Mein Brösen 1943-1962. Teil 5. Die Straßenbahn

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  • Motlauspucker
    Forum-Teilnehmer
    • 25.09.2015
    • 21

    #1

    Mein Brösen 1943-1962. Teil 5. Die Straßenbahn

    In diesem Beitrag geht es mir weniger um das technische Equipment sondern mehr um die Menschen
    und Ereignisse die mit dem mit Verkehrsmittel verbunden waren.
    Aufgewachsen bin ich in einem reinen "Frauenhaushalt" (Oma Julianne, Tante Grete, Tante Agnes und Mutter Elisabeth)
    Die Männer (Onkel Bernhard, Opa Franz und Vater Kurt) waren vermisst oder in Gefangenschaft.
    Tante Agnes und Tante Grete fanden bei der Strassenbahngesellschaft eine Arbeitsstelle als Pförtnerin bzw. als Schaffnerin.
    Das Einkommen der beiden hat uns geholfen die Nachkriegs-Hungerjahre schadlos zu meistern.
    Aus Erzählungen der beiden Strassenbahn-Frauen weiss ich das die Strassenbahner (Depot in Neufahrwasser) eine starke und
    sich gegenseitig helfende Gemeinschaft war.
    Die gegenseitige Hilfe und Unterstützung bestand nicht nur aus wichtigen Beschaffungen wie Kohle oder Kartoffeln für die
    in den Nachkriegsjahren sehr harten Winter.
    Es wurde auch an die Kinder gedacht. Ich bekam zur Weihnachten 1948 eine aus Holz gebaute, wunderbar in Creme/rot
    lackierter, Strassenbahn die ein Mitarbeiter für mich angeferigt hat.
    Für mich einer der wertvollsten Geschenke den ich je erhalten habe.
    Die Fahrten mit der "5" waren immer ein kleines Abenteuer. Das Schütteln und Rütteln, die Geräuschkulisse bestehend aus
    Bimmeln, den Signalen der Schaffner (an der Leine ziehend) an den Wagenführer, Das Quietschen der Räder in den Kurven
    und das ungeduldige Warten auf die Gegenbahn, sind ein fester Bestandteil meiner Erinnerungen.
    Eine Fahrt mit Strassenbahn war auch ein Teil der Erziehung, z.B. "Du sollst einer Frau den Sitzplatz anbieten"
    Eine Fahrt mit der Strassenbahn nach Ohra zur Tante Gerda war für mich wie eine "Weltreise"
    Die Fahrten mit meiner Oma Julianne zur den Markthallen in Danzig haben mir grosser Freude bereitet denn ich durfte
    die vielen Sachen die dort angeboten wurden selber probieren und war danach richtig satt und zufrieden.
    Mutig aber gewagt war das Auf- und Abspringen vor dem Halt der Strassenbahn.
    Unvergessen bleiben die tumultartigen Szenen die sich an der Haltestelle abspielten wenn das Wetter plötzlich
    umgeschlagen ist und ein Gewitter aufkam. Fluchtartig haben alle Badegäste den Strand verlassen und die die Strassenbahn
    wurde rücksichtslos gestürmt. Ich als "Eingeborener" habe das Geschehen schadenfroh beobachtet und war der Meinung
    (man möge mir verzeihen) was wollen "die da alle" auf meinem Strand.
    Die schönen Erinnerungen an die "5" trübt leider ein tragisches Ereignis vor dem Lebensmittelgeschäft auf der Danziger-Str.
    Das Geschäft befand sich unmittelbar an den Schienen der Strassenbahn.
    Die Schienen und die Gleise trennte nur ein ungesicherter Gehweg.
    1954 wurde ich Augenzeuge wie eine Frau, bepackt mit zwei Einkaufsnetzen das Geschäft verliess und ohne nach links
    oder rechts zu schauen, direkt unter die Strassenbahn gelaufen ist. Meine Beine versagten und ich saß regungslos auf dem Hintern.
    Die Frau war unter der Strassenbahn geraten und war nicht mehr zu sehen. Ich bin schnell nach Hause gelaufen um Hilfe zu holen.
    Nach 20 Minuten war ich mit meiner Mutter am Unglücksort. Uns bot sich ein grausamer Anblick. Die Leichenteile waren mit Packpapier
    aus dem Geschäft abgedeckt. Die weiteren Einzelheiten habe ich erfolgreich verdrängt aber eins kann ich nicht verdrängen:
    Da läuft ein Mann, mit den Einkaufsnetzen der verunglückten Frau in der Hand, laut weinend, zwischen den Leichenteilen und sammelt
    die verstreuten Lebensmittel ein. Anschliessend setzt er sich an der Mauer, mit den beiden Einkaufsnetzen in der Hand und starrt
    regungslos in den Himmel. Die seelischen Folgen für die Beteiligten müssen wohl unvorstellbar gewesen sein.
    Einige Monate später wurde an der Unglücksstelle eine Sicherheitsbarierre aufgestellt.


    Meine Tante Agnes war bis zum Rentenalter bei der Strassenbahngesellschaft beschäftigt und hatte bis zum Lebensende (1977)
    Kontakte zur anderen Strassenbahnern.


    Die gezeigten Fotos entstanden in den frühen 50er Jahren.
    Die 5 in Neufahrwasser
    Die 5 wartet auf die Gegenbahn
    Foto 1 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 2 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 3 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 4 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 5 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 6 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 7 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 8 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Foto 9 Strassenbahndepot Neufahrwasser
    Strassenbahner-Ausflug nach Warschau um 1960
    Strassenbahner-Frauentag 1967
    Die Unglücksstelle Heute

    Aus der Reihe "Mein Brösen 1943-1962" sind bisher erschienen:
    Teil 1. Der Panzergraben
    Teil 2. Meine Taufe durch Bruno Binnbesel
    Teil 3. Das Wrack am Strand von Brösen
    Teil 4. Das Kriegerdenkmal im Brösener Park




    Bis demnächst mit Teil 6. in diesem Forum.
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