Das Kaisertreffen in Danzig

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  • Rudi Bellon, + 24.08.2010
    Forum-Teilnehmer
    • 11.02.2008
    • 265

    #1

    Das Kaisertreffen in Danzig

    Am 9. September 1881 trafen sich Kaiser Wilhelm I. und Zar
    Alexander III. von Rußland mit den führenden Staatsmännern
    beider Länder in Danzig zu einem Gespräch von europäischer
    Bedeutung.Der nachstehende Artikel,der die Zusammenhänge
    dieses Treffens schildert,soll als kleiner Beitrag zur Geschichte
    Danzigs den Sinn für die frühere politische Stellung unserer
    Heimatstadt lebendig erhalten.

    Befriedigt konnte Fürst Bismarck im Juli 1881 die ungewöhnliche
    Ruhe des Kontinents feststellen;die Erneuerung des Dreikaiservertrages
    mit Österreich und Rußland war glücklich gelungen,und es herrschte
    eine noch größere Stille,als sie die Sommerzeit in der Regel mit sich
    bringt.Bismarcks politischer Instinkt aber blieb wachsam,denn Englands
    und Frankreichs Haltung schien unsicher und so mußte man über
    das Erreichte hinaus zu festeren Friedensgarantien gelangen.Die Verbindung zu Rußland sollte weiter gepflegt und durch persönliche
    Fühlungnahme noch vertieft werden.In Petersburg hatte der
    deutschfreundliche Kanzler Giers einen in dieser Richtung gehenden
    Vorschlag gemacht.Bismarck nahm ihn freudig an,und auf sein Drängen
    hin richtete Kaiser Wilhelm am 20. August einen überaus freundlichen
    Brief an Zar Alexander III.,in dem er Danzig oder Stettin als Treffpunkt
    vorschlug.Der russische Monarch antwortete ebenso herzlich und
    ließ in Berlin anfragen ,ob sein Besuch in Danzig zwischen dem 8.und
    11.September passend sei.Es komme ihm darauf an,schrieb er,"durch ein solches Treffen ein unwiderlegliches Zeugnis meiner freunschtlichen
    Gesinnungen gegen Deutschland und sein Herrscherhaus zu liefern."

    Bismarck regte nun auch seine eigene Teilnahme an:"Sollte der Kaiser
    Alexander",so kombinierte er,"ohne politische Begleitung nach Danzig
    kommen,so würde das möglicherweise bedeuten,daß seine Majestät
    der Begegnung einen persönlichen und nicht politischen Charakter
    beilegen will."Aber sowohl Giers als auch der russische Botschafter in
    Berlin wurden hinzugezogen,und damit stand auch Bismarcks Teilnahme
    fest.

    Bis dahin hatte man auf beiden Seiten strengstes Stillschweigen gewahrt,
    um einer eventuellen Gegenaktion der deutschfeindlichen Kreise in
    Rußland vorzubeugen.Die Danziger Presse aber verfügte schon damals
    über einen ausgezeichneten Korrespondentendienst,man bekam Wind
    von der ganzen Sache,und eines Tages berichtete eine Danziger
    Zeitung von dem bevorstehenden großen Ereignis.In Berlin und Petersburg
    schien man bestürtzt,Bismarck ließ sofort in der amtlichen
    "Norddeutschen Allgemeinen"dementieren-was aber von der fortschrittlichen Danziger Presse nur heiter quittiert wurde.In Regierungskreisen erwog man daraufhin, ob nicht im letzten Augenblick
    besser ein anderer Ort zu wählen sei,doch in Danzig waren schon
    umfangreiche Vorbereitungen getroffen,und so blieb es bei dem
    Vereinbarten.

    Am 9. September 1881 begrüßten sich unter der jubelnden Anteilnahme
    der Bevölkerung die Herrscher und Staatsmänner Deutschlands und
    Rußlands in Danzig,und die sich anschließenden politischen Besprechungen
    verliefen in besten Einvernehmen.Der Zar ließ sich auch die Zeit zu einer
    kurzen Besichtigung der Stadt nicht nehmen,über deren Architektur
    er sich mehrere Male lobend aussprach.Noch von Danzig aus ließ Zar Alexander dann an alle diplomatischen Vertretungen Rußlands ein
    Rundschreiben ergehen und berichtete,daß die Beziehungen zu den
    Mittelmächten nun erfreulich gestärkt seien.
    .Auch Bismarck habe,schrieb Unterstaatssekretär Busch am 12.September
    an Prinz Reuß,"einen durchaus befriedigenden Eindruck von dem
    Danzigtreffen gewonnen".Am 14.September traf aus Petersburg ein ungewöhnlich warmes Schreiben ein."Dieses Schreiben",war Kaiser Wilhelms Urteil,"und die Bekanntschaft der beiden Minister ist eines der
    besten Resultate der Danziger Begegnung."Für Jahre hinaus blieb das
    gefestigte Dreikaiserverhältnis die Richtschnur der mitteleuropäischen
    Politik;das oft wenig beachtete Kaisertreffen in Danzig hatte einen
    nicht unwesentlichen Beitrag dafür geleistet.

    Von Eberhard Bitzer
    _________________________
    Gruß Rudi
L