Advent in der Hitlerjugend Danzig

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  • Gerhard Jeske
    Forum-Teilnehmer
    • 24.08.2014
    • 737

    #1

    Advent in der Hitlerjugend Danzig

    Adventsfeier bei der HJ
    Hohe Nacht
    „Ich weiß, dass Du nicht kommen willst, aber bedenke,
    es gibt etwas zu Futtern, Streuselkuchen,
    vielleicht sogar Kakao. Überlege es dir noch einmal!"
    Nach dieser Aufforderung ließ Lothar seinen Freund Gerd
    stehen, drehte sich um und begann auf dem schneematschigen
    Bürgersteig seinen Dauerlauf. Im Frühjahr hatte
    er seine Lehre auf dem Güterbahnhof Leege Tor in Danzig
    begonnen.
    Die Reichsbahn lehrte ihn nicht nur den Güterumschlag,
    sondern anfangs auch das Gruseln. Aber jetzt guckte er
    nicht mehr hin, wenn die russischen Zwangsarbeiterinnen,
    mit ihren Reisigbesen blutige Bandagen, Gipsreste
    oder durchlöcherte Uniformen aus den Güterwagen kehrten.
    Dazwischen lagen oft hart gefrorene Leichen, die das
    Begräbniskommando auf einen Paketwagen zog, eine
    grobe Leinenplane darüber deckte und in Richtung Heldenfriedhof
    Silberhammer davon schob.
    Die Straßenbahn Linie 5, an der Endstation Lenzgasse,
    Ecke Hühnerberg bimmelte die Wartezeit ab. Gerd spurtete
    los. Während die Bahn anfuhr, umklammerte seine
    linke Hand den seitlichen Haltebügel, er hob federleicht
    von der Straße ab, berührte flüchtig mit der rechten Fußspitze
    eine Stufe und landete auf der Plattform, dicht vor
    der fülligen Brust der Schaffnerin." Musst solange dich auf
    der Straße ausquatschen" ostpreusserte sie ihn an." Na ja,
    die war auch nicht von hier, was wusste sie von den Dan-
    ziger Bowkes? Wie diese dreibastigen Jungens Ruderboote
    und Straßenbahnen enterten und oft ohne Fahrkarte
    die Lor (Straßenbahn) benutzten. Er hielt ihr die Monatskarte
    unter die Nase, sie winkte grinsend ab und drängte
    in den Wagon hinein, um die Fahrkarten der anderen
    Fahrgäste zu kontrollieren.
    Während der Fahrt durch die Weidengasse blickte Gerd
    neugierig die Mietshäuser in der Weidengasse an. Seitdem
    er seine kaufmännische Lehre begonnen hatte, entdeckte
    er die Stadt und ihre verwinkelten Gassen wie ein
    Durchreisender. Neugierig begegnete er fremden Menschen,
    wissen wollte er, warum sie sich so unwissend,
    einfach und naiv, meistens schulterzuckend, " Da kann
    man eben nichts machen“, durchs Leben schlingerten.
    Ende August hatten die englisch-amerikanischen "Fliegenden
    Festungen "die Altstadt Königsbergs zu Schutt
    und Asche zerbombt. Warum sollten sie Danzig verschonen?
    Fast jeden Abend gegen 22 Uhr heulten die Sirenen
    auf und die Bevölkerung zog voller Angst den Kopf ein,
    unruhig und nervös versammelten sie sich in den Bunkern
    und Luftschutzkellern. Jetzt erst merkten viele, wie der
    Krieg ihnen auf die Pelle rückte.
    Trotz seiner Zugehörigkeit zur Hitler-Jugend" hatte Gerd,
    wie die meisten Danziger Jungen und Mädchen, den Konfirmandenunterricht
    besucht. Ihm fiel ein, wie der Pfarrer
    hintersinnig das Wort "Advent" erklärt hatte. "Es heißt
    "Ankunft, Jesus der Friedensbringer ist angekommen,
    aber wenn wir ihm die Tür versperren, wer wird dann
    "Ankommen?“ "Die Bomber" dachte Gerd“, die flogen
    unaufhaltsam über das ganze Reichsgebiet." An der Haltestelle
    vor der Tabakfabrik Reemtsma hielt die Bahn, ein
    Trupp Arbeiterinnen aus der Ukraine stieg ein, auch sie
    waren hier angekommen, zwangsweise mussten sie Zigarren
    drehen und Zigaretten herstellen.
    Als Gerd dem Arbeiter Ewald in der Firma seinen Entschluss
    mitteilte die Weihnachtsfeier zu besuchen, hustete
    der Arbeiter verlegen. Er schnitt sich einen Priem von
    der Stange ab, langsam bewegte er den braunen Tabakslutscher
    im Munde hin und her. " Wollt ihr da singen
    "Frieden auf Erden?", fragte er." Welches Wunder soll
    geschehen: vielleicht singt ihr das neue Lied von den neuen
    Wunderwaffen, wenn es das überhaupt schon gibt. ?"
    Recht hatte er ja, der Ewald. Weihnachten, das Fest der
    Christen war ins Abseits geraten und die Weisen aus dem
    Morgenlande, mit ihrem Mohren, wären als > nicht Arier
    < bestimmt vertrieben worden.
    Um 19 Uhr trafen sich die Fähnlein der Hitlerjugend in
    der Aula der Mädchenschule am Leege Tor. Die Pimpfe
    kamen aus der Niederstadt und den Wohnkolonien Klein
    und Großwalddorf.
    Lothar und Gerd tigerten hin. Eine dünne Schneeschicht
    hatte den Mottlau - Damm weiß getüncht, so richtig winterlich
    war es im Dezember nicht geworden. Die zwei, drei
    Grad minus ließen die Jungens in den schwarzen, leichten
    Winteruniformen nicht frieren, aber das sollte sich bald
    ändern.
    Bei der Bastion Gertrud rutschten sie den Festungswall
    hinunter, drückten die geschlossenen Eisenbahnschranken
    zur Seite, schlüpften durch, überquerten geduckt die
    Schienen und wiederholten auf der anderen Seite das
    Manöver. Diese Vorsicht war unnötig, denn bei der Verdunkelung
    und dem matten Sternenlicht konnte der
    Bahnwärter, keine zehn Meter weit, die Umgebung beobachten.
    Hinter der Schranke standen die ersten Mietshäuser
    am Stadtrand. Am Ende der Häuserzeile, verdunkelte
    der große Block der Mädchenvolksschule die Straßenkreuzung
    am Leege Tor. Die Beiden waren nicht mehr
    alleine. Von verschiedenen Seiten hörten sie Stimmen,
    und manchmal sahen sie einen Glühstängel aufglimmen.
    Lachfetzen flogen ihnen vom Eingang entgegen. Lothar
    wollte die Feier nur zu einem bestimmten Zweck besuchen.
    Er hatte sich einen Plan ausgedacht. Also: die Streuselkuchen
    auf runden Tellern waren bestimmt wieder zu
    einer Pyramide aufgetürmt worden. Von jeder Kuchenpyramide
    wollte Lothar zwei Stücke organisieren. Unter seiner
    Jacke hatte er, links am Koppel, den Brotbeutel hängen.
    Die Schnallen waren losgeknöpft, damit die Beute
    schnell versteckt werden konnte. Klauemann und Konsorten
    waren auch bei dieser Feier unterwegs, man musste
    schnell handeln.
    Vor dem Hauptportal trampelten sich die Pimpfe die Füße
    warm. Ab und zu flammte ein Streichholz auf. Tabak in
    alten Pfeifen oder geklaute Zigaretten wurden angesteckt.
    "Verdunklung!", schrie jemand dazwischen.
    "Verpiss dich", rief jemand dem selbsternannten Ordner
    zu. Punkt 19 Uhr wurde die Flügeltür geöffnet. Ohne sich
    abdrängen zu lassen, schubste Lothar seinen Freund
    durch die Menge, und so drängelten sie sich schnell durch
    zur Tür in den Treppenflur rein. Lothar stürmte die Treppen
    hoch, vor der Aula stoppte er sein Tempo ab, er trat
    ein in den mäßig erleuchteten Raum. Wie vorausgesehen
    waren die Streuselkuchenstücke pyramidenförmig aufgeschichtet
    worden. Lothar trickste eine Armverletzung vor.
    Er hatte den linken Arm aus dem Jackenärmel gezogen
    und hielt den Arm unter der Jacke verborgen. Mit der
    rechten Hand stibitzte er ein Stück Kuchen, reichte es
    seiner linken Hand unter der Jacke weiter und die schob
    das Stückchen in den Brotbeutel. Als er in dem Gewühl
    um die Plätze unauffällig seinen Reibach gemacht hatte,
    verließ er die Aula. Bei der Türwache fragte er scheinheilig
    nach der Toilette und verließ im richtigen Augenblick
    die Schule, um in der dunklen Straße zu verschwinden.
    Gerd hatte zwei Kameraden aus dem KLV-Lager getroffen.
    Zusammen saßen sie, nahe der Bühne, vor dem großen
    Flügel. Der Deckel des Flügels war hochgeklappt. Bald
    würde ein kleiner Pianist die Tasten befingern. Die Kuchenpyramiden
    sahen ziemlich beschädigt aus, wie alte
    Stadttürme nach einer Belagerung. "Macht nichts", dachte
    Gerd, auch er hatte vorsorglich einige Stücke im Brotbeutel
    verstaut. Auf der linken Seite der Bühne stand der
    Tannenbaum, mit Lametta beworfen und einige bunte
    Kugel, glitzerte im gelben Kerzenlicht. Die matte Wandbeleuchtung
    sollte, wie im Kino, für eine feierliche Atmosphäre
    sorgen. Lauwarm blieben die Heizkörper, die festen
    Holzstühle kühlten zunächst die Ärsche ab, bevor sie
    rückwirkend angewärmt wurden. Bissige Bemerkungen
    flogen hin und her. " Nun heizt euch mal schön ein" schrie
    Hotte über den Tisch.
    "Womit? Haste einen Wodka in der Tasche?"
    "Heiße Küsse machen es auch!", grölte Egon dazwischen.
    "Danziger Blut ist keine Buttermilch!"
    Ein Schneeball klatschte, gegen die Landkarte an der
    Wand. Lautes Gebrüll und Fußgetrampel quittierten diesen
    Treffer. Ihr Fähnleinführer witterte Klamauk; er
    sprang auf die Bühne ruderte mit den Armen vor der
    Brust herum, machte dann einen Handstand und tapste
    auf den Händen über die Bretter, die die Welt bedeuten.
    "Mensch, guck, ei er dir", schrie ein Pimpf durch die Aula.
    Gelächter fetzte hoch, aber die meisten klatschten anerkennend
    dem Fähnleinführer zu. Die Situation war gerettet.
    Die Feier konnte beginnen. Der Fanfarenzug quetschte
    hohe Töne aus dem Blech, laut und falsch traktierten
    sie die Ohren. Dann baute sich eine Jungschar vor der
    Bühne auf und fing an zu singen und alle stimmten ein. "
    Hohe Nacht der klaren Sterne, die wie weite Brücken stehen,
    über einer tiefen Ferne, drüber unsere Herzen gehen."
    Ein Gedicht wurde aufgesagt, die Worte verloren sich im
    Getuschel. Wieder ein Lied. Jetzt sangen sie das neue Lied
    vom Tannenbaum. "Berghoch am Walde ragt von der
    Halde, morgendwärts schauend der Lebensbaum. Dämmerung
    umwoben harret er oben ferne entrückt im Weltenraum!"
    Pimpfe schleppten Blechkannen zu den Tischen
    und es wurde tatsächlich Kakao ausgeschenkt. Sofort
    grapschten hundert Hände in die Kuchenbergchen.
    Ein ohrenbetäubendes Fluchen und Lachen begleitet das
    Gerangel um die besten, noch ganzen Stücke." Damit
    kannste die Schuhe besohlen", kritisierte der Sohn vom
    Apotheker die Qualität, trotzdem biss er unverdrossen
    hinein. Der Wunderknabe setzte sich an den Flügel. Gleich
    würde er in die Tasten greifen, die meisten Pimpfe wussten
    nicht, wie so ein Abspielen von den Noten zustande
    kam, vom regelmäßigen Üben, dem Training der Finger
    und der Gehirnzellen, hatten sie vom Hörensagen vernommen.
    Dieser oder jener von ihnen war nicht unmusikalisch.
    Zu Hause nahm er die Mundharmonika oder
    Quetsche zur Hand und fing an zu spielen, nach kurzer
    Zeit konnte er die Familienfeiern begleiten und galt als
    Künstler und manche erspielten sich damit ein Taschengeld.
    Die Petersburger Schlittenfahrt wurde angesagt" Petersburg,
    wo liegt das?", fragte Ede. Der Apotheker Junior
    zeigte ihm einen Vogel." Mann, das ist heute Lenigrad."
    Die Töne klimperten verstimmt durch die Aula. Egal, das
    war Kultur, Kunst, wie man es in besseren Kreisen nannte.
    Lange konnten die Danziger Jungens nicht zuhören. Sie
    tuschelten sich ihre letzten Abenteuer zu, die behandelten
    sicherlich ihre "Weibergeschichten", wie sie diese
    großspurig nannten. So wurde der musikalische Vortrag
    erträglich. Gerd bewunderte die Fingerfertigkeit des jungen
    Pianisten, der sah nicht auf die Noten, der spielte sie
    auswendig herunter.
    "Einfach toll!", bemerkte der Sohn des Apothekers.
    "Na, so schön klingt das verstimmte Klavier nicht, “ entgegnete
    ihm sein Nachbar.“Das meinte ich nicht."
    "Dass wieder ein russisches Stück gespielt wird, das ist
    ungewöhnlich". Den Arbeiterjungens war dieses Problem
    fremd. Der Schlager vom letzten Film, der Weiße Traum-:
    "Kauf dir einen bunten Luftballon", der gefiel ihnen besser,
    der kitzelte ihre Seele, oder das kitschige Militärlied,
    halb Marsch, halb Schlager, das ihnen danach der
    Fähnleinführer vorspielte. Er geigte die Töne sanft,
    manchmal schmachtend durch den Raum.
    "Wovon kann der Landser denn schon träumen, er träumt
    von seinem Mägdelein, das er küsste unter Waldesbäumen,
    bei manch verliebten Stelldichein. Hat sie ja so gerne und
    aus weiter Ferne denkt er oft an Sie." Gerd erinnerte
    sich an das Lied, das war nicht in so weiter Ferne,
    noch vor einem Jahr im HJ-KLV - Lager Adolfsdorf, im
    langweiligsten Teil Westpreußens, fernab einer Stadt.
    Dort hatte die Mannschaft das Lied ausprobiert. Ein
    Heimwehkranker, der nach Hause ausrückte, brachte es
    aus Danzig mit. Nachdem der Ausreißer wieder im Lager
    war, sang er ihnen, so nebenbei, die Strophen vor und
    schon kannte jeder das Lied auswendig. Einige Tage später
    auf, dem Marsch zum Schloss Herreneichen, zum
    Mädchenlager, sangen sie zuerst wie gewöhnlich: " Wir
    lagen vor Madagaskar" und danach diesen neuen Landser-
    Schlager: "Wovon kann der Landser denn schon
    träumen?" Der Gefolgschaftsführer war baff.
    "Aufhören!" Aber niemand hörte auf sein Kommando. Bei
    den Jungens lag hier der Nerv blank, sie reagierten mit
    einer kleinen Meuterei, mit einer Befehlsverweigerung.
    Gerd erlebte, wie sich bei ihnen kollektiver Widerstand
    regte. Der Gefolgschaftsführer besaß eine Liste mit verbotenen
    Liedern, deshalb musste er den Jungens das Singen
    dieses Liedes verbieten. Angeblich regte es zu sentimentalen
    Gefühlen an und verweichlichte die Gemüter. Und
    jetzt, hier während der Weihnachtsfeier, geigte der
    Fähnleinführer es herunter mit gedehnten Tönen - zum
    richtigen Seelenschmaus. Donnerwetter, der hatte
    Mumm.
    Danach wurde vorgelesen. Vom Schützengraben. Mit
    Kunsttannenbäumchen und Hindenburglichter im Unterstand,
    die Mundharmonika ersetzte das Weihnachtsorchester.
    Gedanken fliegen durch Zeit und Raum, die Lieben sind bei uns,
    Für sie halten wir hier die Stellung um
    den Frieden zu sichern. und so weiter.
    Gerd hörte nicht hin, er wollte nach Hause. Er zeigte mit
    dem Daumen zur Tür, die Freunde nickten ihm zu. Sie
    hatten den gleichen Gedanken. Es war Zeit abzuhauen.
    Langsam, mit weichem Auftritt ging er zur Tür, dem Posten
    hielt er seine Monatskarte von der Straßenbahn vor
    die Augen.
    "Ich muss zur Nachtwache“, flüsterte er. Der winkte ab
    und ließ ihn raus. Mit einem Atemzug sprang er die Treppe
    hinunter. Als die Tür hinter ihm zugefallen war, atmete
    er auf. Die oberflächliche Feier konnte sich mit dem Sternengefunkel
    und all den Geschichten und Ahnungen, die
    sie im Kopf erzeugten, nicht messen. Die einfachen räumlichen
    Zufluchtstätten der Menschen waren sowieso nur
    Höhlen zum Überleben in dem unendlichen Universum.
    An der Schranke kletterte er auf den Deich und ging am
    Mottlau- Ufer entlang nach Hause. Die Verdunkelung störte
    ihn nicht. Ohne die künstlichen Lichter war er der Natur,
    den Sternen und dem Mond näher gerückt. Er fühlte den
    frostigen Wind auf seinem Gesicht, er atmete die frische
    Luft ein, hier fühlte er sich wohl. Weihnachten 1944 war
    nahe. Er war auf dem Weg dorthin.
L