungsstrukturen?

      Zur Zeit lese ich Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, Frankfurt a/M 2025. Ein beeindruckendes Werk.

      Eine seiner Thesen: Die NSDAP machte ein "Aufstiegsversprechen". Die Menschen einer Schicht sollten aufsteigen können in eine höhere Schicht, zu der sie bis dahin keinen Zugang hatten. Entsprechende Arbeits- / Funktionsplätze machte man frei durch die Verdrängung von Juden. Und ansonsten ging es bzgl. der Juden nur um Raub, da der NSDAP-Staat von Anfang durch seine Ausgabenpolitik permanent vor dem Staatsbankrott stand ...

      Nur: Die o.a. führenden Familien in GrZ / KlZ dürften überhaupt keinen Aufstiegsanspruch gehabt haben, lokal waren sie schon oben. Was war es dann, was sie zur NSDAP führte?

      Mit besten Grüßen aus Potsdam, Rainer MueGlo
      "Der Mensch lebt, so lange man sich seiner erinnert!" - Afrikanisches Sprichwort

      www.Momente-im-Werder.net --- Adressbücher, Literatur, Werkzeugkasten und Momente im Danziger Werder

      Nachbarn und Hofbesitzer in Groß und Klein Zünder vom 17. bis 20. Jahrhundert:
      http://momente-im-werder.net/01_Offen/31_Gross-Zuender/Nachbarn-GrZ-KlZ/index.htm

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      • matthias w
        Forum-Teilnehmer
        • 01.06.2020
        • 51

        #18
        Grüss Dich, Rainer!
        Zufällig bin ich auf Deinen o.a. Beitrag gestossen. Ich selber bin Nachkriegsjahrgang und kann zum Thema nichts aus eigenem Erleben beitragen. Aber ich bin schon immer an Geschichte interessiert gewesen, und habe mit der Zeit so meine eigene "Theorie" entwickelt, weshalb der Zuspruch zur NSDAP und in der Folge der Zuspruch zum Dritten Reich so früh kam, so stark war und so lange angehalten hat. Ich glaube, wir heutigen Menschen können uns überhaupt nicht (und wenn dann nur noch schwer) vorstellen, was nach Jahren/Jahrzehnten des stolzen deutschen Bürgers eines neuen Kaiserreiches seit 1870/71 und einer damals nie hinterfragten Bedeutung (neue Kolonialmacht) in der Welt passiert ist, als dieses Land nicht nur den 1.Weltkrieg begann, ihn verlor, danach allein verantwortlich gemacht wurde und dafür mit erheblichen Verlusten an Recht, Ansehen, Land und Reparationen belastet wurde, in die Inflation und die Weltwirtschaftskrise schlitterte, seit dem Kaiser keine zentrale Führungsperson mehr hatte (die fälschlich wie vergöttert wurde) und vielmehr das Geschachere in einer ungewohnten und schwachen ersten Demokratie der Weimarer Republik erleben musste. Dazu die Auseinandersetzung zweier fast gleich starker politischer Grund-Richtungen - Nazis und Kommunisten - bis auf die Strassen und in Kneipen umkämpft, wobei damals jeder das abschreckende Beispiel des russischen Kommunismus kannte und sich allenfalls vom Gegenteil eine Besserung versprechen konnte. In der Summe entstand - nach meiner Meinung - ein unstillbares Verlangen nach der festen Hand, ein Wiedererstarken des eigenen Landes aus all dem Sumpf, in dem es versunken schien und das dringende Gefühl, dazu gehören zu wollen - wieder jemand sein zu dürfen, wieder auf das eigene Land stolz sein zu dürfen, das tief empfundene Unrecht gegen Deutschland zu benennen und dagegen aktiv anzugehen. - In gewisser Weise erinnert es mich ungemein an die Gruppen, die heutzutage in den USA einen Mann wie Trump (demokratisch!) gewählt, ja sogar wiedergewählt haben (MAGA) - wenn gleich die Grundlagen dafür in den USA - meines Erachtens weitaus weniger triftig und gravierend sind, als damals in Deutschland. Und gerade deswegen zeigt es - meiner Meinung nach auch - eine gefährliche grundsätzliche Bereitschaft des Menschen, auf charismatische Politiker und Verführer hereinzufallen, die das Blaue vom Himmel versprechen - beweisen mussten/wollen sie es immer "später" - mit fatalen Folgen. Wie gesagt, das ist meine persönliche Theorie, wie es dazu gekommen ist - aber auch mit einer deutlichen Gefahr der grundsätzlichen Verführbarkeit der Menschen auch heute noch - wenn nur die Unzufriedenheit gross genug ist und lange genug anhält und thematisiert wird.
        Verzeih mir, lieber Rainer, diesen Ausbruch an politischer Meinung - da wir bisher nur bezüglich Familiengeschichte miteinander zu tun hatten. Aber das lag mir irgendwie auf der Seele.
        Ich grüsse Dich und die Forums-Mitglieder ganz herzlich aus Tübingen: Verlebt gute Tage!

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