Pablo Neruda: Die Ruinen am baltischen Meer

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  • Helga +, Ehrenmitglied
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    • 10.02.2008
    • 1948

    #1

    Pablo Neruda: Die Ruinen am baltischen Meer

    PABLO NERUDA 1950
    Die Ruinen am baltischen Meer


    Gdansk, kugeldurchbohrt vom Krieg,
    irrzerfetzte Rose,
    zwischen deinem Meeresruch
    und dem hohen fahlen Himmel
    ging ich inmitten deiner Ruinen einher,
    ein Gespenst unter Gespenstern,
    zwischen Trümmern von orangenem Silber.
    Eindrangen die Nebel mit mir,
    die eisigen Schwaden,
    und umherschweifend entwirrte die Straßen ich,
    die häuserlosen, menschenlosen.

    Ich kenne den Krieg
    und dieses Antlitz augen- und lippenleer,
    diese gestorbenen Fenster, ich kenne sie,
    sah sie in Madrid, in Berlin, in Warschau,
    doch dieses gotische Schiff
    mit seiner roten Ziegelasche am Meer,
    an der Pforte der alten Fahrten -
    merkantiles Antlitz am Bug,
    grüner Kutter der eisigen Meere -,
    mit seinen herzzerreißenden Wunden,
    seinen Mauerstümpfen,
    seinem vernichteten Stolz,
    sie drangen in meine Seele
    wie Schneeböen, Staub und Rauch,
    wie etwas, das erblinden macht und verzweifeln.

    Das Haus der Gilden, mit seinen gestürzten Emblemen,
    die Banken, in denen das Gold in Europas Kehle fiel,
    klirrend,
    die roten steinernen Uferdämme,
    wo ein Strom von Getreiden
    gleich einer Erdenwoge
    des Sommers Duft herübertrug,
    alles war Staub, Berge zerstörter Materie,
    und der Wind des eisernen Baltischen Meeres
    wehte in die Leere.
    Viele Grüße
    Helga

    "Zwei Dinge sind unendlich, die menschliche Dummheit und das Universum, beim Universum bin ich mir aber noch nicht sicher!" (Albert Einstein)
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