Das Nonnenkloster zu Zuckau

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  • Christkind
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    • 10.02.2008
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    #1

    Das Nonnenkloster zu Zuckau

    Eine Sage von Otto Müller

    Durch eine Talfurche des baltischen Landrückens fließt zwischen verträumten Erlenufern die
    flinke, silberwellige Radaune. Geschlechter und aber Geschlechter sah sie an ihren Wasser
    entstehen und vergehen, sah ihr Leben und ihr Treiben, ihre jetzt längst sagenverschleierte
    Geschichte, sah ihre gewaltigen Götter durch die wilden Wälder schreiten, sah sie hinsinken in
    Nichts; nur sie blieb dieselbe, die flinke, ewig junge, silberfüßige Radaune.
    Wie staunten ihre grünäugigen Wellennixen, die den anwohnenden heidnischen Jägern, Fischern
    und Ackersleuten gutgesinnte Göttinnen waren, als sich eines Tages landfremde Leute in dem
    lauschigen Winkel eines Radauneknies niederließen. Sie waren just mit den letzten Zugvögeln
    gekommen, denen die Frühlingsgöttin den Heimweg gewiesen hatte. Wo die Zuck-Au sich zur
    Radaune niederbeugt, da begann nun ein emsiger Fleiß der Fremden. Hier rodeten und gruben sie,
    buken aus gelbem Lehm rote Steine, hämmerten und zimmerten, klebten und bauten. Und als die
    Sonnenwendnacht auf den Bergen des Baltischen Landrückens bis hinunter zum blauen Meer und
    bis zur alten Gothenschanze an der Mündung der Weichsel die mächtigen Kienholzscheite ihre
    Feuergarben als Dankopfer zum dämmerlichten Mitternachtshimmel emporprasselten, da ragten
    schon die trutzigen Mauern des Zuckauer Klosters empor.

    Auf einer Anhöhe stand es. Am Fuße desselben bis hinunter zur Radaune lagen ein paar einfache
    rohe Lehmhütten, Wohnstätten von heidnischen Eingesessenen. Geduckt und demütig schauten die
    Hütten empor zu den Türmen mit den Kreuzen, die einen neuen Gott verkündeten. Die Heiden aber
    sahen mit finsteren Augen und ihre Priester mit geballten Fäusten auf die fremden Gestalten, die in
    langen, gurtumschlungenen Gewändern betend einherschritten. Aber sie wagten nicht, ihnen auch
    nur ein Härchen zu krümmen, denn der mächtige Herzog von Pommerellen hatte den Fremden
    Freiland und Gastrecht in den grünen Erlenstab geschnitzt, und gingen seine Sendboten in dem
    Kloster ein und aus; zudem gab es unter den heidnischen Pommerellen schon ein kleines Häuflein,
    das andächtigen Herzens zu dem neuen Gott die Hände faltend erhob.
    Manch einer, der noch im vergangenen Lenz am grünen Donnars-Tag die ersten würzigen Kräuter
    geopfert hatte, machte jetzt schon allabendlich inbrünstig sein Kreuzzeichen; waren doch schon
    Jahre vor dem Klosterbau Bekehrungsmönche über die stillen Berge des Landrückens von Dorfschaft
    zu Dorfschaft gezogen, und der ausgestreute Gottessammen war, wenn auch sehr spärlich,
    aufgegangen. Als der letzte Stein gefügt, das Kloster wohnlich eingerichtet war, zogen dort zwölf
    fromme Jungfrauen ein, die dem Heiland in stiller Abgeschiedenheit und Entsagung hier in der
    Wildnis unter dem Schutze einiger Mönche dienen wollten.
    An einem späten Abend klopfte es an der Klosterpforte. Draußen tobte ein wildes Wetter. Die
    heidnischen Kobolde trieben ihr Unwesen in dem wilden Walde; sie warfen riesige Bäume um,
    brachten Bergwände ins Rutschen, ließen Regen niederprasseln, und neue Flüsse und Seen schaffen.
    Ein junger Heide begehrte Einlass und Unterkunft für die Zeit des Unwetters. Von seinem
    Schurzfell triefte der Regen, und das Haar rahmte in wirren Strähnen das Gesicht ein. Am Herde
    ließ man ihn niedersitzen. Mächtige Holzscheite wurden aufgeworfen, so dass es drinnen bald
    behaglich warm ward. Da trat die jüngste Klosterjungfrau über die Schwelle der Herdstätte, um ihm
    ein Stück spießgeschmortes Wildbret, ein Gerstenbrot und aus großer Kanne einen Trunk aus Honig
    und Gerstensaft zu reichen, wie ihr die Priorin befohlen hatte. Der junge Heide sprang auf,
    stand wie angewurzelt, als wäre ihm draußen im Tann eine Waldelfe begegnet. Wenig aß er von
    dem wohlschmeckenden Mahl, aber seine Augen hingen noch lange an der Tür, durch welche die
    Klosterjungfrau sich wieder entfernt hatte.
    Das Unwetter verzog sich, und die Pförtnerin führte ihn wieder hinaus. Einen ganzen Herbst kam
    der Heidejüngling und bot sein erlegtes Wild an. Niemals aber sah er sie, der doch seine Klostergänge
    galten. Einmal wagte er, nach ihr zu fragen; da schlossen sich ihm die Pforten des Klosters
    für immer. Als alles Pochen vergeblich war, da brauste das Blut wild in ihm auf. Wer wagte ihm,
    wie einem Unfreien die Tore zu sperren? War er doch ein freier Mann, der Jagd- und Fangrecht
    hatte! Da brachte eine Nacht denn Vollmond. Die freien Heiden tagten am Malstein nach Altväterart.
    Mit beredter Zunge, der Hass beflügelte seine Worte, wusste er die Blutsbrüder gegen die
    Klosterinsassen aufzuwiegeln. In der folgenden Nacht griff man zur Streitaxt und zum Schwert.
    Das Kloster wurde zerstört, die Nonnen niedergemetzelt, bis auf eine, ein zartes, junges Blut. Die
    nahm der junge Heide auf sein weißes Pferd und jagte mit ihr durch den mondbeschienenen Wald
    auf Kreuz- und Querwegen unbekanntem Ziele zu.
    Der mächtige Schutzherr des Klosters schwor den Heiden Rache. Mit Feuer und Schwert drang er
    in ihre dunklen Wälder. Aber die Klosterjungfrau hat niemand wieder gesehen. Den elf ermordeten
    Nonnen ließ der Herzog eine Gedächtniskapelle bauen. Dort liegen sie begraben. Wenn der Vollmond
    sein fahles Licht in die dunklen Wälder Zuckaus wirft, dann entsteigen die Nonnen dem
    Grabe, dann sieht man auf verschwiegenen Waldpfaden elf Gestalten in langen Gewändern. Sie
    suchen die zwölfte entführte Klosterschwester. Wer herbsttags früh aufsteht und durch den Wald
    geht, sieht auf Gräsern und Blumen viel tausend Tränen, welche die Klosterjungfrauen der Entführten
    in der Nacht nachgeweint haben. Sonntagskinder nun gar, die im Zuckauer Kloster in der
    Gedächtniskapelle zum heiligen Johann von Nepomuk mit gläubigem Herzen ein Vaterunser für
    irrende Seelen zu beten wissen, treffen wohl zur Mitternachtsstunde elf schwebende Gestalten, die
    lautlos wie Nebelfetzen durch die Waldgründe huschen.
    Auge um Auge- und die ganze Welt wird blind sein.
    (M. Gandhi)
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