Danziger Persönlichkeiten

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  • Daniel Hebron
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 331

    #1

    Danziger Persönlichkeiten

    Eine Episode aus der Geschichte des "Lachs"

    Carl Gottfried He(i)nrichsdorff kam um 1760 als Sohn des Carl Friedrich
    He(i)nrichsdorff und seiner II. Ehefrau Susanne geb. Rubau auf die Welt. Er heiratete am 28.10.1798 die am 03.03.1733 geborene Witwe Adelgunde Bestvater geb. Hekker. Aufgrund des hohen Altersunterschiedes der beiden Brautleute kann man davon ausgehen, dass nicht nur Liebe der Grund dieser Hochzeit war. Fuer Adelgunde Bestvater, deren Mann und deren Kinder zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben waren und fuer ihren Nachbarn Carl Gottfried He(i)inrichsdorff spielte mit Sicherheit eine Rolle, dass Adelgunde die letzte Erbin des "Lachses" war und man den "Lachs" nach ihrem Tode nicht der Staatskasse ueberlassen wollte.

    Anlaesslich seiner Hochzeit schrieb Carl Gottfried He(i)nrichsdorff als Schluss des Stammbuches der Familie Hekker aus dem "Lachs":

    "Die Frau Witwe des seel. Herrn Dirk Bestvater, juengste Tochter des seel. Herrn Dirk Hekker, verehelichte sich mit mir, Carl Gottfried Henrichsdorff, Sonntag den 28. Okt. 1798. Die Copulierung verrichtete Herr Pastor Schwarz von St. Bartholomae abends nach 5 Uhr in der Ww. ihrem Hause; bey der Copulierung war nur zugegen Hrn. Issac Kitzkatz seine Ehegattin, und mein Bruder Joh. Friedr. Henrichsdorff, Hauptmann in Preussischem Dienste. Der Pastor und mein Bruder verliessen uns schon vor 7 Uhr. Die Kitzkatz blieb zum Abendessen."

    Mit "die Kitzkatz" meinte er Johanna Levina Kitzkatz geb. de Ryter.

    Adelgunde He(i)nrichsdorff verw. Bestvater geb. Hekker verstarb am 25.07.1809 in Danzig. Nach dem Tode seiner Frau Adelgunde erbte Carl Gottfried He(i)nrichsdorff den "Lachs" und uebergab ihn irgendwann in den Jahren darauf seinem Neffen Johann Carl Friedrich He(i)nrichsdorff der mit Marianne Angelika v. Allmonde, welche auch die "Danziger Nachtigall" genannt wurde, verheiratet war. Danach erbte deren gemeinsame Tochter Maria Anna, welche in die Familie v.d. Marwitz einheiratete, den "Lachs".

    Carl Gottfried He(i)nrichsdorff starb als "Koeniglich Preussischer Commerzien- und Admiralitaets-Rat" am 31.12.1831 in Danzig.


    Quellen:

    Dorothea Weichbrodt
    "Patrizier, Buerger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig"

    Sonderschriften des Vereins fuer Familienforschung in Ost- und Westpreussen Nr. 60 "Danziger familiengeschichtliche Beitraege"
    Tu as sans doute déjà, lecteur bénévole, bien des récits sur la ville ancienne et commerçante de Dantzig....
  • Daniel Hebron
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 331

    #2
    Johann Labes

    Johann Labes -Kaufmann und Senator in Danzig

    Johann Labes wurde als Sohn des Kaufmanns Caspar Labes und seiner Frau Christine geb. Wallerstein am 29.08.1754 in Danzig geboren. Er uebernahm spaeter das Unternehmen seines Vaters, welches laut dem Danziger Adressbuch von 1797 als "Caspar Labes Erben" firmierte. Dieses Getreide- und Reedereiunternehmen war in der Brodtbaenkengasse ansaessig. Im Jahre 1800 war er der Besitzer von Jaeschkenthal. Um diese Zeit laesst er auch auf dem Johannisberg die bekannten, schoenen, gaertnerischen Anpflanzungen anlegen. Johann Labes hatte mehrere Geschwister unter denen man seinen juengeren Bruder Friedrich hervorheben sollte, mit welchem er Holland und England bereiste und der seit 01.05.1805 (Eheschliessung in Luebeck) mit Adelgunde Christina v. Groddeck, einer Tochter des Michael v. Groddeck verheiratet war. Er selbst heiratete am 15.02.1757 Susanne Jakobine Mahl.

    Politisch gesehen war er im "alten" Danzig vor dem 07.05.1793, also vor der preussischen Besitznahme, von 1789 an Mitglied der III. Ordnung (Koggenquartier). Waehrend der als "Franzosenzeit" bekannten Aera zwischen 1807 und 1813/14 war Johann Labes seit 1807 Senator, dankte Ende November 1808 ab und verstarb an einem Nervenfieber am 07.Juli 1809 in Jaeschkental/Langfuhr.



    Quellen:

    -Peter v. Groddeck aus
    "Familienbuch der Familie v. Groddeck-Groddeck"
    -Dorothea Weichbrodt geb. v. Tiedemann
    "Patrizier, Buerger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig"
    -Erich Keyser
    "Danzigs Geschichte"
    -aus den "Sonderschriften des Vereins fuer Familienforschung in Ost- und Westpreussen":
    --Nr. 63 Joachim Zdrenka
    "Rats- und Gerichtspatriziat der Rechten Stadt Danzig Teil II 1526-1792"
    --Nr. 89 Reinhard Wenzel
    "Das Danziger Adressbuchwesen"
    --Nr. 96 Joachim Zdrenka
    "Rats- und Gerichtspatriziat der Stadt Danzig in napoleonischer Zeit
    1807-1813/14.
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    • Daniel Hebron
      Forum-Teilnehmer
      • 10.02.2008
      • 331

      #3
      Lucas Koeding

      Lucas Koeding (andere, phonetisch uebernommene Schreibweisen: Kaeding, Keding, Keting, Ketink, Kething, Kedinc, Kedingh, Kedyng, Kedding, Kedynngk - allerdings wird er in dem massgebenden Werk, dem "Verzeichnis derer Personen des Raths und Gerichts der Rechten Stadt von A° 1392 .... [bis 1792]...." von Johann Heinrich Morgner, Danzig, "Koeding" geschrieben, was ich auch uebernehme) ist namentlich nicht besonders bekannt. Aber jeder, der die Danziger Marienkirche besucht und einen Blick nach oben wirft, sieht sie: die Triumphkreuzgruppe, oder auch das grosse Kruzifix von St. Marien genannt. Diese wurde von ihm im Jahre 1517 gestiftet. Auf das Leben und die Familie dieses Mannes moechte ich hier etwas naeher eingehen. Dieser soll ca. 1455 in Danzig geboren sein, wobei das ungefaehre Geburtsjahr stimmen kann, ich aber in Frage stelle, ob Danzig als Geburtsort stimmt. So wird er, in den "Danziger Ahnen des Generalfeldmarschalls v. Beneckendorf und v. Hindenburg" als Ahn Nr. 30 der Liste III: Ahnenliste Elisabeth Giese geb. Bornbach 1557-1627, genannt. Als dessen Vater mit der Listennr. 60 wird dann der 1440 verstorbene Fleischhauer Hans Ketting angegeben. Es war aber zu jener Zeit schon rein biologisch nicht moeglich, dass jemand, der 1440 verstorben ist, ca. 15 Jahre nach seinem Tode, d.h. so um 1455 einen Sohn zeugen kann. Persoenlich nehme ich an, dass der Vater von Lucas Koeding schon ein Johann oder Hans war, aber halt nicht jener Danziger Fleischhauer und Altstadtrat sondern eher wahrscheinlich ein Spross aus der gleichnamigen Ritter- und Ministralienfamilie war, welche laut Dorothea Weichbrodt's Werk "Patrizier, Buerger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig" in Ritterschaft und Patriziat der Hansestaedte von Luebeck bis Riga vertreten war. Als weiteres Indiz dafuer dient auch, dass ein elitaer denkender Patrizier wie Johann Winkeldorf - auf den ich spaeter noch etwas naeher eingehen werde - der zu jener Zeit der Pfandherr der Halbinsel Hela gewesen ist, seine Tochter wohl eher ertraenkt oder in's Kloster geschickt haette als sie dem Sohn eines altstaedtischen Fleischers zur Frau zu geben.

      Ueber die Kindheit und Jugendzeit sowie ueber die Ausbildung des Lucas ist so gut wie nichts bekannt. Allerdings muss er ein gewisses Mass an Ausbildung gehabt haben, da er zu spaeterer Zeit sehr oft als Gesandter Danzig's in Hanseangelegenheiten unterwegs war und als Fernkaufmann bezeichnet wurde. Am 25.09.1485 heiratete er in Danzig die Tochter des Patriziers Johann Winkeldorf und der Katharina Buddingk namens Elisabeth. Johann Winkeldorf war seit 1464 Schoeffe und seit 1469 im Rat der Stadt Danzig sowie 1475 Richter. Lucas Koeding war seit 1494 Schoeffe und stieg nach Winkeldorf's Tod im Jahre 1495, 1496 in den Rat auf. Im Renaissancejahr 1500 war er Richter.

      Aus der Ehe mit Elisabeth Winkeldorf gingen drei [bekannte] Kinder hervor, namentlich der Sohn Lucas, welcher 1486 in Danzig das Licht der Welt erblickte, in den Jahren 1508/09 in Leipzig studierte und spaeter auch Fernkaufmann wurde wie sein Vater. Dieser Sohn hinterliess bei seinem Tode 1533 in Danzig unter anderem ebenfalls einen Sohn mit Vornamen Lucas, welcher am 18.09.1576 in Danzig verstarb. Desweiteren hatte Lucas Koeding noch zwei Toechter. Die aeltere, Catharina, geboren am 20.09.1487 in Danzig, war insgesamt dreimal verheiratet. Das erste Mal verheiratet war sie seit dem 24.10.1507 mit Albrecht Giese (1474-1513), das zweite Mal heiratete sie um 1515 Marcus Gaul und zuguterletzt heiratete sie am 08.10.1521 Jakob Hoefener. Da Catherina sexuell nicht gerade inaktiv war, gingen aus jeder dieser Beziehungen Kinder hervor. Diese allerdings hier einzeln zu benennen wuerde den mir vorgenommenen Rahmen sprengen. Die juengere Tochter des Lucas Koeding hiess mit Vornamen Elisabeth und wurde um 1490 in Danzig geboren. Am 16.01.1513 heiratete sie den Danziger Buergermeister Matthias Lange der 1529 in Danzig verstarb. Ein Sohn der beiden - Johann Lange war Schoeffe in Danzig, hat aber am 22.03.1570 abgedankt und ist nach Thorn gezogen. Dort war er dann seit 1573 Schoeffe, spaeter, seit 1574 im Rat der Stadt Thorn und im Jahre 1578 dort Richter. Etwa zwei Jahre nach dem Tode des Matthias Lange heiratete Elisabeth am 28.01.1532 in Danzig den Witwer Johannes Thor Beke, auch "von der Beke" genannt. Sie starb nach 1558 ebenfalls in Danzig.

      Nachdem seine Frau Elisabeth Winkeldorf 1497 in Danzig verstorben war, heiratete Lucas Koeding um 1500 die Gerdtke Rogge, eine Tochter des Heinrich Rogge und der Barbara Mandt. Sie starb am 24.10.1515 in Danzig.

      In den meisten Chroniken wird Lucas Koeding eher spaerlich behandelt, so meist oft nur als Stifter des grossen Kruzifixes in der Marienkirche genannt, als Giese und Hindenburgahn bezeichnet oder, dass er derjenige war, der 1506 den Kalk fuer den Danziger Stockturm lieferte, der damals um zwei Stockwerke erhoeht wurde. So sollte hier dennoch nicht unerwaehnt bleiben, dass er im Jahre 1516 auf der Heimfahrt von einer Tagfahrt nach Luebeck mit dem Buergermeister Eberhardt Ferber zusammen auf der Heerstrasse von Lauenburg nach Danzig von dem Raubritter Hans Krockow ueberfallen wurde. Es erweckt in mir den Eindruck, als waeren Eberhardt Ferber und Lucas Koeding nicht besonders begeistert von dieser Aktion gewesen, denn noch im selben Jahre wurde Krockow gefangen genommen, gefoltert und schliesslich mit drei seiner Gesellen vor dem hohen Tor in Danzig gekoepft. Danach wurde Krockow's Kopf, wohl zur Abschreckung, auf einer Stange beim Heiligleichnamstor aufgesteckt.

      Lucas Koeding starb am 19.07.1519 in Danzig, wohlwissend, mit der Stiftung der Triumphkreuzgruppe etwas zurueckzulassen was mehr ist als der uebliche Epitaph oder Kirchenstein.




      QUELLEN:

      - "StamRegister und Abkuenfte etzlicher vornehmen Geschlechter und Familien in der Koen. Stadt Dantzig" APG Sygn 300/Le 28 s. 31

      - "Verzeichniss derer Personen des Raths und Gerichts der Rechten Stadt von A° 1392...[bis 1792].... von Johann Heinrich Morgner, Danzig

      - "Geschichte der Stadt Danzig" Band 1 bis 1517 von Paul Simson

      - "Patrizier, Buerger, Einwohner der Freien und Hansestadt Danzig" von Dorothea Weichbrodt geb. v. Tiedemann

      - "Rats- und Gerichtspatriziat der Rechten Stadt Danzig" Teil I und Teil II von Joachim Zdrenka aus den Sonderschriften des Vereins fuer Familienforschung in Ost- und Westpreussen Nr. 63

      - "Die Danziger Patrizierfamilie Giese" von Artur Giese und "Danziger Ahnen des Generalfeldmarschalls v. Beneckendorf und v. Hindenburg" von Karl Albrecht v. Groddeck in "Danziger familiengeschichtliche Beitraege" aus den Sonderschriften des Vereins fuer Familienforschung in Ost- und Westpreussen Nr. 60
      Tu as sans doute déjà, lecteur bénévole, bien des récits sur la ville ancienne et commerçante de Dantzig....

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      • Anonymus

        #4
        Lech Walessa 65. Geb.

        Liebe Danziger Freunde,

        soviel ich nach Oeffnen des nachfolgenden Link's lesen kann, gratuliert der President von Danzig - Pawel Adamowicz - Lech Walessa zu seinem 65. Geburtstag und wuerdigt gleichzeitig sein Leben.



        Ich meine, auch wir Deutsche haben Grund, Lech Walessa zu gratulieren und ihm alles Gute fuer die naechsten Jahre zu wuenschen.
        Das Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen durch die Gewerkschaft "Solidarnoc", bedeutete ja dann auch den Anfang vom Ende der DDR. Was folgte war die langersehnte Wiedervereinigung unseres deutschen Vaterlandes.

        Viele Gruesse
        Ohrscher Siegfried

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        • Heibuder
          Forum-Teilnehmer
          • 10.02.2008
          • 751

          #5
          Zitat von Ohrscher 33-46
          ... soviel ich nach Oeffnen des nachfolgenden Link's lesen kann, gratuliert der President von Danzig - Pawel Adamowicz -
          Lech Walessa zu seinem 65. Geburtstag und wuerdigt gleichzeitig sein Leben.
          ....
          Weiß jemand, ob Anna Walentynowicz, die Heldin von Danzig am 15. August ebenso gewürdigt worden ist?
          Es grüßt der Heibuder!

          "Erinnerungen sind Wärmflaschen fürs Herz." (R.Fernau)

          Kommentar

          • jonny810
            Forum-Teilnehmer
            • 10.02.2008
            • 2423

            #6
            Lech Walesa

            [QUOTE=Joniszus371008


            Nein, davon habe ich nichts gehört.


            Was ich allerdings gehört habe, und das von einem Polen, dass Lechu eine

            vorgeschobene Strohpuppe gewesen sei.

            Der Umsturz ist angeblich schon beschlossene Sache gewesen, und wurde

            von Leuten aus anderen Schichten gesteuert.

            Hier in Unterfranken sagt man: waas mers?

            Einen schönen Abend wünscht allen, Erhart vom Schüsseldamm
            Es grüßt herzlich, Erhart vom Schüsseldamm.
            "Nec Temere - Nec Timide"
            Eine Freundschaft ist das, was man aus ihr macht. EKJ

            Kommentar

            • Helga +, Ehrenmitglied
              Moderatorin
              • 10.02.2008
              • 1948

              #7
              Walter Domansky

              entnommen aus Danziger Hauskalender 1957

              Danzig, mien leewet es, dat mi gefällt,
              dats doch de scheenste Stadt en disse Welt.
              Danzig, mien leewet, heft Hart mi onn Senn
              ganz onn för emmer genoahme doahenn.
              Danzig, mien leewet, mien Voaderstadt god,
              benn di verschreewe met Liew onn met Blot.

              von Walter Domansky
              Viele Grüße
              Helga

              "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)

              Kommentar

              • Wolfgang
                Forumbetreiber
                • 10.02.2008
                • 11623

                #8
                Die Gottschedin

                Aus "Unser Danzig", 4.Jahrgang, Nr.8, vom August 1952, Seite 13

                Die Gottschedin
                Von Gert. Schoenhoff.

                Eine der berühmtesten Frauen im 18. Jahrhundert war Luise Adelgunde Viktoria Gottsched, geborene Kulmus, die als Tochter des Dr. med. Kulmus am 11. April 1713 in der damaligen Freien Stadt Danzig zur Welt kam und als „die Gottschedin" in der deutschen Literaturgeschichte fortlebt.

                Luise Gottsched war nicht nur eine der gelehrtesten Frauen ihres Jahrhunderts, sondern auch die erste erfolgreiche deutsche Bühnendichterin, was besonders viel besagte zu jener Zeit, da die öffentliche Betätigung geistiger Talente bei Frauen eine ebenso seltene wie zweifelhafte Ausnahme bildete.

                Sechzehn Jahre war Luise alt, als das Schicksal sie mit einem der gelehrtesten Männer zusammenführte: Johann Christoph Gottsched, Professor an der Universität Leipzig, der sechs Jahre später ihr Gatte wurde. Die Jungmädchenjahre der schönen und klugen Danzigerin fielen in jene bewegte Epoche, als der Streit um die polnische Thronfolge zwischen August III. von Sachsen und Stanislaus Leszczynski wogte, der Danzig eine langwährende Leidenszeit durch die russische Belagerung brachte (1733—36). Leszczynski wohnte damals auf Langgarten,, wo sich der tägliche Korso abspielte.

                In einem interessanten Bericht des französischen Gesandtschaftssekretärs Tercier aus jener Zeit heißt es u. a., dass „die Boulevards von Paris, die Gärten von Versailles keinen so ergötzlichen Anblick bieten wie dies Langgarten". Er schildert die orientalisch phantastische Ausstattung der polnischen Großen, die kostbar prächtige Gewandung der Danziger Bürgermeister und Ratsherren, sowie die „buntscheckige Kleidung der ehrbaren Kauf und Handelsherren, die den Neid eines brasilianischen Papageis erregen könnten", und schließlich erzählt er: „Das Schönste und Erfreulichste aber sind die Damen; ich kenne kein Land, wo sie im allgemeinen so schön sind wie hier. Sie sind alle sehr weiß und von großem Liebreiz. Am besten gefällt, mir die Familie Kulmus, die leider im Augenblick unter den vielen unglücklichen eine der unglücklichsten ist. Nachdem sie ihre dem Bombardement stark ausgesetzte Wohnung in der Jopengasse bei Nacht verlassen und sich nach Brabank geflüchtet hatte, erkrankte die Mutter und starb. Die beiden liebenswürdigen Töchter sind untröstlich, besonders die reizende Luise. Diese ist eines der anziehendsten Mädchen, die ich kenne. Sie ist ungemein geistvoll und spricht französisch wie eine Pariserin. Ihren schmachtenden Blauaugen ist unschwer anzumerken, dass sie einen Schatz hat. Sie ist die Braut eines Magisters Gottsched in Leipzig. Da meine Stellung mir Gelegenheit zur Beförderung von Briefen gibt, habe ich die Ehre, zum Postillon d'amour ausersehen zu sein. Meiner Pflicht gemäß erbitte ich mir natürlich die Briefe stets offen, um die Gesandtschaft nicht etwa zu kompromittieren."

                Im Jahre 1735 kam Luise als Frau Gottsched nach Leipzig. Die Zeit ihres Brautstandes hatte sie nicht dazu benutzt - wie sonst bei jungen Mädchen in jener Zeit üblich - sich ausschließlich auf den Ehestand vorzubereiten, sondern damit ausgefüllt, sich zu munterm Ritt auf den Pegasus zu schwingen. Dabei entsprang dem hübschen Köpfchen der „zehnten Muse" (wie sie von ihren Freunden und Verehrern in ehrlicher Huldigung genannt wurde) ein satirisches Lustspiel „Die Pietisterey im Fischbeinrock" (Reifrock), ein ebenso mutiges wie witziges Kampfstück gegen das damals herrschende scheinheilige Muckertum. Weitere Stücke („Die Hausfranzösin" u. a.), die gleich spottlustig gegen die überhand nehmende Fremdtümelei und französische Modetyrannei zu Felde zogen, bestätigten ihren Ruhm und reihten ihren Namen unter die der Großen ihrer Zeit. Obwohl die Gottschedin Französisch, Italienisch und Spanisch meisterhaft beherrschte und aus diesen Sprachen für die deutsche Bühne übersetzte, war sie, zusammen mit ihrem Gatten, bemüht, ein reines deutsches Theater zu schaffen. Ihr gebührt auch der Ruhm, die Schöpferin eines eigenen deutschen Briefstils zu sein, wie die umfangreiche Sammlung ihrer interessanten, sprachlich gepflegten Briefe bezeugt. Damals war es in der gebildeten Welt üblich, wissenschaftlich lateinisch und gesellschaftlich französisch zu schreiben.

                Johann Christoph Gottsched, am 2. Februar 1700 in Juditten bei Königsberg (Ostpreußen) geboren, wirkte seit 1730 als Professor der Dichtkunst und der Philosophie an der Universität Leipzig und betätigte sich hauptsächlich als Übersetzer der damals tonangebenden französischen Lustspielliteratur. Während die Werke seiner Gattin sich durch geistreichen, schlagfertigen Witz auszeichneten, waren seine eigenen Dichtungen nach zünftigem Urteil von minder beschwingter Phantasie und mehr schulmeisterlicher Pedanterie. Immerhin wurde ihm von Friedrich dem Großen ein Dichterpreis verliehen. Wirklich verdient gemacht um die deutsche Literatur und Sprachwissenschaft hat er sich als Forscher und Kritiker sowie als Verfasser der ersten Geschichte der deutschen Sprache und der deutschen Literatur. Als Herausgeber der ersten deutschen Unterhaltungszeitschritt war er jahrelang von maßgebendem Einfluss in der Literaturwelt. Sein unbestrittenes Verdienst war auch der Kampf gegen die damals die deutsche Bühne beherrschende derb komische Figur des Hanswurst, wobei ihm seine Frau - wie auch die damals berühmteste deutsche Schauspielerin, die Neuberin - tatkräftig unterstützte.

                Von den Musen geliebt, von den Menschen geehrt, lebte die Gottschedin gern in dieser Welt, die - wie sie sagte - „nirgend schöner und munterer ist als in deutschen Landen". Dennoch musste sie sie früh verlassen; neunundvierzigjährig starb sie am 26. Juni 1762 in Leipzig, während ihr um dreizehn Jahre älterer Mann ihr am 12. Dezember 1766 in die Ewigkeit folgte.

                -----

                Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

                Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung durch den Rechteinhaber:
                Bund der Danziger
                Fleischhauerstr. 37
                23552 Lübeck

                Bei vom Bund der Danziger genehmigten Veröffentlichungen ist zusätzlich ist die Angabe "Übernommen aus dem forum.danzig.de" erforderlich.

                -----

                Viele Grüße aus dem Werder
                Wolfgang
                Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
                Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

                Kommentar

                • Wolfgang
                  Forumbetreiber
                  • 10.02.2008
                  • 11623

                  #9
                  Werner H. Gapert: Unsere Originale

                  Vom Großvater Rene Gaperts stammt folgender Artikel aus:

                  Aus „Unser Danzig“, 1950, Hefte Nr. 04 vom April 1950

                  Unsere Originale
                  von Werner H. Gapert


                  Originale gab es und wird es immer geben. In jedem Dorf, jeder Stadt, überall dort, wo viele Menschen in organisierten Gemeinschaften zusammenleben, treten sie auf. Es sind Menschen, die durch ihre Eigenart, durch irgendwelche schrulligen Absonderlichkeiten auffallen. Sehr oft ist ihnen eine unfreiwillige Komik zu eigen, wodurch sie uns, ob wir wollen oder nicht, ein Lächeln abnötigen. Trotzdem fühlen wir uns ihnen irgendwie verbunden. Sie sind es, die uns den grauen Alltag durch ihr tragikomisches Betragen erhellen. Wer kennt sie nicht, die Tagediebe, Pennbrüder und seltsamen Straßenmusikanten mit ihren oft noch seltsameren Instrumenten? Welcher Danziger schmunzelt nicht unwillkürlich, wenn er sich des „schuckernen Brunos“ erinnert? Ihr kennt ihn doch sicher, nicht wahr?

                  Ich sehe ihn noch lebhaft vor mir, wie er durch die Gassen unserer lieben, alten Heimatstadt latschte. Stets ging er in Cutaway und gestreifter Hose. Den Stock trug er der Einfachheit halber über den Arm. Ja, Brunchen war ein Gentleman vom Scheitel bis zu den Plattfüßen, das musste ihm der Neid lassen. Er wusste jedenfalls, was sich gehörte. Bei Hochzeiten, Kindstaufen und Begräbnissen durfte er nicht fehlen. Bei derartigen familiären Anlässen stand er feierlich vor den Kirchentüren und öffnete dienstbeflissen den Schlag der Hochzeitskutsche, wobei er niemals vergaß, sich zu verbeugen. Er tat das immer mit einer gewissen Würde, zum größten Gaudium der Schaulustigen. Man hatte nicht immer Verständnis für seine unbeholfenen Dienstleistungen, und es kam auch schon mal vor, dass Brunchen von einer empörten Braut eine schallende Ohrfeige erhielt, da sie sich beim Aussteigen aus der Hochzeitskutsche durch sein Erscheinen geniert fühlte.

                  Wenn jemand das Zeitliche gesegnet und zu Grabe getragen wurde, so mischte sich Brunchen mit betrübter Miene unter die Leidtragenden. Er freute sich mit den Feiernden und trauerte mit den Betrübten. Brunchen war eben überall dabei und tat so, als wäre seine ungebetene Teilnahme die selbstverständlichste Sache von der Welt. Oft sah man ihn an der Seite des Verkehrspolizisten am Langen Markt, Ecke Melzergasse, den Verkehr regeln. Eifrig schwenkte er die Arme wie jener, und nichts konnte ihn davon abhalten, seine Pflicht im Dienste der Allgemeinheit zu erfüllen. So nahm er u. a. auch das Recht für sich in Anspruch, stets gratis und franko mit der Straßenbahn oder dem Autobus zu fahren. Die Schaffner respektierten gutmütig seine Eigenmächtigkeit und ließen ihn ruhig gewähren. Er war eben ein harmloser Kauz und tat niemandem etwas zuleide. Seine kleinen Streiche verübte er mit einer ernsthaften Miene und tat alles mit einem beflissenen Eifer. Man konnte ihm einfach nicht böse sein.

                  Damals, als noch die alte Krantorfähre mittels Menschenkraft über die Mottlau gezogen wurde, versah „Paulchen“ den wichtigen Dienst des Fährmanns. „Paulchen vonne Krantorfähr“, wie er allgemein genannt wurde, war ein wetterharter Mann von mittlerer Statur, versoffen zwar, aber von bescheidenem Wesen, dabei treu und mit einem sanften Gemüte begabt. Sein Kopf war leider etwas platt gedrückt, wodurch sein Gesicht unverhältnismäßig breit und rund wirkte. Unter buschigen Brauen schauten ein Paar gutmütige Augen zwinkernd in die Welt. Er hatte stets rote Bäckchen wie ein Posaunenengel, und ein mächtiger Schnauzbart hing ihm melancholisch unter seiner roten, knolligen Nase herab. Paulchen liebte nur zwei Dinge auf der Welt: seine Fähre und den Machandel. Eigentlich war er immer etwas „im Tran“, wenn er seine Menschenfracht über die Mottlau zog. Man sagte von ihm, dass er für ein „Quartierchen“ selbst seine Großmutter verkaufen würde. In einer Silvesternacht widerfuhr nun unserem prominenten Fährmanne ein arges Missgeschick. Es war bitterkalt an diesem Abend. Paulchen befand sich, wie immer, im Dienst und zog ruhig und gelassen seine Fähre über den Fluss und nahm dabei ab und zu einen kräftigen Schluck aus der Flasche, um sich damit innerlich zu erwärmen. Mittlerweile wurde es allmählich Feierabend für ihn; da es gegen 10 Uhr abends war, gesellte sich zu seiner Besäufnis eine rechtschaffene Müdigkeit, die ihn Zeit und Umwelt vergessen ließen. Als er seine Fähre an der Anlegestelle Schäferei festgemacht hatte, schlief er sogleich an Ort und Stelle aus oben genannten Gründen friedlich ein. Er lag der Länge nach auf dem Rande der Fähre, wobei sein linker Arm in das eisige Wasser der Mottlau tauchte. Ein Glück, dass Paulchens Joppenärmel viel zu lang waren, es hätte sonst recht übel für ihn ausgehen können, denn als man ihn einige Stunden später auffand, war sein Joppenärmel im Wasser regelrecht eingefroren. Diese Nacht soll er übrigens gut überstanden haben.

                  Ein seltsames Exemplar seiner Gattung war Hermann, der Pfeifer. Wie Brunchen trug er bei seinen Straßentourneen einen feierlichen Cut, der infolge jahrelangen Gebrauchs leider etwas ramponiert aussah. Einen Hut oder eine Mütze trug er nie, soweit ich mich entsinnen kann. Hermann war ein großer, hagerer Mann. Er ging immer etwas schleppend und vornübergebeugt. Das dichte, graue Haar pflegte er stets sauber gescheitelt zu tragen. Früher muss er ein recht stattlicher Kerl gewesen sein, aber widrige Lebensumstände mögen ihn nach dem Ende des ersten Weltkrieges aus der Bahn geworfen haben. Man sah es ihm auf hundert Schritt an, dass er dem Alkoholteufel rettungslos verfallen war. Sein Gesicht war vom ewigen Suff gedunsen. Mit seinen verquollenen Augen schaute er recht hilflos drein. Hermann war ein „Hofmusikant“. Vorzugsweise beehrte er die Hinterhöfe auf der Niederstadt mit seinen Darbietungen und gab dort fast täglich ein Ständchen mit seiner Querpfeife. Sein ganzes Repertoire bestand nur aus einem einzigen Stück, nämlich der Polka „So lang sich Katz' hat Ohren“, die er mit einer wahren Begeisterung spielte. Diese Parodie auf das Polentum pflegte er stets mit einer entsprechenden Mimik zu pfeifen, die einfach zwerchfellerschütternd wirkte. Den Refrain sang er dann mit seiner versoffenen, zitterigen Stimme. Die Kinder kreischten vor Vergnügen, wenn er das „dobsche, dobsche, dralla“ so unnachahmlich darbrachte. Die lachenden Hausfrauen warfen ihm die Dittchen in reichlichem Maße zu, wobei er ihnen eine regelrechte Liebeserklärung machte.[...]

                  Die Älteren unter uns werden sich wohl noch des alten Hildebrand entsinnen können, der lange vor dem ersten Weltkriege auf der Langen Brücke herumbettelte. Gab ihm jemand ein Dittchen, so stand Hildebrand vor ihm stramm und präsentierte mit seinem Stocke, wie ein Rekrut vor seinem General. Zuweilen pflegte er auf seinem Stocke herumzupfeifen, wenn es ihm in den Sinn kam.

                  Ein Zeitgenosse Hildebrands war der lange Mierau aus Heubude, ein Vagabund und Bettler von einem geradezu klassischen Format. Im Gegensatz zu ersterem war er ein großer, starkleibiger Kerl, der es zeit seines Lebens gar meisterhaft verstand, der Arbeit geschickt aus dem Wege zu gehen. Seine gesamte Kleidung trug er auf dem Leibe. Es machte ihm nichts aus, auch sommers drei bis vier Westen und ebenso viele Jacketts übereinander zu tragen. Oft wurde er von den Arbeitern auf dem Holzfelde zu einem Machandelchen eingeladen, was er nie ausschlug. Dabei konnte er beachtliche Mengen von Knackwurst vertilgen, die man ihm ab und zu spendierte. Dann erzählte Mierau allerlei Wippchen aus seinem Leben und unterhielt auf diese Weise die ganze lustige Gesellschaft. Die erbettelten Dittchen legte er regelmäßig in Fusel an. Nach einem langen und für die bürgerliche Gesellschaft nutzlosen Leben fand Mierau ein unerwartet tragisches Ende. In Bürgerwiesen wurde er kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges von einigen betrunkenen Fleischergesellen erschlagen.

                  Man kann die Originale unserer an Besonderheiten so reichen Stadt unmöglich alle aufzählen. Die Reihe ließe sich wahrlich um eine Menge fortsetzen, allein das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Dem Chronisten bleibt es jedoch vorbehalten, die Tippelbrüder, Vagabunden und Harfenjulen mitzuerwähnen, wenn er die wechselvolle Geschiente unserer Heimatstadt beschreibt, in der auch Menschen solcher Art ihr Wesen getrieben haben. Wir wollen dabei unsere Käuze und Tagediebe nicht vergessen.

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                  Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

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                  Viele Grüße aus dem Werder
                  Wolfgang
                  Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                  Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
                  Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

                  Kommentar

                  • RenéDublin
                    Forum-Teilnehmer
                    • 10.02.2008
                    • 301

                    #10
                    Lieber Wolfgang,

                    vielen Dank fuer diesen Beitrag. Da ich leider nichts Schriftliches von meinem Grossvater habe, sind diese eingestellten Berichte fuer mich Gold wert!

                    Danke nochmals,
                    René
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                    • Wolfgang
                      Forumbetreiber
                      • 10.02.2008
                      • 11623

                      #11
                      Carl Demolsky

                      In Erinnerung an den Geburtstag von Carl Demolsky, dessen Geburtstag sich heute jährt. Er wurde am 21.06.1885 in Danzig geboren. Vielleicht erinnert sich der/die Eine oder Andere noch an ihn.

                      Der folgende Nachruf zeigt zusammengefasst sein Leben auf:


                      Aus „Unser Danzig“, 1950, Hefte Nr. 04, vom April 1950

                      Carl Demolsky in Danzig gestorben

                      Viele Danziger werden ihn kennen, den allzeit frohen und freundlichen Carl Demolsky, Musiker, Chordirigent, Sänger, Komponist und Dichter - vor allem aber Danziger, mit ganzer Seele Danziger! Er ist nun in seiner Heimat gestorben. Ihm seien einige Worte des Gedenkens gewidmet.

                      Die Familie Demolsky lebte seit vielen Generationen in Danzig. Der Vater von Carl Demolsky, ein begabter Maler, wanderte als junger Geselle durch ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich, blieb schließlich 30 Jahre lang in Wien, kehrte dann aber als 60jähriger in seine Heimat zurück. Die Mutter, hochmusikalisch, als Pianistin und Sängerin gleich begabt, war ebenfalls eine gebürtige Danzigerin. Das Ehepaar wohnte in der Jopengasse, und hier wurde am 21. Juni 1885 Carl Demolsky geboren. Die Eltern verließen bald die Stadt und übernahmen in Oliva die bekannte Gaststätte „Schweizerhaus“ am Fuße des Karlsberges. Hier wuchs nun der Sohn frisch und fröhlich auf. Die sorglose Jugend in dem gastfreien, kunstliebenden Elternhaus hat auf den Knaben und seine spätere künstlerische Entwicklung ganz gewiss einen entscheidenden Einfluss ausgeübt. Nach frühem musikalischen Unterricht ging Carl Demolsky als 17jähriger zu dem „Stadtpfeifer“ Pelz in Marienburg in die Lehre, um auch die praktische Seite der Musik kennenzulernen. Er hat oft von den frohen Landhochzeiten und Familienfesten der reichen Werderbauern erzählt, bei denen er als „Pelz-Schüler“ zu Tanze aufspielte. Mit 20 Jahren trat er in das Musikkorps der 61er zu Thorn ein und später in die bekannte Danziger Militärkapelle des Carl Theil. Hier wirkte er bis zum Tode dieses sehr beliebten Musikers. Gleichzeitig war Demolsky Dirigent des Soldatenchors in der Garnisonkirche St. Elisabeth zu Danzig. Später hat er den Chor der Danziger Zollbeamten und fast 15 Jahre lang den Gesangverein der Danziger Buchdrucker geleitet und sehr beachtliche Konzerte veranstaltet. Vor allem aber muss der Volksliedersingchor beim Reichssender Danzig genannt werden, der unter Demolskys Leitung noch bis zum März 1945 die schönsten deutschen Volkslieder sendete.

                      Neben dieser Tätigkeit als Chordirigent war er aber auch allgemein bekannt und beliebt als Sänger. In wie vielen Kirchen- und Privatkonzerten hat er gesungen! Ebenso in den Operetten- und Liebhaber-Aufführungen des Dr. Burow im Wilhelm-Theater und im Schützenhaus. Sein strahlend schöner Bariton gewann ihm überall Freunde, und sein gastfreies Haus in der Matzkausche Gasse war der Treffpunkt vieler musikalischer Danziger. Er besaß ein wahrhaft unerschöpfliches, kostbares Notenarchiv der gesamten Musikliteratur und war natürlich auch selber? ein eifriger und genialer Komponist. Zirka 50 Lieder nach Texten von Goethe, Storm, Eichendorff und auch nach eigenen Dichtungen, mehrere Chorballaden, Konzertstücke für Geige, Cello, Kontrabass (mit Orchester), eine große Oper, zwei Operetten und ungezählte andere Kompositionen hat er geschrieben. Seine umfassende Kenntnis aller Instrumente befähigte ihn dazu, seine eigenen und fremde Werke auf das beste zu instrumentieren. Seine dichterische Begabung, die vielen Sinnsprüche und Verse, sein letztes großes Werk: eine poetische Deutung der Eroika-Symphonie, seine interessanten Vorträge über Musik, die er oft mit eigenen Gesangsvorträgen erläuterte, die begeisterten Schilderungen seiner Reisen durch ganz Deutschland, von denen er die schönsten oft farbigen Filme mitbrachte und im Freundeskreis vorführte - dies alles muss erwähnt werden, um Carl Demolsky zu charakterisieren.

                      Der Krieg und das Kriegsende haben Demolskys Tätigkeit natürlich gehemmt und unterbrochen. Er hat viel Schweres durchgemacht, ist aber mit seiner Gattin zusammen in Danzig geblieben. Schon im Sommer 1945 wirkte er bei den musikalischen Veranstaltungen wieder mit. Er leitete auch den Chor der evangelischen Gemeinde, den später Fräulein Hertha Krieschen übernahm. Von 1945 bis 1948 war er Mitglied der Baltischen Philharmonie als Geiger und hat auch wieder in Kirchen und privaten Hauskonzerten gesungen. Seine Lust am Komponieren erwachte von neuem, seine Befähigung, fremde Werke zu orchestrieren, brachte ihm viele Aufträge - bis der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm. Nach dem letzten Konzert in der Kirche zu Altschottland am 14. September 1949, in dem er ein selbst komponiertes Ave Maria sang, wurde er schwer krank. Nach qualvollem Leiden starb er am 5. Oktober 1949 im ehemaligen Diakonissen-Krankenhaus zu Danzig, Er wurde auf dem Garnisonsfriedhof vor dem Olivaer Tor begraben. Eine sehr zahlreiche Gemeinde seiner Danziger Freunde gab ihm das letzte Ehrengeleit. Ein Quartett seiner Danziger Kollegen aus der Philharmonie spielte zwei Choräle, der schwedische Pfarrer hielt eine kurze Andacht, und dann wurde der Sarg von Carl Demolsky in die Danziger Heimaterde gesenkt - ein tief erschütternder aber würdiger Abschied von dem Toten.

                      Aus der vollen Schaffenskraft ist Carl Demolsky hinweg gerafft. Sein liederfroher Mund ist auf immer verstummt. Aber den Danzigern, die ihn kannten und schätzten, wird er unvergesslich bleiben.

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                      Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung des "Bundes der Danziger" in Lübeck.

                      Weitere Verwendungen / Veröffentlichungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung durch den Rechteinhaber:
                      Bund der Danziger
                      Fleischhauerstr. 37
                      23552 Lübeck

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                      Viele Grüße aus dem Werder
                      Wolfgang
                      Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                      Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
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                      • Wolfgang
                        Forumbetreiber
                        • 10.02.2008
                        • 11623

                        #12
                        Paulchen vonne Krantorfähr

                        Paulchen vonne Krantorfähr

                        Das schlagfertige Paulchen

                        Bis nach dem ersten Weltkrieg verkehrte noch keine Dampffähre zwischen dem Krantor und dem Bleihof, sondern ein hölzerner Prahm. Den zog ein als Original bekannter Mann an einem Drahtseil über die Mottlau. Er hieß überall nur "Paulchen von der Krantorfähre". Paulchen war nicht nur dem Alkohol sehr zugetan, sondern auch recht schlagfertig. Oft musste er mitten auf dem Fluss plötzlich das Fährseil von den Gleitrollen werfen und ins Wasser senken, wenn ihm ein größerer Dampfer quer in den Kurs kam. Das ging bei ihm nicht immer ohne Spritzer ab, zumal er über derartige Unterbrechungen seiner Tour meist recht ungehalten war. In einem solchen Fall schrie eine Dame entrüstet: "He, Sie haben mich ja von oben bis unten mit Wasser besprengt!" Paulchen pflanzte sich drohend vor ihr auf und fragte: "Na, soll ich Ihnen fier Ihre zwei Plauzpfennje auch noch mit Machandel bejießen?"

                        1928 im August

                        In seinem sechzigsten Lebensjahr verstarb der Krantorfährmann Paul Dodenhöft auf dem Bleihof. Er war ein Danziger Original, genannt
                        "Paulchen vonne Krantorfähr". Um eine Beisetzung auf dem Armenfriedhof Saspe zu vermeiden, wurde eine Geldsammlung veranstaltet, die ihm eine letzte Ruhestätte auf dem Barbarafriedhof verbürgte, wo er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung bestattet wurde. Die Grabrede hielt Pfarrer Strehlau von der Barbarakirche.

                        (von Ernst Frieböse)
                        Das ist die höchste aller Gaben: Geborgen sein und eine Heimat haben (Carl Lange)
                        Wolfgang Naujocks: Zertifizierter Führer und Volontär in der Gedenkstätte/Museum "Deutsches Konzentrationslager Stutthof" in Sztutowo
                        Certyfikowany przewodnik i wolontariusz po muzeum "Muzeum Stutthof w Sztutowie - Niemiecki nazistowski obóz koncentracyjny i zagłady"

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                        • Anna Nyma

                          #13
                          AW: Paulchen vonne Krantorfähr

                          Der war gut - der Paule.

                          Kommentar

                          • Beate
                            Administratorin
                            • 11.02.2008
                            • 4836

                            #14
                            Daniel Gralath

                            Schaut mal, Danzig hat ja ganz schön viele bekannte Persönlichkeiten hervorgebracht...



                            Schöne Sonntagsgrüße Beate
                            ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

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                            • Beate
                              Administratorin
                              • 11.02.2008
                              • 4836

                              #15
                              Balduin Baas

                              Hallo René, zu Balduin Baas gibt es hier was nachzulesen:



                              Schöne Grüße Beate
                              ..wirklich? Taktgefühl ist nicht nur ein Begriff in der Musikwelt?

                              Kommentar

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