Wirtshaus zur Stranddistel

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  • Christkind
    Forum-Teilnehmer
    • 10.02.2008
    • 1568

    #1

    Wirtshaus zur Stranddistel

    (Heinrich Seidel an Johannes Trojan)

    Wir wanderten entlang den Ostseestrand.
    Ein schöner stiller Tag war's im September,
    Nur dass ein leichter Dunst, ein feiner Schleier,
    Als wie ein Silberduft die Ferne hüllte.
    An jenes Eichenwaldes Vorsprung bald
    Gelangten wir, wo knorrig alten Kämpfern
    Vergleichbar, narbenreich gefurcht, des Waldes
    Zerzauste Vorhut stand, verkrüppelt wohl,
    Zurückgebogen auch von rauer Stürme
    Jahrhundertlanger Wiederkehr,

    doch nimmer Gebeugten Muts
    - bereit zum neuen Kampf.

    Wir fanden dort, was uns gar lieblich schien
    „Stranddistel-Wirtshaus“ hast du es genannt.
    Die blaue Distel, die im Sand sich nährt,
    In eines Dünenkessels weißer Senkung
    Stand sie allein, gar herrlich ausgebreitet,
    Und bot der Blüten schimmernd helles Blau
    Wohl hundertfach dem milden Sonnenschein.
    Und welch ein Leben dort!

    Es kam zur Einkehr
    An diesen Ort ein mannigfach Geschlecht

    Von leichtem Flügelvolk.Umschwirrt umflogen,
    Umsummt von Hunderten von Gästen war
    Dies blaue Wirtshaus, wo es Honig gab.
    Die Distelfalter flogen ab und zu
    Und sogen still und breiteten die Flügel,
    Dass sie, von Sonnenstrahlen schön durchleuchtet
    So schimmerten wie farbiger Opal.

    Der Trauermantel kam, sein sammetbraunes
    Mit blauen Pünktchen schön geziertes Kleid
    War stolz mit einem Rand von Gold verbrämt.
    Und dann der Fliegen mannigfaches Volk,
    Stahlblau und golden, glasgeflügelt, zierlich,
    So dass die Hummel wie ein Bär erschien
    Und wie ein Wolf die fleiss'ge Honigbiene.
    „Hier ist ein guter Ort, hier lasst uns ruhn“,

    So sprachen wir und packten hingelagert
    Am Dünenrand den Reisevorrat aus ...
    Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
    (M. Gandhi)
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