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Danziger Binnennehrung

Die Landschaft unserer Vorfahren ist geprägt von der rauen Natur, vom Wasser, dem Meer und der Weichsel. Die Weichsel beherrschte und beeinflusste alles Sein und Werden in der Niederung und dem Werder, mehr noch als die See. Die Einwohner waren dem großen Strom gegenüber respektvoll. Sie fürchteten die Flutkatastrophen, liebten aber die Wasser als Teil ihrer Heimat. Sie brauchten ihn als Nahrungsspender und als Verkehrsweg.

Georg v. Kries ließ sich mit seinem "Deichhauptmann" (ebenso wie Theodor Storm mit seiner Novelle "Der Schimmelreiter") von dem Werk "Der Deichgeschworene von Güttland" inspirieren, das um 1830 in der Danziger Niederung, in Güttland, niedergeschrieben wurde. Wortgewaltig erzählt v. Kries die Geschichte des Deichhauptmanns, der 1526 bei der Erfüllung seiner Pflicht von den Weichselfluten weggerissen wird und ertrinkt:

Der Deichhauptmann

Auch mancher, der nicht von Sünden gequält
Muss um die Mitternacht wandern!
so hat mir ein alter Bauer erzählt -
Wir saßen seitab von den andern -
"Hör zu: Wenn Lenzwind im Süden erwacht
Und treibt den Winter zum Weichen,
Dann setzt sich das Eis der Weichsel, es kracht
Und hebt sich an den Deichen!
Dann sprengt ein Mann um die Mitternacht
Und nimmt die Deiche der Weichsel in acht.

Sein Schimmel schnaubt, wenn nah und weit
Die Wasser gurgeln und lachen
Und eine befehlende Stimme schreit
Und ruft ans Ufer die Wachen. -
Es war ein Jahr da hat der Schnee
Im Bergland zu Klaftern gelegen,
Und schäumend drängte das Wasser zur See;
von oben rauschte der Regen.
Das Eis hier unten lag noch erstarrt;
Nun kam die Bergflut und drängte es hart.

Längst standen die Wachen am Damm bereit,
Der Hauptmann ritt auf und nieder.
Schon hob sich das Eis von Zeit zu Zeit;
Es barst nicht, es senkte sich nieder.
Dann schob es sich mächtig herauf,
Als wollt´ es die Deiche zerdrücken.
Wie eilten die Wachen mit keuchendem Lauf
Und wehrten mit Spaten und Piken!
Doch wo am stärksten der Andrang war,
Da half der Hauptmann. - Da stand die Gefahr!

Da heult es drunten, die Decke erkracht,
Schon treiben geborstene Schollen;
Ein Donnern schallt durch die mondhelle Nacht,
Ein Donnern, Rollen und Grollen.
Der Hauptmann jagt am Ufer entlang,
Lang streckt sich sein schäumender Renner.
Kein Arm ward müde, kein Spaten sank,
Denn rastlos schafften die Männer:
"Hilf, Herr, dass heut unsre Arbeit nützt,
Und dass sie die Saaten der Niederung schützt!"

Noch sieht der Hauptmann im Mondenschein
Die friedlichen Dörfer liegen.
Die Saaten grünen von Rain zu Rain,
Die Häuschen träumen verschwiegen,
Da steigt vor ihm ein Otter vom Bau,
Den er im Deiche gegraben:
"Was treibt den Fischer, der doch so schlau,
Zur Niederung? Was mag er haben?"
Und sieh! Aus dem Otterloch Wasser quillt,
Schon reißt es weiter, die Öffnung schwillt.

Erst rieselt ein Quellchen vom Hange ins Land
Es schäumt, es bräunt sich vom Schlamme;
Schon wühlt ein Bach in des Deiches Rand,
Und jetzt klafft ein Riss in dem Damme.
Der Hauptmann ruft die Wachen, er schilt,
Sie kommen - er sieht es - geflogen.
Nun rasch, denn jede Sekunde gilt!
Wer hemmt so lange die Wogen?
Er springt mit dem Ross hinein in den Spalt,
Gebietet den Wogen, den drängenden, Halt.

Es stemmt sich der Schimmel, das Wasser hält.
Dann hebt die Eisflut sich weiter,
Ein Wirbel, das Ufer des Spaltes fällt,
Jetzt fasst das Wasser den Reiter.
Dreimal im Kreise reißt es ihn um,
Und dreimal stemmt er sich wieder.
Ein Kampf auf Tod und Leben und stumm,
doch endlich zwingt es ihn nieder.
Und unter das Eis mit den Wogen schoss
Begraben der Reiter, begraben das Ross.

Von diesem Bruche zerriss der Deich,
Viel Menschen und Vieh sind ertrunken,
Manch friedlich Dorf ist rasch und weich
In haushohem Schlamm versunken.
Doch seit dem Tage alljährlich wacht
Der Reiter auf schäumendem Pferde,
Alljährlich um Mitternacht
Die grünende Heimaterde.
Wie er sein Leben geopfert der Pflicht,
Auch tot vergisst er sein Deichamt nicht."

Dieses Gedicht beschreibt die Gewalt der Fluten im Frühjahr, es lässt ahnen, welchen Gefahren und Nöten die Bevölkerung ausgesetzt war.

Der berühmte Danziger Schriftsteller Max Halbe machte die Weichsel zum zentralen Thema mehrerer seiner Theaterstücke und Schriften. In dem Drama "Der Strom" wird die Beziehung der Bevölkerung zu ihrem gefahrbringenden Fluss in einer stürmischen Hochwassernacht deutlich. Der Weichselanlieger Jacob Doorn unterhält sich mit seinem Bruder, dem gerade aus Düsseldorf gekommenen Strombaumeister Heinrich Doorn:

Jakob: Sind das deine Zeichnungen mit der Stromregulierung?
Heinrich: Ja, wenigstens ein Teil davon.
Jakob: Also es soll dabei bleiben?
Heinrich: Wieso? Was meinst Du denn?
Jakob: Dass der Strom verlegt werden soll? Weit von hier weg!
Heinrich: Ja, das ist beschlossene Sache.
Jakob: Es soll kein Hochwasser und kein Eisgang mehr sein da draußen?
Heinrich: (sieht ihn erstaunt an) Macht dir denn das soviel Freude, Jakob?
Jakob: Den Strom soll man nicht mehr rauschen und die Eisschollen nicht mehr donnern hören? Das soll zu Ende sein?
Heinrich: Ja, das soll aufhören. Dazu bin ich hier.
Jakob: (ausbrechend) Dann wünsch ich dir, der Strom soll dir deine ganze Schmiererei zuschanzen machen! Du sollst mit deinem hochnäsigen Gehab' und Getu' elend kaputtgehen! Das wünsch ich dir!

Die Weichsel

Die Elbinger / Königsberger Weichsel

Am Danziger Haupt, dort wo die Weichsel heute ungehindert nordwärts fließt, trennte sich seit Jahrhunderten der Strom in zwei Arme: Nordwestwerts Richtung Danzig die Neue Weichsel, auch Danziger oder Tote Weichsel genannt, und ostwärts zum Haff hin die Elbinger oder Königsberger Weichsel, auf frühen Karten der Niederung als Alte Weichsel bezeichnet. Im 18. Jahrhundert gab es für die Wassermassen noch keinen kurzen Weg ins Frische Haff und in die Ostsee. Haupt- und Nebenarme durchflossen mäandierend das Niederungsgebiet und sorgten für stetige Hochwassergefahr. Deiche sollten die Gefahr vermindern. Das brachte jedoch bereits mittelfristig Probleme mit sich. Denn aufgrund der bei früheren Hochwassern mitgeführten Sande und vielen Sinkstoffe war die Niederung bei Überschwemmungen ständig aufgelandet, der Ertrag der Böden durch wertvollen Schlick verbessert worden. Dadurch wurde im Lauf der Zeit neues Land zur Bewirtschaftung und Besiedlung gewonnen. Eindeichungsmaßnahmen führten dazu, dass sich das Strombett ständig erhöhte. Die Fließgeschwindigkeit der Weichsel verminderte sich durch Anlandungen im Frischen Haff. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die Alte Weichsel die sechsfache Wassermenge der Neuen Weichsel geführt. 200 Jahre später war es gerade noch ein Viertel mehr in dem jetzt Elbinger Weichsel genannten Stromarm. Die in einem weitgespannten Bogen von der Elbinger Weichsel umflossenen Ortschaften Jankendorf und Brunau liegen zwischen 1m unter bis 1,5m über dem Meeresspiegel. Die früheren Sommerdeiche wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts auf Winterdeichniveau gebracht, das heißt, sie wurden wesentlich erhöht, um einen verbesserten Schutz vor den Winter- und Frühjahrshochwassern zu erreichen. Trotzdem war die Gefahr nicht vollends gebannt. Nach Schneeschmelzen in den Karpaten stieg der Wasserstand schnell auch im Unterlauf. Folge war, dass die dicke Eisdecke aufbrach und große Schollen die mühsam errichteten Ufer- und Deichbefestigungen zerstörten. Dammbrüche waren häufig die Folge. Neben den direkten Weichselanliegern waren dann meist auch die weiter entfernt lebenden Bewohner der Niederung betroffen.

Der Schiewenhorster Weichseldurchstich

Der für die Danziger Zeitung schreibende Redaktionsvolontär Robert Sander verfasste nach dem Weichseldurchstich folgenden Augenzeugenbericht:

Die Überschwemmung von 1888 mit ihren Millionenschäden hatte eine ernste Lehre gegeben. Die preußische Regierung konnte sich dem nicht verschließen, dass dem Lande an der unteren Weichselmündung wirksamer als bisher geholfen werden müsse. Es entstand nach langer Überlegung der Plan zum Bau einer neuen Mündung in Fortsetzung des Stromlaufs nach Norden, etwa von Schönbaum ab. Dort, wo der Strom westlich abbog, etwa beim Heringskrug sollte er abgedämmt in sein neues Bett geleitet werden, das man zwischen Schiewenhorst und Nickelswalde zur See leiten wollte. Durch zwei Schleusen bei Einlage sollte dann der ganze Stromrest bis Danzig tot gelegt werden.

Der kühne Plan wurde volle Wirklichkeit. In mehreren Jahren entstand hier ein neuer künstlicher Stromlauf mit riesigen Deichen, zu denen man Vertrauen haben konnte, und zwei moderne starke Schleusen bei Einlage. Es war die bedeutendste Stromregulierung jener Zeit - einem großen Fluss mit Menschenhand einen neuen Weg ins Meer zu weisen.

Die Arbeiten schritten rüstig fort. Aber vor der Düne von Schiewenhorst hielt man inne. Die Techniker erklärten: "Hier brauchen wir nicht zu werken, den Rest muss die Weichsel selbst schaffen."

Der Eisgang von 1895 war ausersehen, diese Restarbeit zu vollenden. Das Eis kam im normalen Umfang. Man ließ es zum Teil noch den gewohnten Weg nach Neufähr-Messina fließen, dann aber sollte der große Wurf getan werden, der Sperrdamm geschlossen, ebenso die Tore der Einlager Schleuse und dann die ganze Strömung nördlich auf die Düne zugeführt werden.

Würde es gelingen?

Die Spannung war groß, Zeit und Stunde des Ereignisses waren genau festgelegt. Die "Danziger Zeitung" entsandte natürlich einen Berichterstatterstab an die kritische Stelle; ich durfte als neugebackener Volontär dabei sein und war nicht wenig stolz darauf.

Ein Pferdewagen holte uns (an ein Auto war noch nicht zu denken) und brachte uns bei Bohnsack an die einzige Stromfähre. Dort gab es eine Panne. Eine Menge Eis trieb noch im Strom, die große Fähre konnte nicht verkehren. Eisgang schnitt damals die Nehrung tagelang vom Verkehr mit dem Festland ab. Unseren Wagen mussten wir stehen lassen; nach längerem Bemühen fanden sich Fährleute, die es mit ihrem Boot riskieren wollten. Die Fahrt war nicht einfach. Zwei ruderten, zwei andere wehrten die Schollen mit Bootshaken ab. Es gab manchen Puff, bis wir drüben glücklich landeten. Noch einmal zurück zu fahren und die noch Harrenden zu holen, lehnten die Fährleute ab, denn der Eisgang wurde wieder stärker. Wir trieben einen anderen Wagen auf und weiter ging's.

In Schiewenhorst war Großbetrieb. Alles wartete auf den großen Moment. Wir stiegen nach oben auf die hohe Düne und blickten in das neue schnurgerade Strombett. Noch lag es trocken vor uns, die Deichufer begrünt. Rechts hinten die roten Mauern der beiden Schleusen mit den hohen stählernen Toren. Im Dünengelände, etwa einen Kilometer lang, war ein kleiner trockener Graben im Sande gezogen, so schmal, dass ich im Übermut meiner jungen Jahre einige Male darüber sprang.

Jetzt floss Wasser in das neue Strombett, langsam und zögernd, als getraue es sich nicht recht. Nach einer Stunde stand es schon meterhoch und im Dünengraben rieselte ein Bächlein, das zusehends stärker wurde. Die Strömung nahm zu, und bald rauschte das erste Weichselwasser bei Schiewenhorst in die See. Immer breiter wurde der Graben. Jetzt war er schon zu einem netten Flüsschen angeschwollen, das an den Sandufern nagte und sie immer mehr nachsacken ließ.

Die Dunkelheit kam früh im März und wir gingen zur Ruhe.

Als es tagte, waren wir wieder zur Stelle. Wir trauten unseren Augen nicht. Die hohe Düne, auf der wir noch gestern gestanden hatten, war verschwunden. Aus dem winzigen Graben, über den ich am gestrigen Nachmittag noch gesprungen war, hatte sich in der Nacht eine kilometerbreite Mündung entwickelt, die noch stündlich sich verbreiterte. Woran Menschen monatelang geschaufelt hätten, das hatte der Strom in wenigen Nachtstunden geschafft. Wir mussten an den Durchbruch von 1840 denken. Aber was damals die Kraft entfesselter Elemente bewirken konnte, das hatte hier Menschenverstand und technisches Können geplant und durchgeführt.

 

Nicht nur bei den Stromtechnikern herrschte freudige Genugtuung, auch bei den meisten Nehrungern, denen schwere Sorge für immer von den Schultern genommen war.


Weichseldurchstich 31.03.1895, 15:15 Uhr

Die Einwohner beiderseits des neuen Stroms harrten mit gemischten Gefühlen auf den großen Tag. Einerseits waren sie zwar froh, dass die Überschwemmungsgefahren nach menschlichem Ermessen für immer gebannt sein sollten. Andererseits sollten nun aber die unmittelbaren Nachbardörfer Schiewenhorst und Nickelswalde von einander getrennt werden.


3 Stunden nach Weichseldurchstich am 31.03.1895

Ebenso wenig wie sich der "Berichterstatterstab" der Danziger Zeitung dieses großartige Schauspiel entgehen ließ, wollte die Nehrungsbevölkerung abseits stehen. Von weit und fern, von Bohnsack über Schnakenburg auf der einen Seite, von Stutthof über Pasewark auf der anderen Seite, und natürlich auch aus den Niederungs- und Werderdörfern, aus Gottswalde und Käsemark, aus Schönbaum und Fürstenwerder, von überall her kam die Bevölkerung. Sie stand bei der Einlager Schleusenanlage und auf den gewaltigen Dämmen um zu erleben, wie sich nach der Sprengung der letzten Erdbarrieren brodelnde, wirbelnde Wassermassen und berstende, sich übereinander schiebende Eisschollen unter lautem Getöse und Krachen ihren Weg zum Meer bahnen.

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